Archiv des Autors: Menglin

Stresskiller

Stresskiller

Wie halte ich diesen Stress bloss aus?
Ganz einfach. Nach jedem Abend Steak essen. Eine Flasche Champagner im Kühlschrank bereit stellen.
Heute kamen Tim und sein lieber Vater. Sie brachten mir zwei Flaschen Champagner und meine Macarons! Macarons asss ich alleine. Mit niemandem teilte ich. Die Flasche Champagner tranken wir gemeinsam nach dem Pu Er 1960!
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Der junge süsse Tim schrieb mir und fragte gerade, was ist Hoffnung?
Er fragte, ist es das Gefühl, wenn das Unmögliche, möglich scheint?
Hmm… ich weiss auch nicht genau. Es ist wie das Licht in der Dunkelheit.
Wenn man jemanden liebt, spürt man den Wünsch diese Person glücklich zu machen, auch wenn da keine Möglichkeit hat. Hoffnung ist ganz unabhängig ob es möglich ist oder nicht. Hoffnung ist das Licht, das uns hilft zu lieben ohne zu erwarten, zu geben ohne etwas zu wollen, zu leben ohne etwas erreichen zu müssen. Diese Hoffnung bringt uns in einem friedlichen Gefühl mit uns eins zu sein. Dieser Frieden gibt uns Kraft, an uns zu glauben. Dann geschehen möglicherweise Dinge die vorher unmöglich erscheinen. Das Leben nimmt eine Wende und es geht weiter. Es ist die Hoffnung! Ein Gefühl von Freiheit, die von uns ausgeht und uns unabhängig von Aussen macht.

Flohe Weihnachten

Flohe Weihnachten

Liebe Menglin

Anbei noch ein Foto vom Teering. All die verschiedenen Teeblätter, die vielen Gespräche und Stimmungen vereint in neuer Form.

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Ich wünsche dir einige Tage der Entspannung als Brücke zu deiner Reise.

Freue mich auf unser Wiedersehen im Jahr der Schlange.

Herzlich

Ursula

Liebe Ursula hat wunderschöne Schaufenster gestalten und eine Adventskranz aus Teeblätter, die in Shui Tang aufgegossen wurden, gezaubert.
Da unsere Welt immer noch existiert, muss ich morgen noch aufstehen, Tee verkaufen und dann ins Flugzeug einsteigen. Carola sagte, sie will mich abholen kommen, falls ich meinen Rückflug verpasse.
Suchen wir unser Gesprächspartner aus? Suchen wir unsere Umgebung aus? Suchen wir Menschen, mit dem wir zu tun haben, aus? Für mich, ja. Die Gespräche, die am diesen Teetisch in Shui Tang stattfinden, die Zeit, die ich für anderen Menschen nehme und Energie, die ich für die Dinge ausgebe, geschehen und geschah aus meiner freien Wille. Ich bin sehr dankbar für all Menschen, die zu diesem Ort geführt wurden. Sehr beeindruckt, wie Menschen sich auf die Gespräche, auf die Aufgüsse und auf alle die schwimmenden Teeblätter in der Kanne, einlassen. Die Zeit wird gefressen am diesen Teetisch und durch jeden Atmungszug entsteht eine Verbundenheit, die man nur geschehen lassen kann.
Wenn man von Magie des Tees sprechen würde, sprechen wir hier von etwas tiefgründiges in uns. Die Sehnsucht nach der Antwort der Zugehörigkeit und des Seins. Tee ist bloss ein Spiegel, der uns widerspiegelt.
Ich liebe den Uebergang zwischen den Jahren sehr. Diese besondere Atmosphäre hat man aber nur im Europa. Es ist als ob man plötzlich eine Leere entdecken würde und einen Raum bekäme. Die beste Zeit für viele DVDs… zu einer Tasse Tee!
Ich wünsche allen Flohe Weihnachten und einen guten Lutsch! Ich danke hier an allen, die viel am diesen Teetisch mitschwatzt haben und bei den Teekranz mit verantwortlich waren. Herzlichen Dank!

Zeitfenster

Ich bin ein spontaner Mensch und habe sehr Mühe mit Agenda und Pünktlichkeit. Doroles fragte mich, ob wir ein Zeitfenster am einen Abend kurz vor meiner Abreise finden. Ein Zeitfenster? Ich bin entzückt von diesem Ausdruck!
Ein Zeitfenster! Wenn man an dieses Fenster anlehnt, könnte man die Zeit als Landschaft betrachten? Kann man aus diesem Fenster den Ablauf der Zeit festhalten?
Heute sagte Tämer, dass die Zeit in Shui Tang anders ticke.
Am den Teetisch in Shui Tang exisitert keine Zeit, nur Veränderungen.
Der Tisch gleicht ein Fenster, wo Zeit rasch vorbei zieht und kaum Spuren hinterlässt.
Als ich den Film Cloud Atlas anschaute, hatte ich das Gefühl am einen Zeitfenster zu stehen. Was hat die Zeit dort überhaupt zu bedeuten? Es sind bloss Wiederholungen von einem bestimmten Muster, das auf ein Durchbrechen wartet. Der Umweg, der wegen mangelnder Bereitschaft des Erkenntnis, eine Bedeutung erhält und uns etwas bereichert als Hinweise unserer Konditionierung. Ich weinte immer wieder im Kino. Was bringt einem, dass man weiss, etwas wiederholt wird? Was verhindert einen, wenn man weiss, dass er diesmal eine Chance hat?
Wie am einen Zeitfenster zu stehen – fühle ich mich, wenn ich den Buddhas Hand aus Shiding aufgiesse, wenn niemand anders bei mir ist, dann sehe ichmich vor vielen Jahren, als ich zum ersten Mal diesen Tee trank und mehr und mehr unbewusst auf diesen Teeweg hineingezogen wurde – ohne zu ahnen, was mein Leben verändert!
Als Nojiri Sensei vor paar Wochen plötzlich in Shui Tang auftauchte, liess sie mich nur eins wissen: „You must become normal!“ Ich muss wieder normal werden… sie meinte meinen Fuss – normal wieder auf Tatami zu gehen und Tee weiter machen! Sie schaute direkt in meine Augen und ich in ihre. „Yes, I will.“ Es war kein Versprechen, sondern eine Feststellung. Drei jahren waren vergangen, nachdem ich sie zum letzten Mal sah, was hat hinterlassen? In ihren Augen erkenne ich etwas wieder, was ich schon immer kenne – unsere Verbindung. Das Fenster zu dem Fluss der Zeit – ist unser Augen.
Vor zehn Jahren begegnete ich Peter in Ballenberg, als er noch dort die Drogerie führte. Er hat ohne mich zu kennen, mir einfach reichlich beschenkt. Etwas, was man nie mit Verstand begreift. 10 Jahre dazwischen, es sind vieles passiert… Wir sind uns nie wieder begegnet. 10 Jahre später tauchte er plötzlich vor meinen Augen in Shui Tang auf. Es war ein verschneiter Tag. Ich sah ihn und in seinen Augen erkannte ich etwas wider, was sich nicht verändern lässt. Es ging ihm nicht gut – und das musste er mir nichts sagen. Ich packte paar Dinge zusammen, die mir in jenem Moment einfielen und schenkte ihm weiter. Er schaute mich kurz an und öffnete die Tür und verschwand in die Dunkelheit. Wir werden uns wiedersehen. Es war wie ein leicht geöffneter Fenter der Zeit. Eine kleine Spalte, als ob man etwas dadurch erahnen könnte.
Wir hatten tatsächlich einen Zeitfenster gefunden und gingen essen und trinken. Ihre geistreiche Art tröstet eine reisende Seele zwischen Welten sehr. Auch ich bin bereit mein Leben zu verändern und zu lernen, meine Muster durchzubrechen. Vielleicht werde ich am letzten Tag in Shui Tang nicht vor Nervenzusammenbruch weinen, auch wenn ich in den letzten drei Jahren immer an diesen Tag tat. Vielleicht lerne ich auch einen Uebergang zu schaffen vor Hier und Dort. Vielleicht lehne ich öfters an einem so genannten Zeitfenster und schaue einfach nur zu, was geschieht.

Türe

Liebe Menglin
Ich hab’s geschafft. Jetzt bin ich erleichtert und müde. Danke, dass du an mich geglaubt hast 🙂
Hoffe es geht dir gut.
Schaue bald wieder einmal vorbei.
Liebe Grüsse
Rafael

Rafael ist eine grosse Hilfe in Shui Tang, ein Erzengel. Wir haben uns ein Jahr begleitet, während er seine Masterarbeit schrieb und an und zu in den Zweifel landete. Ich kenne diese Zerissenheit zu gut. Manchmal glaubt man nicht mehr, dass man eine Tür aus eigener Kraft zuschliessen kann! Wenn eine Tür nicht zugeht, wie könnte eine andere Tür der Ueberraschung sich offenbaren? Wir unterhielten uns oft und ich sagte ihm, dass ich an ihm glaube. Ich musste ihn gehen lassen, damit er eine Tür schliessen und die andere öffnen kann. Ich freue mich für ihn.
Das sage ich auch jeden Tag zu mir – immer wieder neu. Glaube an Deine Kraft.

Ich bekam die letzte Lieferung von einem Rougui Guifei. Dieser Tee stammte aus dem Garten Atongs Bruder. Mit vielen Teefreunden waren wir letztes Jahr dort. Der Tee namens Guifei bedeutet immer ein Tee aus einem fast verwiderten Garten, von Insekten befallen und nach der Tradition sorgfältig erzeugt. Faccettenreich und vielschichtig. Seine Aromen gewinnen durch die Reifung. Atong sagte, das sei die letzte Parite. Sein Bruder ist bald 80jährig… Er kann nicht mehr sich um seinen Garten kümmern und sein Sohn will diesen Garten für wirtschaftlich interessanteren Ananas entscheiden!
Ananas anstatt Tee!
Wie geht es weiter? Atong zuckte seinen Schulter. „Menglin, das, was wir tun ist gegen die Zeit und gegen die Strömung. Wir müssen vertrauen, dass es weiter geht…“
Wie sollte es denn weiter gehen? Ich fragte mich damals mit meinem Kopf – wenn sein eigener Bruder auch schon aufgibt? Mein Lehrer schweifte seinen Blick weg und richtete sich nach einem unbekannten Ort.
Vor einem Monat verlangte ich die ganze Partie und verlagerte sie nach Zürich. Ein Vertrauen an diesem Ort, wo der Geist einer Tradition weiter gelebt werden kann.

Gestern kam meine jüngere Schwester an. Ehrlich gesagt war mein Gefühl über ihren sehr kurzen Besuch sehr ambivalent. Da ich das älteste Kind bin, verlangten meine Eltern von mir Pflichtbewusstsein und Anstand. Ich habe es immer gehasst.
Zuerst kamen Jeff und seine Freundin zum Besuch und wollten meine Meinung hören, was sie nach ihrem Abschluss tun sollen – hier bleiben oder nach Asien zurück. Als wir zusammen zurück spazierten, sah ich meine Schwester mit ihrem schweren Gespäck entgegen. Wir wechselten kaum Wörter. Es war wie in einem schlechten Film. So verbundene Menschen wie wir, die keim Wort aussprechen können, weil sie zu belastet sind. Ich hatte immer ein schlechtest Gewissen und dachte oft, dass ich sie nicht allein lassen kann. Ich beobachtete mich und beobachtete meine geliebte Schwester. Auf einmal war es klar, dass sie inzwischen eine erwachsene Frau wurde. Meine kleine Schwester verdient mein Respekt und Vertrauen. Wahre Liebe anstatt Mitleid aus Pflicht… Sie kann aus ihrer eigenen Kraft den für sie richtigen Weg beschreiten. Ich glaube an sie, dass sie es kann.
Sie brachte mir ein Berg von Esswaren. Darunter mein Lieblingskuchen Kasutela aus Tokyo, den mein Bruder am Freitagabend aus Tokyo nach Hause brachte. Mein Vater war mit seiner Belegschaft und dem halben Clan in Kyshu ohne mir ein Wort zu erzählen. Er kaufte mir einfach etwas zu essen… es ist wie in dem Film von Ann Lee „Eat, Drink, Men and Women.“ wo Liebe immer nur in der chinesischen Kultur mit Essen assoziiert wird… Sehr wahrscheinlich haben die beiden Männer Angst, einen komischen Auftrag von mir beim Shopping in Misukoshi oder Takashimaya zu erhalten. Ein Hauch von familiärer Verbundenheit vergössert sich in meiner Wohnung. Eine Tür geht zu, dann öffenet sich eine andere. Es geht immer weiter.
Es ist kein Zufall, dass es so einen Tee wie Guifei in Zürich zu erwerben ist. Es ist ein Fluss von Menschen, die an einer Tradition glauben, dass es so richtig ist. Zuerst muss ein Garten gefunden werden, dessen Besitzer kaum Interesse hat an kommerziellen Erfolg. Dann ein Teemaker, der in der Lage ist, Geduld zu üben und an sein Können zu glauben, so dass die moderne Kühlungsgerät gar nicht nötig ist. Dann gibt es einen mutigen Mann, der diesen Tee so röstet, um ihn zu stabilieren um durch die Zeit reifen zu lassen. Als wir die lederigen von Zikaden befallenen Blätter sahen, wissen noch nicht, wie sie zu einem schwarzen Drachen (Oolong – Schwarze Drachen) verwandelt werden können. Aber Paar Menschen können es, in dieser kaputten Pflückgut eine Tür sehen, die zum Regenbogen öffnet!

Keine Spuren hinterlassen

Freundin Sara kam aus Machu Picchu zurück mit zwei leuchtenden Augen. Das sei ein Ort, wo ich unbedingt einmal besuchen muss! Ein Ort, wo sie sich sehr nah zu sich selbt fühlt, ein Ort, wo sie ihr Herz zuhören kann – beschreibt sie. Ich nickte meinen Kopf, der Wünsch dort einmal zu sein war bereits in meiner Kindheit. Aber jetzt nicht. „Fühlst Du Dich eingeschränkt in Zürich?“ Ich schüttelte meinen Kopf. Seit Sommer war es mir auf einmal bewusst, nachdem der linke Fuss schwer verletzt wurde, dass unser Leben ein Fluss ist. Wir wissen nie, wie es weiter geht. Ueberaschungen sind immer bereit bei jeder Kurven und bei jedem Absturz. Auch wenn wir glauben, etwas begriffen zu haben, werden wir wieder zu uns selbst geworfen. Ein plantes Leben wird in Frage gestellt. Eine druchgedachte Tat erscheint lückenhaft. Eine Zerissenheit von ja und nein. Ein Ort, wo man sein Herz zuhören kann, hört sich wie ein Wunder an. Aber eingeschränkt fürhle ich mich nicht mehr. Ich fühle mich frei, weil ich nicht weiss, was demnächst passiert. Eins möchte ich tun, Dinge so weit zu erledigen, wie ich es kann. Die Dinge zu richtigem Ort zu bringen, das Feld so weit aufzuräumen und einzuordnen, falls der Fluss woanders hinfliesst, kann jemand anders es frei gestalten.
Keine Blume, keine Fussspur: wo ist der Mensch?

Der junge Tim lernte heute Matcha sieben. Sieben, eine ganz einfache Akt. Scheinbar. Seine Finger wurde von schönen feinen Matchastaub gepudert, der Tisch bekam viele grüne Spuren und der Sieb war verstaub von Aktion. Er lernt, muss lernen, sich wieder von diesem Staub zu befreien und seine Spuren samt Matcha schwinden zu lassen.
Das erste, was wir einen Tee anfangen, ist die notwendige Spielzeuge in ihrer Position zu bringen. Entsprechend zu plazieren, um keinen Schritt zu viel, keinen Schritt zu wenig zu handeln. Wenn man es ins Leben umsetzt, wird das Leben entsprechend einfacher.
Während des Tees – das hat Tim gelernt – wach zu bleiben, unnötige Dinge stets aus dem Feld aufzuräumen und den Raum frei zu schaffen, für das, was kommen kann, zu emfpangen.
Nach dem Spass vom Tee ist das wichtigste aufzuräumen. So aufzuräumen, als ob man nicht da gewesen wäre, so dass der nächste an den Platz kommen kann, den Raum frei zu gestalten.
Das lernt man als erstes im Tee, das erstes im Zen, keine Spuren zu hinterlassen. Es ist eine Bewusstseinssache, wie jeder mit diesen Dingen umgeht. Die meisten Menschen sind zu unbewusst, mit eigenen Spuren. Nicht das, dass man spioniert wird, ein Problem sein kann, sondern das, dass unsere Spuren eine Last wird für die anderen. Unsere Spuren können den Anfang anderen Menschen belasten. Das ist nicht schwer zu belegen, schauen wir einfach unsere Erde an und fragen einfach, was für eine Erbe unsere Kinder erhalten? Das ist das, was wir als Kahrma nennen!
Erika fragte, weshalb diese Haltung mich beschäftigt? Es sei unsinn, die eigenen Spuren zu spotten. Es sei mein Muster, immer wieder vor einer halbfertigen Bauruine abzuhauen. „Diesmal bleibst Du hier.“ Es ist vielleicht die Atmosphäre von Jahresende, vielleicht ein Anflug von Bilanz ziehen zu wollen. Shui Tang hinterlässt viele Spuren. Ich spüre eine Wendung, einen neuen Anfang. Gerne möchte ich mein Leben wie eine Teeübung praktizieren. Wieder von Anfang die Spielzeuge neu in den Raum hineinzutragen, noch einmal zu plazieren und wieder einmal neu hinzusetzen. Bevor diese neue Wiederholung Platz bekommt, ist der Raum aufzuräumen. Ich baue keine Bauruine, versichere ich sie. Ich will meinem Leben auch eine Chance geben. Ja, ich will es. Wir wissen halt nicht, wohin der Fluss des Lebens fliesst.
Gestern kam ein Herr aus Genf. Er fragte mich zum X-Male: Warum sind Sie in Zürich? Ich antwortete nicht. Er fuhr weiter mit seinem Satz: „Sind Sie in einen falschen Zug eingestiegen?“

Heimkehrer

X-Male wurde ich gefragt, warum ich in Zürich bin.
X-Male wurde ich gefragt, warum ich Tee mache.
X-Male wurde ich gefragt, warum ich nach Europa kam.
Irgendeinen Grund finde ich immer diese Frage zu beantworten.

Meine Eltern haben mich nie diese Frage gestellt.
Meine Eltern wissen nie, was ich hier mache.
Wenn sie mich tatsächlich fragen, weiss ich nicht, was zu sagen.

Als ich zum ersten Mal in Brüssel Cha No Yu sah, erfuhr ich ein glückliches Gefühl. Ein Glücksgefühl wie zu Hause angekommen zu sein. Ein Gefühl, wo man zugehörig ist, ein Vertrauen, dass man so sein kann wie man ist. Auch wenn meine Füsse stets während der Temae schreien, bin ich glücklich, wenn ich mich wie das Wasser mit dem Rythmus wie Meeresbrandung im Raum bewege.
Das Zuhause war nicht immer geborgen. Nicht geborgen, weil man dort zu etwas erwartet wird. Nicht geborgen, weil man aus einer Tradition stammt, die einem Wünschbild seinem Leben prägt und man stets das Gefühl hat, es nicht gerecht zu werden und sich wie ein Versager fühlt.
Jean kam wie viele andere junge Studenten aus Taiwan gerne zu mir und unterhielt sich über das Leben nach ihrem Abschluss. Wohin geht es weiter? Der Heimweg scheint unendlich weit zu sein. Ist es normal, fragte sie mich? Ich tröste sie, dass sie nicht allein ist. Jedesmal wenn ich ins Flugzeug steigt, überkommt mir wieder das Gefühl, ein Versager zu sein. Versager – weil man die geliebten Menschen daheim enttäuscht.
Gestern Abend sass ich mit Sara zusammen in Zazen. Ich war sehr müde, wollte unbedingt die Zeit in mich selbst investieren. In der Müdigkeit wurde plötzlich aufeinmal alles sehr präsent – die Geschichte der Mauer in dieser sehr alten Stadt. Diese dicke Mauer, die oft keinen Empfang von Handy verursacht, vermag die Menschen auf eine ganz andere Art miteinander zu kommunizieren. Es ist wie ein Zeitloch.
Die blutigen und willkürlichen Kämpfe um die so genannte Wahrheit und Machtausübung der Zunftleuten verflochen zusammen zu einem schmerzhaften Erinnerungsnetz, was durch die Mauer zu Sparche kam. Es war die Geschichte dieser reichen Bankenstatd, die nun einmal mein Zuhause geworden ist.

Was steckt hinter dieser Mauer?
Was steckt hinter dieser Fassade dieses Reichtums?
Warum bin ich hier gelandet?
Nach dem Zazen erzählte Sara mir, dass die Sehnsucht von Zuhause in jedem Menschen steckt. Das wahre Zuhause ist nicht mehr an einem Ort fest zu binden. Sie hat das Gefühl, dass sie geboren wurde, um Menschen zu begleiten nach Hause zu gehen. Deshalb studiert sie C.G.Jung und ist hier in Zürich.
Neben dieser dicken Mauer war es mir klar, dass das Zuhause keine Vorstellung und keine Idee ist, sondern ein tiefes Gefühl von der Verwurzelung, wo man hingehört.
Vielleicht ist man geboren, weil man eine Vision und einen Traum hat zu vollenden. Durch diesen Traum oder Vision ist man gebunden mit den Weggefährten, die gemeinsam es zur Vollendung bringen. Das Leben gehört uns sehr wahrscheinlich nicht alleine, nur der begrenzte Körper, den wir mit Liebe pflegen müssen.
Sara erzählte mir weiter, dass der Wünsch nach Hause oft Mitte im Leben immer stärker zur Sprache kommt. Das kann so heftig für viele Menschen sein, weil sie sich von ihrem geplanten Leben verabschieden müssen, um nach Hause zu gehen.

Das Leben ist wie ein Fluss, wir wissen nie wie es weiter geht.
Jean umarmte mich als sie wieder zum Schreibtisch ging. „Schwester“ sie sagen alle zu mir so, „es ist so schön ein Zuhause in Zürich zu haben. So ein warmer Ort!“
Ich sehe Menschen kommen und gehen. Niemand kann niemanden aufhalten. Nach Zürich wollte ich schon immer, ich wusste bloss nicht. Wie es weiter geht, weiss ich auch nicht. Das einzige, was ich weiss, ist das, dass ich hier etwas zu tun habe. Einen Garten in mitten dieser Stadt, wo die Schönheit des Lebens zerebriert wird, anzulegen. Hier werden Menschen, die sich zugehörig fühlen, zusammengeführt und es zur Vollendung zu bringen. Keiner weiss warum. Dieser Garten ist jetzt der Tee.

Ein schmaler Weg

Es sind zwei Jahre vergangen.
Alexander schrieb mir am Mittwoch ein SMS, dass ein Typ in seiner kurzen Anwesentheit in Shui Tang nach mir suchte. Gedanke habe ich keins gemacht. Es ist ein Stück meines Alltags.
Als er heute ins Shuitang eintraf und wieder seinen Platz aufsuchte, wusste ich sofort, dass er es ist. „How are you!“ Es war Aufrufszeichen, kein Fragezeichen. „Ich need my tea, Doctor!“ Er sagte, die Tees haben ihn zwei Jahre lang begleitet, einen Prozess durchgelaufen, vieles losgelassen und vieles verändert. Er kam gerade aus Indien zurück.
Genau wie vor zwei Jahren an einem herbtlichen Tag sass er an seinen Platz, wo er nach ein Schluch Pu Er Grenztee eingeschlafen hat. Er sagte mir, dass er sich noch genau erinnern kann, was ich ihm in jenem Moment gesagt habe, „Now you are at home…“
Mein Besucher kam nicht wegen Tee, er hat vieles vieles im Gepäck. Zwischen London und Cairo lebt er, zwischen Gestern und heute lebt er, nur keine Zukunft. „Where is my way?“ fragte er mich am Teetisch. Woher soll ich denn wissen, wo sein weg geht? Ich antwortete, dass ich eine Verkäuferin sei und verkaufe nur Tee. „But, why are you sure that you get right tea for right people?“
Ich weiss nicht, ob ich wirklich den richtigen Tee für die richtige Person auswähle. Das ist bloss eine Einbildung. Aber es ist mir klar, dass es ein Unterschied gibt zwischen Denken und Fühlen. Ich sass vor ihm, dachte nicht, fühlte nur. „We can learn to feel, instead to think.“ „And why you are sure, this is the way?“ Ich zuckte mein Schulter, woher sollte ich denn es wissen? Wir wissen alle nicht, wie es weiter geht! Seine verzweifelte Augen erzählten mir viele Geschichte in seiner Vergangenheit, sehr wahrscheinlich geplagt von Erwartungen und Vorstellung des anderen, wie er sein Leben leben sollte. Ich kenne es nur zu gut. Was haben wir as Menschen in dieser Welt zu verlieren? Geld gehört uns nicht. Das Haus auch nicht. Der Partner hat sein eigenes Leben. Der Körper hat eine begrenzte Dauer. Was haben wir wirklich, was wir tatsächlich as Menschen haben? „As a humen beiing – we have only the chance to believe and to love.“ Dann fragte er mich, was Liebe und Vertrauen sein sollten. Ich weiss es auch nicht. Liebe ist für mich, an die Person zu glauben, die wir lieben, eine richtige Entscheidung für sich treffen zu können, ihr den Raum zu geben, zu gehen. Vertrauen kann man lernen, indem man einfach auf den Weg geht und sich auf alles freut, was man begegnen kann. Ich weiss nicht, ob ich etwas richtiges mache oder nicht. Ich lerne einfach zu vertrauen in das, was ich tue. Ob die anderen es gut finden oder nicht, ist ihre Freiheit. Ach, was haben wir denn eine andere Wahl?
Dann kam Alexander. Es war eine interessante Kombination. Sie fingen an über den Brücke zwischen Spiritualität und Materialismus zu diskutieren. Ich hörte es mit Vergnügen an. Es musste sein, dass sie sich kennen lernten. Dann kam noch der Tämer. Geschichte entstehen.
Dann begann der Araber sein Einkauf. Genau so wie ich von meinen Onkels kenne, kaufte er für das halbe Clan ein. Ich weiss, er wäre nicht zum letzten Mal hier. Eine Antwort wird er nie finden, wo sein Weg ist. Er ist bereits auf den Weg. Vertrauen ist ein sehr schmaler Weg, da führt nichts mehr zurück.
Als andere Gäste die Tür öffneten und an den Tisch kamen, sagte mein Gast aus Cairo mit einem Schalk: „Would you like a mirror? You will get it here.“

Etienne

Etienne

Diesen kleinen 10jährigen Junge lernte ich vor einer Stunde kennen.
Es war Walters Vernissage. Walter hat immer gesagt, dass er mich gefunden hat. Ich stand gerade an der Tür, Shui Tang war gerade ein zwei Tage alt. Seit drei Jahren teilen wir ein Stück den Altstadt-Alltag Zürichs und ein Stück der gleichen Lebenseinstellung zum Leben – Konzentration auf das Wesentliche. Zu seiner Kundin zähle ich nicht, zu wenig betucht. Heute stellte er seine selbst entworfene Uhr dar.
Ich hasse Apero. Ich ging heute trotzdem hin nur wegen Walter. Als Freundschaftsbeweis hielt ich ein Glas in der Hand und schob ein bisschen Häppchen in den Mund, guckte mir die Gesichter an – ein Blick in den Zoo.
Ich wollte gehen und lief unbewusst zu Grossmünster. Dann entdeckte ich den kleinen Junge, der die Musik zuhörte. Er war so alleine. Er stand neben dem beleuchteten Schaufenster von Musik Hug und stand alleine auf der Treppe zum Helmhaus. Sein Schatten strahlte eine Ernsthaftigkeit aus. Er hörte konzentriert auf die Musik, die von anderer Strassenseite zu uns wehte. Es war Amadeus.
„Hey!“ Ich stand unauffällig neben ihm. „Was für schöne Musik, nicht wahr?“
„Ja.“ er war nicht erstaunt von mir angesprochen zu werden. „Ich liebe Amadeus!“
„Ja? Ich liebe Bethoveen!“
„Er ist ein bisschen verrückt.“
„Ja, ich auch.“
Er lachte. Er erzählte mir, dass er Klavier spielt und Musik liebt. „Stellen Sie Sich vor, wenn es in Zürich keine Musik gäbe! Es ist so schön, jetzt hier Musik zu hören und diese Kulissen zu sehen.“ Ich staunte über seinen Ausdruck. „Wie alt bist Du?“ „10! Morgen werde ich 11!“ er spannte seine Hände, um seine Grösse noch grösser zu machen.
„Waren Sie schon einmal in Dielsdorf?“ er erzählte mir mit einem romantischen Blick, „es ist die schönste Alpenpanorama, was Sie jemals sehen können! Das schönste Dorf bei Zürich!“ Er sagte, wenn Fön kommt, das Panorama der Bergen zu sehen ist, dann hört er so gerne Amadeus!
Plötzlich hörten wir ein Stück Winter von Vivaldi aus der anderen Strassenseite. Es war so schön neben diesem auferwecksten Junge, vor diesem wunderbaren nächtlichen Panorama bei dieser Musik. Plötzlich fing ich an zu weinen. Er schaute mich mit Fragezeichen an. „Ach, es ist so wunderschön.“ sagte ich. Er nahm meine Hand und zog mich auf anderer Seite. Er wollte mir einen anderen Blick von Zürich zeigen. „Schauen Sie – “ er schaute zu mir, „ist es nicht wunderschön?“ Ich lachte neben meinen Tränen. Ja, irgendwann wird er so weit sein, mit seinem richtigen Mädchen hier her zu kommen, ihr den schönsten Platz Zürichs zu zeigen.
Er will unbedingt nach New York City. Er will ein grosser Architekt werden. Er will Wolkenkratzer bauen, weil Wolkenkratzer so nah am Himmel ist! „Willst Du einmal fliegen?“ „Ich will weg! Ich will weg! Ich will in den Himmel fliegen.“ Ach, so süss, dachte ich.
Ich stand auf. „Ich gehe jetzt nach Hause.“ Er sagte nichts. „Ciao.“ winkte ich. Ich lief weiter und hörte kleine schnelle Schritte. Er lief mir nach, aber mit einem Distanz. „Ich will auch ein bisschen laufen.“ er sagte bloss so. Er hielt plötzlich auf der Strasse auf uns sagte, er würde jetzt so gerne am Fluss sitzen, den Fluss zu betrachten und Musik hören. Ich kniete und machte mich so gross wie er, damit er meine Augen sehen kann. „Ettienne, ich werde an Dich denken und den heutigen Abend nicht vergessen. Du wirst ein grosser Architekt werden!“ Er nickte seinen Kopf und schaute meine Augen an. Er berühte kurz meine Waschbärkappe. „Wenn Du willst, ich bin an der Spiegelgasse. Dort wirst Du mich finden. Wir können die schönste Musik von Bach hören! Weiss Du, seine Musik ist sehr sehr nah am Himmel – an den Sternen!“ dann stand ich auf, „Gehe zu Deiner Mutter. Sie wird sich Sorgen machen um Dich!“
Er hat nie nach meinem Name gefragt. Er weiss bloss, es war eine unbekannte Person mit einer Waschbärkappe. (Diese Begegnung hört sich so an wie das Stück von John Williams „Going to School„.)

Eine Klause wo Kiefer und Wolken verweilen

Atong zeigte mir im hitzigen Sommer einen seltenen Oriental Beauty. Hässlich, sagte ich – unregelmässige Blätter und zerstückte Erscheinung. Er grinste und machte einfach den Tee in Gaiwan: „Dieser Tee ist so wie so nicht für Dich gedacht.“ Er wollte ihn nach Hongkong verkaufen. Als der Gaiwan abgedeckt wurde, stieg ein unglaublicher Duftwolken auf. Ich atmete tief und fand mich in einerm Sommergarten. Die farbigen Blumen duften nach Marzipan, nach Nektar. Die Bienen summen. Früchte reifen. Es ist die Zeit für ein Fest! Ein Fest der Sinne. Hmmmm, ich schloss meine Augen und machte sie wieder auf. Blitzschnell sagte ich zu Atong, „Nein, das geht nicht. Du kannst ihn nicht nach Hongkong verkaufen. Ich will ihn. Alles.“ Ich bin eine Dealerin, wenn es schnell sein muss, bin ich es eben. Ich weiss, dass man im Leben selten solche Perle treffen kann! Er lachte und streichte mein Ego, „Mädel, Du bist nicht schlecht. Man kann einen Tee eben nicht per blosse Augen und Nase betrachten!“
Als ich You kennen lernte, dachte ich auch, was für einen uninteressanten Menschen? Schweigsam und kaum Gesichtsausdruck. Atong mag ihn nicht besonders. Ich erzählte meinem Lehrer trotzdem, wenn ich ihn besuchen ging. Eine aufrichtige Beziehung möchte ich mit meinen Menschen führen, auch wenn sie es nicht gerne hören. Die Kollegen erzählten mir, dass You ein guter Geschäftmann sei. Seine Kunde seien sehr treu zu ihm. Er habe gute Strategie, Geschäft zu führen. (Während ich diese Zeilen schrieb, bekam ich gerade SMS von Alexander. Er schrieb: „Ein Mann sucht Dich gerade in Shui Tang. Du verkaufst Opium, nicht Tee, oder?“ Sehr wahrscheinlich hat er recht. Ich weiss nicht einmal, was ich wirklich verkaufe.)
Ob You ein guter Geschäftmann sei, ist seine Sache. Mit mir hat er selten gutes Geschäft gemacht. Dank Finanzkrise 2009 habe ich sehr viele wertvolle Teesammlung und Kanne erwerben können. Ohne ihn wäre es alles nicht möglich. Er hätte daraus ein gutes Geschäft erzielen können, aber er hat mir ermöglicht für Shui Tang, eine gute Fundament aufzubauen. Dafür bin ich sehr dankbar. Man lernt sich eben unbefangen kennen, weil man nur achtet, was getan wurde anstatt gesprochen. Er kennt mich nicht gut, besorgte mir alles, was ich ihm bloss einmal erwähnte: die wertvollen Kalligraphie, die Malerei, die in Shui Tang hängen. Die Siegelsteine, die er für mich selbst anfertigte. Die Lernmaterialien von seltenen Pu Er Tees. Auf einmal interessiert er sich für meinen Geschmack von Musik und Pina Bauch, weil ich meine Gedanke um Tee, Musik und Bewegung mit ihm austauschte. Ich weiss, dass er nicht ein Geschäftsmann ist. Er ist getarnt als ein Geschäftsmann, in der Wirklichkeit ist er ein typischer chinesischer Intellektueller aus der alten Zeit.
In der chinesischen Kultur, so wie ich vermittelt wurde, leben Menschen über die Zeit und den Raum. Wenn Menschen sich begegnen, handelt sich nicht um die Dauer und den Ort wo man sich begegnet, sondern den Geist zu Geist, Herz zum Herzen. Wenn es stimmt, stimmen andere Dinge von sich alleine. Im Westen spricht man gerne, um voneinander zu verstehen. Für mich, ist die Kommunikation anders. Ich muss doch keine Frage stellen, um eine Person wirklich kennen zu lernen. Ich muss es nur wahrnehmen. Das, was Menschen uns präsentieren, ist oft nur das Bild, was sie gerne selbst glauben. Das Wesentliche sieht man nur mit Herzen gut.
Ich spüre eine Klarheit und Zartheit, was der Pu Er, den ich in Shui Tang habe, für seinen Produzenten spricht. Ein klarer empfindsamer und in sich geruhter Mensch.
Er trennt sich nun von seinem alten Geschäftspartner. Im Januar eröffnet er sein eigenes Geschäft. Er schrieb mir heute ein SMS und wollte meine Meinung hören, ob der Name „Ein Klause wo Kiefer und Wolken verweilen – Song Yun Cao Tang“ mir gefällt. Ein Refugium, wo er für sich selbst gefunden hat. Ich sollte diesen Name ins Englisch übersetzen – eine komische Idee von ihm. Ich muss Joseph fragen, wie man es richtig übersetzt. Ich wünsche ihm alles Gute und danke ihm als ein Weggefährte.