Archiv für den Tag 18/09/2008

Shugetsu, der Herbstmond

Der Mond im Herbst sei der klarste. So klar, wolkenlos. So klar, so kühl und so klärend. Tausende Gedichte und Anekdoten kreisen um den Herbstmond. Geschäfte, Konsumrausch und Vitamin-B entwickeln sich ausgezeichnet durch die chinesische Fest um den Herbstmond. Eigentlich sollte der Mond die Zusammenkunft der Freunde, der Familie und der Gleichgesinnte symbolisieren, heute steht der Mond für ein Objekt des Begehrens. Mein Teelehrer aus Taipei rief mich überraschend an und fragte nach mir. Ihm ist es scheinbar nicht egal, wie es mir hier im Europa geht. Der klare Mond brachte ihn an jemanden zu denken, der so weit entfernt lebt. Der Herbstmond steht irgendwie doch für viele chinesische Seele wie ein Band zwischen Menschen. Ich liebe das Gedicht von Su Dongpo, er schrieb, „Trotz der Entfernung steht der klare Mond zwischen uns, ich wünsche, Dir geht es gut.“ (vielleicht nicht so eine ideale Übersetzung). Der Herbstmond in Taipei stand in diesem Jahr im Regen und Sturm.

Akinotsuki, der Herbstmond.

 

Gestern im Teeunterricht hing eine Kalligraphie an der Wand: „Wa Ga Kokoro Shugetsu ni nitari“ (Mein Geist ist so klar wie der Herbstmond). Das Temae, das ich machte, war Wakei – eine Teezubereitung in der Kriegszeit. Eine Zubereitungsart mit zwei Teeschale –damit es schnell passieren kann, an einem Ort des Abschieds und an der Grenze zwischen Leben und Tod. Diese Teeübung wurde von Tatansai erfunden – für seinen Sohn, der in den Krieg für sein Vaterland dienen musste. Sein Dienst war für seine Kameraden, eine Schale Tee zu schlagen bevor das Leben endete. Mein Geist ist so klar wie der Herbstmond, sollte sich doch der Trinkende fühlen, denke ich. In einem klaren Geist den Abschied von allen zu nehmen, ist eigentlich ein schönes Moment – denke ich. Ein Moment des Abschieds und Verbundensein. Der Herbstmond.

 

Yuko suchte eine wunderschöne Teeschale aus – mit einem Motiv des Herbstmond und Hagiblumen. Yuko ist ein wunderschönes Mädchen aus Nara. Sie hat einen anmutigen Körper, sanfte Augen und runde geschmeidige Art des Bewegens. Ich genieße jeden Augenblick in ihrer Nähe. Mit ihren wunderschönen eleganten zarte Nara-Akzent macht es zu einem Genuss sie zuzuhören. Sie fing erst in Zürich an, Tee zu lernen. Durch ihren indischen Mann lernte sie Bollywood Tanz. Auf den Tatami führte sie kurz die extravagante Art des Blollywoods aus und wir lachten alle zum Tod. Dann wollten sie sehen, wie ich den Bauchtanz mache. Meine andere Leidenschaft, die eigentlich sehr ähnlich funktioniert wie der Tee. Die Tanzgruppe konnte nicht glauben, dass ich ein Anfänger bin. Sie dachte ich tanzte seit Jahren. Ich erkläre immer wieder, dass der Camel-Schritt mit Barfuss genau so funktioniert wie der Schritt mit weißen Socken auf Tatami, die Händebewegung genau so funktioniert wie die Hand, die Bahmbuslöffel hält; die Bewegung stets nur von Hüfte ausgeht wie im Tee. Alles wird bewegt aus dem Zentrum des Körpers – Tee und Bauchtanz haben die gleichen Wurzeln. Das Beste an Bauchtanz ist, dass es keinen Mann gebraucht wird. Die Meisten glauben mir es nicht. Aber Miya, ich und Yoko lachten an diesen Nachmittag auf dem Tatami über uns. Sie meinten, in Japan gäbe es auch ein Bauchtanz, aber nur für Männer! Es wäre etwas für Joseph, der gerne mit mir zum Bauchtanz gegangen wäre.

 

Spaß beiseite. Yuko machte mir einen schönen Tee aus der Hagi-und-Mond Schale. „Kennst Du Hagiblumen?“ fragte ich Miya. „Ja, sogar unweit von Dir. In der Nähe von Friesenberg-Altersheim kannst Du diese Blumen anschauen. Sie blühen im Moment, eben ein Herbstblume.“ Hagi-Blumen und Herbstmond, was für eine Kombination? Diese Kombination weckte Neugier in mir und ich musste sie unbedingt sehen! Ich ging suchen, wie eine Hase, die herund läuft, schnell springt, mit kleinen neugierigen Augen in alle Richtung beobachtet. Nach langen Suchen fand ich endlich an der unscheinbaren Gleise entlang die einsam blühenden Hagi-Blumen (Lespedeza bicolor)! Die Einsamkeit diese Blumen an den kargen schmutzigen Gleisen bewegte mich so stark, ich musste fast weinen, „Wer hätte Euch hier bewundert? Wer hätte in diesem kalten Land Euch als poetisches Wesen erkennen können? Wie könnte man Euch hier einfach vor sich hin blühen lassen?“

HagiHagi 萩 

Die Blumen antworteten nicht. Sie blühten nur. Sie bräuchten keinen Lob und keine Bewunderung. Sie sind nur zufällig dort, wo manche zufällig passieren. Blumen haben keinen Geist, zumindest nicht so einen wie der menschliche Geist – melancholisch und unbeständig. Sie blühen im Einklang mit dem Rhythmus des Kosmos. Sie tun einfach ihr Beste. Purpur, zart und selbstbewusst standen Hagi an den Gleisen. Meine zitternden Finger berührten vorsichtig die feinen Blüten. Wie hätte ich diesen Anblick und Begegnung verewigen können? „Nichts.“ antworteten die Blumen. Dein Geist ist so klar wie der Herbstmond. Zum ersten Mal seit wochen, hatte ich wieder das Gefühl, sich so nah an den Blumen zu sein. Zum ersten Mal seit Wochen bekam ich das Gefühl, dass alles, was geschah und geschieht, einen tieferen Sinn haben muss. Man kann lernen, Dinge wieder gut zu machen. Zu spät wird es nie.