Archiv für den Tag 15/09/2008

Einmalig

Ich dachte, dass ich Dinge gut loslassen kann. Unkompliziert und reibungslos.

Kurz vor Ausverkauf ist der Mingjian Jinxuan Paochung. Sollte ich ihn nicht mehr abgeben und dem Kunde mitteilen, dass er schon lang vergriffen ist, oder sollte ich ihn samt meine Erinnerungen noch einmal entbehren? Warum hänge ich denn so an ihn?

Dieser Tee ist das Speicher meiner ersten Tee-DIY Erfahrung, auch wenn es nur Weichei-Erfahrung war. Es war einmalig für mich. Im April war ich mit Gerhard und Kasper in Mingjian, wo wir unter der Leitung von meinem Teelehrer den Tee in einem vollständigen Prozess mit dabei sein duften. Ich schaute eigentlich lieber nur zu, während Gerhard seine Ärmel hoch krempelte und mitarbeitete. Die Körbe von Teeblättern waren mir zu schwer, der Schlaf war mir viel wichtiger und das Pflücken war mir zu anstrengend. Als Teeclub-Freunde mir sagten, dass sie unbedingt 2009 die Teeherstellung mitmachen wollen, war ich richtig geschockt. Ein Hardcore-Programm wollten sie, von Pflücken bis Rösten. Als ich Werner in München davon erzählte, wollte er unbedingt mitkommen. Selbst Tee machen unter der Leitung meines Lehrers sei ein Geschenk, ein einmaliges sogar!

mingjian reise

Gerhard und ich kauften den von uns mitgewirkten Paochung Jinxuan. In Bern ist der Tee bereits ausverkauft und wieder nachbestellt. Gerhard beschwerte in einem sentimentalen Ton, „Menglin, der Tee ist nicht der gleiche!“ Diese Äußerung machte mich richtig stutzig. Sicher, er ist natürlich nicht der gleiche. Wie denn? Die Erfahrung bei Tee-DIY war einmalig und der Tee speichert einfach diese Einmaligkeit!

Dieser Tee hat meiner Meinung nach einen Defekt. Ein Fehler meines Lehrers. Seine Röstmaschine war defekt und er war unaufmerksam. Der Tee litt unter einer zu starken Röstung. Auch wenn der Tee sich gut erholte, hat er eine spezielle Röstnote – nach gerösteter Sojabohne! Geröstete Sojabohne und Schwarzbohne – eine Delikates für meinen Großvater. Für mich gehört dieser Geschmack ebenfalls einem alten Mann, der die Zeit nicht mehr richtig wahrnimmt und nur nach seinem eigenen Rhythmus lebt. Als Kind fragte ich ihm, wozu er eine Uhr trug. Er sagte, die Uhr sei eine Dekoration. Und ich war ganz stolz, dass ich das erste Kind war in unserem Klasse, das eine Uhr trug. Meine Uhr war eine Dekoration. Ich kam fast immer zu spät in die Schule und musste vor der Tür in der Öffentlichkeit stehen…

Wenn ich einmal die Erinnerung an meinen Großvater überwindet, schmeckt der Tee dann leicht nach Honig und gedörrten Früchte. Sanft, vollmundig und fast wehmutig. Die Erfahrungen an Tee-Herstellungen werden immer wieder wach gerufen durch die Düfte und Geschmäcke. Dieser Honig-Süße kommt von der längeren Fermentation, die paar Stunden länger als die herkömmliche Herstellung durchzog. Das Fruchtige basieren auf vollständigem Erhitzen, das einfach länger und aufwendig passiert als die Mainstream-Produktion. Das sonnige gedörrte Frucht war für mich der Geschmack von jenen sonnigen Tagen. Die Teeblätter wurden unter geschirmtem Dach sorgfältig und länger gewelkt als anderes Pflückgut und ich musste stets die zarten Blätter wenden… An was habe ich immer dabei gedacht?

 

Diese unvergessliche Stunden, wertvolle Erfahrungen und lieben Menschen, die schlaflos für Tee arbeiteten werden so präsent durch die Aufgüsse. Was mache ich dann, wenn dieser Tee mich nicht mehr begleitet?

 

Warum kann ich diesen Geschmack nicht vergessen? Warum kann ich diese Erinnerung nicht vergessen? Warum hafte ich an diesen unsichtbaren Ort der Vergangenheit? Wenn dieser Tee aufgegossen wird, werden die Bilder vergegenwärtigt. Die verunsichernden Veränderung, der Abschied eines Abschnittes und die Sehnsucht nach einer Ankunft des neuen Frühlings in der damlaigen Zeit scheinen erst von gestern zu sein. Trennen von einer Erinnerung, die einmalig ist, ist grausam. Trennen von Dinge, die man einmal zähmte, ist schmerzhaft. Eigentlich werden diese Erinnerungen nicht verloren, sie werden einfach archiviert – in die tiefere Schicht des Speichers. Ich will aber nicht, sie in Tiefe des Speichers runter rutschen lassen.

Was machst Du, wenn Du einfach etwas nicht vergessen willst?

Früher hätte ich gesagt, schaffe Dir einfach etwas Neues an. Nun geschieht etwas Seltsames. Einen neuen Tee zu haben ersetzt nicht diese Einmaligkeit. Ich werde wohl so sentimental wie Gerhard, aber zu wem sollte ich denn jammern gehen?

Werner sagte mir, dass er den Tee abkaufen würde, den er selbst macht. Denn er hat den Tee gemacht. Er würde ihn sogar rahmen! Er würde diesen gerahmten Tee in seinem Laden hängen!