Archiv für den Tag 09/09/2008

Hallo, Isar!

„Hallo, Isar!“ grüsste die kleine Mirella den geliebten Fluss. Mit ihrem Vater gingen wir Isar am sonnigen Nachmittag grüssen.

Die kleine blonde Mirella drehte ihrem Rücken zu mir, wenn sie mich sah. Ihr Vater erklärte mir, dass sie eigentlich Menschen beobachtete indem sie ihren Rücken zeigte. Ich kenne es, liebe Mirella, ich bin genau so wie Du. Ich schaue Menschen gerne aus dem Augenwinkel anstatt in die Augen. Denn das Wesentliche für die Augen unsichtbar ist. Hoffentlich verlernst Du es nicht während Du erwachsen wirst. Wir gingen zu Isar. Auf einmal vergaß Mirella, dass ich eine Fremde bin für sie. Sie ließ mich tragen – an der Isar. Liebe Mirella ich liebe Fluss genau wie Du, denn ich bin am einen Fluss aufgewachsen, der jedes Jahr Überschwemmung verursachte und mir durch seine jährige Wiederholung das Respekt vor der Natur vermittelte. Das blonde Mädchen ist nobady, unbeschwert schrie sie nach Isar, sammelte Blätter und jammerte vor Hunger. Das kleine Nobody hat unbegrenzte Möglichkeiten, alles Mögliche zu werden. Nur ihr Mut und Phantasie wird ihr eine Grenze setzen, wie sie somebody wird. Irgendwann wenn sie somebody wird, wird sie vielleicht genau das schreien, was Ulrich Rückriem sagte, „ich will nur noch wegfliegen.“ – und nur noch Vögel verschenken anstatt „anständige“ Kunst zu produzieren, um zu verkaufen.

Das Wiedersehen mit Isar war von Götterspeise veranlasst. Ein 2tägiges Teeseminar für Freunde und Crew zu gestalten war ein besonderer Auftrag. Wieder unterschiedliche Menschen zu begegnen, Kaffeetrinker, Raucher, Italiener, Türke und Ureinwohner aus Bayer treffen sich wegen Tee. Die besondere Begegnung mit dem Schriftsteller Paul Zucker und seine Frau waren eine „un-zufällige“ Überraschung. Wegen seiner Beziehung zur Chocolaterie kam der Auftrag eine Schokolade Ausstellung das schwarze Geheimnis auf ihm zu und mit Faszination und Leidenschaft erzählte er mir, wie die Geschichte um das schwarze Geheimnis immer größer und breiter wurde. Was steckt denn alles hinter dieser dunklen bitteren und klebrigen Masse? Was für eine Sehnsucht könnte durch diese zähe aromatische Flüssigkeit erweckt werden? Was für Geheimnisse könnte durch das Verschmelzen von Kakaobutter gelüftet werden? Was für einen Gegensatz ist der Tee, der uns widerspiegelt in seinem klaren Aufguss?

Schoko-FalamencoSchokoflamenco mit Joaquin Ruiz in der Ausstellung von „Das schwarze Geheimnis.“

Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar, wiederholte ich immer wieder in den zwei Tagen. Die Augen spielen bei Tee oft eine betrügerische Rolle. Ein guter Tee manifestiert sich selten durch die perfekte Form und Farbe, sondern durch die klaren Düfte und Nuance wie ein Fächer, der uns Schicht für Schicht klärend öffnet. Geheime Sprache des Tees könnten nur gelüftet werden, wenn das Herz sie durch das Verschmelzen von Tee und Menschen zuhört. In dieser Verschmelzung sah ich manchmal nachdenkliche Gesichter, manchmal fragende Augen und manchmal erleichtertes Lächeln. In dieser Entdeckungsreise funktioniert das Konzept von Schwarz und Weiß, von Richtig und Falsch, von Stark und Schwach nicht mehr. Was ist denn ein guter Tee? Wie muss man den Tee zubereiten? Wie sollte man denn welchen Tee trinken? Es gibt kein Muss, kein Faustregel und keine Grenze. Das gewöhnliche Denken ist ins Schwanken geraten. Jemand fragte mich, ob es erlaubt sei, Zucker im Tee zu süßen. Meine Antwort lautet: „Was nicht erlaubt ist, mache doch einfach heimlich.“ Alle lachten, aber nachdenklich.

Ein Tee muss meine Erwartung gar nicht erfüllen. Er ist so wie er ist. Es gibt keinen falschen Tee, nur ein Tee am falschen Ort. Das gleiche gilt beim Menschen – man ist so wie man ist in Ordnung. Nur Mut und Phantasie entscheiden unsere Entscheidung, was wir erleben. Ich hoffe, dass ich genügend Mut besitze, mich zu entscheiden für die Freiheit, die Tee mir vermittelt.

Selten gibt es so großzügige Menschen wie das Wirt-Ehepaar Henseler. Sie haben sich nicht nur um die Weiterbildung und Wohl ihrer Crews gekümmert, sondern auch um mich. Reichlich beschenkt, gastfreundschaftlich empfangen und herzlich umgegangen. Ich war in guten Händen – es war mir ganz sicher.

In guten Händen war ich auch bei Cenk und Esra. Ihr neues Zuhause gab der wandernden Seele ein Hauch der Geborgenheit und des Familiäres. Seltsame wunderbare Freundschaft zwischen unbekannten Menschen aus verschiedenen Erdteilen, sie sind nur zusammengeführt wegen einem wunderbaren Pflanzen namens Tee…Das Zugvögel wandert weiter. Vergeblich wartet es auf den Nordwind, der es vielleicht endlich zur Ruhe bringt. Vergeblich und unter Zugzwang. Ein Zugvögel hat eben das Schicksal als Zugvögel.

Das schöne Gefühl, dass mein Leben von guten Händen gelenkt wurde, brachte mich beinah zu weinen. Ich war in diesem himmlischen Gefühl, dass sich alles zu Gutem wenden kann – den Abschied von der Isar und meinen Freunden genommen zu haben. Der Zug fuhr punktlich ab.

Götterspeise

Götterspeise

Was hat eigentlich eine Chocolaterie mit Tee gemeinsam?

Die bittere, süsse, intensive, klebrige Masse hat eigentlich mit dem klaren erfrischenden und flüssigen pflanzlichen Brühe nichts zu tun. Aber das sinnliche, zauberhafte und Sehnsucht erweckende in den beiden Getränke verbinden nicht nur Menschen und Phantasie, sondern auch Menschen untereinander!

Teeseminar für eine „Szene“-Chocolaterie in München war eine bereichernde Erfahrung für mich. Es war ein wunderschönes Wochenende mit Götterspeise und Co. (Friends)!

Götterspeise

Jahnstrasse 30

80469 München

089-23887374