Archiv für den Tag 04/10/2007

Hokkaido 北海道 – das verlorene Paradies

Akan SeeAkan See

Hokaido war eine uninteressante Insel fuer die Japaner, wenn die Amerikaner und Russen ihre Interesse nicht konkretisiert haetten. Bevor die weissen kamen war die Insek aehnlich wie Formosa, wo nur Straeflinge und Abenteuerer sich trauten, aufzuhalten. Natuerlich waren die Ainu 愛努民族 als Eingeborene in der Geschichte anwesend, aber sie zeahlten nicht zur Menschheit, sondern als Wilden…

Als Wilden lebten sie hier in der wunderbaren Natur! Wunderschoene Vulkanlanschaft, anmutige Seen, reichliche Fischreserve und Waerme spendende Onsen waren Geschenk der Natur, was das Ueberleben fuer Ainu erleichterte. Der See Mashu bleibt bis heute noch so geheimnisvoll – auch in sonnigen Tagen. Man koennte sich gut vorstellen, dass junge Menschen sich in jenen Vollmondnacht am Ufer trafen und wie alle andere alte Kultur das heilige Ritual des Fortsetzen der Meschheit vollzogen…

Heute sind Ainu immer noch die Wilden, aber veredelt. Sie sind sichtbar. Sie haben ein anderes Gesichtzuege und eine andere Ausstrahlung. Sie werden in die kapitalistische Gesellschaft intergriert. Sie wurden von ihrer unberechenbaren Wildheit verharmlost, „verniedlicht“ und vermarktet. Sie werden nun konserviert wie alle andere Eingeborene in dieser Welt, in ihrem eigenen Fleisch und Blut. Man koennte sie anschauen, im Musuem, im Tribe-Village, beim Show oder an der Einkaufstrasse am Akan See.

Alle laeden behaupten, dass sie das originalen Ainu Handwerkserzeugnisse verkaufen. Ja. original entworfen, in Vietnam angefertigt und vielleicht vor Ort noch kurz „veredelt“. Alle Laeden verkaufen Eule – ein heilliges Tier von Ainu. Ainu moegen so scharfsinnig sein wie Eule, so dass sie in der Natur ueberleben koennten. Alle Laeden verkaufen Ainu-Kleider, handgewebte vermeintliche Ainu Tasche oder Holzschnitzerei. Immer das gleiche. Manche Laeden wollen einfach die ganze globale Ethno-Produktion alles auf einmal in Akan ausstellen und verkaufen. Ich hatte so genug nach 20 Minuten Shopping. Ganz schnell floh ich zu einem modernen Kiosk Lowson und trank ganz schnell ein Becher cafe au lait!

Wehe. Der Wind wehte. Eiskalt. Die Ainu-Verkaeufer versuchten mit uns Geschaefte zu machen. Eine alte Ainu-Frau zog mich an, sie spielte ein Instrument. Ein Pfloete. Wild, unangepasst und ausdruckstark. Sie spielte vor sich hin und ihre Augen leuchteten. Das Lied brachte mich zu einer sehr entfernten Welt, die vielleicht nie gab und nie mehr gibt.

Die Eltern gingen zu Ainu-Show und die Schwester photographierte. Ich stand dort, nutzlos.

Hokkaido – ein Widerspruch

MashuseeMashu See

Die Luft war frisch, als wir in Hokkaido ankamen. Wie immer lud einmal im Jahr mein Vater seine Mitarbeiter ein, zusammen einen Auslandsausflug zu unternehmen. Als Dank fuer die gute Zusammenarbeit auszudrucken. Jedesjahr reisen sie ins Ausland und wie die meisten Taiwanese reisen sie am liebsten nach Japan.

Eigentlich war ich nicht sehr interessiert mitzukommen. Am liebsten haette ich nach Kyoto reisen wollen. Aber Hokkaido geniesst einen guten Ruf in Taiwan und gilt als Paradies fuer die wunderschoene Landschaft und unberuehte ehrliche Japaner!

Nie war der japanische Widerspruch so sichtbar wie in Hokaido: das Pendel zwischen „Natur“ und „Kuenstlichkeit“, „Wir-Japan“ und „Sie-Fremde“. Die Landschaft ist schoen, aber kuenstlich angelegt. Der Jahreszeitswechsel wird kollektiv zerebriert – mit Wetterbericht von Kirschbluete und Ahornblaetter, ueberall werden ueberfuellt von Menschen, die Kirschbluete „mit zuschauen“ und die verfaerbten Ahornblaetter „mitzaehlen“. Hotels sind voll, man sieht nur Menschen koepfe und die Natur ist von der Menschenmenge vergewaltigt. Man zerebriert den Wechsel von der Jahreszeit, um den Naturrythmus zu verkunden und zu spueren. Andererseits gibt es jegliche Suessigkeiten und Eingelegten Gemuese genau zu diesem Wechsel, aber voll mit Fabrstoffe und Konservierungsmitel verstopft. Ich habe meine Mutter mehrmals verhindert etwas zu kaufen. Sie bedankte sich gar nicht bei mir, weil sie keine Geschenke mit Hause mitnehmen kann. „So etwas kannst Du doch niemand verschenken!“ sagte ich. „Das ist egal! Die Leute vertrauen Japan!“

Bei der formellen Teezeremonie servieren wir auch wertvolle Suessigkeit aus Pulverzucker und Farbstoff. Ich habe es nie verstanden. Warum Tee-Geist mit dem mit Farbstoff verfeinerten edelen Suessigkeit etwas Gemeinsames haben koennte. Denke ich zu materialistisch?

Selbst im Brot wird Farbstoff beigemischt. Selbst in dem so genannten mit goldenem Preis ausgezeichneten Kuchen oder Dessert werden mit mehreren Farbstoff verschoenert. Auch in dem Zutaten von Sushis, getrockeneten Krevetten, Gewuerzsosse und Algen… Ich sah es und wurde sprachlos. Ich bin sicher, dass Taiwanese viel natuerlicher leben wollen als die Japaner, die mehr Wert auf Aussehen legen als die Gesundheit!

Die Reise ging aber weiter in die Bergen. Ich sah europaeische Blockhaus im tiefen Hokkaido. Ein Chalet nach einem anderen. Ein Blockhaus nach einem anderen. Die Landschaft ist sehr Europa. Ja, ich vermisse das japanische Kitsch. Das Kamera wurde ueberfluessig. Ich haette im Europa bleiben koennen. Das imitierte Chalet hat etwas verraten, so dass ich es als japanische Chalet bezeichnen kann: sie sind eine Nummer kleiner und haben meistens keinen Garten! Sie stehen so nah an die Strasse, so klein und doch so gross fuer das Grundstueck. Was das Phaenomen noch mehr verraet, ist wohl, was Japaner ueber sich selbst und ueber die Anderen in Europa denken. Ich habe gelesen, dass solche europaeische Haeuser sehr begehrte B & B Mode sind.

Mein Onkel sagte zu meiner Aeusserung: „Du lebst ja in Europa. Deshalb ist es fuer dich nichts besonders. Du willst das vermeintliche Japanische – das Kitsch – und wir, die urbanisiserten Asiaten wollen das „natuerliche“ laendliche Europa moeglichst „NAH“ erleben!“