Archiv für den Tag 06/03/2007

Gesellige Teegesellschaft

Gesellige Teegesellschaft

Ich kannte Suzanne aus dem Blog. Obwohl wir uns nur einmal getroffen haben, war sie mir nah. Obwohl wir uns monaten nicht gesehen haben, befand keine Zeitverschiebung zwischen uns. Wir brauchten small Talk nicht.

Den Thomas kannte ich gar nicht. Als er am jenen Samstagabend verspätet in den Lotus Garden hinein spazierte, sah ich zum ersten den großen Gestalt aus dem Emmental. Sein Teeladen – der schwer auszusprechende „Teegärtli“ war mir ein Fremdwort.

Anjte ist meine Schicksalsschwester. Sie ist blond und sportlich – ich bin dunkel und ein Stubenhocker. Wir sind auf irgendeine Art verbunden – wegen Tee?

Es gibt keinen Zufall, weshalb Menschen zueinander finden. Woher sollte der Thomas wissen, dass er sein Auto ausgerechnet in der Nähe meiner Wohnung parkte? Wie konnte er wissen, als er seinen Zug verpasste und sein Auto nahm, was auf ihm zukommt?

Meine kleine Wohnung beschenkte die vier Tee-Menschen eine geruhsame Nacht. Zum Frühstück wurde bereits diskutiert, was für Degustationsrunde aufgegossen wurde. Suzanne war gut vorbereitet und brachte mir verschiedene Teeproben. Wir fingen mit Tie Guanyin an.

Tie Guanyin aus Fujian – geneue Ortangabe fehlt; Tie Guanyin aus Anxi, Fujian; Tie Guanyin Hochland aus Taizhong (Taiwan).

Der Fujian Tie Guanyin ist sehr grün. Er duftete sofort. Bezaubernd und belebend! Der Anxi-Tie Guanyin ist im Vergleich wie brauner. Er hat goldene Farbe im Aufguss. Seine Duft war dezent, aromatisch und anhaltend. Der Hochland Tie Guanyin hat eine ganz spezielle Note – Hochlandsqi. Die aufgegossenen Blätter von Suzanne aus Strassbourg mitgebrachten Tie Guanyin waren klumpig. Warum? Ich versuchte es zu verdeutlichen: das ist ein Fehler aus dem Prozess von Formen. Wenn man bereits erhitzten Oolongblätter formt, muss man ständig die Blätter zu einem Kugel zubinden und wieder öffnen und lockern. Wenn dieser Prozess fehlerhaft und unaufmerksam durchgezogen wird, entsteht solche Klumpen, die im Aufguss erst langsam aufgeht und den Geschmack beeinflüssen könnten.

Obwohl dieser grüne Fujian Tie Guanyin sehr grün ist, war der grasige Geschmack erst bei zweitem Aufguss zu merken. Sein Duft ist wirklich hervorragend. Leider nicht anhaltend. Trotzdem findet dieser Tee bestimmt viele Teeliebhaber. Der Anxi-Tie Guanyin ist dagegen sehr solide. Ein feiner Oolong, aromatisch, stabil und beglückend.

Wir sprachen nicht nur von Tee, auch vom Geist des Tees. Wir philosophierten und klatschten. Autorität? Brauchen wir im Tee auch Autorität, die uns sagte, was ein guter Tee ist? Thomas seufzte, „Nein. Die wirkliche Autorität steht vor uns.“ Er deutet auf die degustierten Teeaufgussen. Die Sprache des Tees zu verstehen, zu erlernen und zu erleben kann man nicht mit Intellekt, sondern mit Körper. Den Geschmack, den Duft werden in unserem Körper und im Großhirn gespeichert – anstatt im Denken…

Nach vier Degustationsrunde – inzwischen waren Jadeoolong, Dongding Original, Paochung, Buddha Hand, Fenghuang Dancong, Sencha Unsui etc. aufgegossen. “Mir kommt es vor, als ob ich Anfänger wäre…“ sagte Thomas friedlich. Er führte seinen Teegärtli seit zehn Jahren. „Ich habe das Gefühl, dass ich eigentlich gar nichts wisse.“ Vor 4 Jahren hat mir ein angesehender Teeexpert in der Schweiz das gleiche gesagt. Diese Äußerung erweckte in mir ein großes Respekt vor diesen Menschen. Menschen, die sich wirklich mit Tee beschäftigen, ehrlich und offen, sind in der Lage, die Welt des Tees - so wie sie ist, zu erfahren. Das erfordert eine mentale Größe. Thomas war glücklich, als er diese Äußerung gab. Er spürte keinen Mangel, sondern eine Entdeckung einer neuen unbekannten Welt!

„Und Du?“ ich fragte mich selbst, wie oft bis Du ins Reinfall gefallen? Wie oft hast Du Dich geirrt? Ich liebe Tee zuzubereiten, sei es japanische Art in Urasenke-Stil oder Kungfu-Art. Jedesmal, wenn ich den Tee aufgiesse, weiß ich, was für Fehler ich wieder gemacht habe. Der Lernprozeß geht nie zu Ende und es gibt keine Freeway dort hin…