Zu Hause sein

Massimo fragte Balthasar, weshalb er zum Tee kam. Er antwortet, dass er sich hier im Alpenland nicht zu Hause fühlt. Er glaubte sein Zuhause in China zu verorten. Er hatte vielleicht keine Mut das Alpenland zu verlassen. So fühlte er sich fremd in seinem eigenen Land. Seit er Shuitang und mich kennen lernte, hatte er das Gefühl, er müsse nicht mehr nach China reisen.
Als ich es hörte, lachte ich ganz laut. Denn es bei mir genau umgekehrt war.
Ich wollte immer weg.
Am besten weit weg von meinem Zuhause.
Das Zuhause meiner Eltern, das Zuhause meiner kulturellen Zugehörigkeit und das Zuhause meiner Kindheit war mir vertraut, aber fremd. Für mich war es ein Korsett.
Später entdeckte ich, dass mein Korsett für die anderen Fremden eine vermeintliche „Rettung“ erscheint – zu meinem Erstaunen!

Ich erzählte von meinem Flucht am den Teetisch in Shui Tang. Ich wollte immer weg und mein Vater fand es zuerst gut. Jeder sollte einmal weg von Zuhause sein und in die weite Ozean fahren – so denken viele Inselbewohner. Ich hatte das Mut und mein Vater gab mir das Geld. Ich floh nach Europa. Zuerst fand ich die Fremden schrecklich barbarisch. Ich fühlte mich oft missverstanden und gedemütigt. Irgendwann fand ich die Freiheit einer maginalen Mensch zu geniessen. Ich werde nie Deutsche und bleibe nicht dieselbe wie im 1992. Eine absolute Freiheit, zu akzeptieren, dass man anders ist! Ich bin anders. Andersdenkend, andersaussehend und andershandelnd.
Ich begriff irgendwann, dass das Zuhause nicht das Haus meiner Eltern ist. Mein Zuhause kann ich nicht materiell verorten. Mein Zuhause ist in mir, in meinem Herzen, im Tee. Also, ich habe bei dem Fremden mein eigenes Zuhause gefunden!
Nach dieser sehr langen Reise, viel Kämpfe und viele Schmerzen habe ich mein Korsett, was meine Eltern, meine Erziehung mitgegeben haben, abgelegt! Ich bin frei.
Ich bin frei, weil ich kein ander Korsett mehr tragen will. Nicht einmal vom Tee!

Nun kommen viele Fremde zu mir. Sie wollen etwas vom Tee lernen, der vermeintlich aus einem festen kulturellen Rahmen stammt. Ach, ich seufze, „möchtet ihr mein früheres Korsett tragen?“ Mitgefühlsvoll verweigere ich es. Weshalb projizieren Menschen die Erlösung auf eine fremde Kultur, auf eine fremde Religion und auf eine fremde Person?
Will ich mit einem Buch, Menschen im Westen „missionieren“? Ist es besser, was ich mache? Ehrlich gesagt, ist es mir doch egal, wie die anderen Leute ihren Tee zubereiten und was sie trinken. Ich trinke meinen und sie ihren! So ist der Geist des Tees! Auch wenn man sich mit Tee beschäftigt, ist man nicht besser! Ach, warum will man sich besser als andere Menschen fühlen?

Zum Glück habe ich Schlitzaugen. Diese Schlitzaugen machen mich glaubwürdig und ich sei ein Expert des Tees… Ansonsten hätte ich komische Kleider aus dem imaginären China tragen und komische Attribute aneignen müssen!

3 Gedanken zu „Zu Hause sein

  1. Björn

    Genau, erlösen können wir uns nur selbst, die Geographie und der Inhalt unserer Tasse spielen eine untergeordnete Rolle. Trotzdem macht guter Tee viel glücklicher als schlechter. Ein gutes (Tee-)Jahr für Dich, Menglin! Viele Grüüße, Björn

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  2. Björn

    Genau, erlösen können wir uns nur selbst, die Geographie und der Inhalt unserer Tasse spielen eine untergeordnete Rolle. Trotzdem macht guter Tee viel glücklicher als schlechter. Ein gutes (Tee-)Jahr für Dich, Menglin! Viele Grüüße, Björn

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