Life-Balance

Jeder Mensch pflegt auf seine bestimmte Art, den Kontakt zu dem wahren selbst zu pflegen. Manche pflegen ihn mit Bücher, manche mit Yoga. Manche mit Kaufrausch und manche mit Kafeekränzchen. Manche mit Wein und manche mit Tee. Ich bräuchte unterschiedene Wege, weil meine Neugierde „unersättlich“ scheint.
 
Seit langer Zeit praktiziere ich Zazen und Tee. In letzter Zeit war es ein wahres Luxus geworden, diese beide Wege zu beschreiten. Meine Selbstliebe leidet total unter dem Stress mit Shui Tang.
 
Weil es eben menschlich ist, Gruppendynamik zu entwickeln und zu leben, existiert überall die Unterscheidung zwischen „Wir“ und „Ihr“. Wenn man plötzlich mit dem Leben nicht mehr ganz klar kommt und manchmal nicht immer zustimmen, was gechieht, wird man plötzlich „out“. So geschah es in der Zen-Gruppe, in der ich praktiziere. Für sie wurde ich plötzlich „fremd“ – in meiner Wahrnehmung.
 
Wer ist denn gerne „out“? Wer ist denn gerne eine „Fremdlinge“. Diese Empfindung behinderte in der Tat auch meine Schritte zu meinem Praxis. Ohne das regelmässige Praxis – die Regelmässigkeit ist für jeden eine andere – ist der Alltag voll und manchmal erstickend. Ich atmete kaum wirklich. Nur Atmungszüge, ohne Saurstoff. Den Alltag zubewältigen ohne Inspiration und nur Routine. Der Kopf dreht  sich im Kreis und das Herz ist verstopft. Ich liebe mich selbst nicht mehr, weil das „Ich“ kaum einen Raum bekommt.
 
Mein verstorbener Lehrer Michel sagte mir einmal, weil er wußte, dass ich faul bin und viele Ausrede finden kann, um den Weg auszuweichen. „Gehe ins Dojo ohne Liebe und Hass , nur aus Gleichmut. Warum sollte man sich freuen oder leiden, wenn man Zazen machen will?“ Ist ein Mensch besser, weil er Zazen praktiziert? Sicher nicht. Innerlich spürte ich immer mehr den Drang, es weiter zu gehen. Was die anderen über mich denken und verurteilen könnten nur mich behindern, mich zu entwickeln – wenn ich es selbst zulasse, aber mich nicht behindern auf meinen Weg zu gehen. Die wirkliche Freiheit, den innere freie Willen, den niemand weg nehmen kann, verwirklicht die tatsächliche Unabhängigkeit des Ich. Das zu tun, was einen wichtig ist, nicht weil es gelobt und missachtet wird.
 
Es war eine der wichtigen Lehre von Michel, dass man unbeirrt es tut, was einen bedeutet, nicht weil es beliebt oder belohnt wird. Die „Absichtlosigkeit“ im Leben schafft mir eine große Freiheit.
Shui Tang wäre heute nicht dort, wenn ich Dinge stricke mit Absichten, um Menschen zu gefallen.
 
Ich ging wieder zum Zazen. Zuerst begegnete ich ausweichende und misstraurischen Blicke. Mein Kopf fing auch an zu spekulieren, was sie alles über mich denken konnten – ich kenne diese Gruppendynamik gut. Die meisten Menschen verraten nichts, nur durch ihren Blick, was sie über Dich denken. Dadurch bekommen wir nie eine Chance tatsächlich die Dinge zu klären. Vor allem in einer Gesellschaft, die auf das vermeintlichen Konsens aufgebaut ist. Nur selten dumme Menschen sprechen die Dinge direkt an und versuchen anderen Menschen Möglichkeiten zu geben, auszusprechen und zu streiten.
 
Mit Mühe bemühte ich mich innerlich nicht auf diese Blicke zu reagieren. Tatsächlich ging es für mich nur um das, was mich berührt und interessiert. Ein gutes Bild in Augen des Anderen und eine tolle Karriere interessieren mich in der Tat selten. Ich wollte nur den Kontakt zu mir wieder schaffen. 
 
Da ich nichts beanspruche und komme und wieder gehe, wurden die Blicke weicher und freundlicher.  Mit der Zeit werden Lächeln und Begrüßung werden ausgetauscht. Wir kannten uns eigentlich schon so lange. Wir sind in der Tat eins. Wozu die Trennung zwischen den Herzen?
 
Es ist interessant zu beobachten, was das Nicht-Bewegen bewirkt. Es ist wichtig zu wissen, dass man beobachtet wird und Demut braucht. In diesem Demut verbirgt eine Größe, eine
Kraft, zu helfen, sich nicht zu bewegen.
 
Mit der Zeit spüre ich wieder den Kopf, der nun ein bisschen leere Zeile bekommen hat. Ich kann Dinge wieder besser wahrnehmen und lesen. Diese aufgeräumten leeren Zeilen sind Räume für Kreativität und Inspiration für Shui Tang. Es ist schwierig, Life-Balance zu erhalten. Für mich ist Shui Tang in wahrsten Sinn des Wortes die Prüfung des Lebens. Ich stelle mich dieser Prüfung. Eine gute Herausforderung.
 

4 Gedanken zu „Life-Balance

  1. Christoph

    Liebe Menglin,

    richtig das was einem persönliche Freiheit bringt ist selten das was gesellschaftlich gelobt und bewundert wird. Aber die Freiheit besteht darin es trotzdem weiter zu machen. Sich Selbst zu achten und nicht sich dafür aufzuopfern immer im Trend zu liegen. In Deutschland ist es unbedingt wichtig einen Beruf zu haben. Jeden Tag mit einem verbissenen Gesicht aufzustehen, auf Arbeit zu gehen, jeden Tag sich selbst zu vernichten um am Monatsende mit ein paar lumpigen Euros abgespeist nach Hause zu gehen. Das nicht zu tun, ist hier eine Sünde… man ist Sozialschmarotzer und muss sich da einem meistens Mittel fehlen das Überleben anders zu sichern mit Ämtern herumärgern. Niemand kann mir Vorschreiben was zu tun ist. Solange ich weiß was Wichtig ist. Nicht Besitz, nicht Macht, nicht Sicherheit, Nicht Zukunft noch Vergangenheit sondern der Moment, der Augenblick ist vollkommen genug. Was nützt ein Leben? Frage die Menschen auf der Straße sie wissen keine Antwort.
    Aber eine Antwort auf diese Fragen zu verlangen zerstört das Selbst. Die Antwort darauf hast du dir schon lange gegeben.

    Es spielt keine Rolle ob wir erfolgreich oder nicht erfolgreich sind, wenn wir nur wir selbst sind. Das Selbst kennt keine Gegensätze, keine Endwicklung von einem konkreten Punkt zu einem anderen. Es ist wie das Wasser das von der Quelle zum Meer fließt, verdunstet und wieder zur Erde fällt. In verschiedenen Zuständen und verschiedenen Mengen, trotzdem ist es immer Wasser. Verstehst du was es heißt zu Leben?

    Ob du denkst das du weiter musst oder weiß das du am Ziel bist spielt keine Rolle – Du bist „Hier und Jetzt“ alles – Vergangenheit und Zukunft, Leben und Tod, Raum und Zeit, das Universum – du selbst!

    Wenn du den Menschen mit Freundlichkeit und Respekt begegnest werden sie dir meistens auch mit Freundlichkeit und Respekt begegnen. Wenn du dein Herz öffnest – und nicht dein Ego für wichtig nimmst, stellst du fest das es kein Ich und kein Du gibt. Keinen Dualismus der nicht aus unserm Ich-Bewusstsein erwächst. Ich gehe auf die Straße und sehe das die Menschen nicht anders sind als ich – meine Brüder auch wenn sie mich für einen Fremden halten.

    Warum einen Konflikt erschaffen, um an ihm zu leiden. Zu erkennen, dass es keinen Konflikt gibt ist Sein…

    Sein

    Nichts Fremdes gibt es zu entdecken,
    Alles ist schon immer da.
    Nichts bleibt dir verborgen,
    Alles ist so klar.

    Nicht getrennt sind Geist und Körper,
    Nichts ist unbewusst in Dir.
    Nichts begehrest du zu haben,
    Alles was du brauchst ist hier.

    Kein Geheimnis ist dein Leben,
    Jedes tun von Sinn erfüllt.
    Bist du in die Welt gegeben,
    Schau du bist von ihr umhüllt.

    Sieh die Einheit um dich fließen,
    Erde, Himmel, Sternenzelt.
    All die Weite; all die Leere,
    Gehören auch zu deiner Welt.

    Jenseits von all dem Denken,
    Füllst du Freiheit tief in dir.
    Ihr erwägst die Kraft zu leben,
    Sie besiegt den Hass; die Gier.

    Such die Wege zu beschreiten,
    Die dich zu dem Ende führn.
    Zu dem Ende aller Zweifel,
    Zu der Einheit in dir.

    Zeitlos, still und voller Frieden,
    Wird der Moment zur Ewigkeit.
    Und dein Selbst das findet wieder,
    Was Ihm für verloren galt.

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  2. Menglin

    Anscheinend hat jemand hier Bedarf an selbst mitzuteilen.
    So sich selbst in die Szene zu setzten hat kein kleines Ego.

    Nichts besitzen zu wollen hat nichts mit der geistigen Entwicklung zu tun. Man kann die Dinge so oder so drehen.
    Manchmal ist es besser, einen Beruf zu haben, damit man tatsächlich lernt, selbst zu ernähren.
    Armut ist kein Tugend.
    Wer selbst nicht ernähren kann, ist nicht ganz auf dem Boden.

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  3. Christoph

    Liebe Menglin,

    was ist Leben anderes als sich Selbst anderen Mitzuteilen?
    Wie kann man den Graben überwinden der zwischen den Menschen liegt?
    Nur in dem man einen Schritt auf sie zu macht, sich selbst Preisgibt.

    Ich möchte nichts von dir und auch nichts von all den anderen Menschen. Solltest du das als Unsinn empfinden was ich geschrieben habe kannst du es gerne Löschen. Über Worte läst sich Streiten über den letzten Sinn – nicht.
    Es mag sein das ich mich zu weit aus dem Fenster gelehnt habe – es tut mir leid.

    Ob ich ein großes oder ein kleines Ego habe? Ich habe keine Probleme mit mir selbst.
    Ich muss nichts beeinflussen nicht hinzufügen oder wegnehmen. Alles ist so gut wie es ist.

    Liebe Grüße

    Christoph

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  4. Christoph

    Nachtrag: ich hatte nicht die Absicht mich selbst darzustellen. Sondern ich lese in deinen Blog immer wieder heraus – das du einen Konflikt führst. Mit dir selbst – mit deinem glauben – und deinen Ansprüchen an das Leben, beruflichen Erfolg und Familie. Ich wollte zeigen das es andere Möglichkeiten gibt das Leben zu leben. Das es keine Konflikte gibt die wir nicht selbst heraufbeschwören. Das wir anstatt Frei zu sein – uns Grenzen setzen. Es geht nicht darum arm oder reich zu sein… und ich möchte auch nicht materiell arm sein.

    Was ich geschrieben habe kam aus dem Herzen. Und mit dem Herzen muss es auch gehört werden.
    Liebe Grüße

    Christoph

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