Kein Titel

Unsere Intuition spürt oft auf, dass unser Leben einen Wandel durchziehen muss. Oft fehlt es uns schwer, die Zusammenhänge und Hintergründe zu verstehen, und den Wandel tatsächlich zuzulassen.

Es gibt eine Frau in unserem Leben, die von Anfang an, mit uns emotional in Verbundenheit steht. Egal wie wir versuchen, uns von ihr zu distanzieren und von ihr zu entnabeln, sind wir mit ihr für immer verbunden. Diese Frau heißt die Mutter. Die Mutter tut alles für ihr Kind und sieht oft das Kind als die Erweiterung ihres Lebens.

Meine Eltern sind heute abgereist. Eigentlich wollten sie länger bleiben, aber mein Vater hat den Rückflug verändert, denn er sich stets durch das Nutzen und die Leistung definiert. Hier in der Schweiz fühlt er sich nutzlos und überflüssig. Er jammerte jeden Tag, dass er nutzlos in Shui Tang saß, langweilige Dinge wie Tee abpacken, Teepackungen zählen und im Sofa schlagen tätigen musste.

Meine Mutter kümmerte sich nur um das Essen. Sie beschwerte sich nicht. Sie putzte meine Küche, meinen Boden und meinen Kühlschrank. Sie waschte ganz leise das Geschirr und bewahrte das abgewaschene Geschirr in der Spülmaschine auf. Als ich das seltene Phänomen entdeckte, sagte sie, sie wollte mich nicht bei der Arbeit stören. Darum sortierte sie das Geschirr in der Spülmaschine. Sie praktizierte ihre Buddhas Lehre und sagte mir stets, was ich mit meiner Umwelt und mit Tee besser machen sollte. Oft geraten diese Ratschläger quer in meinem Kopf und meine emotionale Abweisung brachte sie zum Schweigen. Sie wollte, nur das Beste für mich. Aber ich bin nicht in der Lage es anzunehmen. Ich bin kein Kind mehr und will nicht, dass meine Mutter mir sagte, was ich hätte tun sollen.

Aber ich bin doch ein Kind. Zuerst plagte mich ihre Einreise zur den Einweihung von Shui Tang. Als sie ankamen, war ich nur gestresst. Als sie doch gar nicht in Shui Tang erschien, fühlte ich mich erst richtig als ein verlassenes Kind. Sie dachte, sie ließen mich in Ruhe. Meine Ambivalenz war mir nicht bewusst. Einerseits war es ein riesiger Stress, wenn die Eltern kommen. Andererseits bin ich für immer ein Kind und es ist schön, wieder ein Kind zu sein. Ein Kind, das das Leben nicht allein tragen muss, das bei jemandem richtig ausweinen darf und das wieder kindisch sein kann, ist für immer in jedem Herzen. Ich beobachtete meine innere Ambivalenz und Emotionen, konnte aber nicht darüber hinweg, ein Schritt weiter gehen. Ich sah, Gefühle kommen und gehen, Emotion aufgewühlt und abgekühlt wurde, aber einen Ausweg war nicht in der Sicht.

Meine Eltern waren oft sprachlos und hilflos in diesen Tagen. Mein Vater läuft seit einiger Zeit nicht mehr gut. Ihm fehlt oft die richtige Balance im Körper. Seine Hand trägt kein schweres Gepäck mehr. Aber sein Kopf und Körper hören nicht auf, mich beschützen zu wollen. Aber er ist hinfällig. Er wusste, dass er mir nicht mehr so helfen kann, wie er es wollte. Auch wenn er es will, schafft der Körper und die Distanz nicht mehr. Diese Ohnmacht konnte er nicht akzeptieren und die Situation wurde oft emotional belastet. Wir schwiegen, denn wir nicht wussten, wie anzufangen zu reden.

Als er heute ins Auto einstieg, sagte er mir den einzigen Satz zum Abschied, „Du muss auf Dich selbst schauen. Wir können Dir nicht mehr helfen.“ Er schaute mich nicht mehr an. Es war gut so.

Ich musste mich nach diesem Abschied sammeln. Meine Eltern sind abgereist mit einem Gefühl der Ohnmacht. Eine fremde Tochter in einem fremden Land. Er sagte mir in Frankfurt, wie hätte er sich damals freuen können, als ich mich vor 16 Jahren entschied nach Europa zu gehen. Wie hätte er sich damals vorstellen können, wie die Dinge ihren Lauf nehmen? Er wünschte, ich wäre zu Hause geblieben. Und ein ganz normales Leben geführt.

Im ICE sassen wir zu Dritt zusammen. Sie schliefen ganz geruht im Sessel. Süß und entspannt. Ich musste plötzlich aufstehen, zur WC zu gehen. Meine Tränen tropfen wie Wasserfalls in den Becken.

Nach vielen vielen Stunden schrieb ich ein SMS an meinen Vater. Ich schrieb ihm, dass ich ihn sehr liebe. Hoffentlich ist es nicht zu spät.

Ein Gedanke zu „Kein Titel

  1. Joseph F. Achermann

    Liebe Menglin

    Ich kann deine Gedankengänge sehr gut nachvollziehen, habe ich doch ein ähnliches Verhältnis zu meinen Eltern. Diese Beziehung ist auch für mich immer wieder ambivalent und alles andere als einfach. Und trotzdem bin auch ich sehr dankbar, für alles, was ich von ihnen erhalte habe.

    Oft spürte ich die Liebe meines Vaters nicht. Ich weiss aber, dass sie da war, nur konnte er sie nicht zeigen. Dies, weil er selber als Kind von seinem Vater keine „gezeigte Liebe“ erhielt.

    In Verbundenheit,

    Joseph

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