Archiv für den Tag 10/09/2009

Drei, fünf und Sieben – Sätze

三 五 七 言   
 
Li Bo 李白
秋風清,秋月明,
 
落葉聚還散,寒鴉棲復驚。
 
相思相見知何日,
 
此時此夜難為情。
Ich kann noch nicht schlafen.
 
„Klarer Herbstwind, klarer Herbstmond,
Auf den Boden gefallenden Blätter wurden von Wind zusammen geführt und wieder auseinander getrennt.
Die ruhenden Vögel wurden von Wind überrascht und gestört.“
 
Als kleines Kind verlangte uns meine Mutter jeden Tag ein chinesisches Gedicht zu lernen. Als Belohnung bekamen wir paar Rappen von dem Großvater oder ein Ausflug ans Meer. Zu Li Bo fühlte ich mich bereits als 8jähriges Kind sehr angezogen. Ein stets betrunkener Dichter, der an dem Traum starb, als er den Mond im Wasser pflücken wollte. Ich fühlte mich damals stets als eine in einem flaschen Körper geborene Seele. Ich hätte ein Junge sein sollen anstatt ein Mädchen. Das Gedanke wurde immer stärker als mein Bruder – der Stammhalter geboren wurde.
 
Gedichte von Li Bo sind hinreissend und rufen starke emotionale Bilder in einem hervor. Der Dichter war als junger Mann ein Traumtänzer, der gerne taoistische Priester besuchte, gerne die Geheimlehre zur Gottheiten forschte und den wirklichen Humanismus praktizierte. Ein grozügiges Leben und sein unangepasster Geist machten den Weg eines braven Hofbeamter richtig zu schaffen. Li Bo war nie ein braver Hofbeamter. Er war sich selbst. Auch wenn er im Exil lebte und vom Kaiserhof vertrieben wurde, vergass er nicht, sein Lebensfreude zu pflegen, sei es mit Alkohol oder mit Poesie.
 
Der Mond war stets das Sinnbild in seinem melancholischen Gedicht. Manchmal als die unerreichbare Schönheit, manchmal als Subjekt des Egos und manchmal als das Motiv – die fesselnde Kraft der Ambivalenz.
 
Der klare Vollmond im Herbst, wolkenlos und leuchtend. Die Kraft des Mondes ist die Urkraft der menschlichen Triebe. Was könnte alles passieren unter dieser magischen Anziehung? – dies war stets das poetische Motiv der chinesischen Dichtung!
 
„Was sollte in diesem Moment und in jetziger Nacht ausgesprochen werden?
Wer weiß, wann und wie – bis wir uns jemals wiedersehen?“
 
Was hat ein in der Hof-Karriere gescheiterter Dichter Li Bo (701-762) im 8. Jahrhundert mit einem erfolgreicher Hof-Musiker Bach (1685-1750) im 18. Jahrhunder gemeinsam?
 
Pi-Chin brachte mir ein CD von Bach-Suite für Cello. Wie willst Du denn das einst ins Vergessenheit geratene Cello-Suite auf Chinesisch interpretieren?
 
Seit paar Tagen höre ich immer die kurze Aufführung von diesen Cello-Stücken. 
In dieser Herbst-Stimmung – die Sonne scheint, während der Wind immer kühler und heftiger wird… Der Vollmond vor dem Herbst war gerade vergangen.
Ich denke an Menschen, die ich vielleicht niemals wiedersehen könnte, an Worte, die ich vielleicht niemals aussprechen könnte, und die Momente, die niemehr zurück kehren werden… Ich liebe Suite no.2 D-Minor…
Die paar Zeilen von Bach, paar Sätze von Li Bo. Sie drücken die Ur-Wünsche und Urkraft der Menschheit. Die menschliche Sehnsüchte, emotionale Verlangen und das Gefühlswechselbad sind wahrscheinlich universell zu finden.
 
Vielleicht war es der Grund, weshalb Rostropowtisch zwei Tage nach dem Berliner Mauerfall am Checkpoint Charlie das Solosuite von Bach spielen wollte. Was war die Kraft der Versöhnung? Was ist der Brücke der Ignoranz?
 
Was ist das Kulturübergreifende? Was ist das Grenzüberschreitende? Zwischen Li Bo und Bach sind die Zeit und Raum fliessend. Ich freue mich auf den Vollmondabend am 3. Oktober in Shui Tang:
 
Das chinesische Vollmondfest
Zwischen Bach und Li Bo
 
Cellosuite No. 1 & 2 
Chinesische Gedichte von Li Bo, interpretiert von Menglin
 
3. Oktober 2009
Samstag
19.00 – 20.30
Dazu: Mondcake und Liquid Delicacies (- TEE)
Umkostenbeitrag: 25 Sfr. (Studenten, Rentner und Auszubildender so wie Teeclub-Mitglied in der Schweiz 20 Sfr.)
 
Eine Veranstaltung von
Shui Tang
Spiegelgasse 26
CH 8001 Zürich
0041-44-555-9161
oder
info@shuitang.ch