Archiv für den Tag 09/08/2009

日日是好日 Jeden Tag ist ein guter Tag

Jeden Tag ist ein guter Tag. Jeden Tag ist ein anderer Tag!

Mein Großvater sass oft in seinem großen Stuhl, trank seinen Muzha Tie Guanyin und betrachtete alles mit einer Gleichgültigkeit. Für ihn war es wohl, jeden Tag ist ein guter Tag. 

Ich erbe eher die Laune und Temperament meiner Großmutter, reagiere oft auf Ereignisse mit Leidenschaft. Das Leben richtig zu leben und selbst zu werden führen für mich nicht an dem Weg vorbei, Schmerzen und Verletzungen zuzulassen. Das Problem für mich ist – jeden Tag ist oft nicht ein guter Tag.

Shui Tang zwingt mich genau es zu erleben, dass jeden Tag ein guter Tag ist. Eine Gleichgültigkeit, die mich von Urteilen und Meinungen befreit.

Es waren Supertagen, direkt nach meinem Geburtstag. Wenn es jeden Tag so wäre, könnte Shui Tang gut behaupten. Kunstsammler waren bei Shui Tang, sie haben die schönen Dinge bewundert und abgeräumt. Es war interessierte Menschen mit inspirierenden Gesprächen. Als ich meine Schätze auspackte, war das Haus voller Euphorie und ein Glück strömte in jedem Gesicht. Ja, Schönheit ist das Zaubermittel, Menschen zu beglücken. Nicht das Besitzen, sondern das Teilen und anfassen, bewundern, austauschen…

Manchmal kommt ein angemeldeter Profi zu der Degustation vorbei. Dann können wir tatsächlich eine Zeitreise unternehmen. Die Fahrt nach Alishan durch Nebel und hohen Wälder, durch die Zeit und durch die Reifung. Staunende Gesichter, glückliche Augen und unvergessliche Zusammenkunft.

In solchen Momente weiß ich, ja, ich mache die Dinge, die mir Freude machen – und es ist gut so.

Aber machmal kommt jemand, der Dir von Anfang an sagt, er trinkt bis jetzt Darjeeling und sie hätte gerne Lapacho. Ich kann mich nur entschuldigen, dass sie vielleicht zu einer anderen guten Adresse wie Schwarzenbach gehen könnten. Dort werden sie bestimmt sehr gut bedient. Als sie unglücklich wurden, wußte ich, dass ich sie mit Düfte von Oolong doch verführen konnte.

Man kann andere Menschen erst ein Wink geben, wenn sie mit ihrem HABEn nicht mehr zufrieden sind. Man kann auch andere Menschen weiter helfen, wenn sie selbst artikulieren und nach dem Gründe oder Alternative fragen.

Die Schätze von Shuitang können sich erst offenbaren, wenn der andere bereit ist, weiter zu gehen.

Das gilt ähnlich wie bei Tee. Nicht jeder kann gleich mit Baxian anfangen, nicht jeder kann mit Benjamin Button (Alishan 2004 -inzwischen heißt dieser Tee so in Shuitang) befreunden.

Manchmal kann man mit jemandem sehr nah werden, wenn beide es zulassen. Manchmal kann man immer nur das gleiche wiederholen, bis die Zeit sich wieder ändert. Ich habe nichts zu beurteilen. In Shuitang bediene ich jeden so, wie es ist.

Dann kommen manchmal Allwissender und Künstler, die bereits alles kennen. Sie sprechen mit Dir auf einer selbstdarstellerischen Art, manchmal um Dich zu prüfen, machmal um einen Kontakt mit Dir zu schaffen – ich bemühe mich nicht zu beurteilen über diesen Menschen, nur meine Wahrnehmung zuzulassen. Auch ich kann lernen, Menschen immer weniger zu beurteilen und immer mehr sein zu lassen. Vielleicht findet man gemeinsam auf eine Ebene, wo man erneut miteinander richtig kommunizieren kann – aufeinander einzugehen anstatt von sich zu reden. Das gelingt nicht immer, aber ich kann es lernen.

Die Degustation mit Herrn Schwander vor einigen Monaten war eine einmalige Erfahrung. Das, was er mich tief im Herzen berührte, war nicht sein Können, sondern seine Persönlichkeit. Er sagte mir, je mehr er sich mit Wein beschäftigt, desto weniger versteht er ihn. Ich sagte damals zu ihm, ich habe ein großes Vorbild für meinen Weg gefunden.

Als der Mann, der in Shuitang lange verweilte, alles angeschaut und mich prüfte aus der Tür austrat, fragte ich mich, ob ich früher nicht auch so wie er mit Negativität und Selbstinszenierung in anderen Laden „begutachte“? Ich beobachte die Menschen und frage nach mir selbst. Wie war ich und wie bin ich? Wer bin ich?

Wo kann ich anfangen? Wo soll ich aufhören? Inwieweit kann man mit diesem Gegenüber tiefer gehen? Was habe ich überhaupt zu geben? Ich lerne, Menschen zu respektieren, nicht zu beurteilen. Jeder ist auf seinen eigenen Weg Richtung Glück und Erfolg. Ich bin nur einfach da, mehr nicht.

Jeden Tag ist langsam ein guter Tag.

 

Einladung zur Einweihung

Einladung zur Einweihung

Heute Nacht kann ich nicht schlafen. Was mich begleitet, ist Gedanke. Gedanke, die sich um Kreis drehen und mich nicht loslassen. Nach dem Aufstehen begleitet mich nun eine Tasse Dianhong.

Ich denke an die Einweihung und an das, was alles fertig gestellt werden muss. An die Rede, die ich wohl halten muss, an das Programm und an das Opiumbett und an seine Kissen…

Ich drucke die schönen Karte mit Vorsicht – das entspricht gar nicht meiner Natur (!) und falte sie mit großer Aufmerksamkeit (noch weniger …). Die gefragten Gäste in Shui Tang nahmen ganz vorsichtig die schöne besondere Karte entgegen. „Es ist uns eine Ehre…“ ich höre es seit zwei Tagen. Der beste Lob an Helden, die mein Text korrigierten, an Chragi und an Ursula!

Ach, diese Mühe… 

Mit H plane ich das Programm. Ich bin so dankbar, so einen tollen Mentor haben zu düfren und tolle Freunde wie Teresa, Hitomi und Christoph, die Shui Tang unterstützen und ihre Performanz präsentieren werden. 

Wie viele Leute sollen kommen? Ich wurde mit dieser Frage konfrontiert. 

Wenn es nach mir, eine Person, die durch und durch von der chinesischen Chaos-Theorie gesprägt ist, gehen sollte, würde ich sagen, so viel wie Kosmos mir schickt. Mein Mentor schüttelte seinen Kopf. Er sagte mir, wir sind hier in der Schweiz. Die Leute haben nicht gerne eng in einem Raum zusammen zu hocken. Außerdem – wie ist mit den Gläser und Tassen und dem Kulinarischen… Es muss organisiert sein, liebe Menglin!

Warum denn? Wie könnte ich jemanden wegschicken, der sich Mühe gibt und den Weg auf sich nimmt? Jeder hat doch freie Willen, nicht wahr? Wenn es einem wichtig ist, dabei zu sein, die Zusammenkunft geniessen zu wollen, dann würde er sich Mühe geben. Wenn es einen wichtiger ist, viel Raum für sich zu beanspruchen, dann würde er den Raum verlassen. Es ist doch auch durchaus in Ordnung – ich bin bestimmt nicht beleidigt. Jeder bekommt das, was er will. Warum soll ich mit meiner Hand dabei etwas steuern und blockieren? Ich hätte große Mühe, Menschen vor der Tür abzusetzen, die freiwillig kommen!

Ich respektiere die selbst manifestierten Dinge.

Warum sollte es perfekt sein? Das macht doch kein Spass.

Why not?

Es wird sich selbst manifestieren, oder? – So denke ich eigentlich immer. Man kann das Leben nicht durch und durch organisieren. Auf viele Frage bekommt man einfach keine Antwort, die sich nur durch Taten und Zusammenhänge manifestiert, anstatt mit Kopf zu klären. Außerdem ist unser Handeln meistens sehr unbewußt und von bestimmten Trieben gesteuert. Um Rästel zu „erraten“ kann man oft nur anhand den manifestierten Taten ablesen anstatt zu spekulieren.

Mein Mentor schüttelte noch einmal seinen erfahrenen Kopf. 

Also, auch wenn ich sturr bin, habe ich das Verständnis von meiner Beschränkheit und lerne Vertrauen in Menschen zu haben, die gut mit mir meinen. Also, die Einladung wird abgeschickt und die Teilnahme ist per Anmeldung organisiert. In einer perfekt funktionierten Uhrwerk-Gesellschaft wie hier, muss man weit vorraus planen. Hier geht ein anderes Denken und Handeln – ich bekomme noch meine Lektion.

Trotzdem fällt es mir schwer, herzlichen und Mühe gebenden Menschen vor der Tür stehen zu lassen. Freunde würden diese Aufgabe für mich übernehmen, sagten sie. Ich lachte katzenhaft. Mal sehen.