Archiv für den Tag 12/08/2009

Der Ort der Übung

Mein verstorbener Zenlehrer Michel sagte mir vor einem Jahr vor seinem Tod, „Stark sein ist nicht stolz sein.“ Ich dachte die Essenz seiner Worte zu verstehen.

Natascha kam unbeschwert zu mir und wollte bei mir Tee lernen. Was habe ich ihr beizubringen? Sie wollte alles lernen. Von Haltung bis zum Schmecken. Von Tee bis zum Duft. Die erste Übung, die sie bekam, war die Teegeräte zu polieren. 

Ich putzte gerade den Boden von Shuitang, der durch den Regen schmutzig wurde. Sie wollte meine Arbeit übernehmen, so dass ich die höhere geistige Arbeit machen kann. Auch wenn ich putzen hasse, weiss ich, das Putzen die beste Methode ist, den eigenen Dreck von meinem Kopf und Körper auszutragen. Ich liess sie die schönen Teegeschirr und Teedosen polieren. Eine Arbeit, die viel Konzentration und Geduld braucht. Eine Arbeit, wie man mit der Konzentration eigenen „Geist“ überall überträgt.

Die schönen Teegeschirr wurden plötzlich schöner. Natascha machte ihre Arbeit ruhig weiter und ihr Gesicht war fein und friedlich, wir sprachen nicht, weil wir plötzlich das Bedürfnis nicht mehr haben zu sprechen. Ich beobachtete das gut erzogene Mädchen, das in der Ruhe einfach ihre Aufgabe machte – mit Liebe, nicht Leidenschaft. Als Daniel seine Tochter zu mir brachte und sagte, sie würde mir im Laden helfen, habe ich es ehrlich gesagt nicht geglaubt. Man kann vieles versprechen, aber was tatsächlich geschieht ist oft eine andere Sache. Vor allem bei einem jungen Mädchen. Ich sagte nicht Nein, aber auch nicht ein klares Ja. Ich dachte, es manifestiert sich so wie so, wie es sein sollte. Wenn Shuitang es will, will es so sein.

Am vergangenen Samstag waren die kleinen Familie von Daniel bei mir. Seine Frau sagte mir, wie glücklich sie ist, zu sehen, dass Daniel mit mir befreundet ist. Er ist so glücklich, dass er sich mit Tee beschäftigt und so glücklich, als er von Taiwan zurück kam. Ich sah ihr glückliches Gesicht, weil er glücklich ist. Ich spürte die Liebe zwischen den beiden. Ich spüre das Glück, wenn einer den anderen wirklich liebt, weil er sich einfach für den anderen freut. Was für eine glückliche Familie, die vielleicht nach Aussen einfach und bieder aussehen könnte?

Natascha kam tatsächlich seit zwei Tagen. Sie zog sich kurz um und sass ganz ruhig am den langen Antik-Tisch. Patrizia war da und sie kamen sofort zu einem Gespräch. Ich versuchte die beiden zu zeigen, wie man eine Teetasse elegant in der Hand hält, ohne angespannt und nervös zu wirklich. Sie waren verblüfft begeistert. Dann kam die Irene, die mich angeblich endlich kennen lernen konnte, weil sie seit langem das Blog liest. Sie hat mir gesagt, sie ging schon paar Male an Shuitang vorbei, aber sah mich immer beschäftigt mit anderen Leute. Heute traute sie endlich die Schwelle zu überwinden. In diesem Moment war ich von ihrer Direktheit und Zuneigung sehr berührt. Ich spüre eine Art von Demuth, ein Gefühl, das meinem Leben in wahrsten Sinn des Wortes widerspiegelt. Dieser Shuitang ist von vielen vielen Menschen getragen, nicht von mir. Ich weiß, wie hilflos und schwach ich in der Wirklichkeit bin.

Aber Irene kam nicht wirklich wegen mir. Die heute frisch angekomende Jadekanne hat sie gerufen. Sie war sofort verliebt in dieser feine Kanne, die unter dem Licht leuchtend grün schimmert! Die Jadekanne will mit Irene nach Hause…

Natascha übt ihre erste Lektion mit Tee. Ich übe meine Lektion mit Leben. Das Leben ist eine Baustelle. Ich übe, stolz sein ist nicht stark sein.