Archiv für den Tag 18/02/2009

Zhangping Shuixian II

Einen Duft des Frühlings und einen Geschmack des Frühlingswindes möchte X. mir schenken. Am vergangenen Freitag erhielt ich ein kleines Paket aus Paris. Ein Abschiedsgeschenk eines langjährigen Freundes, der diese Stadt verließ. Nicht nur Abschied von dieser Stadt, sondern auch von seinem Jungentraum, von einem Kontinent und von ein Stück der eigenen Identität.

Er sagte, ich soll mich aufraffen, auch so einen Tee finden zu können, ihn in meinem Laden zu verkaufen. Aber er glaubt es mir nicht, dass ich es schaffe. Versprechen muss ich trotzdem.

Zynisch und direkt ist unsere gewöhnte Umgangsart. An der Uni fingen wir an den ersten Tag bereits zu streiten. Für irgendeine Kleinigkeit. Wir fanden es lustig und taten es weiter. Wir haben gemeinsame Hobbys – essen und trinken. Wir tranken gerne Kaffee, gerne Bier, gerne Ente, gerne Kuriositäten. Wir streiten oft, wer den besten Kaffee fand. Total kindisch. Als ich an der Strasse für die vermeintliche Demokratie kämpfte und schlechte Note hatte, belächelte er mich. Als ich heiß verliebt in einem Medizinstudent war, lachte er über mich aus. Als mein Herz gebrochen war, brachte er mich nach Jinshan zum Enteessen. Ich aß vier Entekeulen. Allein. Als ich nach Deutschland ging, ging er nach Paris. Seitdem gehen wir auf den getrennten Weg.

Als er mich in Deutschland besuchte, wollte er meine Kürbissuppe nicht essen. Lieber Pizza holen, das tat er. Ich sei nicht fraulich, meinte er und darum kann er mich gut leiden.

 

1994 brachte er mich zu den noch kleinen und unscheinbaren Laden von Frau Tseng in Paris. Er sagte, wenn Du Dich langweilst, dann mache doch auch so etwas auf. Er lachte über meinen Unitraum. Am liebsten möchte er Filmkritiker werden.

Filmkritiker ist er leider noch nicht. Paris war ein Fluchtweg für einen Stammhalter einer Oberklasse-Familie Taiwans. Wegen seiner Verpflichtung und seiner Gesundheit muss er sein Exil aufgeben.

Wie soll ein Heimkehrer, der inzwischen Fremde geworden ist, sich wieder heimlich aneignen?

Leicht verschnupft öffnete ich den klein verpackten Teebeutel. Ein Shuixian duftete unglaublich nach Frühling. Es waren Maiglöckchen, Hyazinthen und Flieder! Es war ein seltener sonniger Tag in Zürich. Eine Ankündigung von Frühling? Eine frische Brise wehte meine Haare. Ich roch den Frühling. Ein leises Flüstern eines alten Freundes, weiß Du, Du bist wie eine Blume an einem entfernten Ort. Auch über Dich strahlt die Frühlingssonne. Das Licht wird Dich hüten bis wir uns wieder sehen.

Wir gehen getrennt auf die selbst gewählten Wege. Vor der ungewissen Zukunft hilft uns nichts anders als Vertrauen. Vertrauen in Menschen, die uns von Bedeutung sind. Ich sollte ihm versprechen, dass ich nicht weniger wiege, wenn wir uns wieder sehen. Ich sollte ihm versprechen, dass ich ihn in Taipei zum besten Restaurant einlade. Ich sollte ihm versprechen, wenn er mich einmal besuchte, nie Kürbissuppe zu kochen, sondern zum Dolder einzuladen. Wenn ich mich nicht melde, weiß er, dass es mir gut geht.

Was muss er mir denn versprechen? Er wusste es nicht. Einfach gut essen und trinken, meinte er.

zpsx

Versprechen ist die Farbe der Zukunft. Versprechen ist der Bogen der Regenbogen. Ich werde ihm versprechen, wie eine Blume an einem entfernten Ort zu blühen. Entfernung ist manchmal nur eine Vorstellung. Der Bogen der Regenbogen kennt Entfernung nicht und unvorstellbar breit. Breiter als die Zeit zwischen des Wiedersehens.

Ein unglaublich schöner Shuixian, tatsächlich wie die Frühlingsblume! Schöne klare Farbe im Aufguss. So federleicht wie die Brise. Blumig, süß und elegant. Ich weiß nicht, ob ich in diesem Frühling so einen schönen Tee finden kann! Aber ich verspreche mir selbst, es zu schaffen!