Typisch schweizerisch – das schweizer Plus

Ich bin immer streitbereit. Darum habe ich auch Mühe mit diesem scheinbar friedlichen Bergvolk. Es könnte sich kaum vorstellen, dass es Schlitzaugen gibt, die nicht genügsam, anschmiegsam und gehorsam sind.

Weshalb bin ich in die Schweiz gegangen? Außer persönlichen Interesse bin ich wegen der Neugiere auf die schweizer Alchemie in das schöne Land eingereist. Die geheimnisvolle schweizer Alchemie verwandelt Heu und Kuhmilch zu Gold. Selten erreicht ein Land ohne Rohstoff den Wohlstand, den diese Alchemie bezaubert.

Das Problem ist, dass das schweizer Volk nicht an die Kraft ihrer traditionellen Alchemie glaubt, sondern an ihre eigene Leistung. Sie glauben, dass die Schweiz aufgrund ihrer Leistung ihren Wohlstand erreicht hat. Darum sind sie sehr qualitätsbewusst – Swiss Quality. Da sie sehr qualitätsbewusst sind, glauben sie mehr an den Preis als an die Ware selbst. Teuer ist besser. Billig kann nie gut sein. Die Geizkragen, die wegen paar Rappen nach Deutschland einkaufen fahren, werden moralisch als Systemverräter degradiert. Die Schweizer Butter ist besser, denn sie ist teuer. Dass viele Schweizer sich nicht gegen die deutschen unmoralischen Angeboten wehren und sogar das Herz bei den billig Discounter verlieren lassen, ist ein Dorn in vielen schweizer Augen. Nur wegen solchen gelegenlichen Fremdgehen mancher Sparschweinen könnte man in der Schweiz Flammern zur emtional geladenen Diskussion zwischen der Familie und Freunden anzünden!

Wegen dem Qualitätsbewusstsein sind die meisten Schweizer sehr sicherheitsbewusst. „Zur ihrer Sicherheit“ ist das nächste Zauberwort. „Zu Ihrer Sicherheit“ werden Schafherde zu weissen und zu schwarzen kategorisiert (hoffentlich bin ich nun nicht wegen diesem Beitrag schwarz geworden). Zu ihrer Sicherheit könnten die Stadt Zürich an jeder Hauptstrasse, die in die Stadt führen Kameras einbauen. Autos werden dokumentiert, wann, wie und wie lange sie in Zürich aufhalten. Wer bedrohlich ist oder harmlos, wird zur ihrer Sicherheit untersucht. „Zu Ihrer Sicherheit“ regt sich wohl niemand in Zürich auf, außer mir.

Das zweite Portotyp eines Schweizer ist, ein treues Mitglied der Glaubensgemeinschaft, die zweifelslos an ihre direkte Demokratie glauben. Diese Glaube ist nicht das Problem. Das Problem ist die dadurch entstandene Blindheit, die wohl an Realitätsverzehrung und fehlende Reflexion leidet. Wie oft werden die Volksinitiative tatsächlich durchgesetzt? Wie oft werden der Gegenvorschlag von der Obrigkeit siegreich angenomen? In Deutschland wird es historisch belegt, dass der Volkswille manchmal menschliche Katastrophe verursachen könnte und nicht die beste Stütze der Demokratie sein könnte. Diese Erkenntnis spielt allerdings in dieser friedlichen Bergwelt gar keine Rolle.

Schweiz.

Slogan von EM 2008. Was ist das Plus in der Schweiz, das entdeckt werden sollte?

Das ist meine Liebeserklärung zu diesem liebeswürdigen Bergvolk. Bitte versteht meine Provokation nicht falsch. Ich möchte nur den Schweizern einen „Denkanstoß“ geben wie Wolfgang Schäuble den Deutschen (vergleiche mit seiner umstrittenen Rede von Zerfall der Ordnung). Man sollte ja nichts „tabuisieren“, sondern offen reden!

Schweizer Flagge Selten schafft ein Volk, die ihr Totem so gut vermarkten kann wie die Schweizer. Als beste verkaufte Tradmarks für T-Shirts, Portmonnaie,  Messer, Hut, Pantoffel – alles, was ein Tourist als Mitbringsel oder ein Patriot als Ettikette kaufen würde.

2 Gedanken zu „Typisch schweizerisch – das schweizer Plus

  1. Suzanne

    Du hast es toll zusammengefasst, Menglin.

    Denkanstöße brauchen wir viele – auch in Deutschland, und sicher auch hier im schönen Frankreich …

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  2. Menglin

    Wer sich mit diesem Thema vertiefen möchte, könnte man bei Peter Bichsel „Des Schweizers Schweiz“ lesen (1968).
    Er antwortet auf eine Frage in einem Interview:

    – Warum verdient es die Schweiz, weiterzuexistieren?

    Bichsel: Die Frage ist sehr berechtigt. Nicht ich habe sie zu beantworten, sondern der politische Weg der Schweiz in den nächsten Jahren, der wesentlich mehr sein muss als Deklarationen und Imagepflege. Auch mir fällt es schwer, einen möglichen Untergang der Schweiz nicht als Weltuntergang zu sehen. Nur die Vernunft macht mich darauf aufmerksam, dass die Welt grösser ist. Sicher ist, dass das staatsfeindliche „Wollt ihr die totale Schweiz?“ nicht die Lösung ist. Das Experiment Schweiz ist erst 150 Jahre alt, und es ist bereits in die fatale Situation geraten, kein Experiment mehr zu sein.
    http://www.vdf.ethz.ch/service/Bichsel/vorwort.html

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