Hans Obrist in Bern

Hans Obrist in Bern

Am letzten Samstag begegnete ich den „einzigen lebenden“ swiss made Teepflanzer Hans Obrist in Bern bei Länggass Tee.

12 Jahre lang war er auf Ceylon als Teepflanzer. Es war 1950 bis 1962. Es war eine Welt nach dem Krieg. Es war eine Welt, wo Okzident und Orient noch weit auseinander lagen. Es war eine Welt des Aufbruchs. Er reiste mit dem Schiff von der Schweiz über Italien nach Ceylon. Der Abschied mit der Schweiz und den Bergen wechselte sehr schnell mit dem Schiffen ins Oszean. „Ich fühle damals sehr einsam, so dass ich das Radio ganz dicht an mein Ohr presste. Ich wollte etwas erfahren von der Welt – von dem Rest der Welt.“ Als ein weisser Mann lebte er paralle zu dem indischen Alltag seiner Arbeiter. Die Ordnung zwischen den Menschen war klar – zwischen den Rassen und zwischen den Kasten. Einsamkeit aus dem Abgeschnitten-sein von der Herkunftkultur wurde begleitet von der Konfrontation mit der Fremdheit. Fremdheit in doppelten Sinne: fremd als ein weisser, fremd als ein Mann.

Mit einfühlsamen Wörter erzählte er zurückhaltend von seiner Faszination der fremden Kultur und der fremden Weiblichkeit. Junge Pflückerin arbeiteten zwischen den Teebusch. Man sah sie nicht, man sah nur bunte Saris. Man hörte sie. Sie sangen und schwartzen. Sie waren wetterfest, aber nicht ohne Anmut. Eine junge Pflückerin namens Alagamma berührte den jungen weissen Teepflanzer mit ihrem Anmut und natürlicher Schönheit ohne selbst davon zu erfahren. Er fotograhpierte sie und ging an ihr vorbei, ohne sie zu berühren oder anzusprechen. Die Welt war in Ordnung und die Ordnung musste eingehalten werden. Seine Erzählung war poetisch und rührend, während Frau Obrist ruhig mit zuhörte und ihren Kopf nickte. Er wollte sie doch noch sehen, als er nach Jahren wieder nach Ceylon zurückkehrte. Er hätte sie fast nicht erkannt. Sie war in weisser Sarin, in Witwe-Gewand. Mager, verbraucht und alt. In dem Seufz und Nachdenken fragte er sich, wie würde sie wohl über ihn denken, wie er nun aussieht? Auch alt und hinfällig?

Sehr schnell bemerkte er ebenfalls, wie kurios seine Arbeiter bestimmte Arbeit fokusierten und bestimmte Arbeit ablehnte. Er realisierte sehr schnell, dass eine andere Weltordnung zwischen den dortigen Menschen herrschte – das Kastem-System. „Ich lernte sehr schnell ihre Sprache… die ist aber ganz anders als die Hochsprache von den in die Schweiz eingewanderten Tamilen. Auf der Plantage lernte ich die Ausdrücke wie z. B. mach´ des schnell. Bringe´das bitte.“ Diese Erfahrungen forderten ihn aus seiner eigenen Grenze hinauszugehen. Ihm ist es jedoch gelungen, seine Erlebniswelt zu erweitern. „Ceylon ist wie meine Heimat. Ich spürte in mir eine Art von Heimweh. Aber das heutige Sri Lanka ist nicht mehr der Ort, wo ich mich wohl fühle. Ich möchte nicht mehr dort leben.“

Als man ihn fragte, wie er seine Frau kennenlernte, lachte er leicht verlegend. In seinem zweiten Urlaub (als Teepflanzer konnte er nach vier Jahren Arbeit ein 6 monatiges Urlaub nehmen) in Paris, lernte er seine Frau in einem Tearoom kennen. Drei Monaten später heirateten sie und gingen gemeinsam wieder nach Ceylon. „War es nicht ungewöhnlich, dass Sie Ihren Mann nur nach 3 Monaten heirateten? War es nicht mutig, dass Sie nach Ceylon gehen wollten?“

Das war Ende 50er Jahren. Konservativ und verschlossen. Alle arbeiteten hart für den Wohlstand. Frau Obrist lachte laut, als sie diese Frage erfuhr. Als eine Schwedin zeigte sie uns weder eine Brise Kühlheit noch Distanz. Sie sagte mit einer unbeirrten Stimme: „Schweden war damals ein kleines Land. Ich wollte weg, ich wollte in die Welt gehen!“ Wenn ein Mann eine lebenshungrige junge Frau fragte, ob sie nicht mit in die weite fremde Welt zu gehen, um das Unbekannte gemeinsam zu erleben. „Ja, ich komme mit!“

Viele Teilnehmer kauften das Buch „Geschichte aus meiner Zeit als Teepflanzer in Ceylon zwischen 1950 bis 1962“ und bat Herrn Obrist um Autogramm. Ich ebenfalls.

2 Gedanken zu „Hans Obrist in Bern

  1. juerg

    Sehr schöne Veranstaltung, unterhaltend mit ihm zu sprechen, Geschichten aus einer völlig anderen Zeit (obwohl nur 50 Jahre her). Da kam ein Geist hoch, den es heute so wohl gar nicht mehr gibt. Der Geist des „guten alten“ Kolonisatoren. Abenteuer, ferne Welten, aber alles Britisch zivilisiert. Und Herr Obrist liebt seine Geschichten aus der Zeit, bloss eines war ich mir am Schluss nicht sicher: wie stark liebt er eigentlich den Tee?

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  2. Menglin

    Ich denke, dass er den Tee in seinem biographischen Kontext liebt. Als Teepflanzer ist er zwangslaufig Teetrinker geworden – wie er selbst mitteilte. Ob er ein Teeliebhaber ist, hat Herr Obrist selbst wohl nie gefragt…

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