Einfach alt – Lao Banzhang II 老班章 II

Im Netz behauptet jeder in diesen sehr heissen Pu Er Szene, der König des Pu Ers sei Lao Banzhang.
Für mich ist er einfach alt.
Auf der Reise scherzten wir gerne im Bus über das Alter. Viele behaupteten, sie könnten das Alter der asiatischen Frauen nicht einschätzen. Wie alt sollte meine Schwester sein und wie alt soll ich denn sein? Yvonne stoppte mich immer die Wahrheit zu erzählen. Ich lachte immer nur im Microfon, ich sei bereits sehr alt und meine Schwester, die wie 20jährige aussehe, sei bereits weit entfernt von dem geschätzen Alter.
Es ist schon komisch, dass das Alter ein Problem sein kann.
Auch die Teebäume in Banzhang sind ein Problem, weil sie zu alt sind. Beziehungsweise, ihr Alter macht sie kostbar und dann diese Kostbarkeiten verursacht Gier.
You erzählte mir gestern im Viber, dass man vor dem Dorf Banzhang zwei Schranke macht. Diese Massnahme sollte von aussen geschmuggelten Pflückgut verhindern. „Klappt es?“ „Wenn man daran glaubt. Das Beste ist, dass ich selbst die Teebäume pflücke und den Tee produziere.“
„Wie beschreibst Du denn diesen Tee?“ „….“
Dann sagte er auf einmal nach dem Schweigen. „Man sagte, er hat die Energie eines Tyrann (o. Starker Herrscher) – Ba Qi 霸氣.“
霸氣 Ba Qi! Ein Zauberwort in heutigen China. Eine Energie und Ausstrahlung, die man heute in China haben will und die man bei so genannten erfolgreichen Persönlichkeit messen will. Eine Ausstrahlung des starken Herrschers – ach! Was hat diese Ausstrahlung in einer demokratischen Zeit zu suchen? Aber China, was hat die Domekratie dort zu suchen?
Aber moment!! Moment! Was hat die Ausstrahlung eines starken Herrschers bei Tee zu suchen? Ich distanzierte mich. You distanzierte sich. Wir seufzten.
Ich kenne diesen Mann nicht gut. Das Schönste des Nicht-gut-kennen ist, dass wir in der Ruhe den Tee wortlos austauschen können.
„Das ist einfach ein sehr alter Tee.“ sagte ich.
In dieser farbhaften Welt, wo wir uns wegen Liebe und Glück stets bewegen, wo wir Stärke und Stolz verwechseln, wo wir Innen und Aussen nicht mehr begrenzen, suche und baue ich, einen Ruhepunkt. Tee ist einer diesen Punkte. Was hat eine starke Herrscher Energie hier zu suchen?
Aber. Was hat überhaupt die Ruhe bei Menschen zu wirken, die nach Erfolge und Reichtum schreien?
Ja. Einmal gehe ich zu meinen Altgenossen besuchen, versprach ich You gestern. Zeitangabe spielt keine Rolle.
Jedes Jahr treibt die Knospe in den fernen Bergen. Die alte Bäume (Gushu 古樹) kümmern sich nicht um die Höhe und Tiefe seiner Mitmenschen. Flut und Ebbe – egal wie die Menschheit sich selbst immer wieder neu erfindet. Die grossartigen Lebewesen laufen ihre eigene Bahne, ruhig und bestimmt. Manche sind stark und ausbreitend. Manche schlank und konzentriert. Was haben sie noch nie gesehen?
Das, was sie meistens sehen, ist das Sein zwischen Wolken und Wasser.
Es ist schön, wenn man/es alt genug wird.

Alt Banzhang 老班章(Lao Banzhang) 2011

Vor meiner Reise erzählte You von einem Wald. „Du wirst hier sehr glücklich sein.“
Ich bin hier glücklich vor meinem Computer, erwiderte ich. Er lächelte im Viber.
Glück, was für ein Modewort?
Aber diese Fladen sollte aus diesem sehr glücklichen Wald kommen.
Ich hatte zu wenig Zeit vor meiner Abreise. Irgendwie goss ich in der Eile diesen Tee auf und der Geschmack erinnerte mich an einem charaktervollen Pu Er und das Echo? Breit und weit. Aber diese Breite und Weite haben keine besondere Bedeutung in einem gehektischen Alltag. Neben dem schnell zu packendem Gepäck waren noch viele viele Laster, die mich nur noch beweglicher bewegten.
Als wir endlich unsere Vegi-Freunde in dem Bergen von Shuili bei Nantou glücklich machen konnten, waren wir von einem Obstgarten und Bergen umgebend. Es war wunderschön! Und das Gericht, das bekannte Pflaumen-Bankett sein sollte, war Servela und Chicken-Nuggets. Ich war sauer und verweigerte den vollen Restaurant-Betrag zu bezahlen. Der Busfahrer wollte seine Idee durchsetzen und uns woanders hinbringen. Mein Lehrer Atong war am überlegen. Ich schrie laut und insisterte, „Wir wollten zu dem Hängebrücke!!!“ Der Busfahrer wollte noch einmal woanders hin und ich sagte noch einmal, wo ich hin wollte.
Dann liefen wir zum Hängebrücke.
Ich liebte Hängebrücke. Ein Ort der Zwischenort. So ähnlich wie eine Insel.
Mit paar Leuten liefen wir zu schnell und dann rief Atong: „Menglin, Menglin!“
„Hou!“ ich rannte zu dem Ruf.
Ich rannte.
Dann waren sie neben viele Teebuschen neben dem Brücke. Ein Herr voller Stolz. So viel Stolz braucht eigentlich ein Mensch gar nicht. Er machte vor mir Bemerkungen zu meinem Lehrer, wie schnell er auch alterte und unbeweglich wurde. Atong stimmte zu, wie alt und unbeweglich er wurde. Diese beiden alternden Herrn streichelten die Teebuschen, die ganz anders aussehen als die, die wir auf der Reise begegnen. „Sie sind die Ureinwohner der Teebäume in Taiwan.“ Sie kommen aus dem tiefen Bergen Taiwans. Plötzlich dachte ich an dem legendären Ort, wo Holländer früher in Taiwan Wilde Teebäume entdeckten – es war Shui Lian Sha! Ja, wir sind jetzt wieder dort, in Shui Lian Sha. Wie kann dieser Tee schmecken? Der stolze Herr sagte, er mache aus ihm Wulong und roten Tee. „Gibt es etwas zu probieren?“ Er schüttelte seinen Kopf. Atong wollte gleich aufbrechen. Mehr gesellschaftliche Floskel muss man nicht mehr wechseln…

Irgendwann waren wir alle bei You. Alle wollten den Lao Banzhang 老班章kaufen! You hat die letzten 6 Stapel schon vor meiner Abreise für mich reserviert, weil er überzeugt ist, ich würde diesen Wald lieben.
Ich sass neben ihm und umgebend von vielen guten Freunde des Tees. Bei uns herrschte eine Art von Ruhe, als ob diese Ruhe aus diesem Wald zu uns den den Tisch wehte. Die Vielschichtigkeit und das Echo aus dem tiefen Wald! „Wie alt sind diese Bäume?“ „Sehr alt.“ Ich brauche keine Zahl. Das Süsse der Frühlingsknospe und das Echo des Tees, das direkt an meinem Kopf und Füsse erreichte, versetzten mich in jenen Wald. Ich schloss meine Augen und sahe, als ob die Blumen in meinen Füssen atmen würden und ich dem Baum würde. So alt und vieles vieles gesehen und erlebt. Mit so vielen Höhen und Tiefen immer noch ganz treu auf dieser Erde stehend blickt der Baum zu Sonne!
Lao Banzhan, aus einem Dort namens Banzhang in Bergen Yunnans zwischen Bulang-Shan und Hekai-Shan, ist im Moment der superlative Pu Er-Fladen – genau wegen diesem Wald. Der Preis ist erschrecklich kostbar.
Dieser Tee sei der König!
Für mich ist er einfach alt.
„Willst Du einmal mitkommen?“
Einmal. Ja.
Die Worte dieses stolzen Herrn in Shuili lauteten noch an meinen Ohren: “ Es gibt noch viele viele wilde alte Bäume auf dieser Insel. In einem Wald an einem Ort.“
Da ich diesen Ort an besten nicht erfahren sollte, damit diese Bäume so alt werden können wie sie werden sollen, pflückte ich ganz unauffällig paar Samen von seinen Schützlinge aus den tiefen Bergen. Patrick sagte, er würde gerne in Einsiedeln Tee beheimaten. Ich nehme die Samen mit in die Schweiz.

Grenzerfahrungen

Ich suche einen bequemen Ort an meinen schönen Sofa.
Und goss einen schönen Tee.
Dann geniesse ich die Liebe.
Die Liebe ohne Objekt.

Als Zhou Yu für unsere Leute in Wistariahaus kalligrahpiert, wollten paar Leute das Thema Liebe ansprechen. Er schrieb, 在茶醉中戀愛 im Teerausch sich zu verlieben. Liebe im Teerausch.
Vielleicht wollte er damit sagen, dass man sich im Tee begegnen kann, so wie man schon lange ersehnt hat. Oder besser gesagt, dass der Rausch im Tee die Liebe erst in eine andere Dimension öffenen kann. Vielleicht.
Am vergangen Dienstag bin ich jemanden begegnet. Obwohl ich diesen Menschen nicht kannte. Er wurde von einem Freund gebracht. Nur die paar Minuten am Teetisch dachte ich manchmal, ihn seit geraumter Zeit gekannt zu sein. Teetrinken an einem schönen Ort, auf einem Stuhl, ohne Worte die Schönheit des Tees zu lauschen. Das war Momente im Rausch. Im klaren stilen Rausch. Und als die Zeit kam, ging man wieder auf die getrennten Wege.
Nach der Reise gibt es vieles aufzuräumen. Ich meine nicht in materiellen Sinne. Ich meine in meinem Herzen.
Ich sahe viele Grenzerfahrungen. Es ist schmerzhaft zu erfahren, dass Weisheiten manchmal nicht dazu dient, andere Menschen fröhlich zu machen. Es ist weise, die Dinge so passieren zu lassen und die Dinge so zu sehen, wie sie sind – und zu akzeptieren. Es ist schmerzhaft zu erfahren, aber sehr befreiend, dass ich nur mich selbst trage und tragen kann. Da meine Gesundheit sehr geschwächt war, war ich nur in der Lage auf mich selbst aufzupassen. In dieser Situation bekam ich die Chance zu sehen, wie unterschiedlich Menschen von mir erwarten und wie verschieden sie auch reagieren. Wenn man nicht getragen wird, wird man auf sich selbst geworfen. Was passiert dann?
Ich möchte lernen, die beste Freundin von meinem selbst zu sein und nicht die beste Freundin des anderen zu funktionieren!

Meine Erfahrungen gehören mir und Deine Deins.
Steffi schrieb mir paar schönen Zeile über ihre Tage nach dem Rückkehr.

Der Kulturschock fand eher in mir drinnen statt. Ich war total
ausgeglichen und noch berauscht von den guten Tees und dem guten Essen
was wir genießen durften. Auch von so vielen Leuten umgeben zu sein, die
meine Freude teilten war ein sehr schönes Gefühl.

Als ich hier ankam (zuerst noch ein paar Tage in Köln), mit meinen
Gedanken noch in Taiwan, wurde mir schlagartig bewusst, dass ich mich
wieder in Europa befinde, eine Heimat für viele
„Tee-Entwicklungsländer“. Die Menschen, die meine Liebe zum Tee teilen,
waren aufeinmal wieder überall verstreut und mein neues Teekanne, die
leicht für 4 Leute reicht wirkte aufeinmal so groß im Vergleich zu der
Anzahl der Menschen die den Tee mit mir teilen wollten.

…und die Geschmackspalette des Essens hat sich verändert!

Dann kam Gabi und wir hatten einiges miteinander zu reden. Sie sagte, dass sie mich auf einmal verstand. Sie kam in Zürich an, in Bellevue. Plötzlich kam die Stadt Zürich ihr so KLEIN vor. Plötzlich kam ihre Vierwände so winzig vor. Plötzlich macht nur das Brot ihren Bauch Blähungen. Die Menschen, die sie in Taiwan begegneten, waren solche Persönlichkeiten, die in ihrem Umfeld Zürichs selten zu treffen sind – breit und weit….

An diesen farbhaften Herbstag, der sogar eine Stunde länger dauert, fühle ich mich in einer Tasse Tee – glücklich.
Ich muss jetzt nicht mehr dort hin schauen, wo ich nicht war und nicht bin. Sondern hier wo ich jetzt sitze.

Der Besuch bei Meister Hsu Chao Chung

Patrick schickte mir ein Link über den Porzellan Meister Hasu Chao Chung.

http://www.boonbot.com/blogs/sander/2010/03/18/Yingge-Pottery-Class.aspx

Unser Besuch sah auch fast so aus. Uns wartete nicht nur der Meister, sondern auch sein Herz, mit Ihnen das frisch gebrannte Ofen gemeinsam zu öffnen! Wir waren überrascht und beeindrückt von dem Moment, als ein Schatzkammer vor uns offenbarte.
Eigentlich wollte wir nur 30 Minuten bei ihm bleiben, aber es wurde fast 2 Stunde.
Für jeden Teilnehmer hat er eine Ry-Schale in einem schönen Stofftaschen eingewickelt geschenkt – nur ich habe es nicht erhalten – dafür war ich so unverschämt, seine „fast-perfekte“ dünnhäutige weisse Schale zu ergattern.

Danach gingen wir zu seinem Geschäft in Yingge und überfiellen der Verkäuferin.

Ich sollte gehen.

Ich sollte gehen.

頻相顧
餘歡未盡
欲去且留連
秦觀
Ich sollte gehen, blicke aber zurück.
Die Freude sollte schon längst vergangen sein, bleibt aber zurück.
Ich sollte gehen.
Meine Schritte schreiten nicht.
Qin Guan (1049-1100), Song Dynastie China

Eigentlich ist mein Wesen nach Yijing (oder I-Ching) ein Kun-Gua . Das Hexagramme symbolisiert etwas wie Mutter-Erde und ist das Sanfste und Geschmeidigste. Ich lebe aber wie das Feuer, zerstörerisch und brennend wie die Sonne im Sommer. Wer bin ich denn?
Wegen dem Besuch von Langnasen wurde das Büro von Atong richtig aufgeräumt. Ein Platz blieb verschont – das ist sein Schreibtisch. Ich bot ihm an, diesen Tisch aufzuräumen. Er lächelte ohne ein Wort zu versprechen.
Bei dem Aufräumen wurde paar vergessene Säcke wieder gefunden.
Diese wiedergefundenen Säcke schauten mich immer wieder an.
Bevor ich mich endlich verabschiedete, ging ich noch paar Male das Büro herum. Ich solle gehen, meine Schritte bleiben aber zurück.
Als ich am letzten Tag kam sass Onkel Chung am Teetisch. Es war eine seltene Angelegenheit. Vor dieser Person zeigte ich stets ein grosses Respekt. Ich habe Respekt vor Menschen, die im Hintergrund seine Arbeit gut tue und der Bühne anderen Menschen überlassen. Es muss eine Grösse sein, die es ermöglicht.
Onkel Chung bereitete in seiner Ruhe eine Tasse Tee. Eine Tasse von Sanfheit und Schönheit. So schön wie eine anmutige Frau, die zu Dir im Garten neben den Rosenhecken lächelt. „Kennen ich ihn?“ fragte ich. Atong sagte, er habe mir vor paar Tagen bereit gezeigt. „Er ist aber heute anders.“ insistierte ich. „Es ist heute jemand anders.“ erwiderte er. Der Tee ist heute anders, so anders wie Onkel Chung.
Er sollte ein Wulong sein – ein Qingxin Wulong. Unweit von Mingjian, seine Knospe wurde im Frühling von Zikaden befallen. Was haben die Zikaden dabei gedacht? Der Garten war fast verwildert und die jungen Blätter boten den Zikaden ein heimliches Atmosphäre!
Noch einmal genoss ich die sanfte schöne Qingxin Schönheit. So fruchtig wie Lychee, so süss wie Nektar. Der Aufguss schmeichelte meine Kehle, sanft und liebvoll. Was für einen Tee, was für eine Person.
Ist der Tee wie ein Spiegel der Person, die ihn zubereitet? Dann möchte ich diesen Tee morgen zubereiten. Daran möchte ich mich an mein von Schicksal vorbestimmtes Wesen erinnern – ein Wesen von Mutter-Erde, sanft, empfangend und anmutig.
Ich sollte gehen.
Nun bin ich tatsächlich gegangen.
Mein Blick bleibt aber zurück.

Meine vergangene Reise wegen Tee

Ich schreibe hier sehr bewusst von meiner Reise anstatt von unserer Reise. Ich reiste zwar mit 24 anderen gemeinsam unterwegs, aber die wirkliche Reise reise ich mit mir selbst allein.
Vor Abreise sagte Alex zu mir, als er von den 24 Teilnehmern Zahl erfuhr: „was! 24 Personen! Das ist ja Tui-Nievau!“
Wie kommen überhaupt 24 Leute zusammen? Es ist mir bis heute ein Rätsel! Ich erzählte es kaum im Shui Tang. Es gab kein Flyer, keine Werbung und keine Veröffentlichung im Internet. Aber scheinbar ist es ganz dringend im Europa, an solche Veranstaltung teilzunehmen. Ich war so überrascht von der Ressonanz. Nach dem Abschluss der Anmeldungen kamen noch viele Anfragen. Wie viele Reisegruppe hätte ich denn mitnehmen sollen?
Ich dachte es sei ganz einfach. Aber mein Körper spiegelte meiner unbewussten Nervösität. Ich konnte mich nicht erholen und schlief paar Tage nicht. Mein Herz war so schwach, dass ich Angst bekam, dass ich diese Reise nicht mehr überlebe. „Mama, ich überlebe es nicht. “ weinend sagte ich zu meiner Mutter. Meine Mutter streichelte mein Gesicht und versuchte mich zu beruhigen „Gehe Zazen sitzen.“ Ich konnte nicht Zazen üben, aber versuchte mit meinem Unterbewusstsein Kontakt zu schaffen. Ich sah, dass ich plötzlich in einem dunklen Raum befand. Ach, ist es der Zwischenort, wenn man stirbt? Bin ich bereits tot? Ich habe Angst vor Tod und was mache ich jetzt? Gehe ich weiter oder werde ich abgeholt? Ich schaute voller Zweifel um mich herum. Plötzlich kam eine Stimme zu mir: „Hey! Was machst Du hier!“ „Ich bin tot.“ „Nein, Du bist an einem falschen Ort. Gehe weg!Deine Zeit ist noch nicht gekommen!“ „Aber ich bin tot.“ „Gehe weg! Du hast noch viele Dinge zu erledigen. Du kannst gar nicht tot sein!! Gehe weg!“ Achso! Ich kann noch gar nicht sterben! Ich habe noch so viele vor mir… Dann kehrte ich zurück. Dieser Rückkehr gab mir plötzlich so viel Kraft, dass es mir bewusst wurde – alls das, was passiert ist das, was passieren soll. Und es ist gut so.
In dieser Klarheit ging ich auf die Reise.
Die Gruppe war witzig und aufheiternd. Das einzige Problem für mich war der richtige Umgang mit den Vegetariar. Für mich sind Fleischfresser und Pflanzenessen gleich. Aber für viele leider nicht. Manche fühlen sich besser als die anderen und bestehen auf eine Vorstellung von Reinheit, was manchmal sehr militant ausgedrückt wird. Nach paar Tagen Anstrengungen sagte Atong zu mir: „Du muss nächstes Mal klar abmachen. Es ist eine Reise von Tee und gutem Essen. Für die militanten Vegetariar ist diese Reise nicht geeignet.“ Diese Klarheit war bitter zu erfahren.
Mich haben diese Dinge recht viel Energie gekostet. Manche Teilnehmer standen mir sehr nah, aber sie hatten Kulturschocks – auch wenn sie es nicht zugeben. Sie übten Ansprüche aus und hatten Missverständnis. Ich habe mich oft gefragt, für was gehen wir nach Taiwan? Für Tee oder für eine komfortable unterhaltsame Reise? Ja, sie sollen eigentlich zu Tui gehen sollen.
Unsere deutsche Teilnehmer haben sehr viel Sympathie geerntet. Atong und Akuan fragten sich, warum die Schweizer so leise sind. Wir hörten immer nur von Deutschen reden und lachen. Ich ging sehr gerne mit den „Deutschen“ Bier trinken. Das heiterte mich unglaublich auf. Die Bierstunde würde ich nie vergessen! Werner hat meinen Rücken immer gestärkt. Ich danke ihm für seine moralische Unterstützung!
Eigentlich ist es nicht, dass Schweizer weniger lustig sind. Sie brauchen einfach mehr Zeit. Diese direkte Art von Deutschen kann manchmal unangenehm ankommen – es ist immer je nachdem wie und wann.
Die deutsche Gruppe schenkte mir am Ende ein Schachtel von taiwanesicher Köstlichkeit. Es war ein grosser Trost für mich.
Wir haben unglaublich viel gelernt, aber auch viel gelacht. Eine unvergessliche Reise.
Unsere deutsche Gruppe schlug mir vor, wenn ich wieder so eine Reise organisieren möchte, sollte es unbedingt eine Vortest geben. Was soll dabei getestet sein? Esstest – man sollte in der Lager sein, Dinge zu essen, ohne nachzufragen. Atongs Witztest – seine Witze könnten einen Eurozentristen kränken. Schlafmangel-test – überall schlafen zu können oder gar nicht schlafen müssen.
Wenn ich jemals wieder so eine Reise mache, dann sage ich von Anfang an: eine sehr unbequeme und anstrengende Reise begleitet von einer temperatmentvollen Reiseleiterin plus einen Lehrer der europäischen Konzepte durcheinander bringt. Ob jemand mitkommen wird?

Shenxian Cha – ein göttlicher Tee

Shenxian Cha - ein göttlicher Tee

Zhou Yu war sehr glücklich. Dieser Austausch zwischen ihm und unserer Gruppe hat ihm sichtbar berüht. Er bat mich noch einmal zu kommen – allein. Er wollte mit mir sprechen.
Ich erzählte immer Atong von den Dinge, die ich tue. Dann erzählte ich ihm wieder, was ich erlebe – egal ob es ihm gefällt oder nicht.
Es war noch nicht drei. Meine Gesundheit war nicht in einem guten Zustand. Mein Herz schlug gerade 60 Male pro Minuten. Ich kam recht früh. Die Damen wussten von meinem Besuch. Sehr schnell kam eine Tasse Wulong – ehrlich gesagt, ich kann wirklich nicht mehr jeden servierten Wulong trinken. Ich wartete, gerne ohne Ziel.
Er überreichte mir eine Dose Tee, ein unverkäuflicher Tee aus den 50er Jahren. „Für Dich. Du bist ein Teeliebhaberin.“ Ich wollte etwas Bescheidenes sagen. Er stoppte mich mit der Hand. „Lass Dich überraschen.“ Ja, ich lasse mich immer gerne überraschen.
„Ich möchte mit Dir ein paar Tees trinken und du sagst mir, was Du spürst.“ Er holte die wunderbaren Silber-Geschirr hervor und bereitete uns einen hervorragenden Qizi-Bing aus den 70er Jahren: Xiao huang Yin. Was hätte ich sagen sollen? Sprachlos teilten wir eine Tasse nach einer anderen. Der glänzende dunkle Aufguss offenbarte uns eine Geschichte dieses Tees. Einwandfrei gelagert, eine aus den alten Baumstamm erzeugte Fladen. Ich nickte und ein Wort wäre dabei überflüssig gewesen. Der Tee kommunizierte mit Menschen. Wir sind ineinander geflossen, seine Geschichte und seine Temperament wurden vertraut. Stark, direkt und schlagfertig. Die Reife verwandelte ihn aus der Wildheit zur aufrichtigen Präsenz. Werde ich jemals ihn wieder erkennen? Ich speicherte ihn mit seinem Gerüche, seinem Töne und seine Farbe. Ich werde Dich immer wieder erkennen!
Dann holte er einen neuen Tee. Er sagte nicht viel dazu, bloss, dass dieser Tee ein Dancong – eine Partie aus einem einzigen Baum, und aus Yiwu stammt. Er gab mir die Tasse. Ich roch und trank. Ach! wie soll ich denn es erzählen?
„Es ist, als ob ich mich zwischen Wolken und Nebel befinde. Als ob ich Feder werde. Ich spüre eine Leichtigkeit wie Feder. So leicht, als ob ich eine Gottheit werde…“ich konnte nichts anders als meine Unsicherheit ausdrücken anstatt es zu verleugnen. Was hätte ich vor so einer Persönlichkeit verstecken sollen?
Er schaute mich nicht an. Er guckte woanders hin – sehr weit und sehr fokuslos. „Ja, weiss Du, dieser Baum atmet seit bereits 1200 Jahren!“
Der Aufguss war so weich wie Seide. Er war so leicht wie Feder. Sein Duft war so zart wie die Blüte eines Orchidee. Er war scheinbar mild, hat gewisse Etwas. Er war irgendwie stark, aber doch so geschmeidig wie das Wasser!
Einen göttlichen Tee nannten wir ihm.
Er erzählte mir weiter von diesem Mann, der wie ein Verrückte nach Yunnan geht und solche Tees sucht und macht. War er ein Teeliebhaber? Zhou Yu lachte. Dieser Mann war wie ich ein Kaffeeliebhaber! Aber auch als ein Kaffee-Liebhaber kann Pu-Er Rausch auch nicht widerstehen!

Mein Lehrer

Mein Lehrer

Ja, ich bin wieder da. In einer herbstlichen Stimmung kam ich an. Die scheinende Sonne kündigt ein gutes Zeichen. Vor mir liegt wieder ein Berg voller Arbeit – ich sage mir, nein, ich falle nicht wieder in mein altes Muster hinein. Ich habe Zeit.
Wir hatten nicht nur sehr lehrreiche schöne Tage mit meinem Lehrer Atong, sondern auch einen wunderbaren Vormittag mit Zhou Yu.
Zhou Yu gab uns einen perfekten Vortrag, der uns einen zusammenhängenden Hintergrund von chinesischen Philosophie und Tee veranschaulicht. Unsere Leute waren nicht nur zutiefst berührt von seiner Haltung als ein chinesicher Intellektueller, sondern auch von einem einfachen Teemensch.
Atong und Zhou Yu scheinen sehr verschieden zu sein. Einer ist ein wirklicher Teemensch, der per Hand und Füsse für Tee lebt, der anderer, ein sentimentaler Denker, der unausweichlich seine Kritik stets ausübt, wenn es um die Verantwortung eines chinesischen Intellektuellen handelt. Ich habe beide Elemente in mir. Es ist einfach so. Aber mein Leher ist Atong. Zu Zhou Yu rufe ich sehr höflich „Zhou Laoshi.“ Er ist ein wahrer Meister.
Was haben sie dann gemeinsam?
Sie leben ihr eigenes Leben. Sie kümmern sich selten um die Vorstellung und Kategorien des Anderen. Zhou Yu bekam sehr gute Schokolade. Da er es sehr gerne isst, packte er sofort das Schachtel und schob gleich ein Stück in seinen Mund, „Fein…“ sagte er. Ohne ein Wimper zu zucken ass er weiter.
Zu unserer Gruppe sagte ich, dass die Socken für den Tatami-Raum obligatorisch ist. Ich wollte, dass unsere Leute Respekt haben und mit einem Demut kommen. Dieses Demut kam sehr gut an. Wir waren sehr ruhig und bei uns selbst. Diese Atmosphäre spürte Zhou Yu und lobte das gute Niveau von uns. Stefanie sagte zu ihm, dass sie extra ihr Sonntagssocken anhatte. Er lachte und wollte unbedingt die schönen Socken anschauen. Diese spontane Frage brachte uns allen zu lachen. Ja, das neugierige Kind in einem Teemenschen macht es aus, wie und ob man sich weiter entwickeln kann!
Zum Schluss schenkte er jedem von uns seine eigene Kalligraphie. Jeder dufte zu ihm gehen und eine zu sich bezogene Kalligraphie wünschen. Die Gruppe war so glücklich, die Stimmung war unglaublich high. Wir spazierten durch den Park Da-An-Gong-Yuan. Herrlicher Herbst begleitet uns auf den Weg.
Ein Beitrag von Werner über den Besuch bei Zhou Yu könnte man unter
http://www.teahouse.de/tee-blog
lesen – ein anderes Aspekt des Geschehens zu erfahren.