Heimkehrer

X-Male wurde ich gefragt, warum ich in Zürich bin.
X-Male wurde ich gefragt, warum ich Tee mache.
X-Male wurde ich gefragt, warum ich nach Europa kam.
Irgendeinen Grund finde ich immer diese Frage zu beantworten.

Meine Eltern haben mich nie diese Frage gestellt.
Meine Eltern wissen nie, was ich hier mache.
Wenn sie mich tatsächlich fragen, weiss ich nicht, was zu sagen.

Als ich zum ersten Mal in Brüssel Cha No Yu sah, erfuhr ich ein glückliches Gefühl. Ein Glücksgefühl wie zu Hause angekommen zu sein. Ein Gefühl, wo man zugehörig ist, ein Vertrauen, dass man so sein kann wie man ist. Auch wenn meine Füsse stets während der Temae schreien, bin ich glücklich, wenn ich mich wie das Wasser mit dem Rythmus wie Meeresbrandung im Raum bewege.
Das Zuhause war nicht immer geborgen. Nicht geborgen, weil man dort zu etwas erwartet wird. Nicht geborgen, weil man aus einer Tradition stammt, die einem Wünschbild seinem Leben prägt und man stets das Gefühl hat, es nicht gerecht zu werden und sich wie ein Versager fühlt.
Jean kam wie viele andere junge Studenten aus Taiwan gerne zu mir und unterhielt sich über das Leben nach ihrem Abschluss. Wohin geht es weiter? Der Heimweg scheint unendlich weit zu sein. Ist es normal, fragte sie mich? Ich tröste sie, dass sie nicht allein ist. Jedesmal wenn ich ins Flugzeug steigt, überkommt mir wieder das Gefühl, ein Versager zu sein. Versager – weil man die geliebten Menschen daheim enttäuscht.
Gestern Abend sass ich mit Sara zusammen in Zazen. Ich war sehr müde, wollte unbedingt die Zeit in mich selbst investieren. In der Müdigkeit wurde plötzlich aufeinmal alles sehr präsent – die Geschichte der Mauer in dieser sehr alten Stadt. Diese dicke Mauer, die oft keinen Empfang von Handy verursacht, vermag die Menschen auf eine ganz andere Art miteinander zu kommunizieren. Es ist wie ein Zeitloch.
Die blutigen und willkürlichen Kämpfe um die so genannte Wahrheit und Machtausübung der Zunftleuten verflochen zusammen zu einem schmerzhaften Erinnerungsnetz, was durch die Mauer zu Sparche kam. Es war die Geschichte dieser reichen Bankenstatd, die nun einmal mein Zuhause geworden ist.

Was steckt hinter dieser Mauer?
Was steckt hinter dieser Fassade dieses Reichtums?
Warum bin ich hier gelandet?
Nach dem Zazen erzählte Sara mir, dass die Sehnsucht von Zuhause in jedem Menschen steckt. Das wahre Zuhause ist nicht mehr an einem Ort fest zu binden. Sie hat das Gefühl, dass sie geboren wurde, um Menschen zu begleiten nach Hause zu gehen. Deshalb studiert sie C.G.Jung und ist hier in Zürich.
Neben dieser dicken Mauer war es mir klar, dass das Zuhause keine Vorstellung und keine Idee ist, sondern ein tiefes Gefühl von der Verwurzelung, wo man hingehört.
Vielleicht ist man geboren, weil man eine Vision und einen Traum hat zu vollenden. Durch diesen Traum oder Vision ist man gebunden mit den Weggefährten, die gemeinsam es zur Vollendung bringen. Das Leben gehört uns sehr wahrscheinlich nicht alleine, nur der begrenzte Körper, den wir mit Liebe pflegen müssen.
Sara erzählte mir weiter, dass der Wünsch nach Hause oft Mitte im Leben immer stärker zur Sprache kommt. Das kann so heftig für viele Menschen sein, weil sie sich von ihrem geplanten Leben verabschieden müssen, um nach Hause zu gehen.

Das Leben ist wie ein Fluss, wir wissen nie wie es weiter geht.
Jean umarmte mich als sie wieder zum Schreibtisch ging. „Schwester“ sie sagen alle zu mir so, „es ist so schön ein Zuhause in Zürich zu haben. So ein warmer Ort!“
Ich sehe Menschen kommen und gehen. Niemand kann niemanden aufhalten. Nach Zürich wollte ich schon immer, ich wusste bloss nicht. Wie es weiter geht, weiss ich auch nicht. Das einzige, was ich weiss, ist das, dass ich hier etwas zu tun habe. Einen Garten in mitten dieser Stadt, wo die Schönheit des Lebens zerebriert wird, anzulegen. Hier werden Menschen, die sich zugehörig fühlen, zusammengeführt und es zur Vollendung zu bringen. Keiner weiss warum. Dieser Garten ist jetzt der Tee.

Ein schmaler Weg

Es sind zwei Jahre vergangen.
Alexander schrieb mir am Mittwoch ein SMS, dass ein Typ in seiner kurzen Anwesentheit in Shui Tang nach mir suchte. Gedanke habe ich keins gemacht. Es ist ein Stück meines Alltags.
Als er heute ins Shuitang eintraf und wieder seinen Platz aufsuchte, wusste ich sofort, dass er es ist. „How are you!“ Es war Aufrufszeichen, kein Fragezeichen. „Ich need my tea, Doctor!“ Er sagte, die Tees haben ihn zwei Jahre lang begleitet, einen Prozess durchgelaufen, vieles losgelassen und vieles verändert. Er kam gerade aus Indien zurück.
Genau wie vor zwei Jahren an einem herbtlichen Tag sass er an seinen Platz, wo er nach ein Schluch Pu Er Grenztee eingeschlafen hat. Er sagte mir, dass er sich noch genau erinnern kann, was ich ihm in jenem Moment gesagt habe, „Now you are at home…“
Mein Besucher kam nicht wegen Tee, er hat vieles vieles im Gepäck. Zwischen London und Cairo lebt er, zwischen Gestern und heute lebt er, nur keine Zukunft. „Where is my way?“ fragte er mich am Teetisch. Woher soll ich denn wissen, wo sein weg geht? Ich antwortete, dass ich eine Verkäuferin sei und verkaufe nur Tee. „But, why are you sure that you get right tea for right people?“
Ich weiss nicht, ob ich wirklich den richtigen Tee für die richtige Person auswähle. Das ist bloss eine Einbildung. Aber es ist mir klar, dass es ein Unterschied gibt zwischen Denken und Fühlen. Ich sass vor ihm, dachte nicht, fühlte nur. „We can learn to feel, instead to think.“ „And why you are sure, this is the way?“ Ich zuckte mein Schulter, woher sollte ich denn es wissen? Wir wissen alle nicht, wie es weiter geht! Seine verzweifelte Augen erzählten mir viele Geschichte in seiner Vergangenheit, sehr wahrscheinlich geplagt von Erwartungen und Vorstellung des anderen, wie er sein Leben leben sollte. Ich kenne es nur zu gut. Was haben wir as Menschen in dieser Welt zu verlieren? Geld gehört uns nicht. Das Haus auch nicht. Der Partner hat sein eigenes Leben. Der Körper hat eine begrenzte Dauer. Was haben wir wirklich, was wir tatsächlich as Menschen haben? „As a humen beiing – we have only the chance to believe and to love.“ Dann fragte er mich, was Liebe und Vertrauen sein sollten. Ich weiss es auch nicht. Liebe ist für mich, an die Person zu glauben, die wir lieben, eine richtige Entscheidung für sich treffen zu können, ihr den Raum zu geben, zu gehen. Vertrauen kann man lernen, indem man einfach auf den Weg geht und sich auf alles freut, was man begegnen kann. Ich weiss nicht, ob ich etwas richtiges mache oder nicht. Ich lerne einfach zu vertrauen in das, was ich tue. Ob die anderen es gut finden oder nicht, ist ihre Freiheit. Ach, was haben wir denn eine andere Wahl?
Dann kam Alexander. Es war eine interessante Kombination. Sie fingen an über den Brücke zwischen Spiritualität und Materialismus zu diskutieren. Ich hörte es mit Vergnügen an. Es musste sein, dass sie sich kennen lernten. Dann kam noch der Tämer. Geschichte entstehen.
Dann begann der Araber sein Einkauf. Genau so wie ich von meinen Onkels kenne, kaufte er für das halbe Clan ein. Ich weiss, er wäre nicht zum letzten Mal hier. Eine Antwort wird er nie finden, wo sein Weg ist. Er ist bereits auf den Weg. Vertrauen ist ein sehr schmaler Weg, da führt nichts mehr zurück.
Als andere Gäste die Tür öffneten und an den Tisch kamen, sagte mein Gast aus Cairo mit einem Schalk: „Would you like a mirror? You will get it here.“

Etienne

Etienne

Diesen kleinen 10jährigen Junge lernte ich vor einer Stunde kennen.
Es war Walters Vernissage. Walter hat immer gesagt, dass er mich gefunden hat. Ich stand gerade an der Tür, Shui Tang war gerade ein zwei Tage alt. Seit drei Jahren teilen wir ein Stück den Altstadt-Alltag Zürichs und ein Stück der gleichen Lebenseinstellung zum Leben – Konzentration auf das Wesentliche. Zu seiner Kundin zähle ich nicht, zu wenig betucht. Heute stellte er seine selbst entworfene Uhr dar.
Ich hasse Apero. Ich ging heute trotzdem hin nur wegen Walter. Als Freundschaftsbeweis hielt ich ein Glas in der Hand und schob ein bisschen Häppchen in den Mund, guckte mir die Gesichter an – ein Blick in den Zoo.
Ich wollte gehen und lief unbewusst zu Grossmünster. Dann entdeckte ich den kleinen Junge, der die Musik zuhörte. Er war so alleine. Er stand neben dem beleuchteten Schaufenster von Musik Hug und stand alleine auf der Treppe zum Helmhaus. Sein Schatten strahlte eine Ernsthaftigkeit aus. Er hörte konzentriert auf die Musik, die von anderer Strassenseite zu uns wehte. Es war Amadeus.
„Hey!“ Ich stand unauffällig neben ihm. „Was für schöne Musik, nicht wahr?“
„Ja.“ er war nicht erstaunt von mir angesprochen zu werden. „Ich liebe Amadeus!“
„Ja? Ich liebe Bethoveen!“
„Er ist ein bisschen verrückt.“
„Ja, ich auch.“
Er lachte. Er erzählte mir, dass er Klavier spielt und Musik liebt. „Stellen Sie Sich vor, wenn es in Zürich keine Musik gäbe! Es ist so schön, jetzt hier Musik zu hören und diese Kulissen zu sehen.“ Ich staunte über seinen Ausdruck. „Wie alt bist Du?“ „10! Morgen werde ich 11!“ er spannte seine Hände, um seine Grösse noch grösser zu machen.
„Waren Sie schon einmal in Dielsdorf?“ er erzählte mir mit einem romantischen Blick, „es ist die schönste Alpenpanorama, was Sie jemals sehen können! Das schönste Dorf bei Zürich!“ Er sagte, wenn Fön kommt, das Panorama der Bergen zu sehen ist, dann hört er so gerne Amadeus!
Plötzlich hörten wir ein Stück Winter von Vivaldi aus der anderen Strassenseite. Es war so schön neben diesem auferwecksten Junge, vor diesem wunderbaren nächtlichen Panorama bei dieser Musik. Plötzlich fing ich an zu weinen. Er schaute mich mit Fragezeichen an. „Ach, es ist so wunderschön.“ sagte ich. Er nahm meine Hand und zog mich auf anderer Seite. Er wollte mir einen anderen Blick von Zürich zeigen. „Schauen Sie – “ er schaute zu mir, „ist es nicht wunderschön?“ Ich lachte neben meinen Tränen. Ja, irgendwann wird er so weit sein, mit seinem richtigen Mädchen hier her zu kommen, ihr den schönsten Platz Zürichs zu zeigen.
Er will unbedingt nach New York City. Er will ein grosser Architekt werden. Er will Wolkenkratzer bauen, weil Wolkenkratzer so nah am Himmel ist! „Willst Du einmal fliegen?“ „Ich will weg! Ich will weg! Ich will in den Himmel fliegen.“ Ach, so süss, dachte ich.
Ich stand auf. „Ich gehe jetzt nach Hause.“ Er sagte nichts. „Ciao.“ winkte ich. Ich lief weiter und hörte kleine schnelle Schritte. Er lief mir nach, aber mit einem Distanz. „Ich will auch ein bisschen laufen.“ er sagte bloss so. Er hielt plötzlich auf der Strasse auf uns sagte, er würde jetzt so gerne am Fluss sitzen, den Fluss zu betrachten und Musik hören. Ich kniete und machte mich so gross wie er, damit er meine Augen sehen kann. „Ettienne, ich werde an Dich denken und den heutigen Abend nicht vergessen. Du wirst ein grosser Architekt werden!“ Er nickte seinen Kopf und schaute meine Augen an. Er berühte kurz meine Waschbärkappe. „Wenn Du willst, ich bin an der Spiegelgasse. Dort wirst Du mich finden. Wir können die schönste Musik von Bach hören! Weiss Du, seine Musik ist sehr sehr nah am Himmel – an den Sternen!“ dann stand ich auf, „Gehe zu Deiner Mutter. Sie wird sich Sorgen machen um Dich!“
Er hat nie nach meinem Name gefragt. Er weiss bloss, es war eine unbekannte Person mit einer Waschbärkappe. (Diese Begegnung hört sich so an wie das Stück von John Williams „Going to School„.)

Eine Klause wo Kiefer und Wolken verweilen

Atong zeigte mir im hitzigen Sommer einen seltenen Oriental Beauty. Hässlich, sagte ich – unregelmässige Blätter und zerstückte Erscheinung. Er grinste und machte einfach den Tee in Gaiwan: „Dieser Tee ist so wie so nicht für Dich gedacht.“ Er wollte ihn nach Hongkong verkaufen. Als der Gaiwan abgedeckt wurde, stieg ein unglaublicher Duftwolken auf. Ich atmete tief und fand mich in einerm Sommergarten. Die farbigen Blumen duften nach Marzipan, nach Nektar. Die Bienen summen. Früchte reifen. Es ist die Zeit für ein Fest! Ein Fest der Sinne. Hmmmm, ich schloss meine Augen und machte sie wieder auf. Blitzschnell sagte ich zu Atong, „Nein, das geht nicht. Du kannst ihn nicht nach Hongkong verkaufen. Ich will ihn. Alles.“ Ich bin eine Dealerin, wenn es schnell sein muss, bin ich es eben. Ich weiss, dass man im Leben selten solche Perle treffen kann! Er lachte und streichte mein Ego, „Mädel, Du bist nicht schlecht. Man kann einen Tee eben nicht per blosse Augen und Nase betrachten!“
Als ich You kennen lernte, dachte ich auch, was für einen uninteressanten Menschen? Schweigsam und kaum Gesichtsausdruck. Atong mag ihn nicht besonders. Ich erzählte meinem Lehrer trotzdem, wenn ich ihn besuchen ging. Eine aufrichtige Beziehung möchte ich mit meinen Menschen führen, auch wenn sie es nicht gerne hören. Die Kollegen erzählten mir, dass You ein guter Geschäftmann sei. Seine Kunde seien sehr treu zu ihm. Er habe gute Strategie, Geschäft zu führen. (Während ich diese Zeilen schrieb, bekam ich gerade SMS von Alexander. Er schrieb: „Ein Mann sucht Dich gerade in Shui Tang. Du verkaufst Opium, nicht Tee, oder?“ Sehr wahrscheinlich hat er recht. Ich weiss nicht einmal, was ich wirklich verkaufe.)
Ob You ein guter Geschäftmann sei, ist seine Sache. Mit mir hat er selten gutes Geschäft gemacht. Dank Finanzkrise 2009 habe ich sehr viele wertvolle Teesammlung und Kanne erwerben können. Ohne ihn wäre es alles nicht möglich. Er hätte daraus ein gutes Geschäft erzielen können, aber er hat mir ermöglicht für Shui Tang, eine gute Fundament aufzubauen. Dafür bin ich sehr dankbar. Man lernt sich eben unbefangen kennen, weil man nur achtet, was getan wurde anstatt gesprochen. Er kennt mich nicht gut, besorgte mir alles, was ich ihm bloss einmal erwähnte: die wertvollen Kalligraphie, die Malerei, die in Shui Tang hängen. Die Siegelsteine, die er für mich selbst anfertigte. Die Lernmaterialien von seltenen Pu Er Tees. Auf einmal interessiert er sich für meinen Geschmack von Musik und Pina Bauch, weil ich meine Gedanke um Tee, Musik und Bewegung mit ihm austauschte. Ich weiss, dass er nicht ein Geschäftsmann ist. Er ist getarnt als ein Geschäftsmann, in der Wirklichkeit ist er ein typischer chinesischer Intellektueller aus der alten Zeit.
In der chinesischen Kultur, so wie ich vermittelt wurde, leben Menschen über die Zeit und den Raum. Wenn Menschen sich begegnen, handelt sich nicht um die Dauer und den Ort wo man sich begegnet, sondern den Geist zu Geist, Herz zum Herzen. Wenn es stimmt, stimmen andere Dinge von sich alleine. Im Westen spricht man gerne, um voneinander zu verstehen. Für mich, ist die Kommunikation anders. Ich muss doch keine Frage stellen, um eine Person wirklich kennen zu lernen. Ich muss es nur wahrnehmen. Das, was Menschen uns präsentieren, ist oft nur das Bild, was sie gerne selbst glauben. Das Wesentliche sieht man nur mit Herzen gut.
Ich spüre eine Klarheit und Zartheit, was der Pu Er, den ich in Shui Tang habe, für seinen Produzenten spricht. Ein klarer empfindsamer und in sich geruhter Mensch.
Er trennt sich nun von seinem alten Geschäftspartner. Im Januar eröffnet er sein eigenes Geschäft. Er schrieb mir heute ein SMS und wollte meine Meinung hören, ob der Name „Ein Klause wo Kiefer und Wolken verweilen – Song Yun Cao Tang“ mir gefällt. Ein Refugium, wo er für sich selbst gefunden hat. Ich sollte diesen Name ins Englisch übersetzen – eine komische Idee von ihm. Ich muss Joseph fragen, wie man es richtig übersetzt. Ich wünsche ihm alles Gute und danke ihm als ein Weggefährte.

Pause

Es schneit. Ich habe den Anschluss verpasst. Als ich in Zürich eintraf, war bereits gegen 16 Uhr. Für ein richtiges Essen war es schon zu spät oder zu früh. Ich ging zu McDonald’s. Das Restaurant ist im UMbau. Es herrschte Lärm und Arbeitsamkeit. Paar hungrigen sassen zwischen den Baustelle. Soll ich hier bleiben? Unbehagliche Arbeitsamkeit störte, aber ich brauche eine Pause. Ich teilte einen Tisch mit einem Junge, der seine Ohren an ein iPhone steckte und sich in einer anderen Realität befand. Ich kaute langsam mein „Blötchen“ und liess den Kopf ausseralb dem Lärm versetzen. Mit jedem langsamen Atmungszug und mit jedem Kauen wurde ich immer mehr verschmolzen in dieser Baustelle. Ja, das Leben ist eine ewige Baustelle. Was solls? Plötzlich genoss ich diese Pause, plötzlich genoss ich die Situation, dass die anderen arbeiten und ich zuschaue. Plötzlich spürte ich ein brise von Frieden in mitten diesen Baustelle.
Auf einmal merkte ich, wie anspruchslos die Menschen hier waren. Sie waren wie ich, hungrig und wollte ein bisschen Pause, ein bisschen irgendwo bleiben und ein bisschen Wärme in diesem verschneiten Tag.
Irgendwann ist die Pause vorbei, es geht weiter. Unweit von diesem Provisorium ist das Lunch-Kino. Ich sah meinen Held Mads Dittmann Mikkelsen (Wahnsinn!) und schob wie hypnortisiert die Tür. Während meine Augen weiter nach ihm suchte, sagte eine ältere Schweizerin zu mir, „Sie haben meine Flyer in Ihrer Hand.“ „Ach, Verzeihung!“ ich lächelte leicht verlegen. „Sie sprechen so gut Deutsch! Wie schaffen Sie es?“ „Ich gebe mir Mühe.“ Irgendwie fing die ältere Dame an über die Überfremdung der Schweiz bei mir anzuklagen. Keine Ahnung warum – ich bin selbst doch eine dieser Überfremdung. Ich zeigte mein Verständnis, dass es menschlich ist, wenn man sich in eigenem Land fremd fühlt. „Aber wissen Sie, wenn man die Sprache von unserem Land sprechen würde, würden diese Menschen auch besser akzeptiert.“ Ich schüttelte meinen Kopf. „Wissen Sie, wenn Herzen sich begegnen, braucht es keine Sprache.“ ich schaute sie direkt ins Augen. Sie packte ihre Tasche aus und wollte mir ein Zettel geben, wo Gott liebt Dich auf Chinesisch steht. Ich lachte. „Das müssen Sie mir nicht geben. Das weiss ich! Ich weiss, dass Gott mich auch als eine Heidin liebt.“ „Ach ja? Möchten Sie es nicht mehr erfahren?“ „Nein, es ist nicht nötig. Gott verlässt so einen wie mich auch nicht. Glauben Sie mir, Gott liebt mich.“ Plötzlich umarmte ich diese verwirrte fromme Frau, „Schauen Sie gut zu Ihnen. Versuchen Sie ein bisschen Frieden in dieser kalten Zürich. Wenn es Ihnen wirklich nicht gefällt, wie es abläuft, dann gehen Sie in die Strasse! Ein bisschen Revolution tut allen gut.“ Mit einem verwirrten Blick segnete sie mich „Jesus liebt Dich.“ Ich lachte ein wenig ketzerisch, „Ja, ich weiss. Das hat er mir vorgestern gesagt.“ Ich weiss, sie würde mir niemals glauben.
Ich musste weiter an die Spiegelgasse. Morgen gibt es wieder Sitzung mit Krawatten-Träger. Kurz in Bellevue stand ich, achte auf meinen Atmungszug. Vielleicht stosst dieser Atmungszug einen anderen. So langsam ergibt es sich eine Resonanz in dieser verrückten Stadt und dann möglicherweise eine friedliche Welt.

Satie und Buddhas Hand

Liebe Frau Chou

Mein Name ist Julian,und ich bin 13 Jahre alt.
Ich war im Mai in ihrem Laden,und habe dort einen Buddhas Hand A Li Shan Oolong
gekauft.Ich habe eine Yixing Kanne und probierte oft diesen Tee zuzubereiten,
doch bei aller Mühe die ich mir gab,ich nahm sehr heisses Wasser,liess
die Blätter unterschiedlich lange in der Kanne,mal schüttete ich den yi pao qu di
weg,mal trank ich ihn,aber nie gelang es mir diesen Tee befriedigend
zuzubereiten.Nun ist mir dieser Tee fast ausgegangen,und ich probierte
es heute noch mal,das Ergebnis war das gleiche,aber bei einem Schluck
schmeckte ich für einen Augenblick etwas wunderbar blumiges köstliches,
aber ehe ich mich versah,war es wieder verflogen,und ich schmeckte es nie
wieder.Vieleicht können sie als Expertin mir sagen wie ich diesen Tee
richtig zubereiten kann.
Ich danke für jede Antwort.

Vor zwei Jahren bekam ich ein Geschenk von Miriam, ein CD von Satie. Ich hörte das CD einmal und legte wieder weg. Diese Musik war für mich zu langsam, wie eine Art von Background-Musik. Uninteressant für meine damalige Lebenslage. Ich wollte Aktions und Leidenschaft. Diese Pause zwischen den Töne bleibt in meinem Gedächtnis, verwirrend und zugleich fesselnd. Aber ich war nicht bereit ihn anzuerkennen.
Zwei Jahren später, viele Dinge sind vergangen und viele Veränderung finden im Hintergrund statt. Vor kürzen tauchte das CD wieder auf und auf einmal wurde ich wach.

Es sind die Pausen, die mich an etwas erinnern. Eine Pause zwischen Denken und Denken, zwischen Rennen und Rennen und zwischen Zweifeln und Angst, Eine neue Einfachheit wollte Satie ankündigen. Eine Einfachheit von Pause zwischen den Tönen.
Die Pause, die Leere und das zwischen den Zeilen sind vielversprechend als die gesprochenen Wörter!

Buddhas Hand ist mein Lieblingstee. Er verkörpert diese Pause. Ein Reset-Taste, ein Versprechen, dass alles zum Null-Punkt zurückkehren kann. Ein Nullpunkt zwischen Aktionen und Denken, eine Verortung von Hier und Jetzt. Was nun…
Julian ist erst 13 Jahre alt. Neulich kam Tim, ein 15järhiger. Was macht der Tee mit einem? Ich beobachte die Menschen kommen und gehen, die von einer unbeschreiblichen Kraft geführt werden und hier zusammen kommen. Was macht der Tee mit einem?
Wie bin ich denn hier gekommen?
Wo gehe ich dann hin?
Sabine kam am Freitag. Sie übersiedelt sehr bald nach Texas. Sie sagte mir, dass sie erst in der Donnerstagnacht das Link zwischen mir und dem Blog verstanden hat. Wir plauderten und plauderten als ob wir uns schon lange kennen würden. Wir entdeckten in uns den gleichen Weg zum Herzen. Sie ist kurz vor Aufbruch und freut sich. Denn wo das Herz will, ist das Leben im Fluss. Wenn das Leben im Fluss ist, kommen die Dingen von sich alleine. Denn wir wissen, wir können die Verantwortung für uns selbst übernehmen, wir sind in der Lage, selbst aufzufangen und viel Freude zu haben an die Schönheit der einfachen Dinge. Beim Abschied sagte ich zu ihr, dass sie ein Geschenk für mich sei. Sie sagte, dass sie nie wusste, was der Tee ausser den Blätter noch sein kann und dies hat sie sehr viel an mir zu verdanken. Sie gab mir ihre Telefon und freut sich mich nach meinem Rückkehr noch einmal wiederzusehen, bei einem Bier oder Kaffee – sagte sie – eben nicht immer Tee.
Als ich heute das Email von Julian erhielt, dachte ich an Gleichzeitigkeit. Vielleicht ist das, was einem 13järigen beschäftigt, nichts anders das, was mich beschäftigt. Lieber Julian, ich werde in der Ruhe ein Email an Dich schreiben, wie Du mit diesem Tee besser klar kommst. Vielleicht ist Deine Yixing-Kanne schon zu stark von dem vorherigen Tee gefärbt. Vielleicht muss Du eine andere, möglicherweise eine neue für diesen Tee, der anders ist als Deine vorherige Erfahrungen anschaffen. Aber du muss es nicht.

Ein Wolken über uns

Lieber Joseph, ich habe diesen Film noch nicht gesehen, will unbedingt ins Kino gehen…

Yumi kam heute und hat nicht auf mich gewartet – sie hat ihn gestern Nacht bereits im Internet angeschaut. Sie wollte nicht warten. Sie sagte, „Oh, Menglin, viel Schmerzen, viel Schmerzen. Du weiss.“
Als sie kam, räumte ich gerade das Geschäft auf und Men putzt die viele kleine Tassen, die jeden Tag gewaschen werden müssen. Schön aufwendig, das ganze Teespiel. Sie schrie sehr charmant, „Das Leben ist so aufwendig! So aufwendig, das macht das Leben schön.“
Ja, es ist so aufwendig, geboren zu werden, aufzuwachsen, zu reisen, krank werden und zu erleben und dann irgendwann zu sterben, um zu wissen, wo und wer man ist. Ich bin zu gewöhnlich, dass ich mich nur durch meine Schmerzen und Leiden verstehen und nur so wäre ich bereit zu lernen, diese Geschichte bei nächster Wiederholung anders zu gestalten. Wir hätten paar Chance, eine Katastrophe zu stoppen, aber wir haben es nicht wahrnehmen wollen, weil wir gewöhnt sind, den geradeaus Weg zu wählen. Nichts ist zufällig. Alles ist verbunden. Das ist keine Prophezeihung mehr, sondern das Leben. Das Leben ist schön aufwendig. „Will ich wieder geboren werden?“ sie schüttelte ihren Kopf, „Nein, Danke.“
Nein, Danke.
„Das Leben ist so aufwendig, aber wir dürfen etwas wünschen.“ sagte sie, „Menglin, etwas Schönes!“
Ich werde diesen Satz von Yumi in meinem Notizbuch verewigen.
Ob der Film gut und schlecht ist, muss jeder für sich selbst schauen. Und es ist nun einfach ein Film.

Zuckerwattewolken

Liebe Menglin
Alles okay bei dir? Hast du den Film „Cloud Atlas“ gesehen? Falls ja, wie hast du ihn gefunden?
Die Kritik in der NZZ ist gar nicht gut, nur zwei von fünf Punkten.
Liebgruss
Joseph

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Neue Zuercher Zeitung
29. November 2012

Zuckerwattewolken

«Cloud Atlas» – das Regie-Trio aus den Wachowski-Geschwistern und Tom Tykwer hat den als unverfilmbar geltenden Bestseller von David Mitchell adaptiert

Simon Spiegel · Es ist eine Geschichte voller Missverständnisse, die mit der Frage beginnt, was die Qualität des Romans «Cloud Atlas» ausmacht. Das 2004 erschienene Buch des britischen Autors David Mitchell wurde bald als unverfilmbar bezeichnet, da es seine sechs Handlungsstränge quasi halbiert aneinanderreiht: Den Anfang macht ein Reisetagebuch des 19. Jahrhunderts. Es bricht unvermittelt ab, es folgt die erste Hälfte eines Briefwechsels eines jungen Musikers mit seinem Geliebten, und so geht es weiter bis zum letzten Erzählstrang in einer postapokalyptischen Zukunft. Nach diesem kommt die zweite Hälfte der fünften Geschichte an die Reihe, und es geht wieder zurück bis ins 19. Jahrhundert.

Verschiedene Register

Diese Struktur ist zwar ungewöhnlich, ihren besonderen Reiz erhält sie aber erst durch die sprachliche Umsetzung, denn Mitchell hat für jede Episode einen eigenen Stil gewählt: Das Tagebuch des Pazifik-Reisenden Adam Ewing ist deutlich von «Robinson Crusoe» inspiriert, der in den 1970ern spielende Thriller über mörderische Machenschaften rund um ein AKW kommt als rasanter Reisser daher, und in ferner Zukunft spricht ein Ich-Erzähler in einem degenerierten Kauderwelsch-Englisch. Mitchells sprachlichen Spielereien und seiner mitunter überbordenden Freude an den verschiedenen Registern hat der Film wenig entgegenzusetzen. Dass das Regisseur-Trio von «Cloud Atlas», die Wachowski-Geschwister gemeinsam mit Tom Tykwer, die sechs Episoden parallel erzählt, ist dabei eher nebensächlich. Auch ist das Gezeigte visuell durchaus ansprechend, die Vielstimmigkeit der Vorlage, die wohl tatsächlich «unverfilmbar» ist, bleibt aber auf der Strecke.

Dass drei Filmemacher gemeinsam Regie führen, kommt selten vor, «Cloud Atlas» war den Beteiligten aber offensichtlich ein Herzensanliegen. Zugleich waren ihnen die Schwierigkeiten, die sie sich mit der Vorlage einhandelten, zumindest teilweise bewusst. Umso seltsamer das Vorbild, das sie erklärtermassen wählten, um dem Stoff Herr zu werden: Stanley Kubricks «2001: A Space Odyssey». Damit wären wir beim zweiten Missverständnis: Kubricks Science-Fiction-Epos und «Cloud Atlas» haben schlicht nichts gemein, weder strukturell noch inhaltlich. Vor allem aber nehmen die beiden Filme völlig konträre Haltungen gegenüber ihrem Publikum ein. Kubricks Film lässt – anders als der gleichnamige Roman von Arthur C. Clarke – alles offen, erklärt nichts, betreibt vielmehr bewusste Verrätselung. «Cloud Atlas» dagegen drückt einem seine Botschaft rücksichtslos aufs Auge.

«Cloud Atlas» ist unter anderem ein Roman über den fragilen Status des Erzählens. Mehrfach wird der Wahrheitsgehalt einer Geschichte in der folgenden Episode in Zweifel gezogen. Mit solchen Feinheiten halten sich die Filmemacher nicht auf, sie bevorzugen Sentenzen wie die folgenden: «Wir sind alle verbunden. Vergangenheit und Zukunft. Und mit jedem Verbrechen und jeder guten Tat erschaffen wir die Zukunft.» Diese Poesiealbum-Logik – mit der Bezeichnung «Philosophie» will man derartigen Schwulst nicht adeln – ist bei Mitchell durch zahlreiche wiederkehrende Motive, Verweise und interne Anspielungen ebenfalls angelegt, allerdings – nicht zuletzt dank der sprachlichen Kunstfertigkeit – stark abgefedert und ironisch gebrochen. Im Film wird das Reinkarnationsthema vor allem durch ständige Kostümwechsel der Starbesetzung umgesetzt; zu sehen sind u. a. Tom Hanks, Halle Berry, Hugh Grant und Susan Sarandon in multiplen Rollen.

Bitterer Ernst statt Ironie

Und damit wären wir beim letzten Missverständnis, das freilich auf der Seite des Publikums und der Kritik zu suchen ist: Als Tom Tykwer 1998 mit seinem dritten Spielfilm, «Lola rennt», seinen Durchbruch schaffte, wurde dessen Replay-Struktur vielerorts als ironisches Spiel mit Kinokonventionen wahrgenommen. Ähnlich erging es den Wachowskis, als sie in «The Matrix» in einem postmodernen Furor die halbe westliche Philosophiegeschichte plünderten. Wer Tykwers frühere Filme kannte, mochte schon damals ahnen, dass der Regisseur in Wirklichkeit anderes im Sinn hatte. Die beiden unsäglichen «Matrix»-Fortsetzungen liessen ähnliche Zweifel aufkommen. «Cloud Atlas» macht nun aber endgültig klar: Das ist alles todernst gemeint.

Kinos Abaton, Arena, Arthouse Le Paris, Metropol.
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Diesen Artikel finden Sie im NZZ E-Paper unter: http://epaper.nzz.ch

Neue Zürcher Zeitung: http://www.nzz.ch
Copyright (c) Neue Zürcher Zeitung AG

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Cloud Atlas

Beim Abendessen erzählte Sandro mir von diesem Film und bracht ein Flyer. Er ist begeistert von der Darstellung des Verlinkens. Ich dachte an Synchronität zu meinem Leben – Yumi fragte mich heute nachmittags, ob wir gemeinsam ins Kino gehen.
http://www.cloudatlas-derfilm.de/#
http://www.youtube.com/watch?v=KgI6EeYbV84

Grossartig, was das Kino machen kann! Ich liebe das Kino!

Ichi go ichi e

Ichi go ichi e

Jdes Treffen ist einmalig – Ichi go ichi e. Ein Slogan für Werbung des Tees, ein Spruch im Teeraum, was man als poetisch bezeichnet. Aber jeder weiss, dass es irgendwann wahr wird.
Der Teeraum ist mir vertraut und die Teatoys ebenfalls. Er hat zwei Schale hingestellt, die ich ihnen einst mitbracht. Meine Teeeltern in Bodman sind heute von der Vergänglichkeit geprägt, nur der Raum bleibt, so ich den immer kannte. Bevor Detelf den Tee machte, ging ich zuerst unkonventionell zu meinem Platz vor der Speicherheizung. Ich hatte kalt und war geschwächt, möchte einen Schutz suchen, wo die Dinge vielleicht nicht so schnell wandeln. Plötzlich merkte ich, dass auch ich vergänglich bin.
Ich lernte Deltef vor 19 Jahren kenne, als mein Studium in Konstanz anfing. Ich war ein stolzes Mädchen aus Taiwan und wollte mit dem besten Titel nach Hause gehen. Detlef war mein Magistervater und begleitete mich auf diesem akademischen Weg. Er hat mir immer gesagt, als ich mich noch sehr an die von Abendland dominierte Wissenschaft verhaftete: Frau Chou, vergessen Sie nicht, woher Sie kommen. Das Studium war nicht ein Abenteuer, die Menschen waren es. Wir haben in der Prüfung gestritten und ich bekam das einzige 2 (gut) in meinem Zeugniss von ihm. Nachdem er mir den Umzug von Konstanz nach Zürich half, wollte er mit mir fast nie mehr sprechen. Er war total sauer auf so eine unmögliche Frau aus Fernost, die ihre Finger nicht schmutzig machen konnte.
Er brachte mich auf dem Teeweg. Er ist mein Teevater, scherzen wir. Er schaut im Schweigen die abwechselnde Landschaft meines Lebens zu und verschmähte meinen akademischen Verusch. Und der Laden ist ähnlich wie das Handy oder neue Technik für ihn – er klammert es einfach raus. Er belächelte mein Klosomat, „Menglin, hast Du auch normale Papier für den Stromausfall?“
Jahr für Jahr praktizieren wir zusammen in Bodman unser Teespiel. „Menglin, wann kommst Du wieder, mit uns zu spielen?“ Ich komme. Ich komme so gerne. Wir spielen den behinderten Tee, eine Uebung, die viele komplizierten Schritte ersparen. Wir spielen Kaiseki auf deutsche Art. Wir diskutieren, was der Teeweg wohl im Europa sein sollte. Er reflektierte die selektierte und beabsichtigte Art des Tees und plädierte das spontanen freien Zusammenkommen. Warum sollte der Gast vorher wissen, dass er jetzt zum Tee kommt? Warum sollte der Gastgeber sich vorbereiten, weil ein Gast kommt? Warum sollte es nicht einfach so sein, wenn das Leben ein Fluss ist, einen Fremden eine Schale Tee zu servieren, egal ob und wie er diese Schale annimmt?
Wir machten an jenem Nachmittag tatsächlich nur den behinderten Tee. Mein Fuss war behindert. Er hatte Schmerzen. Ingrid wollte nur einfach dabei sein. Als ich ihm sagte, dass ich nicht knien kann. Seine Augen waren verzweifelt. Ich schluckte meine Schmerzen und nickte meinen Kopf, „Doch, ich versuche es.“ Ich liebe diese Menschen und bin bereit alles dafür zu tun, damit es ihnen gut geht. Denn wir wirklich nicht wissen, wie es weiter geht.
Der Tee in der schwarzen Raku-Schale war wie immer wunderbar. Mein Fuss hat es geschafft, auch wenn die Schmerzen unvergesslich wurden. Wir waren glücklich, nicht in der Erinnerung glücklich, sondern im Hier und Jetzt – wer weiss, wie es weiter geht.
Er hat all seine Holzkohle verschenkt. Irgendwann werde ich einen Auftrag wohl erhalten, unser Spielzeuge zu richtigen Händen zu bringen. Auch das Wasser im Ro musste ich nicht mehr auschöpfen und putzen. Es schien ihm egal zu sein.
Nur den Fisch musste ich noch preparieren. Ein Essen mit mir und mit dem Fisch schien noch heilig zu sein. Das Gespräch war immer noch geistreich, nur bestimmte Themen wurden immer mehr ausgelassen.
Keine Spuren zu hinterlassen. Das war unser Training. Vor jeder Reise bereite ich das Leben so vor, als ob ich nie wieder zurück komme. Keine Spuren zu hinterlassen… Wir wissen nie, wie es weiter geht.
Ichi Go Ichi E, jedes Treffen ist einmalig. Er bracht mir meinen Mantel. Seine Hände fielen paar Sekunde auf meinen Schulter. Wasser tropfte auf meine Hand. Ich stieg in das schwere Auto ein. Es fing an zu rollen. Wir können nichts aufhalten – nicht einmal die Veränderungen. Mutig fuhr ich weiter in die Dunkelheit.