Tee ist unsere gemeinsame Sprache! Teil III

Meistens weiss ich nicht, wer mir in Shui Tang gegenüber sitzt. Oft interessiert es mich auch nicht. Das, was der andere macht ist häufig uninteressant. Das, was er mir offenbaren kann und will, ist interessant. Manchmal weiss ich doch, was meine Besucher machen, wenn sie mir erzählen. Dann beobachte ich, dass es eine Weile Banker-Welle gibt, eine Weile Anwälte und eine Weile Uhrenhändler. Meiste Besucher sind Banker, die mir erzählen, dass sie unbedingt ihren Beruf wechseln wollen.
Es war ein recht ruhiger Mittag. Ein Herr öffnete die Tür und fragte, ob er bei mir eine Tasse Tee trinken kann. „Was möchten Sie denn gerne trinken?“ „Was Sie für richtig halten.“ Okay. Was wollte ich ihm denn zubereiten? Ich goss eine Kanne Yiwu 2008 von You. Ein Tee, der mich an die süsse Seite des Lebens erinnert.
„Der Tee ist ausgezeichnet. Sie haben einen guten Riecher, was gut ist für mich.“
Ein Kompliment, das gut ankam.
Ich sass zu ihm. „Wo kommen Sie her?“
„Aus der Schweiz. Im Moment pendele ich zwischen Mailand und Zürich.“ eine kurze Atempause, „Ich fühle mich immer fremd als Schweizer in der Schweiz.“
Ich nickte meinen Kopf. Ja – ich fühlte mich oft an einem falschen Ort.
„Fühlen Sie Sich auch fremd hier?“ fragte er mich.
Ich wusste nicht wie zu antworten. In einem schmall talk über meine Gefühle unter den Fremden zu sprechen schaffe ich nicht.
Der Fremde wartet nicht auf meine Antwort und erzählte mir von seiner Reise in Taipei. „Taipei? waren Sie dort? Ich komme aus Taipei!“ Was für einen Zufall.
Er erzählte weiter. Ein Anwaltfreund kam mit Tränen zu einer Besprechung. Er fragte ihm, was los war. Der Freund antwortet mit Tränen, dass der Pianist Horowitz gestorben sei und er sein grösster Fan ist! „Könnten Sie Sich vorstellen, dass Sie in Zürich einen Anwalt treffen können, der wegen Horowitz weint und vor allem vor Ihnen weint?“
Ich schüttelte meinen Kopf.
„Wissen Sie, das kann nur in Asien passieren!“
Mein Besucher erzählte weiter. „Als ich zum ersten mal die alten chinesischen Bronzen in einer Ausstellung sah, wurde ich zutiefst berührt. Ich hatte keine Ahnung was vor mir stand. Aber es war mir so klar, dass es sich um etwas handelt. Etwas, was über Schön oder unschön hinausgeht. Etwas, was eine Seele berührt, auch wenn er die Sprache nicht kennt. Es ist – “ er schaute zu mir, “ das Erleben von dem Wert der inneren Wahrheit!“
„Das ist Kunst!“ mein Besucher rufte. „Die Kunst ermöglicht uns als Menschen auf dieser Erde zu leben mit all das, was wir herum schlagen müssen.“ Er wurde Kunsthändler.
Seine Augen erzählten mir, dass es viel erlebt hat. Sehr wahrscheinlich trägt er auch viele Fragezeichen in sich. In dieser Ozean des Lebens passieren genügend Geschichte, die mich verwirren und emotional durcheinander bringen. Ich frage mich oft, warum? Und wie so gerade ich? Es sind nicht angenehme Frage und man findet keine Antwort.
Plötzlich dachte ich an die alten Bäume in Yiwu. Plötzlich wurde es mir klar, warum ich diesem Herrn diesen Tee servierte. Das Leben von der inneren Wahrheit ist das, was der Tee mir vermittelt und das, warum ich in Shui Tang bin. Die alten Bäume in Yunnan überleben verschiedene Zeitepoche, politische Systeme und klimatische Bedingungen. Sie stehen immer noch dort, nicht um auf uns zu warten, sondern weil sie eben Bäume sind. Und jeder Frühling erinnert sie zu wachsen. Jeder Winter erinnert sie zu warten.
Alexander sagte, ich muss nicht mit auf der Wanderung zu den alten Bäumen. Ich kann mit seinem Vater im Dorf Kaffee trinken und Zigarren rauchen. Die Gruppe braucht keinen Uebersetzer. Denn die Sprache des Baums kann jeder.
Manchmal wenn ich Tim und Alexander sehe, wie sie von Tee begeistert sind und experimentieren – sehe ich einen Anfänger, der mit Spontanität und Naivität seinen Weg bereichert. Sie geben sich Mühe und erleben Freude. Not und Druck machen einen erfinderisch. Ich war auch so frisch – bin nun aber träge und manchmal arrogant. Sie erinnern mich, wie ich einmal war.
Bruno wollte Abschied nehmen und bedankte sich für den Tee. „Das war ein grossartiges Geschenk, was Sie mir geben.“ „Glauben Sie mir – ich tue es nur für mich.“
„War es ein Zauber? Sind Sie die feminine Form von Merin?“
„Nein. Ganz normal, nur Menglin.“ Ich will nicht mehr als es. Es ist schwer genug nur so zu sein
Er ging zur Tür, drehte sich um und suchte. Ich bewegte mich nicht. „Ich glaube, dass ich hier etwas liegen lassen habe.“ er lächelte verlegen. „Ich dachte nur oder ich habe Angst davor etwas zu vergessen…“
„Ja, Sie haben hier den Wert der inneren Wahrheit liegen lassen.“

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