Suche nach Fremdheit

Wenn ich meine Augen schließe, sehe ich die rastlosen Vögel im Herbstwind, ratlos nach einem ruhigen Ast suchen.

Mitte September bekam ich einen unerwarteten Anruf, der mich genau an die frühere Zeit erinnerte. Es war eher ein Hilfsruf als eine Erkündigung nach dem Wohl eines alten Freundes. Ich wusste, dass er wieder unter der Depression leidet. „Was suchst Du?“ „Ich suche nach der Fremdheit.“ „Ich auch.“

 

Fremdheit, nichts anders als Herausforderung. Fremdheit überfordert einen, der nach Halt und Rahmen suchen. Fremdheit braucht einer, der nach Grenze des eigenen erkündigt.

Ich fragte einmal meinen Lehrer Atong, was ist es eigentlich, das ihn noch an Tee fasziniert. Atong ist nicht so gut gebildet, dass er mir genau „die Fremdheit“ nennen kann – er antwortet, der Spaß verloren zu können im Wettstreit mit der Natur oder mit sich selbst. Jedes Jahr bekomme ich Auftrag, einen ganz banalen Oolong zu besorgen. Fancy Oolong findet man überall im Teegeschäft und tatsächlich kein Geheimtipp eines Teeliebhabers. Als dieser Auftrag in diesem Jahr wieder erteilt wurde, bekam ich ein merkwürdiges Muster, das mich keineswegs nach Fancy Oolong erinnert. „Was ist das denn?“ „Das ist der Formosa Oolong vor Hundertjahren – der Formosa Oolong, der nach Amerika ging und den Weltruhm genoss.“ Leicht gerollter schwarzer Drachen, blumig honigsüss in Tasse. Leicht brotig und vollaromatisch. Ich sah ein goldenes Reisfeld voller Ertrag. Die hängenden Reisstroh schwingen im leicht kühlen Herbstwind. „Eine Herausforderung für Dich und Deine Spionen, nicht wahr?“ scherzte ich zu meinem Lehrern. „Weiß Du, man muss solche Felder zuerst wieder finden!“ Solche Felder ähnlich wie vor Hundertjahren, halb verwildert, praktisch nicht gepflegt und vergessen. Vergessen haben auch die meisten Teebauer, solche Materialien richtig zu verarbeiten. Vergessen haben auch die Pflückerinnen, die im heißen Wetter mühselig die bröseligen vergilberten Teeblätter zupfen. Wer gibt heute noch die Mühe? Und alles noch ohne Klimatisierung und ohne technische Manipulation. Fremd oder vertraut?

Atong lachte und ist überzeugt von der Einmaligkeit dieses Werkes – Wieder- Erfindung einer Fremdheit. Wie überzeuge ich denn meine Klienten im Europa im 21. Jahrhundert, die ihn nicht einmal kannte wie er einmal war. „Sehr fremd, aber sehr schön! Noch nie erlebt.“ Fancy Oolong Nostalgie – ich nennen diesen fremden Oolong inzwischen so, gleicht eine Kreuzung zwischen Gestern und Heute, zwischen eigenwilliger Natur und manipulierenden Menschen und zwischen Vertrauten und Fremden. Ein Durchgang zur neuen Verortung.

Flughafen oder Bahnhöfe sind beliebte Orte für mich, anderen zu treffen. Eine Heterotopie zwischen Gestern und Heute, zwischen Dort und Hier. Ich halte mich nur kurz auf, um Vorbeikommenden zu treffen. Keine Verpflichtung und keine Versprechung. Wir verabredeten uns genau an solchem Ort. Damit wir wieder erleichtert in verschiedenen Richtungen gehen können. Das Leben, was einst verstrickt war, trennt sich heute Meilen weit. Er jammerte. Wie kann man denn jammern, wenn man ein prächtiges Anwesen, eine Frau und eine Katze, sogar noch mehr besitzt? Genau deswegen. „Ich suche nach Fremdheit.“ Ich auch. Und noch mehr. „Ich suche nach dem Bedingungslose.“ Sagte er. Aber all was da ist, ist bedingt. Eins bedient den anderen.

Nur wenn Du A bist, bin ich B. Nur wenn Du A gibst, gebe ich auch Preis…

Was ist, das zeitlos bleibt? Was ist, das Bedingungslose ist? Die Frage ist nichts anders als das, „Ich suche nach Liebe. Wahre Liebe. Aber ich finde sie nicht.“ Ich seufzte. Ich hörte nur zu und wusste nicht, ihn zu trösten. Alles, was geschah, ist gut – so denke ich immer. Es hat einen Grund, auch wenn ich ihn heute nicht verstehe. Das Bedingungslose kann man vielleicht nicht nach Außen verlangen. Was ist denn mit uns selbst? Er sagte, er lebe lieber in der Illusion als Ent-Täuscht zu werden. Wenn die Illusion einmal auffliegt, ist nichts anders mehr als nur das Vertraute, das Banale…

 

Ich sagte ihm, was mich an Tee fasziniert, ist genau die unerschöpferische Fremdheit. Was ich beim Menschen oft nicht finde, finde ich im Tee. Es dufte nichts anders als in der Wissenschaft. Die Fremdheit, die sich immer wieder erfindet! Tee, ein Getränk, ein Begriff, eine Welt – aus tausenden verschiedenen Pflanzen, aus unendlicher Vergangenheit und aus einem unbeendeten Spiel zwischen Menschen und Natur – enttäuscht mich nie. Unversiedelter Quelle der Inspiration und des Raums vermitteln mir eine Freiheit, mich zu entwickeln. Ich suche auch nach dem Bedingungslose, auch wenn es heute noch unauffindbar erscheint, weiß es im Dunkel dass es gibt. In dem Bedingungslosen steckt eine Freiheit für Menschen, die Fremdheit zulässt, sich immer wieder zu erneuern. Shui Tang ist mein Versuch, diese Suche mit anderen zu teilen.

 

Die eisernen Vögel sollten uns wieder auseinander bringen. Plötzlich fing ich an zu weinen. Selbst wurde ich überrascht von meinem Weinkrampf. Er war geschockt und konnte nur meine Hände festhalten. Ich zitierte ihm sehr leise das Herbstgedicht von Li Bo. „Ich habe Heimweh und es ist so hart im Moment. Ich weiß wirklich nicht, ob wir uns jemals wieder sehen!“ „Ich komme, wenn Du mich rufst. Mein Versprechen.“ Er hielt mich ganz fest. Ich konnte in Armen eines wahren Freundes richtig weinen. „Du bist so vertraut!“ weinte ich.

Ich flog weiter nach Nürnberg, während das andere Vögel in eine andere Richtung flog.

三 五 七 言   

 
秋風清,秋月明,
 
落葉聚還散,寒鴉棲復驚。
 
相思相見知何日,
 
此時此夜難為情                                                        Li Bo 李白   

 

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