Stille Nacht

Stille Nacht

Vor´m Bette seh´ ich des Mondes Schein grell,
mir ist, als decke den Boden ein Reif.
Ich hebe den Kopf in den Lichtschein hell,
ihn senkend, mein Gedanke in die Heimat schweift.

 

Das Gedicht von Li Bo „Stille Nacht“ war das Muss für jedes Kind in Taiwan. Mit 3 lernte ich das Gedicht auswendig, weil mein Großvater und Mutter einen großen Wert darauf legten. Mein Großvater war ein Herrensöhnchen, der in seinem Leben nie wirklich arbeitete. Er pflegte einen Hang zur Nutzlosigkeit, die das Leben zum Leben macht, während mein Vater stets auf Nutz und Leistung achtet.

Mein Vater war sehr traurig als er die Schweiz verlass. Er dachte, dass ich meinen Dank an meine Eltern vergass, als ich meine Rede zur Einweihung machte. Er dachte, er habe eine undankbare Tochter. Er schrieb mir einen zwei Seite langen Brief, um seine Enttäuschungen auszudrücken. Es war ein Missverständnis. Ich bedankte mich allererste bei meinen Eltern und meiner Schwester – auf Deutsch und sie konnten es einfach nie erfahren! Zum Glück sagte er mir sein Bedauern und ich habe ihn sofort anrufen müssen. Zwischen mir und meinem Vater sollte kein Missverständnis sein! Ich liebe meinen Vater.

Als jüngster Sohn in einem Großclan geboren sollte eigentlich ein unbeschwertes Leben führen können. Tatsächlich wurde es mir erzählt, dass mein Vater ein Schulabgänger war und als ein Junge sich entschloss, in die Bergen gehen zu wollen, um taoistische Geheimlehre zu lernen und Gongfu-Meister zu werden. Meine Großmutter erzählte mir, wie sie mit ihrer Tochter nach meinem Vater suchte, der plötzlich verschwunden war und im Berg-Kloster gefunden wurde. Diese Geschichte verrät er nie. Er äußerte stets eine Abneigung zur Spiritualität. Wir wußten nicht, wie enttäuscht er war- von seiner Suche nach Wahrheit.

Li Bo glaubte sein Leben lang an Taoismus und Freiheit des Lebens. Als junger Mann war er auf der Wanderschaft wie mein Vater, auf Suche nach Geheimlehre des Taoismus und auf Suche nach der Meisterschaft der Kampfkunst. Er hat viele starke Gedichte hinterlassen, die die Aufrichtigkeit und Taten der Gongfu-Meisters verehren. Freiheit, Aufrichtigkeit und Humanismus! Er lebte und strebte nach dieser Idealen. Kein Wunder suchte er als ein typischer chinesischer Intellekturelle in der politischen Leiter nach Entfaltungsmöglichkeit und Realisierung seiner Visionen!

Sein literarischer Ruhm reichte bis zum Palast und er wurde als Hof-Dichter zum Hof geholt. Er dachte, in seiner Idealismus und Naivität, seine Ideen dort verwirklichen zu können. Der Kaiser wollte sich nur amüsieren – Sich vergnügen und korkettieren mit einem großen Dichter, der bestimmt in der Geschichte verewigt wird, im Gegensatz zu einem Kaiser, der mit dem Tod in der Geschichte begraben wird.

Li Bo wußte nicht, sich zurückzuhalten – beziehungsweise er konnte es einfach nicht, denn er lebte stets sein eigenes Leben. Das führt zum Scheitern seiner Karriere und seine Verbannung.

Auf einer weiteren bitteren Wanderschaft… Li Bo war nicht mehr der junge Mann, der unbefleckt war. Verletzt, enttäuscht und vertrieben. Er trank gerne, zu gerne. Er schrieb, dass er am liebsten nie mehr aufwachen wollte. Er wachte tatsächlich nicht mehr auf, als er den Mond im Wasser sah und ihn besuchen wollte. Der Mond war sein einziger Freund. Er fiel ins Wasser und konnte nie mehr geweckt werden.

花間一壺酒,獨酌無相親。

Allein zwischen den Blumen, allein bei einem Krug Wein.
舉杯邀明月,對影成三人。

Dann lade ich einfach den Mond ein,  mit meinem Schatten sind wir gerade zu Dritt…

Das Gedicht schrieb er, als er seinen Höhpunkt seiner Karriere erlebte. Im kaiserlichen Hof schrieb er das einsame Gedicht – eigentlich sollte er doch viele Freunde haben, viel schöne Frauen und viele viele schöne Geschwätz – er war aber allein. Nur mit seinen fiktiven – oder die einzigen wahren – Freunde trank er einem Krug Wein.

醒時同交歡,醉後各分散。

Wir (Li Bo, der Mond und das Schatten) tranken zusammen und haben eine Menge Spass, währen wir uns trennen müsse, wenn ich berunken bin…

Auch wenn der Freude illusorisch war, wollte er Dichter nicht entbehren. Seine Einsamkeit und Schmerzen sind der ständige Begleiter. Auch wenn er seine Emotionen und seine Trauer nicht versteckt, bleibt Li Bo nie in der einfachen Melancholie – dies ist das, was Li Bo in der chinesischen Kultur zu einem Großdichter macht, der unabhängig ist – von dem kleinkarrierten Moral. Li Bo geht immer weiter, weiter in seiner Entwicklung. 

Das stimmt, er ist traurig, er ist einsam.Er trank und er litt. Aber er konnte loslassen. Er konnte über das Leben lachen. seine Leichtigkeit versteckt sich in der Schwermut eines gescheiterten Hofbamtes. Seine Schwermut wurde beflügelt von seiner Leichtigkeit des Seins.

永結無情遊,相期邈雲漢。

Auch wenn wir uns (er, der Mond und sein Schatten) beim Aufwachen trennen müssen – möge unsere Verbindung über die Zeit, über den Raum und über all die gesellschaftlichen Moral bleben. Eine Verabredung zum Wiedersehen zwischen Wolken und Wasser…

Zum Schluss dieses Gedichtes übergeht er auf eine Ebene, die über die Freiheit und ohne die gesellschaftliche Urteile hinausgeht. Eine Verbindung der Beziehung ausserhalb der Moral und Kalkül, nur eine Verbindung zwischen Seelenverwandten.

Li Bo hat es nie aufgegebn zu träumen. Er starb in einem schönen Traum, als er glaubte, den Mond im Wasser besuchen zu können…

Ich freue mich sehr, das Gedicht morgen mit vielen Teefreunde in Shui Tang teilen zu können. In Klang des Cellos wird der Li Bo bestimmt auch dabei sein! In jenem Moment wird es mir wohl nicht mehr sicher sein, begegne ich den Li Bo, oder mich selbst…

Vielen Dank noch einmal für das rege Interesse eines Experiment zwischen Musik und Klang, zwischen Westen und Osten.

月下獨酌

花間一壺酒,獨酌無相親。
舉杯邀明月,對影成三人。
月既不解飲,影徒隨我身。
暫伴月將影,行樂須及春。
我歌月徘徊,我舞影零亂。
醒時同交歡,醉後各分散。
永結無情遊,相期邈雲漢。

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