Alishan 2004 – Seelenverwandtschaft

In meiner Studienzeit der Germanistik lass ich unheimlich gerne die Literatur vom Mittelalter. Insbesondere zogen mich die keltische Mythen immer an. Oft habe ich das Gefühl, dass diese Kultur sehr sehr nah an der Kultur, in der ich aufgewachsen bin. Viele Dinge, die nicht übersetzbar sind, findet man in den keltischen Sagen wieder. Seelenverwandtschaften, die in Chinesisch nicht lediglich als Karma zu übersetzen ist, hat die keltische Sichtweise eine übereinstimmige Interpretation.

Immer mehr findet der gelagerte Tee im Europa Liebhaber. Heute bekam ich wieder einen Auftrag den Nage-Nage-Guifei Cha zu reservieren. Dieser Alishan 2004 wird nun wohl restlos aus dem Zimmer meines Lehrers verschwunden.

Ich liebe gelagerten Tee, weil dieser Tee das Leben andersrum liest. Andersrum – wie Benjamin Button. Als 80-Jähriger geboren erlebt Benjamin die Hinfälligkeit und Vergänglichkeit des Körpers hautnah und lernt das Leben in einer anderen Richtung zu kennen. Er wird immer jünger, während die Menschen, die er liebt, immer älter werden. Er erlebt zuerst der bitteren Seite des Lebens, hinfällig, pflegebedürftig, abhängig und gedemütigt, während die Andere das Wachstum, Jungend und Schönheit leben.

Nage-Nage Cha hat mich sofort geschnappt, als ich ihn zum ersten Mal trank – dies können bestimmt viele andere Teefreunde zustimmen. Intensiv, fruchtig, honigsüß, jedoch – leicht sauer, pflaumig und langhaltig – melancholisch, würde ich bezeichnen. Viele Bilder werden in mir wachgerufen, mich versetzte der Tee in einer anderen Zeit – in einer Zeit, in der die Uhr anders läuft. Komischerweise blieb meine Uhr oft im Stillstand, wenn mein Lebensumstände sich gerade stark wandelte. Ganz unabhängig ob es mit Batterie oder Automatic läuft. Die Uhr stand vor einigen Wochen wieder stil. Ich wußte, die Zeit ist nun anders geworden. Mein Körper lebt nun einen anderen Rhythmus, während meine Uhr mit diesem Rhythmus nicht mehr zurechtkam…

Alishan 2004 war wie eine Art von Wieder-Erkennung, als ob ich schon lange auf ihn gewartet hätte. Eine Art von Seelenverwandtschaft. Süchtig, abhängig und gleichzeitig schmerzhaft, weil das Ende dieses Tees ist abzusehen, nicht wahr? Irgendwann geht er zu Ende, irgendwann ist er alt, verholzt und zerfällt und dann? Es ist eine merkwürdige Art so ein Vergleich zu tätigen. Es müsste wirklich ein Verrückter sein – ich bin wohl verrückt.

Ein Tee-Verrückter genießt im Chinesisch einen tollen Ruhm. Man bezeichnet ihn als Cha-Chi! Ein Cha-Chi wird nicht ausgelacht, sondern respektiert. Denn man dort Menschen bewundert, die ihre Leidenschaft zum Ausdruck bringen und leben.

Benjamin sah auch das Ende seiner Liebe zu seiner Tochter und beschloss, zu gehen. (ihr habt bestimmt gemerkt, ich liebe diesen wunderschönen Film.) Während seine Tochter immer erwachsener wird, wird er immer jünger, kleiner und kindischer. Um ihr ein „normales“ Leben zu ermöglichen, ging er weg. Wenn man das Leben nicht einmal andersrum erlebt hätte, kann man wohl andere Menschen nicht so lieben, wie Benjamin. Wir denken meistens nur an uns selbst, wir wollen Macht über anderen Menschen haben, sie zu bestimmen, was für eine Rolle, sie in unserem Leben zu spielen haben. Benjamin und Daisy, Zwei Seelenverwandten, die sofort in einander erkannten, dass sie füreinander etwas besonders sind. Nicht, dass sie wirklich etwas besonders sind, sondern das Gedächtnis, dass sie besonders waren, wird wachgerufen. Auch wenn sie im Leben paar Male gegeneinander entschieden haben, bringt das Schicksal sie wieder zusammen. Jeder hat seinen eigenen Weg und alles hat seine Zeit.

Was macht denn einen Tee die Zeit zu überdauern? Die Liebe eines Teeliebhabers zum Tee.

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