Archiv für den Tag 22/03/2008

Kein Titel

Alle gingen nach Hause, als der schlechte Nachricht am heutigen Wahlabend kam. Nano weinte bereit, als das erste schlechte Ergebnis genannt wurde.

Der Raum wurde bald leer. Es blieben ich und mein Teelehrer. Seine Frau versteckte sich dort, wo der Tee versteckt ist. Ich spuerte das schwere Herz, das aus Unversteandnis weinte. Diese Dinge kann man schwer verstehen, wenn man nicht unter einer Diktatur lebte und dagegen gekaempft hat.

Er senkte seinen Kopf vor dem Teetisch. „Morgen ist wieder ein Tag. Ab morgen kuemmere ich mich nur noch um das Essen. Ein gutes Resturant zu finden, das gute Essen zu kaufen und zu kochen. Ab morgen kann ich nur noch mit Tee sprechen.“ er jammerte, “ ich kann mich nicht mehr um Politik kuemmern, es wird wieder so wie frueher, wir duerfen wieder nicht mehr laut sagen, was wir denken!“ Ich konnte ihn nicht troesten, weil ich auch unter dieser Diktatur gelebt habe. Ich weiss, was eine Zensur bedeutet, wie das Geheimdienst funktioniert und was die politische Freiheit bedeutet, wenn man entbehrt wurde.

„Ab morgen kuemmere ich mich nur noch um Tee.“ er weinte „Hoffenlich gibt es in Hundertjahren noch Formosa Oolong!“ Mein Lehrer stammt aus dem Land, Mingjian. Ein Bauersohn, der an einem Teebaum gebunden war, als die Erwachsene beschaftigt waren. Er sprach mit mir meistens nur auf Taiwanesisch, weil er auf Chinesisch nicht ueber Tee sprechen kann. Seine Liebe zum Tee war die Liebe zu diesem Land. Im Vergleich mit mir hat er das Glueck ein Heimat zu haben, das ihn stuetzt. Er kann nirgendwo leben als auf diesem Insel. Ohne diese Insel und ohne Formosa Oolong waere er nicht er. Trotz seiner Liebe zu Taiwan liebt er Tee ueber alle Grenze, er liebt ebenfalls gute Tees aus China. Er liebt auch Rotwein, Eiswein, Schweinshaxe und Whisky.

Mit seiner Arbeit und Talent waere er eigentlich der Teeguru Taiwans. Er lebt allerdings in einer Zurueckgezogenheit, in einer kleinen Gasse, wo man die Adresse nachfragen muss. In vielen kleinen Gasse Taipeis verstecken sich viele Persoenlichkeiten, die ihre Arbeit im Hintergrund tun und keine Anerkennung im Massen suchen. „Medien ist ein Aufzug, der Dich hochfaehrt und auch runter faehrt. Sie brauchen Ereignisse.“ Er wollte kein Star sein. Das war seine Entscheidung, seine eigene Arbeit machen, die ihm Spass macht und davon leben zu koennen. Etwas in Bewegung zu setzen war sein Motor, um den Trend des Formosa Oolongs zu drehen. Solang er da ist, wird der Formosa Oolong in einem Vielfalt gelebt, das dem Markt nicht richtig beeinfluessen kann. „Wenn alle den standarisierten Tee verkaufen, muessen wir anders handeln. Wir werden Menschen finden, die es satt haben – mit dem standarisierten Futter. Formosa Oolong hat viele Gesichter, die gezeigt und gepflegt werden muessen. Nicht mit Institution, sondern wir machen es.“ sgate er immer zu mir. Aber was mache ich, wenn manche Kunde immer noch seinen Meinung festhalten, wie sie den Tee so verstehen – dem Trend nach und den standarisieren Geschmack nachjagen. „Es geht uns nichts an. Das ist ihre Sache. Dich nicht beirren lassen.“

Jedesmal, wenn ich mit ihm Tee trank, denke ich oft an dem letzten Shongun Tokugawa Yoshinobu in der japanischen Edo-Zeit. Er gab widerstandslos seine Macht an dem Kaiser zurueck und trat widerstandslos in dem Schatten der Gesellschaft. Er verlor seine Macht, seinen Titel und sein Zuhause, nur weil er an seinen Platz in der Geschichte dachte. Die Bdeutung seiner Rolle in der Geschichte war ihm sehr bewusst. Er wusste, dass er der letzte Shongun war, in einer Epoche und in einem System, was bereits zur Vergangenheit gehoerte. Er wusste, dass er nicht das Glueck innehatte, eine erfolgreiche Persoenlichkeit zu spielen, sondern die Rolle des letzten Shonguns – er handelte anders als the Last Emperor of China. Als der erste Attentat auf dem japanischen Kaiser ausgeuebt wurde, sagte er zu seinen Kindern, dass sie einen Beruf lernen muessen. Die Zeit sei anders geworden. Auch er wurde in seiner Zeit von seiner Gefolgschaft nicht verstanden. Er sei zu feige. Mit seinem Fall verlor ebenfalls die Gefolgschaft ihren Platz und Glanz. Aber nicht alle sind zufrieden mit dem Leben ohne Glanz. 

Seine Rolle in der Geschichte ist dem Yoshinobu wichtiger als der Schein im Hier und Jetzt. Meinem Lehrer ist es dessen nicht so bewusst, worum es geht. Fuer ihn geht es nur darum, Formosa Oolong in seinen Gesichter weiter geben zu koennen und die Geschichte des Formosa oolongs weiter schreiben zu lassen. Er wollte nur seine Verbindung zu dieser Erde und zu dem Tee weiter an andere Generation zu vermitteln. Mehr denke er nicht. Aber die Geschichte des Formosa Oolongs wird die Arbeit dieser Person ein Kapitel widmen.

Dongding Oolong 1977

In dem meisten Geschaeft wirbt der Kaeufer ihre potentiale Kundschaft und oft mit aggressiven Methoden. Im Tee scheint diese Beziehung nicht immer zu funktionieren. Als ich vergeblich auf den Da Hongpao wartete, bekam ich Angst, diesen Tee nicht mehr zu erhalten, weil irgendein Kaeufer den Tee vor mir wegschnappt. Er versicherte mir im Telefon, dass dieser Tee bereits versteckt wurde.

Als ich wieder in seine Tuer eintrat, wurde ich warm empfangen. Natuerlich wurde ich eingescannt und kommentiert, ob ich aelter oder dicker wurde. Gleichzeitig kam ein junger Mann in einem seidigen Anzug und es gab einen Lachanfall durch seine Erscheinung. Er kam ganz schnell in die inneren Raemen und zog seine glaenzende Krawatte aus. Er oeffenete einen Umschlag und zaehlte die frischen neuen Scheinen aus der Bank. Insgesamt 40000 Taiwan Dollars (ca. 1000 Euros) und gabe dem Lehrer Chen. Er lachte wie ein Kind. „Die erste Zahlung ist da und Du sagst mir, wann das Stop ist.“ Alle lachten und ich verstand nicht. „Kennst Du ML?“ “ Ja, klar. Zwei Male gesehen!“ Ja, das stimmt, aber nie im Seidenanzug. „Du hast richtig Glueck. Sie ist so selten hier.“sagte unser Lehrer. Ich fragte ihn direkt, was er mit dem Geld bezweckte. Ich roch etwas Gefaehrliches. „Weiss Du, das ist eine Salami-Taktik. Ich will den besten gelagerten Tee von unserem Meister abkaufen. Wenn ich das Geld auf einmal bringe und wenn er mir den Tee auf einmal geben muss, wuerde er es nie tun. Also ich bringe nun jedesmal 40000 Taiwan Dollars und irgendwann habe ich alles.“ Ich war erschrocken.

Ich war stutzig ueber seine Methode, aber konnte nichts dagegen kontern. Gleichzeitig spuerte ich mein Neid! Ich sagte mir, nicht in einen Potlatsch einzusteigen! Tee wurde ausgeschenkt, natuerlich eine Raritaet! Ein gelagerter Tie Guanyin, der auf Holzkohle geroestet wurde, der seine vergessliche Aroma in der Luft und im Tasse verstroemte. „Die meisten Menschen lieben den frischen gruenen Oolong, weil sie von dem Duft geblendet werden.“ sagte Chen zu ihm, in einer klaren und langsamen Stimme, “ das ist aber ein Spiegel unserer Gesellschaft. Tee spiegelt unserer Seele in dieser Zeit. Es wurde philosophisch. Er war eigentlich selten so. „Menschen haben keine Zeit, mit wichtigen Dinge des Lebens auseinanderzusetzen. Sie glauben mit Geld etwas erreichen zu koennen. Tee ist anders. Tee braucht Zeit.“ Er drehte zu mir, „viele Tees muessen langsam in der Ruhe genossen und verstanden werden.“ Der gelagerte Tie Guanyin ist so ein Tee, der in der Ruhe langsam und richtig genossen werden soll. Er sagte, wie in einem Dialog mit Tee.

Der Mann im Seidenanzug packte seinen Koffer aus und zeigte uns ein paar mit Computer geschriebenen Tabelle. Wow! Er habe fast alle Buecher gekaut und vergeglichen, wie sie ueber die Teeherstellung dokumentieren. ‚Es gibt so viele Wiedersprueche! Koenntest Du mir nicht korrigieren, wie es in der Tat sein sollte?“ fragte ein fleissiger Schueler, der seinen Lehrer mit guten Hausaufgabe beeindruecken wollte! Ich lachte, aber nicht zu laut. Der Lehrer sagte nichts. Er holte wieder einen Tee. Ein Phoenix 1995. „Ein Tee zum Nachdenken.“ meinte er. Ein schwer zu verstehender Tee, dessen Duft sehr dezent war, nur eine leise von pflaumigen und honigsuessen Note. Sehr leise, nachhaltig und jedoch praesent. „Die meisten Tees sind standarisiert. Auf dem Markt koennte man nur bestimmte standarisierten Richtungen und Gescnmaecke beobachten. Das breite Spektrum des Oolongs verschwinden.“ Er schaute zu diesem jungen Mann auf der steilen Karrierer-Leiter, „Wir wollen in wenigsten Zeit, etwas verstehen. Aber die Oberflaechlichkeit und das Highway des Lebens sind kein Schluessel, um Tee zu verstehen.

„Ich wollte die Essenz des Tees verstehen und nur das Wesentliche.“ sagte er zu mir, “ Du weiss ja, wie ein Fondmanager arbeitet. Wir suchen die wichtigen Literatur aus, analysieren sie und fassen sie zusammen. Die Informationen sind die Stutze unseren Berufs.“ “ Was ist mit Deiner Intuition?“ fragte ich ihn. Er war sprachlos, „was glaubst Du denn?“ Der Lehrer kam wieder zurueck, wieder mit einem raren Tee, „ein Tee, den ich eigentlich fuer mich geroestet habe.“ Der Duft stieg und die Tasse war in einem Smok. Die beiden Maenner sprachen weiter ueber die theoretischen Herstellungsprozesse und Probleme. Ich roch einen starken Holzkohle-Duft, kein Speck, kein Schwarzwaelderschinken, sondern Duft des Harzes. Nach diesen intensiven eindeutigen Momente folgte eine unverkennbaren kalten beruhigenden blumigen Duftnote. Langsam und langhaltig. Ich unterbrach ihre Disskussion, „Meinst Du,“ ich schaute meinen Lehrer hoffnungsvoll „das ist der Qrchideenduft von Qingxin oolong und gemischt mit Hochlandscharakter?“ „Ja! Du hast es.“ strahlten seine Augen. Sie sprachen weiter.

Der Mann im Seidenanzug musste wieder gehen, als sein Handy klingelte. Er sagte, dass er bald wieder kaeme. Wir lachten. Ich wollte unbedingt wissen, welchen Tee unbedingt abkaufen wollte. Es war ein Dongding Original 1977!