Archiv für den Tag 09/12/2006

Taiwans Interesse für den Westen?

Vielen Dank für die rege Diskussion von meinem gestrigen Beitrag. Es ging eigentlich um die Zusammenhänge zwischen Tee und chinesischer 5 Elemente Lehre. Die Diskussion ging allerdings um die Interesse Taiwans für den Westen.

Ich weiß ehrlich gesagt nicht, wie ich mit diesem Beitrag anfangen sollte. Ich fragte mich auch zuerst, „weshalb bist Du nach Westen gekommen?“ Bevor ich die Frage auf Thomas eingehe, möchte ich gerne diese Selbst-Frage beantworten.

Alle taiwanesischen Intellektuellen wissen, wenn sie die akademische Laufbahn einschlagen möchten, müssen sie nach Westen pilgern. Die meisten gehen nach USA! Ich komme aus National Taiwan Universität, die Elite-Universität Taiwans, wo selten Professoren nur in Taiwan ihre Promotion abgeschlossen haben. Das Studium in den USA ist der schnellste Weg in dem Elfenbeinturm. Ich entschied mich mit einer Freundin zusammen nach Deutschland zu studieren, weil ich gerne meinen eigenen Weg gehe und selbst als „linke“ Studentin verstand. Wir lernen und eifern fleißig dem Westen nach, nicht nur in Life-Style, sondern auch im Bewusstsein! Wir lernen antike Kultur, abendländische Zivilisation, Aufklärung und die Moderne in der Schule. Wir setzen fleißig damit auseinander in der Öffentlichkeit und verstehen uns als Mitglied der Moderne. Taiwanesische Intellektuellen möchten ihr Land modernisieren und bemühen sich es zu verstehen, weshalb der Westen die Hegemonie innehat. Die Unabhängigkeit der Schweiz, ein Bergland mitten in Alpen, verkörpert ein verklärtes Vorbild für Taiwan, wo immer Schlachtfeld verschiedener kolonialen Mächte war und ist und Sehnsucht nach Frieden und Unabhängigkeit hat.

Mit dieser Begeisterung für Westen bin ich als 18 Jährige hier angekommen. Viele angenehme und unangenehme Fremderfahrungen führen mich zum Glück zu meiner kulturellen Wurzel, die mir bewusst macht, wer ich bin. Nicht mehr ganz taiwanesisch, nicht ganz chinesisch, ein bisschen deutsch und ein bisschen menglin selbst. Ich fange wie viele andere taiwanesische Intellektuelle an, über meine frühere Begeisterung und Verklärung zu reflektieren.

Der Westen – einfacher ausgedruckt, steckt in eine Krise, die aufgrund ihrer Ignoranz, fehlende Selbstreflexion und der Naturgesetz (alles ist vergänglich, auch Wachstum) zwangsläufig stattfindet. Viele meine Freunde, die in Frankreich, Deutschland und USA studierten, teile die Meinung, dass wir auf unseren eigenen Weg gehen müssen, um viele Probleme der Postmodernität zu vermeiden und selbst neu zu verorten. Die Frage ist, können wir uns wirklich von dieser Entwicklung entziehen?

Ich weiss nicht, ob ich die Frage von Thomas beantwortet habe. Natürlich gibt es immer Menschen, die sich nur oberflächlich für andere Kultur interessieren. Das ist ja Life-Style. Immer etwas Neues, Fremdartiges und Hübsches. Das hat nichts mit Mentalität eines Volkes zu tun. Das ist die Mentalität oder Zeitgeist unserer postmodernen Gesellschaft.