Kurz vor einem Gongfu Cha Seminar

Beim Packen für das kommende Seminar in Berlin überlege ich stets, was mitgenommen werden sollte. Meine Teekanne, natürlich meine Lieblingskanne. Kostbar, schön und rar aus Schwarzenjade. Werden Teilnehmer enttäuscht von meinem dekadenten Geschmack? Ich liebe diese Kanne, nicht nur seine Linie, perfekte Zusammensetzung zwischen Deckel und dem Körper, sondern das wunderbare Material – der Stein schimmert im Licht und ist durchlässig.
Teezeremonie wird zugeschrieben von Reinheit, Respekt, Harmonie und Ruhe. Ein Ort des Innenschau und Heiligkeit. Diese Illusion pflegt man spätestens nur bis zu dem Akt des Tee-Geräte-Schaus. Dort wird ausgetauscht, wie rar und selten oder kostbar dieses verwendete Teatoys ist. Auch hier wird Wert getauscht, moralisisert und demonstriert.

Kostbar und rar. Schön und einzigartig. Die Instinkte des Jägers und das Begierde des Sammlers manifestieren sich nackt in der Welt des Tees. Ohne Geld, kein Besitz von Rarität. Rarität verspricht keine Garantie von Schönheit und Ästhetik. Schönheit berührt nur Menschen, die Zugang dafür halten. Keinen Zugang zur Ästhetische (theoretisch sollte jeder ihn haben) verfällt das schöne Besitztum für einen zur einen Etikette. Kein Geld und nur die ästhetischen Empfänglichkeit zu haben könnte das Leben mit Begierde ziemlich grausam machen.
Die Welt des Tees wird in Medien oder in Phantasie oft als Refugium betrachtet. Refugium für einen Raum des Ichs. Wer sich es leisten kann, baut ein Teehaus. Wer sich es nicht leisten kann, leistet sich eine Teestunde. Ist der Tee, der Retter? Oder ist der Retter die Entscheidung des Einzelnen, der sich einen Raum schafft, innere Freiheit zu pflegen?  Die Welt des Tees ist keine Rettungsreifen am Ufer. Wer in der Außenwelt nicht zurecht kommt, kommt hier mit seinem gewöhnten Muster auch nicht weiter. In dieser Welt begegne ich stets meinen eigenen Abgrund, meine Begierde und meine Illusion – der Jagd nach Perfektion, nach dem Außergewöhnlichen und nach dem Selbstverständlichen. Wenn man eigene Begierde nicht einmal kennt, es nicht thematisieren kann, wie könnte man überhaupt wissen, wohin man gehen will? Wenn die Richtung klar ist, bereite man sich vor für den richtigen Zeitpunkt und verwirklicht sie.
Kostbarer, rarer und schöner Tee und Teegräte sind wie solcher Mensch, einzigartig und selten. Man will solche Chance nicht verpassen. Trotzdem möchte man die wirkliche Freiheit zu behalten, mit Gewöhnlichen und Einfachen zufrieden zu sein. Darin liegt wohl die Kunst der Balance.

Die materielle Welt ist nicht sündhaft. Die Vision braucht Geld und Zeit. Der Jagd nach dem Geld ist nicht immer effizient, mit Willen erreicht man nicht die Kunst des Tees. Geld und Zeit sollte jeder mitbringen, wenn man die Welt des Tees betreten will – diese Aussage zu machen, vor einem Teeseminar dufte provokativ genug sein, vielleicht sogar entmutigend.

Mut ist die Sache und die Entscheidung des einzelnen. Jeder bekommt das, was er für seinen Herzenswünsch einsetzt – das bin ich sicher.

Kann ein befallener Oolong gut sein?

Hallo, Menglin,

….

In der Regel trinke ich jedoch grünen Tee. Für die meisten Oolongs
und roten Tees habe ich nicht den passenden Mund, wie’s ausschaut.
Schöne grüne Tees in China zu finden, ist jedoch auch eine
schwierige Aufgabe, ich würde mich freuen, wenn sie davon mehr
anbieten würden.

In einigen Ihrer Beschreibungen von Oolong Tee sprechen Sie positiv
von „Insektenbefall“. Mich für klingt das auf den ersten Blick
ersteinmal gar nicht gut. Was hat es damit auf sich?

vielen Dank

Tom

Ein neuer Teefreund aus Norden fragte nach dem „Bild“ des von Insekten befallenen Tees. Dass man zuerst eine seltsame Vorstellung von einem befallenen Tee hat, ist nur verständlich. Vielleicht liegt tatsächlich eine Welt zwischen Orient und Okzident.
Normalerweise werden die Teeblätter regelrecht von Insekten heimgesucht, wenn das Milieu neutral und relativ natürlich „gepflegt“ wird. Die so genannte Schädlingsbekämpfung  kann die Teepflanzen nicht vollständig vor den intelligenten und lebenshungrigen Insekten abschirmen. Was passiert dann, wenn die Blätter „abgebissen“ werden? Meistens werden sie aussortiert – als Fehler. Oft wird die Ernte verzichtet, wenn die Ernte zu stark „beschädigt“ wird.
Warum? Denn solche geschädigte Blätter sind anders zu behandeln als das „normale“ Pflückgut. Sie brauchen einen erfahrenen Umgang des Teebauers, der Vertrauen in Ihr Handwerk haben, je nach der Schädigung unterschiedlich die Blätter zu verarbeiten. Denn sie sind gelblicher, trockener, zerbrechlicher, aber enthalten ein außergewöhnliches Aroma! Das ähnliche gilt auch für die Zwischenernte zwischen Winterernte und Frühlingsernte – die so genannte Dongpian (Winterblatt) im Dezember und Januar. Das Wetter ist nicht geeignet für die Herstellung des Oolongs, aber dieses Pflückgut unter dieser besonderen klimatischen Bedingung könnte Teeliebhaber ein außergewöhnliches Erlebnis schenken. Das Erleben des zarten feinen Aromas hängt allerdings vom Handwerk des Teemakers ab. Solche Vorrausetzungen machen eine Rarität aus: klimatische Bedingung, natürliche Gegebenheit und Handwerk eines Teemakers.

Manche Teemaker betrachten solche „Biss“ als Horror und Mangel. Manche jagen gierig danach. Mein Teelehrer und ich gehören zu dem Jäger, der gerne „kuriosen“ Exemplare sammeln. Hindernisse und Schwierigkeiten machen „Spaß“ in einer Sache aus, nicht ein „glatter Ablauf“. Wenn mein Lehrer mich wieder anruft, erzählt, was er wieder findet und wie er diese Dinge fand, fühle ich mich jedes Mal beteiligt – an seiner Jagd. Im Frühling sprachen wir von Suche nach „Qilan“ – ein selten gewordener Oolong. Vor drei Wochen rief er mich an und sagte, „He, ich habe ihn in einem Garten gefunden, nur 6 Kg!“ Oder warnte er mir vor einem Kauf von Phönix Dancong, den ich so sehnsüchtig suchte.
Tee suchen ist nicht gleich wie Kleider kaufen. Es ist oft schwieriger als die Partner-Suche…

Ich bin leider kein Chemiker und kann den Leser nicht aufklären, was für einen chemischen Prozess hinter diesen „Biss“ und „Fermentation“ stattfindet. Es ist jedenfalls ein unvergesslicher Genuss, wenn ich solchen „Makelhaften“ Oolong trinke. Ein Makel ist nicht einfach ein Makel, sondern ein Charakter, der ein “Erdgeschoß“ zu einem Märchenschloss“ verwandelt. Für manche ist es ein Makel, für manche ein Traum. Jeder bekommt das, was er mit seinem Suche-Einsatz „verdient“.
Für mich ist ein Oolong mit solchen Makel ein Traum – ich bin „leider“ kein Maßstab. Für Sie, lieber Tom, probiere es doch einmal aus, ob solcher Oolong ein Erlebnis sein könnte, ohne einen tatsächlichen Versuch bleibt es für immer ein Rätsel auf Chinesisch. Auch der erste Eindruck und das erste Erlebnis sind nicht entscheidend, sondern ihre Mut und Abenteuergeist machen tatsächlich bei der Auseinandersetzung mit dem Tee aus.

Ich wünsche allen viel Freude, viel Spaß und viel Mut!

Notiz zum Teeseminar

Das Gongfu Cha Seminar in Berlin

So, 22.06. 10-16 Uhr
Referentin: Meng-Lin Chou (Taiwan)

Ort:
Restaurant „China Perle“
Schönhauser Allee 61
10437 Berlin

Organisation:

Mario Pestel info@taiji-berlin.de tel: 0049-30-4486560 o. 016098386872

Die Kunst der Teezubereitung dient nicht dazu, das Perfekte zu perfektionieren, sondern durch die Zusammenkunft das Eigenen und das Anderen miteinander zu harmonisieren.

Das Teesaminar „Sprache des Tees I“

So, 6.07.2008

Ort: Lotus Garten Zürich

Waffelplatzstrasse 1

Organisation: Teeclub

Das Seminar sei schon längst ausverkauft. Im Winter sollte aufgrund der rege Nachfrage noch einmal ein Seminar organisiert werden. Nachfrage bitte beim Teeclub Schweiz.

Ein einfacher und guter Tee

Der Frühling bringt die neue Ernte und ebenfalls viel Arbeit. Die Qualität des Tees schwankt immer mit der Laune des Frühlings. Dagegen könnte man leider nur beten und nichts tun. Ich hatte immer die Ambition den besten Tee herauszufinden und die Leute zu präsentieren. Der besten, den ich finden könnte und selbst dazu stehen kann. Wer wäre denn schon gerne mit der zweiten Wahl zufrieden? Lieber keinen als einen schlechteren – diese Lehre vermittelt mir mein Teelehrer in Taipei. Er sagte mir, das vereinfacht das Leben. Manchmal ist diese krankhafte Einstellung so schlimm, dass es einfach keinen Tee da ist, z. B. einen Longjing, einen Dancong Phönix Milanxiang! Solche Teesorte auszusuchen gehören tatsächlich den schwierigsten Hausaufgaben. Es scheint so, dass ich in diesem Jahr mit einem einfachen Longjing zufrieden sein muss. Ein einfacher Longjing muss nicht schlecht sein, aber solide. Einen einfachen aber guten Tee herzustellen haben Teebauer an der beiden Seite von den Taiwanstrassen schon längst vergessen. Alle wollen die Trendsorte produzieren und vergessen, dass sie es nicht jedem Kunsthandwerk des Tees eingeweiht sind. Einen Qimen findet man heute in jeder Provinz. Er könnte einfach sein, aber einen einfachen guten kann man heute nicht mehr einfach finden.

Einfacher guter Tee ist rar, so rar wie Wörter, die dem Herzen berühren, einfach aber unvergänglich.

Gestern sollte ich für den kranken Lehrer Michel kochen. Er jammerte vor Schmerzen, vor Schlafstörungen und vor seiner Hinfälligkeit. Er war ein eiteler Mann. Ich hatte ihn an diesen dusteren Tag nichts zu geben und wusste nicht, was ich ihm hätten sagen sollen. Zu Waschbecken drehte ich mich um und hoffte, dass er meine mitleidenden Augen nicht sah. Plötzlich rief er mich und fragte, „Menglin, Dir geht es nicht gut, warum?“ Wörter könnten auch so einfach sein. Das Herz kann so einfach berührt werden. Er sah in seinem Schmerzen noch meine Schmerzen, in seiner Verzweifelung noch meine. Ich weinte. „Du verstehst nicht das Vergänglichkeitsgesetz, deswegen weinst Du.“ Die Liebe dieses alternden hinfälligen Mannes wird mein Leben lang begleiten. Sein Geist ohne Kalkül, seine Wörter ohne Taktik.

Zwischen den Regen möchte er noch spazieren gehen. Ich verabschiedete mich von ihm vor Triemli, denn ich noch Teestunde hatte. Er sagte nichts, aber ich spürte seinen leisen Wünsch. Er ließ mich gehen, weil er möchte, dass ich seinen Wünsch nicht erfüllen muss, weil ich so leben sollte, wie ich möchte. In meinem Ohr klang der Text Da Yu Sha Jia, den ich in meinem ersten Pekingoper-Unterricht lernte. Eine Szene, in der Vater und Tochter zwischen Leben und Tod standen. Ein Abschied am Wasser, Vater in Verzweifelung und Flucht, Tochter in Schmerzen und Angst. Ich drehte mich noch einmal um und sah, wie er allein auf dem Heimweg mühsam fort lief. Ich lief beeilt Richtung Tee, so eilig, dass der Wind meine Tränen trockenen könnte vor meinem Ziel.

问春何苦勿勿,带风伴雨如驰骤。 Ach, Frühling, warum warst Du in der Eile, so schnell wie der Blitz, begleitet mit Wind und Regen.

Nun ist der Frühling vorbei. Ein schöner Longjing hatte ich letztes Jahr gehabt. Die leise Note der Kastanien mit einem Hauch duftenden Blumenmeer. Aus falscher Kalkulation kaufte ich zu wenig ein und die zweite Lieferung war eine Enttäuschung. Dieses Jahr finde ich nur einen Longjing, der solide, sauber verarbeitet ist. Die Kastanien-Note ist zurückhalten und das Frische kommt zur Geltung. Aber der Duft des Blumenmeers bleibt nur in der Erinnerung zu wünschen. Es hieß, der Teebauer erhöhte den Preis, weil die Qualität durch viele klimatische Ereignisse und Bedingungen generell schlechter wurde. Ich wusste nicht, wie ich den Teebauer im Telefon erklären sollte, dass sein Argument mich nicht interessiert. Klimatische Veränderung gibt es immer, aber ihr Handwerk dient einfach dazu, einen einfachen und guten Tee herstellen zu können. Die Schwierigkeit, wieder die gute Einfachheit wieder zu finden scheint nicht nur beim Tee zu sein. Tiefe Liebe ohne viel Wörter und nur Verständnis kann schwer verstanden werden im Geschwirr der medialen Emotionen. Die Welt des Tees ist eine kleine Abbildung unserer Zeit. Aber wohin gehen wir denn, wenn wir es so weiter machen?

Okashi – lecker!

Okashi - lecker!

Am Mittwoch hätte ich schon wieder eine „komplizierte und schmerzhafte“ Kazari Tee – diesmal eine Chawan-Kazari (Einweihung für eine bedeutungsvolle Teeschale) machen müssen. „Zum Glück“ gab es andere Ablenkung und ich sparte mir die Knieschmerzen.

Madeleine merkte es bestimmt und schickte mir das Foto, um mir ihr Schadenfreude zu zeigen…

Hallo liebe Menglin

Wir haben dich gestern vermisst beim Teeunterricht. Wie gerne hätten wir einen Koicha von dir getrunken oder einer wunderschönen Kazari-Zeremonie zugeschaut…. Aber ein bisschen anwesend warst du trotzdem. Im Anschluss an den Unterricht hat uns Miya zwei Tees von dir aufgegossen und wir konnten uns einer Degustation hingeben. Der eine Tee war aus einem Teeziegel, der uns übrigens ganz gut gefallen hat, aber der andere war eine absolute Köstlichkeit. Miya meinte, es sei der Oolong Dongding Original. Der Geschmack und Duft dieses Tees geht mir nicht mehr aus dem Kopf/dem Gaumen/der Zunge und, und, und;-)

Ich freue mich auf das nächste Treffen
Herzliche Grüsse
Madeleine

unsere gestrige Süssigkeit – ichigo-daifuku! Oishikatta!

Miya bietet auch Kurse für die japanische Süssigkeit an. Kontakt hier.

Der Garten im Wistaria Haus

紫 藤 廬 Das Wistaria Haus
委託經營台北市文化局  承辦單位紫藤文化協會

地址:台北市新生南路三段16巷1號
電話:02-23637375        02-23639459
服務時間:10:00-23:30
網址:http://www.wistariahouse.com

Das Haus ist wie eine halboffene Tür,

Hinter dieser Tür versteckt ein Garten.

Manche passieren vorbei und bemerken es nicht.

Manche bemerken den Garten, haben aber keine Zeit.

Manche gehen endlich hinein und realisieren, dass es Türe hinter den Türe, Gärten hinter den Gärten liegen…

Dieses Jahr regenet es zu oft, zu lang und zu viel in Zürich, während Wistaria blühte. Am letzten Samstag sah ich die kargen Zwerge und auf dem Boden verstreuten welkende Blüte. In diesem Moment fühlte ich mich etwas für immer verloren zu haben. Wistaria blühen jedes Jahr, während Menschen kommen und gehen. Die Tür des Gartens wird wohl im Kommen und Gehen übersehen – ähnlich wie das Leben und Tod im Kommen und Gehen. Der Duft von Wistaria konnte die verblendeten Köpfe leider nicht wach rufen -ebenfalls die Seele, die das Kommen und Gehen des Lebens schleichen läßt.

Aber Chou, Yu ist nicht so pessimistisch, er glaubt an die Wiedergeburt seines Teehauses. 2007 wurde das Haus von Abriss bedroht und geschlossen. Nun sollte das Haus unter Denkmalschutz renoviert werden und im Juni wieder geöffnet. Er freut sich auf die Mutigen und Mussigen, die Zeit haben, die Tür zum Garten zu schieben.

Ein Haus der Protestbewegung ist nun ein Haus unter dem Denkmalschutz Taipeis. Eine Ironie oder ein Fortschritt des demokratischen Verständnis Taiwans? Ein Haus vom geistigen Eingentum mit Materialismus zu schützen ist eine moderne Erfindung. Ich glaube nicht an ihn, sondern an den Zyklus des Wistarias.

Wistaria Teehaus

Zi Teng Lu 紫藤廬 war das „Teehaus“ in Taipei. Das Teehaus war klein und eine kleine Abbildung Taiwans – eine Insel, die stets unter fremden Einflüssen, unter fremden Herrscher und unter fremden Einwanderer steht. Es ist schwer zu beschreiben, wie das Zi Teng Lu eigentlich war. Ein Haus auf Formosa im den japanischen Stil integriert mit einem europäischen Kamin. Eine Kreuzung von Cross-Culture, eine Kreuzung von Begegnungen.

Der Hausherr Chou, Yu 周渝 erzählte, dass das Haus seit den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts bereits existierte. Es war die japanische Zeit – eine schöne Zeit für Menschen wie mein Großvater, eine schamhafte Zeit für die chinesischen Einwanderer. 1949 wurde das japanische Haus von der Jiangs Regierung übernommen und der neue Hausherr war der Vater von Chou, Yu. Der neue Hausherr war ein höherer Beamte, der in Berlin studierte und ein liberaler Patriot war. Sein Salon war voller Literaten und Intellektuellen. Die Freiheit für die Presse, für das Menschenrecht und der Liberalismus waren ständige Themen, die Mut und Aufrichtigkeit eines Menschen auf Formosa erfordert. Chou, Yu sagte, dass er als Kind den Geheimdienst aus dem Fenster beobachtete, während der Geheimdienst vor ihm nicht abscheute, ihre Notiz zu machen. Das Haus wurde spioniert, die Menschen waren stigmatisiert und die Begegnungen wurden dokumentiert.

Wistaria HausWistaria Haus noch vor 2007

1981 verlass der Vater endgültig das Haus und die Insel. Sein Sohn verwandelte es zu einem Teehaus. Weil Wistaria (Glyzinien)vor dem Haus besiedelte, wurde das Teehaus nach diesem prächtigen Pflanzen genannt. Chou, Yu beschäftigte sich mit dem improvisierenden Theater und bot sein Teehaus als Möglichkeiten für Theatergruppe und Künstler an – vor allem für die noch unbekannten unetablierten Künstler. Er selbst mischte sogar in die politischen Bewegungen mit, er kämpfte für die politische Freiheit Taiwans – ein Fremdwort für Menschen, die gewöhnt sind, Freiheit zu nehmen.

Draußen vor Wistaria Haus liegt Xinshen Nan Lu, eine Strasse von befahrenden Autos und Verkehrsknoten; innen im Haus herrschte Begegnung zwischen Menschen, die eine Zeit der Ruhe und Frieden mit einander teilten. Hier trafen Studenten, Professoren, politisch Verfolgte oder ganz normale Sterbliche, die nur Bücher lesen, Tee trinken und quatschen wollten. Als Studenten trafen wir uns gerne dort, um Sitzungen zu machen. Meistens war es Mitte Nacht, der Tee hielt uns wach und das belanglose Gespräch hörte nicht auf. Dann wurde oft Nudel noch für uns gekocht und dann Bier ausgeschenkt – der Hopfenblüte Tee. Insofern bedeutet Bier auch für mich eine Art von Anhaftung an eine verlorene Zeit. Damals wurde eine Frau in diesem Kreis nicht respektiert, wenn sie keine drei Flasche Bier (0,75 L) am einen Abend trinken konnte.

Das Wesen des Tees wurde in der chinesischen Kultur mit einem Wort beschreiben 澹Dan. Das bedeutet, Zurückhaltung, Toleranz und Integration. Tee verdrängt andere Dinge nicht und ist niemals aufdringlich. Der Geschmack des Tees ist oft so leise zu bemerken, wenn man ihn nicht bewusst wahrnimmt. Er hebt sich nicht hervor, aber ist bewußt über seine Eigenheit. Tee integriert verschiedene Elemente. In Europa wird Tee anders zelebriert und anders aufgenommen. Insofern hat Europa eine ganz neue Chance Tee anders zu erleben als in Asien, wo man bereits Tradition als mögliche Last wahrnehmen könnte. Was Asien hier überhaupt zu sagen hat, ist wohl die Vermittlung des Geistes des Tees – wie der Geist des Wistaria Hauses, Toleranz, Freiheit und Integration. Dieser Geist sollte hier weiter gelebt werden und die Form wird wohl sich langsam eine neue Gestalt finden.

Das Wistaria Haus war der Augenzeuge der politischen Geschichte Taiwans, der Pioneer und Verteidiger der Freiheitsbewegung. Nicht zufällig war es ein Teehaus. Tee hat immer einen Protest-Charakter in meinem Auge, Protest gegen den Mainstream, gegen das Statische und gegen das Gefangen-Sein im innen und außen.

Tai He 2006 und etc.

Ein Bericht über Tai He zu schreiben, fällt nicht schwer. Es ist insofern schwer, wenn man das Unsichtbare von Chou Yus Text und Vorstellung wörtlich materialisieren möchte. Es ist oft so, dass viele Beschreibung sehr esoterisch klingt, wie „die Bewegung des Qis“ und „Ganzheit mit dem Kosmos“. Man könnte alles behaupten, was einer glaubt, es bei sich zu spüren. Andererseits ist man keiner Rechenschaft schuldig, was man bei einem Tee empfindet. Jeder Duft, jeder Tee und jeder Geschmack ruft unterschiedliche Reaktionen und Assoziationen bei Menschen hervor. Was gäbe es denn da zu diskutieren?

Manchmal bin ich mit der Frage konfrontiert, warum der beschriebene Geschmack bei dem Fragenden nicht zutrifft, wie könnte er denn überhaupt etwas unternehmen, um ihn zu schmecken. Manchmal frage ich zurück, „Wenn Du/Sie Dich/Sich nicht begeistern lässt, wie so der Tee Dich/Sie begeistern?“

Wenn Du Dich nicht berühren lässt, wie möchtest Du andere berühren?

Mein junger Schauspieler-Freund Dirk, fast ein Ersatzbruder für mich, verlor gerade seine Freundin. Sie ist nach Europa gekommen, um eine Geschichte zu vergessen. Nach ihrem Heimat zurückgekehrt, um eine andere Geschichte zu vergessen. Er sagte, dass er nicht wirklich traurig sei, weil die Distanz zu groß sei, um überwunden zu werden. Es ist nicht die Distanz der Liebe, sondern die Distanz zum eigenen Selbstvertrauen. Er kämpft um seine Karriere und wurde gesagt, dass er stets eine Schleie trägt, seine Schauspielkunst die Menschen nicht erreicht. Er fragte mich bedrückt, was das bedeuten sollte.

Wenn Du Dich nicht berühren lassen könntest, wie könntest Du andere Herzen berühren? Wenn Du Deine Trauer nicht kennst, wie möchtest Du  anderen mit Freude anstecken?

Unsere Erziehung zeigt uns, wie wir einen guten und besseren Menschen sein können, um Anerkennung und Akzeptanz zu erhalten. Immer fit, in Topform und leistungsfähig. Verpflichtungen, Schuldgefühle und das Gefühl des Opfers hängen mit der Erwartung zusammen, anerkannt und akzeptiert werden zu wollen. In diesem Mechanismus hat ein wahres Ich kaum einen Raum. Darum könnten viele Menschen nicht riechen, nicht schmecken und nicht fühlen. Ihr Sehen und Denken fixieren nur auf sich selbst, nur ihre eigene Probleme zählen zu wichtigsten Ereignisse der Welt – wie oft muss ich Frage und Emails beantworten, die nach Hilfe schreien, aber erhalte selten nach dem Antwort einen Dank. Zum Glück mache ich diese Arbeit für mich selbst, nicht für die anderen oder für einen Dank.

Mit Vero konnte ich den Tai Ho zusammen „erforschen“. Sie hat eine gute Nase, eine geschulte Wahrnehmung und beherrschte hervorragende Präzision des Benennens. Der trockene Tee duftet in seiner trockenen Form leicht nach getrockneten Zwetschgen, leicht nach Teer und nach dem Holz. Sie sagte, dass die holzige Note eine Art von Lebenskraft in ihr erweckte. Im Aufguss schmeckte er anders. Ich sagte wieder – wie Blumenwiese. Eine Blumenwiese nach dem ersten Frühlingsregen auf einer subtropischen Insel. Es ist feucht, duftend, leicht nach Moor nach Waldboden. Leicht nach Algen, fügte sie hinzu, aber nicht nach dem Meer, sondern nach den feuchten glitschigen Urpflanzen der Erde. Der Aufguss war ergiebig. Die aufgegossenen Blätter sahen wunderschön. Keine Verletzungsstelle, sorgfältig verarbeitet. Das Gefühl des Paradieses – das Gefühl voller Dankbarkeit. Kein Verlangen und keine Erwartung. 

Einen Dank an Chou, Yu, einen Dank an alle Wesen, die es ermöglichte, dieses Moment zu erleben.

Tai He 太和 2006

Tai He 太和 2006

Tai He 太和 2006 – kosmische Harmonie, eine Pu Er Kreation von Chou, Yu

Ein loser Pu Er ist nicht eine Rarität. Diesen losen Tai He würde ich als eine Rarität bezeichnen. Wie stellt Chou, Yu seine eigene Kreation selbst dar? Was möchte er mit den Teeliebhaber austauschen – durch diese Kreation?

Tai He, ein Tee aus tausendjährigen alten Teebäume im Hochland Yünans.

Die uralte Teebaum-Gruppe beheimatet im Gebirge von ca. 2000 Meter ü. M. Die Ernte fand im frühen Frühling statt – vor dem 4. April (Ming Qian). Seine Tee-Tipps sind zart, anmutig und lang. Sein Wesen ist voller Reinheit der Frühlingskraft.

Man könnte mit Teekanne oder mit einer Schale zubereiten. Die Menge wäre nur von der Hälfe des normalen Gebrauchs. Normalerweise spürt man nach drei oder fünf Tasse einen sanften Fluß der Energie (Qi), die unseren Körper belebt. In diesem Moment versüßt unseren Mund das Speicher aus unserem Zungewurzel. Der Duft des Tees bleibt an unsere Zähne haftend. Unser Gaumen wird balsamiert und der Abgang hinterlässt Spuren im ganzen Tag… Dann verschließen Deine Augen, (wo gehst Du noch hin?) Du bist schon im Paradies!

Ein Degustationsbericht wird in nächsten Tagen folgen.

Düfte der Städte

Beim Begrüßungskuss machte sein Duft seine Präsenz bemerkbar. Ich ahnte eine schöne Duftmischung: erfrischend, natürlich und anziehend. Er sagte zu mir, dass ich so hübsch sei. Ich erwiderte ihm, dass er wunderbar duftete. Das machte Hubert leicht verlegen. Der Duft sei aus einer individuellen Parfümerie aus Paris, sonderbar und kostbar. Den Duft findet wohl sein Partner auch als sonderbar und rar. Das Gespräch zum Frühstück im Theater Cafe fing beim Duft an.

Durch meinen Beruf und meine komische Nase vertrage ich kein Parfüm auf meine Haut, nicht einmal normale Creme mit Düften. Sie irritieren mich so stark, dass ich nicht mit Tee arbeiten kann und darunter leide. Duft auf dem Körper ist ein Thema, das mich an einen Film (Hold you tight 1998) Stanley Kwan erinnert. Es handelte sich um einen jungen Mann, der sich in einem Mann verliebte und ein Verhältnis mit dessen Frau anfing, um den Duft dieses Mannes zu erfahren, um das Gefühl zu erhalten, nah an ihm zu sein. Es war eine Aufrührung im Filmfestival Rotterdam 1999. Es erinnert mich ebenfalls an dem mitgereisten Stefan, an seine Studentinnen vor seiner Sprechstunde, sein Duftwolken im Büro und sein schweigendes Gesicht, wenn ich mich darüber beschwerte.

Hubert liebt Paris. Eine Stadt für Verliebte und unglücklich Verliebte. Er erinnert sich immer an den Duft des frisch gebackenen Brots und an den Duft des Metals, wenn er an diese Stadt denkt. Paris bin ich immer nur im Transit, kurz und eilig. Es war allerdings immer im frühen Sommer, im schönen Wetter zwischen den Menschenmenge. Für mich duftet Paris nach Flieder! Insofern schmeckt diese Stadt nach Sijichun! Oder Anji Baipian. Blumig, duftend und in einer Eleganz verpackte französischen Aggression.

London? „Oh, es ist schon lange her, als ich in London war.“ Er suchte seine Bilder im Speicher. Eine Stadt mit Parks und Squares. Eine Stadt meiner ersten nicht asiatischen Erfahrungen. Als ich 18 war, brachte bzw. zwang mein Vater mich nach London für eine kurze Zeit zu verbringen. Sein indischer Freund Mr. Khan sollte sich um mich kümmern. Der alte strenge indische Gentleman immer im Oxford-Hemd und Anzug rief mich am jeden Sonntag an und brachte mich zum Essen. Das Essen glich einer Erfahrung von 1001 Nacht! Der Himmel war oft grau und ich war allein. Trotzdem liebe ich das Englische und die Gentlemen. Als ich zum ersten Mal Deutschland besuchte, war ich zu triefst enttäuscht von der Kölner Vorstadt. Für mich duftet London nach Pfingstenrose. Fein und zugleich herausfordernd. Ähnlich wie beim Lapsang Souchung! Er kann schwer sein, kann beflügelnd und zugleich stechend.

Was ist dann mit Zürich? Wir lachten. „Die Stadt ist klein und fein.“ „ Ja, wie Maiglockchen.“ Die Düfte von Maiglockchen schmecken intensiv, zitrusartig und süß – wie der Jadeoolong, den ich neulich mitbrachte. Intensiv, blumig und fruchtig zugleich! Klein – nicht spektakulär, aber fein. Ich fange nun an, diese Stadt zu mögen. Morgens aus dem Dojo von Neumarkt aus, mache ich den Sparziergang durch den Gemüsebrücke, zur Stehlgasse, dann Rennweg zur Löwestrasse. Ich fange an, mit dieser Stadt zu „befreunden“ – aus dem kleinen Mosaik-Stein: mein Restaurant, meine Atelier, meinen Bäcker, meinen Markt und mein Schuhgeschäft. Reine materialistische Anhaftung.

Hubert plant mit seinem Freund ein Event am kommenden Samstag nachmittags: „Die Kunst und der Esel“. Die Galerie seines Freundes sei „die Kunst“ und sein Laden sei „der Esel“. Es sollte Prosecco ausgeschenkt werden und ich mache aus diesem charmanten Getränk zu einem richtigen Hexen-Trank: Matcha im Prosecco!

Eine Einladung zum Frühlingserwachen! Grün und prickelnd.

 

Von

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Spiegelgasse 22

8001 Zürich