Ein einfacher und guter Tee

Der Frühling bringt die neue Ernte und ebenfalls viel Arbeit. Die Qualität des Tees schwankt immer mit der Laune des Frühlings. Dagegen könnte man leider nur beten und nichts tun. Ich hatte immer die Ambition den besten Tee herauszufinden und die Leute zu präsentieren. Der besten, den ich finden könnte und selbst dazu stehen kann. Wer wäre denn schon gerne mit der zweiten Wahl zufrieden? Lieber keinen als einen schlechteren – diese Lehre vermittelt mir mein Teelehrer in Taipei. Er sagte mir, das vereinfacht das Leben. Manchmal ist diese krankhafte Einstellung so schlimm, dass es einfach keinen Tee da ist, z. B. einen Longjing, einen Dancong Phönix Milanxiang! Solche Teesorte auszusuchen gehören tatsächlich den schwierigsten Hausaufgaben. Es scheint so, dass ich in diesem Jahr mit einem einfachen Longjing zufrieden sein muss. Ein einfacher Longjing muss nicht schlecht sein, aber solide. Einen einfachen aber guten Tee herzustellen haben Teebauer an der beiden Seite von den Taiwanstrassen schon längst vergessen. Alle wollen die Trendsorte produzieren und vergessen, dass sie es nicht jedem Kunsthandwerk des Tees eingeweiht sind. Einen Qimen findet man heute in jeder Provinz. Er könnte einfach sein, aber einen einfachen guten kann man heute nicht mehr einfach finden.

Einfacher guter Tee ist rar, so rar wie Wörter, die dem Herzen berühren, einfach aber unvergänglich.

Gestern sollte ich für den kranken Lehrer Michel kochen. Er jammerte vor Schmerzen, vor Schlafstörungen und vor seiner Hinfälligkeit. Er war ein eiteler Mann. Ich hatte ihn an diesen dusteren Tag nichts zu geben und wusste nicht, was ich ihm hätten sagen sollen. Zu Waschbecken drehte ich mich um und hoffte, dass er meine mitleidenden Augen nicht sah. Plötzlich rief er mich und fragte, „Menglin, Dir geht es nicht gut, warum?“ Wörter könnten auch so einfach sein. Das Herz kann so einfach berührt werden. Er sah in seinem Schmerzen noch meine Schmerzen, in seiner Verzweifelung noch meine. Ich weinte. „Du verstehst nicht das Vergänglichkeitsgesetz, deswegen weinst Du.“ Die Liebe dieses alternden hinfälligen Mannes wird mein Leben lang begleiten. Sein Geist ohne Kalkül, seine Wörter ohne Taktik.

Zwischen den Regen möchte er noch spazieren gehen. Ich verabschiedete mich von ihm vor Triemli, denn ich noch Teestunde hatte. Er sagte nichts, aber ich spürte seinen leisen Wünsch. Er ließ mich gehen, weil er möchte, dass ich seinen Wünsch nicht erfüllen muss, weil ich so leben sollte, wie ich möchte. In meinem Ohr klang der Text Da Yu Sha Jia, den ich in meinem ersten Pekingoper-Unterricht lernte. Eine Szene, in der Vater und Tochter zwischen Leben und Tod standen. Ein Abschied am Wasser, Vater in Verzweifelung und Flucht, Tochter in Schmerzen und Angst. Ich drehte mich noch einmal um und sah, wie er allein auf dem Heimweg mühsam fort lief. Ich lief beeilt Richtung Tee, so eilig, dass der Wind meine Tränen trockenen könnte vor meinem Ziel.

问春何苦勿勿,带风伴雨如驰骤。 Ach, Frühling, warum warst Du in der Eile, so schnell wie der Blitz, begleitet mit Wind und Regen.

Nun ist der Frühling vorbei. Ein schöner Longjing hatte ich letztes Jahr gehabt. Die leise Note der Kastanien mit einem Hauch duftenden Blumenmeer. Aus falscher Kalkulation kaufte ich zu wenig ein und die zweite Lieferung war eine Enttäuschung. Dieses Jahr finde ich nur einen Longjing, der solide, sauber verarbeitet ist. Die Kastanien-Note ist zurückhalten und das Frische kommt zur Geltung. Aber der Duft des Blumenmeers bleibt nur in der Erinnerung zu wünschen. Es hieß, der Teebauer erhöhte den Preis, weil die Qualität durch viele klimatische Ereignisse und Bedingungen generell schlechter wurde. Ich wusste nicht, wie ich den Teebauer im Telefon erklären sollte, dass sein Argument mich nicht interessiert. Klimatische Veränderung gibt es immer, aber ihr Handwerk dient einfach dazu, einen einfachen und guten Tee herstellen zu können. Die Schwierigkeit, wieder die gute Einfachheit wieder zu finden scheint nicht nur beim Tee zu sein. Tiefe Liebe ohne viel Wörter und nur Verständnis kann schwer verstanden werden im Geschwirr der medialen Emotionen. Die Welt des Tees ist eine kleine Abbildung unserer Zeit. Aber wohin gehen wir denn, wenn wir es so weiter machen?

3 Gedanken zu „Ein einfacher und guter Tee

  1. Cenk

    Liebe Menglin,

    ein herzliches Hallo. Dein Beitrag ist sehr berührend. Dein Lehrer ist bestimmt ein weiser Mann. Welch Glück solch einen Spiegel sein Lehrer nennen zu dürfen.
    Es ist schon ein großer Zufall, dass ich heute im Blog lese. Aber als ich den Titel sah, hat es einfach gepaßt. Ich bin im Moment auch auf der Suche nach etwas Einfachem und stöbere im Internet, in der Gefahr, mich in belanglosen Details zu verlieren. Es ist wahrlich nicht einfach. Das was ich suche soll seinen Zweck auf bestmögliche Weise erfüllen und gleichzeitig auf SchnickSchnack verzichten. Das Angebot lautet aber entweder ganz einfach (nicht wirklich gut) oder unnötig aufgebauscht zu einem horenden Preis.
    Der Teebauer liefert wohl das, was sich verkaufen läßt. Wenn die Kunden zufrieden sind und der Umsatz stimmt, warum soll er sich große Gedanken über noch bessere Qualität machen? Heutzutage geht es wohl eher darum ein Kompromis zwischen Qualität und hoher Produktivität zu finden. Und für nicht kompromisbereite wird weiterhin etwas angeboten, nur der Preis wird halt immer utopischer. Die große Masse der Teebauern wird für die große Masse der Teetrinker produzieren und für Menschen, die etwas besonderes haben möchten, wird es besondere Teebauern geben. Wenn mehr Teetrinker anspruchsvoller werden und die Teebauern erkennen, dass „einfach guter“ Tee lukrativ sein kann, dann könnte sich etwas ändern. Deshalb sind Menschen wie du wichtig. Mit deinem stetigen Bestreben nach dem Besten und indem du dein Wissen an Interessierte weitergibst hilfst du die Erkenntis des Besonderen am Leben zu erhalten.

    PS: Schade, dass Zürich so weit weg ist:-)
    Viele liebe Grüsse
    Cenk

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  2. Arno

    „Einfacher guter Tee ist rar, so rar wie Wörter, die dem Herzen berühren, einfach aber unvergänglich.“

    Danke, Menglin! Vielen Dank für diesen einfachen, aber unvergänglichen Satz!

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  3. Menglin

    Herzliche Grüsse an zwei seltene Gäste, aber liebe Freunde!
    Es gibt ein „unvergängliches“ Gedicht aus der Sung-Zeit von Su Dong-Po:
    Dan Yuan Ren Chang Jiu
    Liebe Freunde, bleibe bitte für immer gesund,
    Qian Li Gong Chan Yuan
    Trotz der Entfernung könnten wir dennoch den wunderschönen Vollmond bewundern!

    Vielleicht, auch wenn es nur vielleicht, ist diese Entfernung zu überwinden!

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