Archiv des Autors: Menglin

Hanami – der unaufhaltsame Fruehling

alter KirschbaumGepflegter alter Kirschbaum

自從有了天窗
 就像親手揭開覆身的冰雪

我是北地忍不住的春天

鄭愁予.一九五七

Wenn der Ostwind weht, ist der Fruehling im Norden unaufhaltsam – unaufhaltsam sind die Kirschblueteknospe, unaufhaltsam ist das kosmische Zyklus, unaufhaltsam ist die Sehnsucht nach einem neuen Anfang. 

Worum Kirschbluete in Japan? Was macht denn dieses Phaenomen so besonders? 

Hast Du schon Mal alte Beaume gesehen? 100, 200 oder 300 Hundertjahren alt? Alt, leicht geknickt, rauh und volle Knollen? Vielleicht haesslich, unauffaellig und laestig? Was passiert, wenn so ein alter Baum blueht? Er blueht mit vollen seinen Kraft: aus den faltigen rauhen Staemme und Zwerge kommen die zarte, weisse oder rosa Bluete. So Zart, dass es fast melancholisch aussieht. So intensiv, dass seine Lebenskraft voll ausgeschoepft ist. So voll, dass seine Axte fast ausbricht.

Und wenn es nicht nur einen solchen Baum auf der Strasse steht, sondern 100 oder 1000 an einem Ort oder am Ufer? So wunderbar und praechtig, dass man fast eine Verbeugung vor diesen Baeume machen muss!

Ein junger bluehender Kirschbaum auf einem europaeischen Garten vermittelt uns nicht das gleiche Gefuehl wie ein alter Baum, der einfach an der Strasse steht, der aus seiner Lebenskraft vielleicht die letzte Hanami mitstreitet. Japaner bewundern nicht nur einen bluehenden Kirschbaum. Sie verstehen sogar, was das Kirschbluete-Bluehen bedeutet. Die Baeumen tun ihr Beste! Sie tun ihr Beste, zum bluehen, wenn der Fruehling sich voranschreitet.

Was passiert, wenn ein alter Baum das Hanami nicht mehr mitmacht? Wird er ins Altersheim verschoben? Wird er abgeholzt, damit ein junger Baum Platz bekommen kann? Die Kirschbluehte-Kult in Japan lebt mit einer anderen Logik. Sie entscheidet sich fuer einen alten Baum, der nicht mehr bluehen kann. Er wird gewickelt, gepflegt, gestuetzt. Sie glauben an den guen Wille des Baums. Es gibt nicht nur diesjaehrige Hanami, es gibt noch das naechste und uebernaechste. Sie tun ihr Beste – genau wie der scheinbar tote Baum einst tat, um diesen Baum wieder zum Leben zu wecken. Es geht nicht um die Erfolgschance, oder um das Hanami, sondern um den Baum, den man liebt. Ob diese Aufwand sich lohnt, wird nicht gefragt. Man tut das Beste. Um den Rest kuemmert sich das Kosmos.

Dieser Geist ist das, was mich von Hanami am meisten berueht. Die Liebe, die man hier zum Kirschbluete pflegt, ist nicht eine oberflaechliche Emotion. Man bewundert die bluehenden Masse, aber auch das, was die Natur Menschen inspiriert. Zu jedem Fruehling bluehen aehnliche Baeume, auch wenn die Gesichter der Menschen sich wechseln. Die Baeumen tun ihr Beste, ohne etwas zu wollen. So zu leben wie die Kirschbluete koennte wohl so bedeuten: so zu leben nur um das Beste aus dem Leben zum schoepfen.

Kirschbluete Tee

Diese Kult hat eine sehr triviale Seite: Kirschbluete konservieren, vor dem Gebrauch waschen und dann mit Sencha aufgiessen. Der Geschmack scheint mir nicht sehr romantisch.

Vor Chion-in

枯籐老樹昏鴉, 小橋流水人家, 古道西風瘦馬。 夕陽西下, 斷腸人在天涯

[越調] 天淨沙·秋思 (Herbst Gedanke)

馬致遠 Ma Zhiyuan(1255-1321, Yuan Dynastie, China)

peilinMeine Schwester vor Chion-In

Als wir vor diesem Haupttempel Chion-In von der Schule „Reines Land‘ erreichte, begegnen wir diese unbeschreibbare Landschaft. Ich fing an, die erste Strophe dieses Gedicht zu singen und meine Schwester folgte.

Eigentlich war es ein Fruehlingsmorgen. Die Sonne schien nicht wirklich freiwillig. Ich zog alles an, was ich hatte. Mir war es egal, ob es zusammenpasste. Kalt, rauh und feucht.

Ma Zhiyuan war einer der bekanntesten Poeten in der fremden mongolischen Herrscher-Zeit. Er schrieb am liebsten ueber Daemone, Geister und Gottheiten. In dieser unsichtbaren Welt suchte er wohl sein Zuflucht in seinem eigenen Land unter Fremden, oder war er selbst ein Fremder in der eigenen Land, das ihm immer fremder wurde? Unter der fremden Herrschaft duften die chinesischen Intellektuellen nicht politisch thematisieren. Die meisten suchten in der Literatur versteckt die Unterdrueckung zu artikulieren. Vielleicht war das Gedicht ein Spiegel seiner Seele, sich wie ein Wanderer mit nicht aussprechbarem Schmerzen unterwegs in dieser Welt zu leben. 

In diesem Gedicht beschrieb er einen Wanderer:

Im tiefen Herbst eilte ein Wanderer. Ihn begleitete ein mageres Pferd im Herbstwind auf einen einsamen Weg. Auf dem alten Baum hingen paar duerren Zweige und standen paar muede Voegel. Ein Fluss fluesterte ohne etwas zu wollen, ueber den Fluss stand ein kleiner Bruecke, am Fluss standen paar unauffaellige Haeuser. Es wurde immer dunkeler. Beim Betrachten des Sonneuntergangs spuerte der Wanderer sein gebrochenes Herz am Rand der Welt. 

Wer mit meiner Interpretation nicht zufrieden ist, koennte eine englische Uebersetzung noch nachlesen.

http://www.pureinsight.org/pi/index.php?news=3704

Hanami – Blumen bewundern

Hanami - Blumen bewundern

Kirschbluete gibt es ja ueberall, auch in Washinton D.C. bluehen die Krischbluete. Wozu preisen wir denn die Kirschbluete in Japan und tausenden Touristen pilgern dort hin? 

Kirschbluete werden gepflueckt, gesalzt und konserviert. Als Tee aufgegossen mit Sencha, oder als Beilage zum Essen. Diese Art von Kirschbluete-Kult gibt es wohl auch nur in Japan. Aber warum? Koennte man in Washinton so eine Kult auch zerebrieren?

Die Suche nach Senbei

Die Geschichte hat vor einem Jahr angefangen.

Teemeister Ulrich Haas fuehrte ein Kencha in Zuerich im Feb. 2007 auf und offerierte eine ausgesuchte Sueesigkeit von Urasenke-Schule. Diese Suessigkeit ist extra fuer Urasenke im Ausland hergestellt und unverkaeuflich. R. war wegen meiner Einladung zum Tee da und war sehr angetan von dieser Suessigkeit. Er fuehrt inzwischen ein renomiertes Versandhaus in der Schweiz und wuerde sehr gerne seiner werten Kundschaft diese leichte suesse und salzige Suessigkeit – Senbei zum Tee anbieten. Es gaebe in Europa nichts Adaeguates.

Ich fragte Urlich, wie man es besorgen keonnte. Er lachte im Telefon und sagte mir, dass wir es vergessen sollten. Die Japaner wuerden wegen uns doch keine Muehe machen. Ich gab nicht auf und fuehlte richtig aufgemuntert dabei. Etwas zu organisieren ist meine Staekre, vor allem etwas Besonders, was schwer zugaenglich sei sollte. Ich versprach R. es zu besorgen.

Die Zeit ist vergangen. Kein Erfolg. Das Geschaeft Sue Tomi sagte immer hoeflich im Telefon, dass sie nichts ins Ausland verschicken und diese Suessigkeit nur fuer Urasenke anfertigt. Wenn ich es unbedingt will, sollte ich doch zu Takashimaya Kaufhaus oder nach Kyoto kommen. Letzter Fruehling war ich in Kyoto mit einer Reisegruppe so sehr abgelenkt, dass die Suche nicht moeglich war. Und diesmal wollte ich mein Versprechen einloesen.

Ich lass die Adresse – nur einen Strassename und eine ungefaehr Richtung, keine Hausnummer. Auch kein Problem, ich wusste ungefaehr, was das bedeutete – einfach um das Ecke dieser Strasse sollte das heissen. Wir fuhren mit dem Bus und suchte nach dieser Gasse. Es gab einfach keinen Strassenschild und auch keine Nummer. Nach einer grossen Anstrengung fanden wir endlich diese Gasse. Meine Schwester fragte, „Wie koennte Urasenke so einen Laden beauftragen, der in so einer kleinen Gasse steht?“ Aber diese komische schwer auffindbare Gasse scheint etwas Besonders zu sein. Alte traditionellen Haeuser stehen nebeneinander. Viele Kimono Laeden versammeln sich dort, die von Aussen nicht erkennbar sind. Wir suchten nach Reklame-Schilder nach Sue Tomi. Es gab keine Schilder, die man ueberall in Asien finden koennte. Nichts, was uns verraet, wo Sue Tomi sein koennte. Ploetzlich merkte ich, dass ich vor der Tuer von Sue Tomi stand. Eine unauffaellige Erscheinung mit einer unauffaellige Tuer und unauffaelliger Atmosphaere. Hier sollte dieser beauftragte Handwerker sein, der fuer weltweite Urasenke Senbei (eine Art Kekse aus Reis und Weizenmehl) produziert. 

Sue TomiSue Tomi von Aussen. Das Geschaeft hat nicht Mal eine Internetseite!

Wir traten ein und waren irritiert. Die Verkaeufer schienen genau so irritiert zu sein, als sie wussten, was ich wollte. Ich wollte Senbei kaufen, die aenhlich schmeckt wie die Senbeis von Urasenke. Die Verkaeuferin deutete auf diese Kekse. Ich wollte verkosten. Sie zoergerten und die andere wohl gedresste Dame neben mir zeigte ihr ueberraschtes Gesicht. Ja, ich bin ein Barbar, aber das macht nichts – ich sagte zu mir selbst. Die flexible Verkaeuferin brachte mir zwei Senbeis. Sie waren genau so wie der Geschmack in der Erinnerung an dem Tag von Kencha. Ich gab einen Auftrag – in der gleichen Zeit bewegte das gesamte Personal. Sie packten, falteten und schnurrten die Packeten in einer Geschwindigkeit, die man nicht erwartete. Blitzschnell waren die Schachtel fertig gepackt. Das Packpapier war ohne TesaBand und das Knoten von dem Schnurr kann man nur nachmachen, wenn man eine Anweisung erhaelt. Solche Knoten sind so gemacht, damit die Schachtel ueber einander stehen koennen, auch wenn es zwangzig oder dreissig Schachtel sind. So etwas wuerde man nie in anderen Teilen der Erde finden. Ich war beeindrueckt. Beeindrueckend war auch der Preis und die poetische Namen von deren Suessigkeiten.

Danach ging ich Kimono kaufen. Als ich das Kimono mit dem Obi anprobierte, fragte mich die Verkaeuferin, ob ich Kunde von diesem teueren Laden bin. Sie deutete auf die Tragtasche. „Dort gehen nur reiche Leute hin.“ sagte sie. Ein Laden, wo nur reiche Leute hingehen? So ein unauffleiiger Laden mit einer unscheinbaren Erscheinung in einer kleinen Nebengasse?

Wie wuerde ein Suessigkeitgeschaft in Zuerich aussehen, wenn nur reiche Kundschaft rein und rausgehen? Oder in Paris und New York? Nehmen wir ein Beispiel von Spruengli. Wo liegen die Laeden von Spruengli? Im Hauptbahnhof, am Paradeplatz oder an der Lowenstrasse! Wie werden die Verkaueferin gedresst und was fuer Marnier haben diese Frauen? Was fuer ein Show muss man dort abziehen, wenn man dort einkauft, um „reich“ zu erscheinen und freundlich bedient zu werden?

Ich fragte mich, was es bedeutet, dass ein traditionreiches Geschaeft seit Meiji Zeit, ein von einer traditionreichen Teeschule beauftragtes Handwerker an einer kleinen Nebengasse ohne Reklame unauffaellig auf uns wartet. Das Geschaeft ist nicht interessiert ein globaler Player zu werden. Sie wissen, dass sie etwas besonders produziert, eine Suessigkeit aus Miso (fermentiertes Sojabohne) und Soja-Sosse koennen nur Menschen erreichen, die das einfache dezente Geschmack schaetzen. Vielleicht nur Japaner. Sie wissen, dass die Kunde sie finden, die wollen. Und nicht umgekehrt. Eine Logik gegen die gaengige Bussiness-Logik der kapitalistischen Lehrbuecher! Aber es scheint zu funktionieren! Auch ein Innernschweizer Versandhaus suchte nach ihren Senbeis!

Die Nachwirkung von dieser Suche wirkt jetzt immer noch nach. Ich verstand, warum ich immer wieder in diese Stadt zurueckkehre. Dieser Geist ist der Geist, der Kyoto zu Kyoto macht! Die Handwerker in Kyoto wissen, dass ihre bewusste Zurueckhaltung Menschen tiefer berueht als das Blendwerk. Sie wissen, dass die schweigende Arbeit im Hintergrund in der Wirklichkeit viel mehr bedeutet als die Praesenz in Medien.  Sie wissen, dass ihre gute Arbeit ihr Selbstwertgefuehl schenkt und ihr Beharren auf das, was ihnen Wert ist, eine Tradition schafft und belebt.

Das ist auch der Geist des Tees. Die Menschen suchen Tee (Weg), sie kommen, weil sie es wollen. Sie halten die Suche aus, weil sie es wollen. Unabhaengig davon, was die Anstrengung einem ausmachtund was das Ziel ihnen verspricht. 

Ein kleiner Verrat

Ein kleiner Verrat, ein harmloser Seitensprung, ein kurzes Ausflug ins Kaffeeland.

Ich habe meine Kaffeemaschine in Zuerich gelassen, auch meine Kaffeebohne und meine Kaffeetasse. Aber den Koerper mit dem Koffein-Sucht nahm ich mit. Diese Sucht liess mich hier nicht mehr los.

Gestern ging ich endlich Kaffee kaufen, weil unsere Kaffeedame (meine Schwester) nicht da war und ich die Kaffeemahlmaschine mit meinen linken Haende kaputt machte. Die Jungs am Stand war so fit, dass ich nicht auf sie aufpasste. Der Kaffee war gezuckert! Enttaeuscht und sauer, schwoerte ich in ein richtiges Cafe-Shop zu gehen. Ein richtiges Cafe heisst in Taipei, Kaffeebohne nicht aelter als 240 Stunde geroestet, frisch gemahlt und am Tisch zubereitet.

Zhanlu, ein Kaffeeshop an der Xinshen South Road, merkte ich mir schon lange, aber noch nie besucht. Von Aussen sah das Lokal richig professionell aus. Die Karte ist wunderbar, von Blend bis Solo-Kaffeesorte: Von Suedamerika bis nach Hawaii. Was will man mehr? Ausserdem wird sogar Whisky ausgeschenkt! Leider war die Beschreibung und Degustationsnotiz zu wenig differenziert und standarisiert. Aber beeindruckend sieht die Menuekarte im ersten Blick auf jedne Fall! Jede Kaffeesorte wird mit Ort und Farm detailiert angegeben. Diese Art von Kaffeeshop liegt in Taiwan wohl ziemlich im Trend, was mir sehr gut gefaellt, aber in Europa noch nicht sehr bekannt ist.

Ich waehlte Kaffee aus Farm San Augustin in Columbia Huila aus. Die Dame verscuhte mir richtig zu beraten und warnte mir vor der Saeure. Ich meinte, dass ich die Bohne aus diesem Gegend kenne. Sie bereitete den Kaffee vor mir zu. Schoene Kaffee-Zeremonie. Ich haette sofort Zweifel an dem Temperatur des Wassers. Der Kaffee duftet schoen und hat leichte Farbe. Leichte Reostung, meinte sie. Die Saeure war so dominant, dass der fruchtige Geschmack erst beim Abgang bermerkbar wurde. Ich sagte ihr sofort, dass er mir nicht gefaellt. Sie bot mir sofort an, einen erfahrenen „Meister“ fuer mich zubereiten zu lassen. Dieses Service hat mich doch beeindrueckt und liess mir noch einmal einen saeuren Kaffee zu bringen.

Diesmal war der Kaffee eindeutig dunkler. Sie sagte mir, dass die Person bei der Kaffeezubereitung eine Rolle spielt. Ich stimmte zu, aber lobte ihre Grosszuegigkeit. Diese neue Tasse schmeckte vielseitiger, aber die Dominanz der Saeure war nicht zu korrigieren. Der Abgang war laenger und noch fruchtiger. Mein Herz schlug sofort schneller. Mein Koerper vertaegt diesen Kaffee nicht. Er ist zu aggressiv, auch wenn er nur von der leichter Roestung ist.

Enttaeuscht bazahlte ich die Rechnung, 230 Taiwan Dollars, knapp 10 Sfr. Gutes Hardware – Service und Einrichtungen, schlechte Auswahl. Aehnlich wie beim Erlebnis mit vielen Teelaeden. Ich ging wieder raus und erzaehlte Freunden und meinem Teelehrer ueber meine Enttaeuschung. Sie lachten mich aus, als ob ich inzwischen ein Auslaender waere. Es gibt wirklich paar verrueckte Kaffeetrinker unter den Teeliebhaber wie Onkel Huang. Sein Kaffeelieferant zittert, wenn er seinen Kaffee bestellt. Privat ist er ein Uhrensammler und Tee-Ameisen – er sammelt auch Tee, uralte Tees. Er sagte mir, dass man in diesem Laden keinen Kaffee trinken darf. Viel zu teuer und schlecht. Mein Teelehrer sagte mir, dass ich die Essenz des Tees immer noch nicht verstehe und deswegen erwische ich schlechten Kaffee!

Ein guter Kaffee ist wie ein guter Tee meinte er. Wenn man Kaffeebohne unreif pflueckt, ungenuegend fermentieren laesst, unausreichend trocknen laesst und zu kurz roestet, wird der Kaffee sauer und aggressiv. Das Gleiche gilt auch beim Tee! Wenn man so einen Kaffee mit Gewalt stark roesten laesst, bekommt der Kaffee ausser dem verbrannten Geschmack sonst nichts. Das meinen die meisten Menschen einen starken Kaffee!

Jedesmal war ich die erste Person vor einem Teeseminar, die nach Kaffee schreit. Ebenfalls die erste, die danach nach einem Bier sucht. Warum soll ich ausser Tee nicht anderen Getraenke lieben?

Kaffee und Tee oder Bier sind Getraenke, die fuer Einzelngaenger geeignet sind. Ich sitze gerne allein, liebe die Schlichtheit. Von der Verspieltheit halte ich mich fern. Am Ecke bei einer Tasse Kaffee (einen guten) zu sitzen macht mich wahrsinnig gluecklich.

Kein Titel

Alle gingen nach Hause, als der schlechte Nachricht am heutigen Wahlabend kam. Nano weinte bereit, als das erste schlechte Ergebnis genannt wurde.

Der Raum wurde bald leer. Es blieben ich und mein Teelehrer. Seine Frau versteckte sich dort, wo der Tee versteckt ist. Ich spuerte das schwere Herz, das aus Unversteandnis weinte. Diese Dinge kann man schwer verstehen, wenn man nicht unter einer Diktatur lebte und dagegen gekaempft hat.

Er senkte seinen Kopf vor dem Teetisch. „Morgen ist wieder ein Tag. Ab morgen kuemmere ich mich nur noch um das Essen. Ein gutes Resturant zu finden, das gute Essen zu kaufen und zu kochen. Ab morgen kann ich nur noch mit Tee sprechen.“ er jammerte, “ ich kann mich nicht mehr um Politik kuemmern, es wird wieder so wie frueher, wir duerfen wieder nicht mehr laut sagen, was wir denken!“ Ich konnte ihn nicht troesten, weil ich auch unter dieser Diktatur gelebt habe. Ich weiss, was eine Zensur bedeutet, wie das Geheimdienst funktioniert und was die politische Freiheit bedeutet, wenn man entbehrt wurde.

„Ab morgen kuemmere ich mich nur noch um Tee.“ er weinte „Hoffenlich gibt es in Hundertjahren noch Formosa Oolong!“ Mein Lehrer stammt aus dem Land, Mingjian. Ein Bauersohn, der an einem Teebaum gebunden war, als die Erwachsene beschaftigt waren. Er sprach mit mir meistens nur auf Taiwanesisch, weil er auf Chinesisch nicht ueber Tee sprechen kann. Seine Liebe zum Tee war die Liebe zu diesem Land. Im Vergleich mit mir hat er das Glueck ein Heimat zu haben, das ihn stuetzt. Er kann nirgendwo leben als auf diesem Insel. Ohne diese Insel und ohne Formosa Oolong waere er nicht er. Trotz seiner Liebe zu Taiwan liebt er Tee ueber alle Grenze, er liebt ebenfalls gute Tees aus China. Er liebt auch Rotwein, Eiswein, Schweinshaxe und Whisky.

Mit seiner Arbeit und Talent waere er eigentlich der Teeguru Taiwans. Er lebt allerdings in einer Zurueckgezogenheit, in einer kleinen Gasse, wo man die Adresse nachfragen muss. In vielen kleinen Gasse Taipeis verstecken sich viele Persoenlichkeiten, die ihre Arbeit im Hintergrund tun und keine Anerkennung im Massen suchen. „Medien ist ein Aufzug, der Dich hochfaehrt und auch runter faehrt. Sie brauchen Ereignisse.“ Er wollte kein Star sein. Das war seine Entscheidung, seine eigene Arbeit machen, die ihm Spass macht und davon leben zu koennen. Etwas in Bewegung zu setzen war sein Motor, um den Trend des Formosa Oolongs zu drehen. Solang er da ist, wird der Formosa Oolong in einem Vielfalt gelebt, das dem Markt nicht richtig beeinfluessen kann. „Wenn alle den standarisierten Tee verkaufen, muessen wir anders handeln. Wir werden Menschen finden, die es satt haben – mit dem standarisierten Futter. Formosa Oolong hat viele Gesichter, die gezeigt und gepflegt werden muessen. Nicht mit Institution, sondern wir machen es.“ sgate er immer zu mir. Aber was mache ich, wenn manche Kunde immer noch seinen Meinung festhalten, wie sie den Tee so verstehen – dem Trend nach und den standarisieren Geschmack nachjagen. „Es geht uns nichts an. Das ist ihre Sache. Dich nicht beirren lassen.“

Jedesmal, wenn ich mit ihm Tee trank, denke ich oft an dem letzten Shongun Tokugawa Yoshinobu in der japanischen Edo-Zeit. Er gab widerstandslos seine Macht an dem Kaiser zurueck und trat widerstandslos in dem Schatten der Gesellschaft. Er verlor seine Macht, seinen Titel und sein Zuhause, nur weil er an seinen Platz in der Geschichte dachte. Die Bdeutung seiner Rolle in der Geschichte war ihm sehr bewusst. Er wusste, dass er der letzte Shongun war, in einer Epoche und in einem System, was bereits zur Vergangenheit gehoerte. Er wusste, dass er nicht das Glueck innehatte, eine erfolgreiche Persoenlichkeit zu spielen, sondern die Rolle des letzten Shonguns – er handelte anders als the Last Emperor of China. Als der erste Attentat auf dem japanischen Kaiser ausgeuebt wurde, sagte er zu seinen Kindern, dass sie einen Beruf lernen muessen. Die Zeit sei anders geworden. Auch er wurde in seiner Zeit von seiner Gefolgschaft nicht verstanden. Er sei zu feige. Mit seinem Fall verlor ebenfalls die Gefolgschaft ihren Platz und Glanz. Aber nicht alle sind zufrieden mit dem Leben ohne Glanz. 

Seine Rolle in der Geschichte ist dem Yoshinobu wichtiger als der Schein im Hier und Jetzt. Meinem Lehrer ist es dessen nicht so bewusst, worum es geht. Fuer ihn geht es nur darum, Formosa Oolong in seinen Gesichter weiter geben zu koennen und die Geschichte des Formosa oolongs weiter schreiben zu lassen. Er wollte nur seine Verbindung zu dieser Erde und zu dem Tee weiter an andere Generation zu vermitteln. Mehr denke er nicht. Aber die Geschichte des Formosa Oolongs wird die Arbeit dieser Person ein Kapitel widmen.

Dongding Oolong 1977

In dem meisten Geschaeft wirbt der Kaeufer ihre potentiale Kundschaft und oft mit aggressiven Methoden. Im Tee scheint diese Beziehung nicht immer zu funktionieren. Als ich vergeblich auf den Da Hongpao wartete, bekam ich Angst, diesen Tee nicht mehr zu erhalten, weil irgendein Kaeufer den Tee vor mir wegschnappt. Er versicherte mir im Telefon, dass dieser Tee bereits versteckt wurde.

Als ich wieder in seine Tuer eintrat, wurde ich warm empfangen. Natuerlich wurde ich eingescannt und kommentiert, ob ich aelter oder dicker wurde. Gleichzeitig kam ein junger Mann in einem seidigen Anzug und es gab einen Lachanfall durch seine Erscheinung. Er kam ganz schnell in die inneren Raemen und zog seine glaenzende Krawatte aus. Er oeffenete einen Umschlag und zaehlte die frischen neuen Scheinen aus der Bank. Insgesamt 40000 Taiwan Dollars (ca. 1000 Euros) und gabe dem Lehrer Chen. Er lachte wie ein Kind. „Die erste Zahlung ist da und Du sagst mir, wann das Stop ist.“ Alle lachten und ich verstand nicht. „Kennst Du ML?“ “ Ja, klar. Zwei Male gesehen!“ Ja, das stimmt, aber nie im Seidenanzug. „Du hast richtig Glueck. Sie ist so selten hier.“sagte unser Lehrer. Ich fragte ihn direkt, was er mit dem Geld bezweckte. Ich roch etwas Gefaehrliches. „Weiss Du, das ist eine Salami-Taktik. Ich will den besten gelagerten Tee von unserem Meister abkaufen. Wenn ich das Geld auf einmal bringe und wenn er mir den Tee auf einmal geben muss, wuerde er es nie tun. Also ich bringe nun jedesmal 40000 Taiwan Dollars und irgendwann habe ich alles.“ Ich war erschrocken.

Ich war stutzig ueber seine Methode, aber konnte nichts dagegen kontern. Gleichzeitig spuerte ich mein Neid! Ich sagte mir, nicht in einen Potlatsch einzusteigen! Tee wurde ausgeschenkt, natuerlich eine Raritaet! Ein gelagerter Tie Guanyin, der auf Holzkohle geroestet wurde, der seine vergessliche Aroma in der Luft und im Tasse verstroemte. „Die meisten Menschen lieben den frischen gruenen Oolong, weil sie von dem Duft geblendet werden.“ sagte Chen zu ihm, in einer klaren und langsamen Stimme, “ das ist aber ein Spiegel unserer Gesellschaft. Tee spiegelt unserer Seele in dieser Zeit. Es wurde philosophisch. Er war eigentlich selten so. „Menschen haben keine Zeit, mit wichtigen Dinge des Lebens auseinanderzusetzen. Sie glauben mit Geld etwas erreichen zu koennen. Tee ist anders. Tee braucht Zeit.“ Er drehte zu mir, „viele Tees muessen langsam in der Ruhe genossen und verstanden werden.“ Der gelagerte Tie Guanyin ist so ein Tee, der in der Ruhe langsam und richtig genossen werden soll. Er sagte, wie in einem Dialog mit Tee.

Der Mann im Seidenanzug packte seinen Koffer aus und zeigte uns ein paar mit Computer geschriebenen Tabelle. Wow! Er habe fast alle Buecher gekaut und vergeglichen, wie sie ueber die Teeherstellung dokumentieren. ‚Es gibt so viele Wiedersprueche! Koenntest Du mir nicht korrigieren, wie es in der Tat sein sollte?“ fragte ein fleissiger Schueler, der seinen Lehrer mit guten Hausaufgabe beeindruecken wollte! Ich lachte, aber nicht zu laut. Der Lehrer sagte nichts. Er holte wieder einen Tee. Ein Phoenix 1995. „Ein Tee zum Nachdenken.“ meinte er. Ein schwer zu verstehender Tee, dessen Duft sehr dezent war, nur eine leise von pflaumigen und honigsuessen Note. Sehr leise, nachhaltig und jedoch praesent. „Die meisten Tees sind standarisiert. Auf dem Markt koennte man nur bestimmte standarisierten Richtungen und Gescnmaecke beobachten. Das breite Spektrum des Oolongs verschwinden.“ Er schaute zu diesem jungen Mann auf der steilen Karrierer-Leiter, „Wir wollen in wenigsten Zeit, etwas verstehen. Aber die Oberflaechlichkeit und das Highway des Lebens sind kein Schluessel, um Tee zu verstehen.

„Ich wollte die Essenz des Tees verstehen und nur das Wesentliche.“ sagte er zu mir, “ Du weiss ja, wie ein Fondmanager arbeitet. Wir suchen die wichtigen Literatur aus, analysieren sie und fassen sie zusammen. Die Informationen sind die Stutze unseren Berufs.“ “ Was ist mit Deiner Intuition?“ fragte ich ihn. Er war sprachlos, „was glaubst Du denn?“ Der Lehrer kam wieder zurueck, wieder mit einem raren Tee, „ein Tee, den ich eigentlich fuer mich geroestet habe.“ Der Duft stieg und die Tasse war in einem Smok. Die beiden Maenner sprachen weiter ueber die theoretischen Herstellungsprozesse und Probleme. Ich roch einen starken Holzkohle-Duft, kein Speck, kein Schwarzwaelderschinken, sondern Duft des Harzes. Nach diesen intensiven eindeutigen Momente folgte eine unverkennbaren kalten beruhigenden blumigen Duftnote. Langsam und langhaltig. Ich unterbrach ihre Disskussion, „Meinst Du,“ ich schaute meinen Lehrer hoffnungsvoll „das ist der Qrchideenduft von Qingxin oolong und gemischt mit Hochlandscharakter?“ „Ja! Du hast es.“ strahlten seine Augen. Sie sprachen weiter.

Der Mann im Seidenanzug musste wieder gehen, als sein Handy klingelte. Er sagte, dass er bald wieder kaeme. Wir lachten. Ich wollte unbedingt wissen, welchen Tee unbedingt abkaufen wollte. Es war ein Dongding Original 1977!

Bericht über Qilan Xiang und Milan Xiang Dancong Shuixian

Vor zwei Wochen gab mir Monika paar Apfelbaum-Zwerge. Sie wollte mir den Frühling bringen, sagte sie. Ich berührte die rauchen Oberfläche und spürte die Lebenskraft unter der karten Schale. Hoffnungsvoll steckte ich sie im Wasser und wartete jeden Tag auf den Frühling… Der Frühling wird jedenfalls kommen und die Apfelblüte werden in diesem Rhythmus blühen, auch ohne meine Begleitung. In dem gleichen Moment werden mich wohl die Kirschblüten grüßen!

„Die Kirschblüten blühen hier wunderschön, Koko ni sae 此地花好
aber wenn ich mich an das Blütemeer in Yoshino (ein berühmter Ort für Kirschblüte bei Nara) erinnere, sazo ya Yoshino wa  遥想吉野
waren die Kirschblüten dort unvergesslich anmutig! hana-zakari!  樱花更璨烂! “
Yoshino Dayu (1606-1643)

Im Regen der Kirschblüte saß ich gerne am Wegrad. Es erinnert mich immer wieder Yoshino Dayu und ihr Seufz über ihre Sehnsucht nach dem Heimat – Yoshino. Das Gedicht war so berühmt und rührend, so dass ein Kirschbaum nach ihr genannt wurde. Ein Traum im Regen voller Kirschblüte erlebte ich auch hier in Zürich wieder, als ich den Fenghuang Dancong Milanxiang 2005 wieder trank.

Eine meiner Hausaufgabe vor meiner Abreise war über einen Bericht über die drei Phönix Dancong zu schreiben.

Aufgegossen waren drei Phönix Dancongs: Qilan Xiang, Milan Xiang und ein Milan Xiang 2005. Zuerst waren Qilanxiang und Milanxiang (aus Bern, Länggass Tee) aufgegossen. Sie zeigte mir einen klaren Aufguss und eine schöne Färbung. Duftend klar und deutlich. Kein Fremdgeruch, sehr sauber. Eindeutig ist es auch, dass sie ungeröstet waren. Nur getrocknet. Alle zwei haben einen schönen vollen Körper, geschmeidig und intensiv.

Qilanxiang hat eine andere Duftrichtung als der Milanxiang. Ich roch zuerst den Zitrusduft, dann eine schwere Note von unentzifferbaren Geruch, der mich irritierte, etwas wie Metal. Dann kommt typische Oolong-Duft, sehr stark nach Orchideen. Der Geschmack ist typisch Dancong, leicht süß und zugleich bitter, wirkt im Abgang leicht trocknend. 50g für ca. 18 Sfr., ein versuchswert und ein guter Einstieg für ein vielsprechendes Dancong-Erlebnis als der Mingcha Zhilanxiang in Globus.

Milanxiang zeigt eine ausgezeichnete Kombination vom typischen Mi – Honig und Lan – Orchideen Duftnoten. Fein, lieblich, aber auch leicht bitter und beim Abgang trocknend. Der Aufguss leicht getrübt. Ein Typischer Milan Xiang für Dancong-Liebhaber. Der Preis ist auch in Ordnung 50g für ca. 18 Sfr.

Wenn man gar nicht vergleichen will, dann hat man nie ein Problem. Aber wenn man anfängt, Dinge miteinander zu vergleichen, fängt plötzlich das Leiden an. Darum sagte Buddha, der Geist, der stets unterscheidet, ist die Wurzel des Leidens… Ohne Vergleich kommen wir allerdings auch nicht weiter. Also im Tee ist es wichtig, zu vergleichen. Der Unterschied zwischen Tee und dem Alltag ist, dass wir eine relative Wahrheit für uns finden wollen, ohne einen absoluten Anspruch zu erheben. Den Milanxiang 2005 (er wurde ebenfalls in Länggass Tee verkauft), habe ich mit aufgegossen und wollte wissen, was dieser Vergleich bedeutet.

Ein gerösteter Fenghuang Dancong ist dunkler und braun. Von Aussehen wirken sie nicht besonders anziehend. Aber der Duft solcher Dancong ist unwiderstehlich! Ausgeprägte Honignote und intensiven langhaltigen Orchideennuance fesselte die Sinne. Der Aufguss ist geschmeidig wie Seide, die einfach hineinfließt. Atmen beraubend und berauschend. Eben – wirklich wie ein Traum im Kirschblüte-Regen.

Yoshino Teehaus Yoshinos Teehaus in Kodaiji. Das Haus trägt der Name „Hinterbliebener Duft“.

Das Teehaus von Yoshino Dayu in Kodaiji gehört immer zu meinem Programm, wenn ich mich in Kyoto aufhalte. Diese zarte Schönheit starb früh und hinterließ einen traurigen Mann, der sein Leben lang nach ihr trauerte und ihre Asche im Sake trank. Kirschblüte blühen zwar nur einmal und kurz, bleiben aber als Erinnerung ewig. Die Schwierigkeit einem hervorragenden Milan Xiang wieder zu begegnen macht diesen Tee und seinen Geschmack einmalig.

„Miyako Oba / Hana Saki sato to / Nashinikeri

Yoshino wa shinde no / Yama ni utsu shite

Mit Deinem Tod brachtest Du alles weg, Yoshino.

Auch die Kirschblüte, die nun wohl nur im Himmel blühen werden.“

Joeki Haiya

Rythmus des Tees

Rythmus des Tees

Mit leuchtenden großen Augen grüßte mich Simone, die ich in Muba kennen lernte, in ihrem Atelier. Ihr Atelier roch nach Erde, nach Glasur und nach ihr. Eine sanfte, klarer und behagliche Atmosphäre, wie ihre Person. Sie war sehr neugierig auf mich, wie ich überhaupt nach MuBa ging und hier landete. Nach MuBa war nicht gewollt, reiner Zufall, wahrscheinlich nur um sie zu begegnen. Hier zu landen ist eine gewöhnliche Geschichte einer taiwanesischen Studentin, die nach ihrem Studium hier hängen geblieben ist. Sie fragte mich, weshalb ich so ein gutes Deutsch spreche. Ich antwortete, weil ich mir Mühe gebe, weil ich in der ersten Stadt, wo ich Deutsch lernte, viele schlechte Erfahrungen als ein sichtbarer Fremde erlebte – es war in Köln. Ich war 20. Da beschloss ich, die Sprache so gut wie möglich zu beherrschen, dass ich mich selbst verteildigen kann! Leider verwende ich oft noch Ausdrücke falsch und verursacht es immer wieder ungewollte Missverständnisse! Ich erzählte ihr lachend rückblickend in den ersten Jahren und von meinem Kulturschock zuerst mit dem Deutschen und jetzt den Schweizer. Zusammen lästerten wir über die Welschschweizer.Sie fragte mich, ob ich mit meinem Temperament Mühe hätte, mit den Menschen in diesem Breitengrad. Sie selbst habe eine starke Emotionalität, die oft den Schweizer überfahren würde. Ich konnte nichts anders machen als nur richtig lachen. „Ich muss schrecklich sein für die meisten Menschen hier. Ehrlich gesagt, ich weiss nicht, wie sie meine Frechheit und Indiskretion ertragen!“ Ich kann leider nicht anders sein als ich selber - so indiskret und emotional. Darum haben wir beide zueinander gefunden. Die wenigsten Menschen kommen mit ihrer Emotionalität klar. Entweder verbergen wir unser Verlangen oder Emotion und es wird zu einem Eisberg. Oder wir funktionieren unsere Mitmenschen zu unserem Mülleimer um und wir werden selbst zu dem Spielball der eigenen Emotion. Als mein eigenes Spielball möchte ich nicht sein und dieses Bewußtsein dafür hat es mit dem Tee-Praxis angefangen. Man lernt im Praxis des Tees sich allmählich zu beobachten und wird über eigene Gefühle und Themen immer bewußter. Und irgendwann hört man auf, etwas sein zu wollen.

Sie erzählte mir von ihrem Werdegang, während ich Tee zubereitete. Der Preis, den man für den eigenen Weg bezahlt, bezahlt man oft mit der Rechnung vom materiellen Leben. Ein einfaches und bescheidenes Leben führt sie, aber mit einem Privileg, ihre Berufung auszuleben. Sie fühlt sich zu diesem Weg als Keramiker berufen und manifestiert ihre Glaube durch ihr Werk. Ehrgeiz ist ein falsches Wort um ihren Einsatz zu bezeichnen, sondern es ist ein Bewußtsein einer Berufung. Ihr überkam trotzdem manchmal der Zweifel, ob sie ihre Arbeit überhaupt weiter fortsetzen kann und ob es überhaupt realistisch ist, weiter zu kämpfen. Vor allem wenn sie das nötige Geld für ein verrücktes Projekt bräuchte, wie z. B. 800 Sfr. für eine wichtige Investition. Sie seufzte. Ich schaute ihr in die Augen, „Das Geld haben wir sehr schnell zusammen. Ein gutes Projekt scheitert nie ans Geld!“ Das Geld ist eigentlich dafür da, dass menschliche Zusammenleben einfacher wird. Das war das Prinzip meiner Familie. Mit ihrem Talent und ihre unbeirrte Glaube an ihre Berufung wird sie immer Hilfe erhalten und Kenner begegnen. Die Auszeichnung 2006 Eidgenössische Design Preis brachte sie den Einzug in die Fachmagazin und Presse. Jetzt kommt sie sogar nach Hamburg und Berlin.

Sie bewunderte meine Celadon-Teekanne, die mich am meisten begleitete. Eine Teekanne aus der Industrie-Produktion, hat in meinem Auge eine schöne Form und erfüllt einen guten Zweck. Eine verrückte Teekanne hatte ich auch dabei. Sie kostete ursprunglich 600 Sfr. Der Künstler Chen Wenqi gab mir für die Hälfte, weil er erkannt, dass ich Tee schätze und liebe. Diese Teekanne macht einen wunderschönen Regenbogen und eine harmonische Linie durch den Körper und Wasserstrahl. Sie zeichnete sofort. Ein Swiss-Made Gongfu Set wird nun geboren. Es muss eine eigene Form sein, die hiesige Bedürfnisse entspricht und zugleich den Geist des Tees unverfälscht vermittelt. Die Tassen müssen angenehm an den Mund schmeicheln, den Finger Platz geben, um in einen Zug auf dem Tisch hingestellt werden zu können. Die Kanne sollte einen ästhetischen Regenbogen-Wasserstrahl auschenken können. Das Set sollte in einer harmonisch linie schwingen und zugleich praktisch sein. „Wie sollte das Set heissen?“ „Rythmus des Tees?“

Plötzlich wurde es 19 Uhr. Wie schrecklich! „Ich muss noch nach Wintertur fahren!“ „Und ich nach Fribourg!“ Entsetzt packten wir schnell das Geschirr zusammen. Ich übergab ihr meine Celadon-Teekanne, die mich in letzter Zeit immer begleitete und sie bei dem Entwurf begleiten wird. Paar ausgesuchte Geschirr nahm ich mit – mein komisches Haushalt hat nun wieder solche einzelne ausgesuchte Tellern und Tassen, die nie zueinander passen – sie sollen es auch nicht tun. Ich möchte paar Gerichte auf ihren Tellern servieren, wenn sie nach Zürich kommt. Sie lächelte und nickte. Vielleicht im späten Frühling?