Archiv des Autors: Menglin

Das Wesentlichs ist für die Augen unsichbar

Mein junger Schauspieler Freund Dirk hat es nicht einfach als ein deutscher Schauspieler in der Schweiz. Er sollte nach Berlin gehen, rate ich ihm. Er kämpfte noch in dieser von Bergen umkreisenden Insel, betrachte es als eine Auszeit der Reflexion und hoffte auf sein Glück. In dieser Transformationszeit braucht er Menschen, die ihm zuhören, anstoßen und manchmal nur bekochen. Er meinte, dass er von Hexen umgebend ist, in positiven Sinne. Seine Chefin sei eine gute Hexe, in der ähnlichen Qualität wie meine. Diese Hexen lehren ihn viele Lebensweisheit aus der weiblichen Sentimentalität, die er sonst nie erfahren würde, wenn er sich dieser Auszeit nicht gönnen würde.

Jeden Morgen gießt er den Grüntee auf, den ich ihn schenkte als ich mich entschied, meinen Schrank zu räumen. Die Gusseisen-Teekanne bekam er als Geburtstaggeschenk von einer anderen Hexe, die ihm beruflich so viel hilft. Dieses Ritual gewöhnt er sich nun am jeden Morgen und bekam ein Halt für den ganzen Tag. Anscheinend brauchen Männer weibliche Ohren und erzählen gerne Frauen von seiner unglücklichen Lieben. Ich hörte unterschiedliche Geschichte von ihm zu. Manche Geschichte werden unfreiwillig abgebrochen und gären irgendwo in einem verlassenen Ecke im Körper und warten auf eine Chance um auszubrechen. „Ich sage es Dir einfach wie von Mann zu Mann und hoffe, Du verträgt es. Warum sehen Männer nur hübsche Frauen? Weiß Du, ich habe es so satt mit Prinzessinnen! Ich will nicht mehr komplizierten Geschichte haben!“ „Schöne Frauen sind unsichtbar.“ Das sagte P. Roth. „Warum? Man sehen sie sofort.“ „Das Wesentliche kann man nur mit Augen übersehen.“ So lief oft unser Gespräch.

Als Dankbarkeit für mein Caterinservice für ihn, lud er mich ein zur einen Kultur-Veranstaltung, in der er als Sprecher einen Text liest und gutes essen gibt. Außerdem gäbe es einen ganz tollen Pianist, den ich unbedingt kennen lernen sollte. Der Raum war bereits voller Zuschauer. Es war eigentlich ein Vernissage von einer Malerin, die in Romanshorn lebt, eine musikalische Darbietung und eine Lesung. Dazu noch ein ganz edles Cateringservice. Ich dachte zuerst, ich wäre in einem falschen Film und wollte gleich wieder raus. Doch war es diese besondere Malerin mit dunklen starken Augen, die mich anzog, dort zu bleiben. Es war viele Menschen, die mit ihr sprachen. Als Außenseiter genoss ich einfach das gute Häppchen. Die Musik war ausgezeichnet. Der Pianisten spielte nicht nur Piano, auch Saxofon und Flöte etc. Als man ihn vorstellte, wie viele Instrumente er spielt, zuckte er nur sein Schulter und sagte, er habe kein Diplom. Ein guter Typ.

 

Dann kommt endlich die andere Hexe, von der Dirk immer wieder erzählte. Die Sima, eine schöne vielseitige Schauspielerin, die Balletttänzerin, in verschiedenen TV-Serien und sich sofort für den Montag einen Besuch bei mir zum Tee anmeldete. Dirk sagte mir, dass es so sein muss. Seine Teekultur, die aus meinem Tee und der Kanne von Sima besteht, bringt uns beiden selbstverständlich zusammen! Eben eine karmische (schicksalhaft) Verbindung.

Als Besucher allmählich sich verabschiedeten, kam die Malerin zu mir, sprach mir an, dass sie von meiner Tätigkeit erfuhr. Sie wollte wissen, ob es eine Möglichkeit gäbe, etwas mit Ausstellung und Tee zusammen zu verbinden. Das würde ihr sehr gefallen. „Das Sehen des Bildes und die Teilnahme an einem Tee finden in der Wirklichkeit nicht durch die Augen statt, nicht wahr?“ Sie war berührt. Sie würde sich freuen, mich als Gast am Bodensee zu haben.

 

„Hast Du seine Visitenkarte?“ fragte Dirk mich, als wir zusammen zu Central liefen. Ich zuckte meinen Schulter. „Weiß Du, ich wäre gerne ein Schwuler – wegen ihm!“ Er schlug mit seiner Hand seinen Kopf. Ich versicherte ihn, dass ich auch gerne Schwuler wäre. Männer sind sichtbar kindisch, nicht wahr?

Die Schönheit ist ein Verbrechen

In dem wunderschönen Gyokuro-nachmittag erzählte uns Astuko ihre Beobachtung in ihrer Tee-Galerie. Viele ihre Kunden sind unbeständig. Sie kommen und gehen. Oft jammern sie, dass sie keine Zeit haben. Keine Zeit, den Tee schön zuzubereiten. Keine Zeit, eine schöne Zeit bei ihr zu verbringen. Eigentlich keine Zeit, um sich schön zu pflegen. Sie sagte, solche Kundschaft kocht sich auch nicht schön. Sie essen oft Sandwiches und Take away… Joseph war ehrlich und gab sofort zu, dass er es kennt. Ich guckte tief in die grüne Tasse und gab ganz leise zu, dass mein Leben im Moment von Sandwichs und der Küche von meiner Freundins Restaurant Hot Pot unterstützt wird und mein Frühstück aus zwei schnell erledigten Dianhong Tassen besteht…

Sandwich war einst für mich das Essen für armselige Menschen…

In diesem spiegelnden Zustand betrachte ich meine Lebensweise ganz kritisch. Was bedeutet denn keine Zeit für Tee, keine Zeit für Kochen und schlussendlich keine Zeit für sich selbst? Eine Depression?

Zeit ist Luxus geworden. Dinge, die zeitaufwendig ist, sind Luxus. Luxus ist müßig, ornamental und überflüssig.  Luxus ist eigentlich nutzlos.  Zeit zu haben ist nutzlos, weil man effektiv leben muss. Denn die leere Stelle der Zeit ist die Leere der Seele. Wie viele Menschen könnten wirklich mit Ruhe und Schweigen neben anderen Menschen umgehen? Wir müssen stets sprechen, sprechen von belanglosen Dingen, damit wir nicht merken, wie leer wir sind. Alles was Zeit erfordert, ist überflüssig. Menschliche Beziehung, die nutzlos ist, ist keine Begierde des Networks.  Schönheit und das Schöne im Leben benötigt Pflege und bewussten Umgang. Einen Tee in seiner Schönheit kennenzulernen, seine Schönheit entfalten zu lassen und seine Schönheit zu kosten, kostet Zeit und Pflege.  Insofern ist es ein Luxus. Es ist überflüssig, ornamental und deswegen schön.

Sobald die Schönheit als Zusatz des Lebens und als Ornament des Alltags betrachtetwird, wird Sandwich zur Hauptmahlzeit und Teatime zur Schaustellung der Muße und die Schönheit zum Hässlichen. Die Schönheit und das Pflegen von Schönheit werden lästig. Das Schöne wird hässlich.

Irgendwann wird unsere nüchterne rationale Wirklichkeit zum Alptraum, von dem man eines Tages ganz böse aufwacht, begleitet mit Burnout, mit Herzanfall oder mit Erschrecken, dass man ganz allein ist ohne Farbe und Schönheit.

Das Sandwich ist eigentlich ein Halt, was uns noch an die sicheren Tage erinnert, dass man ein selbst sicherer gefragter Mensch war. Sobald man an die Macht der Schönheit ausgeliefert ist, Zeit für das Schöne des Lebens nimmt, ist man nicht mehr auf einen sicheren Boden. Man muss sich vor anderen Menschen rechtfertigen, dass man Lücke im Terminkalender hat, dass man für etwas Überflüssiges einsetzt, um nichts zu wollen.

Da Schönheit ein Luxus ist, ist das Begehren der Schönheit irrational. Eine irrationale Handlung hat immer etwas Unanständiges, was das Leben unangenehm macht und die Moral in Frage stellt.  Der Effekt der Schönheit ist unsichtbar und zugleich präsent. Es wirkt wie der Geist, der es genießt, die klare Grenze zwischen Elementen der so genannten Realität dort zu zerstören, wie diese Grenze für logisch und vor allem moralisch gehalten werden. Schönheit ist in diesem Sinne kein Objekt mehr, sondern eine Darstellung einer Beziehung, wie wir mit dem inneren Ich umgehen, wie wir Selbstliebe verstehen, und was wir als Freiheit leben.

Insofern ist die Schönheit ein Verbrechen. Ein unverzeihbares Verbrechen, das uns vor Verlustangst provoziert und uns anstößt, das Stabile und Glaubwürdige an unser Leben zu rütteln. Das Verbrechen verführt uns sogar, uns selbst zu bezwingen, um aufzubrechen.

Gyokuro, Ziehende wolken

Gyokuro, Ziehende wolken

Atsuko ist unscheinbar. In ihrem zierlichen Körper verbirgt eine unglaubliche Energie und Herzlichkeit. Als Teeliebhaberin und Künstlerin pflegt sie eine Galerie und eine ruhige Teeoase in einer Stadt mangelnder Zeit. Ich war unverschämt, brachte ein Gyokuro zu ihr und möchte gerne ihren Kommentar hören. Joseph war gerne dabei, bevor er für paar Wochen Abschied von Gyokuro nehmen muss wegen seiner Reise nach Laos.

Atsuko bereitete uns Gyokuro zu, ruhig, stilvoll und unscheinbar – unauffällig und konzentriert. Wir plauderten ganz allein in der Galerie, redeten von der Religion und Essen. Wo könnte man denn in Zürich gut und einfach essen? Eine brennende Frage für faule und hungrige Menschen wie Joseph und mich. Kronenhalle und Dolder sind sicher gut, aber einfach und gut? Wir tauschten Adresse aus. Ich schwärmte von dem Inder im Seefeld, die beste Ente von ganzem Europa und das spezielle Tofu am Goldbrunnenplatz. Joseph bat mir die Adresse einmal im Blog zu veröffentlichen. Das hörte ich schon öfters von meinen Klienten. Vielleicht.

Inzwischen duftete es bereits nach Gyokuro. Blätter von Gyokuro von Teegarten Nakai, kräftig und stark. „Sehr kräftig.“ Sagte Atsuko ohne eine Nuance auffallen zu lassen. Der Geschmack war drei-schichtig. Leicht brotig auf der Zunge, ein langer eindeutig pflanzlicher erfrischender Körper und ein kurzer präsente typische Gyokuro vom weichen lieblichen Abgang – was oft gerne mit „Nashi (oder Lashi?)“ – japanische Würzsoße verglichen wird. Kein typischer Gyokuro, den man als Gyokuro kennt. Sie hätte den Gyokuro nicht als Gyokuro erkannt, wenn die Tüte nicht als Gyokuro gekennzeichnet wäre. Ich nickte meinen Kopf. Aus Großzügigkeit bereitete sie ihren Top Gyokuro zu. Gyokuro aus Kirishima 50g 40 Sfr. stammt ebenfalls aus Organic Teegarten. Typische leuchtende grüne Farbe, typische trübe Tasse und typische Gyokuro-Geschmack, den man als Gyokuro sofort erkennt. Drei-schichtig. Herbe erfrischende vibrierende Note auf dem Zunge, kurzer pflanzlicher Körper und ein langer nachhaltiger nur Gyokuro eingeweihter weichen lieblichen Abgang. Die Verschiebung der Geschmacksnuance von beiden Gyokuros war nicht zu verkennen und übersehen. Plötzlich war ich nicht mehr in Zürich, sondern irgendwo im Gedanke. Wolken, kommen und gehen. Menschen, kommen und gehen. Wo bleibe ich denn?

Joseph war hungrig. Ich schlug vor, nach Seefeld zum Inder zu laufen. Von der Gemeindestrasse liefen wir unter dem wunderschönen Sonneschein zum Seefeld. Wir plauderten weiter über Filme, über die Literatur und über die Kluft zwischen Verfilmung und Literatur. Ich erzählte ihm von dem „Elegy“ (in der Schweiz läuft er erst ab dem Okt. in Deutschland bereits ab August), eine Verfilmung von P. Roths Roman „Das sterbende Tier.“ Es handelt sich um Tod, Liebe und Angst. Dass der Protagonist Angst hatte, sich tatsächlich vor der wahren Liebe zu stellen und sich farblos alt fühlt, nachdem er die Liebe tatsächlich auch verliert, fühlte er sich sehr angesprochen. „Hast Du Bindungsangst.“ ich war gemein und direkt, so wie ich bin. „Nein, “ meinte der ex Schuleiter, „Meine Unabhängigkeit war mir einfach das Wichtigste.“ Ich lachte und nickte meinen Kopf, sicher, es ist durchaus wichtig. „Weiß Du ML, “ er meinte ernst, „in unserem Alter gibt es nicht mehr vielen Auswahl. Diejenigen, die übrig geblieben sind, haben ein Schaden!“ „Nein.“ Ich bin überzeugt, „Auch wenn man oft Enttäuschungen, Verletzungen und Ablehnungen im Leben erlebt, bedeutet es nicht, dass das Leben so ist und es so weiter geht.“ Nicht in jedem Schmerzen, den wir durch Enttäuschung erleben, hat zwangsläufig eine Opfer-und Täter-Beziehung. Auch wenn die Liebe nicht erwidert wird, könnte man diesen Menschen lieben, weil man ihn so wie er ist, gerne hat und sich einmal aus dem Herzen entschieden hat. Leider muss auch der andere sich entscheiden können, was er will. Enttäuschung ist dafür da, die Täuschung zu klären. Warum sollte man sich verletzt fühlen?

„Das wahre Glück zu finden fängt von der Veränderung der geistigen Einstellung an.“ schrie ich fast zwischen den Autos und Tram. „Wir finden zu unserem Glück, wenn wir das Konditionieren durchschauen, dass es NICHT nur Enttäuschungen und Schmerzen um uns gibt.“ Das Leben könnte ganz anders sein, wenn wir anfangen, zu vertrauen! Er sagte, um mein Glück zu finden, sollte ich lieber andere Typen treffen als ihn. Das stimmt. Er möchte dann gerne wissen, ob das Glück eingetroffen ist, wenn er wieder kommt. Ich gab ihm ein Schutzpatron, das ihm vor Autounfall, Krankheiten und Diebstahl schützt. Aber ich warnte ihn, dass man in Asien nicht einmal an Ampel glauben darf - noch weniger an Schutzengel.

Die Sonne scheint, die Wolken ziehen durch den blauen Himmel. Keine Wolken halten unbeweglich fest an einem vermeintlichen Ort, den wir als Himmel nennen und warum sollte der Mensch es tun?

Sei Un Do

Teehaus von „Blaue Wolken“

Nächste Ausstellung: Erde und Feuer, Künstler Hugues de Crousaz

Vernissage: do. 28.08, 2008 18-21 Uhr

Grünteeapero Sa. 13.09. 2008 15-17 Uhr

Di-Fr 12-18 Uhr, Sa: 11-16

Gemeindestrasse 19  8032 Zürich

Tram 3 bis Hottingenplatz

044 2518093

Vor seinem Trip to Asia

Vor seinem Trip to Asia traf ich Joseph zu einer Schale Tee in Seiundo, eine ruhige Teeoase integriert mit Galerie abseits von Zürcher Geschehnisse. Das war ein Premier für mich das Teehaus zu besuchen, ebenfalls ein Premier Joseph in einem privaten Rahmen zu treffen. Den Schulerleiter kenne ich von Teeclub und flüchtig, wie die meiste soziale Beziehungen sind.

Eine Tasse Gyokuro wünschte ich mir. Inhaberin Atsuko Ikeda, eine ruhige unscheinbare kleine asiatische Frau. Sie spricht nicht, wenn sie nicht gefragt wird. Sie lässt sich nicht merken, wenn sie nicht gebraucht wird. Aber sie ist da.

Er erzählte mir, dass er eine Auszeit nimmt. Seinen Job schmiss er hin. Ein Alpha-Tier will er nicht mehr sein. Ins blau flog er in die fernen Landschaft, in der seine Andersartigkeit alltäglich sein kann und veralltäglicht werden kann. Als ein Asiat verstehe ich selbstverständlich nicht, wie man allein reisen kann. „Hast Du keine Angst?“ „Doch!“ „Ist es nicht einsam, allein zu reisen?“ „Doch! Man weint manchmal auf dem Kopfkissen und dann irgendwann ist man froh, dass man keine Kompromisse machen muss.“ Er war schon viel unterwegs, in Indien, in Kamboscha, in Japan, in Burma…, immer allein, immer unabhängig und immer abseits der Zivilisation. „Unabhängigkeit ist mir sehr wichtig.“ Er versuchte mir klar zu machen, dass unser Tee ein freundschaftlicher Tee war. Mein Kopf nickte, mein Mund schmunzelte und meine Augen schauten ihn sanft an. „Du kannst das Buch von Menschen sehr gut lesen.“ Seufzte er. Ich kenne ihn schon lange. Wir sind ähnlich. Wir wollen nicht fremd bestimmt leben und keinen Fremden bestimmen wollen. Es geht nicht nur darum, was wir wollen. Die anderen müssen auch wissen, was sie wollen. Ein Alpha-Tier sucht Untertan, für sie er schauen muss, entscheiden muss und beschützen muss. Es ist eine Abhängigkeitsbeziehung. Der vermeintliche schwache Untertan schiebt die Verantwortung dem vermeintlichen starken Alpha-Tier zu und machte ihn Vorwürfe – das erleben wir alltäglich in der Politik, in der Arbeitstelle und in der eigenen Familie. Das arme Alphatier verpulvert seine Energie für die vermeintliche Stärke, aber was will er wirklich für sich selbst? So ein Leben will Joseph nicht mehr führen. Er geht. „Hast Du keine Angst?“ „Doch, ich muss immer bei anderen Menschen rechtfertigen, warum ich es so mache. Aber Menglin, weiß Du, ich bin gut, ich bin gut in meinem Beruf. Ich muss keine Angst haben. Ich werde wieder einen guten Job bekommen. Ich bin gut.“ Großen Respekt habe ich vor diesem Teefreund. Seine Augen leuchteten voller Vertrauen. Auch wenn Angst unser Leben bestimmt, erkennt er die Angst, die sein Leben nicht mehr bestimmen sollte. „Ich muss weg.“ Er ist sicher. Es ist nicht nur ein Wünsch, es ist nun Realität. Vertrauen schenkt uns Kraft, auf eigenen Weg zu gehen. Ein Quantensprung, den Wünschen nicht mehr als verwünscht gelten zu lassen. Das Zusehen, dass Wünsche nur als Wünsche bleiben können, tut weh. Aber richtig schmerzhaft, ist es zuzusehen, dass das Bild von diesem Wünschen Tag für Tag blasser wird und für immer verschwindet. Die ewige Fragerei nach warum bloss, ist letzendlich das letzte Halt, um das Bild noch vergegenwärtigen zu wollen.

Eine leicht getrübte grüne Tasse von feinem Gyokuro stand vor uns. Bitter, süß und geschmeidig. Der Tropfen ist wie Tautropfen. Der Geschmack voller Aromen. Aromen von Wünschen werden bitter und schwermutig, wenn die Wünsche in unseren inneren Garten alt werden. Joseph macht es richtig. Er geht, um seinen Wünsch zu erfüllen. Er bat mir, für ihn anzumelden. Er wollte unbedingt bei unserem Teatrip to Asia dabei sein. Er sagte, dieser Trip ist so wichtig, dass er noch einmal sein Job hinschmeißen würde.

 

Vor seinem Trip to Asia, ein Trip in die blaue Ungewissheit, bat ich ihn, unbedingt Handy mitzunehmen. Mich sollte er anrufen, wenn ein Tiger über seinen Weg läuft. Er lachte. Er müsste doch wissen, dass es Menschen gibt – ihnen ist es nicht egal, wie es ihm geht.

Ein einfacher und guter Longjing 龙井

China boomt. Der Preis steigt. Das Resultat des Wirschaftbooms bedeutet steigenden Teepreis, der mit der realen Qualität nichts mehr gemeinsam hat. Unter dieser Bedingung einen guten einfachen originellen Longjing zu finden ist tatsächlich eine Herausforderung. Seit März suchte ich nach einem guten bezahlbaren Longjing. Die Ergebnisse waren stets enttäuschend. Enttäuschend war auch die Suche nach einem guten Phönix Dancong. Die Longjings, die ich zur Verkostung bekam, war überwiegend von Kastanien-Noten geprägt. Eine Note, die zwar einen hochwertigen chinesischen Grüntee begleiten soll, aber nicht dominant wirken darf – meiner Meinung nach. Wenn ein Longjing hauptsächlich eine Kastatnien-Note hat, bedeutet er für mich, langweilig, eintönig und durchschnittlich, obwohl der Preis mir zuerst ein anders Bild vermittelte. Zickig beschwerte ich mich immer wieder bei meinen „Teespionen“ in China, dass sie ihre Arbeit nicht gut leisteten. Wahrscheinlich finden sie diese Frau unmöglich. Aber dieses Daran-Bleiben, hartnäckig zu bleiben, zeigt jedoch ein bisschen Fortschritt. Ich bekam einen Meijiawu (weil die andere Shifeng- Longjings etc. viel zu teuer sind und die Herkunft ist leider nicht zu garantieren.), der süß, fruchtig, leicht blumig schmeckt, klar im Aufguss und begleitet mit einer dezenten Kastanien-Note!

Die Blätter sind nicht ganz edel, das Blattgut nicht so perfekt. Aber die Verarbeitung macht aus diesem Longjing einen außergewöhnlichen Longjing. Er ist nicht langweilig, entspricht nicht die Mainstream-Erwartung und zeigt uns seinen eigenen Charakter. Einen einfachen guten Longjing, der nicht über 30 Sfr. Kostet, einfach und gut.

Vielleicht bin ich leicht versnobt, weil ich mit hochwertigen Teesorten handele. Onkel Jack in Australia warnte mir immer davor, dass ich ihm keine solche versnobte Teesorte schicke. Keinen Lishan, keinen Oriental Beauty und keineswegs Pu Er. Besser als mein Vater, der nur Gratis Teebeutel bevorzugt, hat er noch Raum für einen einfachen guten Jade Oolong, Bi Luochun und Longjing. Er trinkt ihn wegen seinem hohen Blutdruck. Aber Onkel war nicht immer so. Vor 20 Jahren war er ganz anders drauf. Wenn er uns zu Besuch kam, hatten meine Eltern Kopfschmerzen. Sie sprachen nicht vor den Kinder über anderen Menschen, aber das Essen mit dem Onkel Jack war immer ein Problem. Plötzlich wurde er bankrott. Er erzählte mir von diesem Glück seines Lebens, als er mich in Zürich besuchte.

Er klagte in den zwei Tagen ständig über den Preis in Zürich, der teuerste Hamburger seines Lebens ist in Zürich, der teuerste Kaffee der ganzen Welt (das stimmt nicht), das teuerste Hotel (nicht klimatisiert und eng!). Wir waren in Niederdorf und wollten Swiss Folklore-Küche kennen lernen. Für 5 Personen bestellte er 3 Portionen Fondue. Ihm war es egal, wie die Bedingung ihn schief anguckte. „Du bist so geizig wie mein Vater!“ „Dein Vater ist ein guter geiziger Typ!“ lächelte er. Er sagte mir beim Fondue, dass den Bankrott sein Leben rettete. In dieser schlimmsten Lage erkannte er sein Glück, so eine Frau neben ihm zu haben. Ohne seine starke Frau hätte er den Mut verloren, sein Leben zu verändern und anzupacken. Seine Kinder lernten normale Berufe und er fing alles von Null an. Er lernte die Welt anders zu sehen, einfache gute Dinge zu schätzen und ihm selber nicht mehr so wichtig zu nehmen. In der Einfachheit des Daseins verbirgt das höchste Glück, meinte er. Buddhist ist er geworden. Er meditierte, es überraschte mich total! Eine weltliche materialistische Person wie mein Onkel Jack sucht nach seiner spirituellen Entwicklung! Aber er ist wirklich geizig geworden, so geizig, dass er nicht Mal in Schobel Hot Chocolate trinken wollte und ich ihn einladen musste. Nur wenn sein Sangha (sein Orden) aufrief, flogt er nach Taiwan und trug Steinen an der Baustelle, nur um ein Krankenhaus in Huanlien für Armen zu bauen. Das Geld spielt keine Rolle, er schickt, wenn es gebraucht wird.

Onkel Jack ist durch Heu-Handel wieder steinreich geworden. Heu ist ein begehrtes Objekt, begehrter als der Tee. China, Korea, Arabien und Japan wollten Heu von ihm. Er weiß von der Exklusivität des einfachen Heus. Die Verwandtschaft lädt er ein, an die Hochzeit seines Sohnes zu kommen. Da ich bedürftig bin, bekam ich Geld für ein Ticket. Zu den 400 Personen-Eier Tanz habe ich keine Interesse. Auf seiner Insel kann ich nur mit Schaff sprechen. Ich schrieb ihm, dass ich das Geld behalte, weil man das Geschenk nicht zurückgibt, aber habe ehrlich keine Lust diese Dinge als Pflicht zu sehen. Er schrieb mir zurück, „You have a nice life.“ Yes, I do. Vergessen sollte ich nicht, seinen Longjing endlich Mal zuzuschicken. Nicht zu teuer, nicht zu versnobt, einfach und gut, meint er. Sein Hochblutdruck plagt ihn wegen der Hochzeitsvorbereitung und ein guter Longjing ist ein Balsam…

Teearie in Staufen

Teearie in Staufen

Doris Federer

Kirchstrasse 11

79219 Staufen

Tel +49-76339886726

Doris sagte heute, dass es zwischen uns bereits im ersten Telefonat gefunkt hat. Sie wusste bereits, dass sie mit mir zu tun haben will. Damals plante sie gerade ein Teegeschäft in einer historischen Stadt Staufen. Über Teemeister Ulrich Haas bekam sie die Empfehlung. Eigentlich war sie ein unbeschriebenes Blatt in Sache Tee, hat anscheinend eine gute Intuition und eine gute Nase. Zuerst fuhr sie Monaten lange nach Bonn um eine Tee-Sommelier Ausbildung bei Teegschwender zu absolvieren. Danach entscheidet sie sich jedoch auf ihren eigenen Weg zu gehen. Sie wusste, dass sie trotz dieser Schulung als Teesommelier nicht die Welt des Tees fassen konnte.

Ich eilte nach dem Besuch meiner 98jährigen Großmutter weiter nach Staufen. Der neuste Sencha ist eingetroffen und muss gebracht werden. Doris rief ich nicht an. Ich lass mich gerne überraschen – wirtschaftlich sehr uneffizientes Denken. Das Leben kann nur lebendig sein, wenn man Zufälle und das Unerwatete zulässt. Termine sind notwendig, um das Wichtigkeit des Daseins zu stärken. Aber für das reale Leben empfinde ich sie oft als Last. Wenn Doris nicht da ist, ist gut. Wenn sie da ist, bin ich überglücklich.

Diese kleine Stadt Staufen strahlt voller Anmut und Charme. Der Laden Doris liegt zwischen einer klingenden Kirche St. Martin, einer hübschen Chocolatier und einer spannenden wohlriechenden Kaffeerösterei! Was für interessanten Nachbarn! Die Orgelmusrik aus der Kirche fesselte meine Schritte, Dank Gottes Gnade bekam ich den Genuss. Im Doris Laden stand bereits eine elegante Dame. Sie plauderten und ich sah, die großen Augen meiner Teefreundin. Sie glaubte es nicht, dass ich jemals vor ihrem Laden stünde. Eine echte Überraschung. Sie sagte mir, sie wollte gerade anfangen zu jammern. Die andere Dame sagte, sie jammerte bereits. Warum sollen wir denn in so einem schönen Laden jammern? Wir fingen an ein Frauengespräch zu intensivieren, wie wir unsere Stärke und Selbstliebe verwirklichen könnten. Ich bewunderte den schönen Regal und schöne alte Tische. Ich bewunderte, wie sie ihren Laden einrichtet. Die Einrichtung ist noch nicht ganz zu Ende. Es gibt noch Raum, meinte sie, den sie noch füllen möchte, wenn es so weit ist. Es sollte noch mehr Teemenschen kommen, die mitgestalten, mitwirken und miterleben. Auch wenn das Wetter leicht herbstlich und bewolkt war, fing nun die Sonne an in dem Tee Arie zu scheinen.

Natürlich musste ich meine Neugierde bei der Kaffeerösterei stillen. Der historische Riegelbau hat immer etwas Einladendes. Ein kleines Haus gestaltet mit alten antiken Möbeln. Nicht versnobt, einfach klar und elegant. Der Besitzer müsste die ähnliche Schwäche haben wie ich. Mit der Wirtin und ihrer Mittwochkundin plauderten wir über Kaffee, über Tee, unkompliziert und herzlich. Wunderbare Malabar Kaffeemischung, voller Power und Intensität, aber ohne eine mit Gewalt und Grobheit erzwungenen Röstung. Guatemala Genuine Antigua schenkte uns dagegen zuerst eine Schokolade-Note, anschließend eine leichte Säure, die sehr schnell zu einem fruchtigen Abgang umwandelte. Coffee and more, für Menschen, die mehr als Kaffee haben wollen!

Coffee and more

St Johannesgasse 14, 79219 Staufen

Ein kurzer und intensiver Ausflug in die Fauststadt. Mehr als überrascht fuhr ich glücklich weiter.

Oolong, ein Poet

Ich lernte diesen merkwürdigen Japaner kennen in einem Zug, als ich heute zu der kranken Grossmutter nach Basel eilte. Tief versunken lass ich einen Roman Namens Hüterin der Gewürze, den ich als Geburtstagsgeschenk bekam. Keine Aufmerksamkeit schenkte ich ihm, als er sich einfach mir gegenüber hinsetzte. Zuerst sprach er mir auf Japanisch an. Mein Japanisch konnte ihm gerade klar machen, dass ich kein Wort Japanisch spreche. Er gab nicht auf und ist kommunikativ wie ein Japaner. Er fragte, ob ich Chinesin bin. „Was!?“ ich schüttelte meinen Kopf und lass weiter. „Was machen Sie hier in Europa?“ „Was machen Sie hier in Europa?“ fragte ich unfreundlich einfach zurück. Erleichtert erzählte er mir, dass er ein Architekt sei und seit einem Jahr im Nordrheinwestfalen lebe. In Japan fühlte er sich eingeengt, in Deutschland fühle er sich als ein unbekannter Aussenseiter. „Waren Sie schon Mal in Omotesando (die Bahnhofstrasse in Tokyo)?“ „Ja. Nur einmal.“ „Kennen Sie Tod’s?“ Ich schüttelte meinen Kopf. Grosse Enttäuschung stand in seinem Gesicht. Er habe mit dem Architekt von diesem berühmten Bauwerk geschafft. Meine Herkunft von ungebildeter Unterschicht hat sich dadurch verraten. Aber auch wenn ich all Ornamente dieses Menschen nicht erkenne, würde ich mich gerne mit ihm unterhalten, weil er nicht zufällig hier sass. Ich ging auf ihn ein. Ihm erzählte ich, was ich hier mache – eben Verkäuferin, Verkäufer von Tee.

Der unbekannte Japaner versuchte interessiert zu sein, obwohl er scheinbar sein altes Kulturgut nicht kennt, nur von Architektur lebt. „Was für einen Unterschied liegt zwischen Grüntee und Oolong?“ Oh, wie sollte ich denn auf mein gebrochenes Englisch diese Dinge erklären?

Ein Grüntee ist nicht fermentiert, schmeckt treu zu seiner pflanzlichen Substanz. Man könnte sich so vorstellen, dass man Salatblätter im Garten pflückt und gleich in den Wok wirft. Das Wichtigste dabei ist, das Gemüse so lang zu garen, dass die rohe grasige pflanzliche Note nicht zur Sprache kommt. Erfahrende Hausfrau oder Hausmann ist genau so wie ein erfahrener Teemaker, der weiss, wie lang er sein Gemüse im Wok „quälen“ lässt. Später trocknet man das Gemüse, aber nicht so lange, so dass es Feuer bekommt. Auch nicht zu kurz, dass das Gemüse bzw. der Tee trocken und dadurch stabil bleibt. Der Geschmack von diesem Gemüse bzw. der Tee variiert sich durch die Länge des Garens, die Art des Garens – im Wok und die Sorte des Gemüses. Aber ein im Wok verarbeitetes Gemüse schmeckt immer noch nach Gemüse. In diesem Sinne ist der Grüntee ein naturtreues Gebilde des Teepflanzens. Das beste Beispiel ist ein guter Sencha ohne Fisch Geschmack!

Ein Oolong? Ein Oolong ist solche Gemüse, das man nach dem Pflücken im Garten noch kurz liegen lässt, so dass es seine Feuchtigkeit verliert. Man lässt das Gemüse so lange liegen, dass seinen Charakter anfängt, sich zu verändern. Zuerst duftet es, wenn man den Duft verkennt und den Zeitpunkt verpasst, fängt das Gemüse an, zu faulen – eine noch stärkere Veränderung seines Wesens als Gemüse (bzw. Teeblätter). Dann kochte man die Teeblätter bzw. das Gemüse aus dem Garten im Wok. Anschliessend könnte man sie im Ofen trocknen und weiter rösten. Die wesentliche Veränderung des Teepflanzens durch Fermentation und Röstung verleiht dem Tee eine andere Dimension. Die Fermentation und Röstung verändern den Tee als Blatt zu einer Blüte oder zu einer Frucht und am besten beides gleichzeitig! Meine leuchtenden Augen erzählten dem fremden Menschen von einer ihm unbekannten Welt. Er war gefesselt von seinem bekannten alltäglichen Getränk und zugleich fremder Welt. Ein wunderschöner Oolong schmeckt nicht mehr nach einem pflanzlichen Blatt, sondern nach Blumen, nach Früchten und nach Bildern, die unsere Erinnerungen färben! Was ist mein Lieblingstee? „Buddha Hand.“

Mir war egal, ob der Japaner mich verstand. Ich hatte Freude, jemandem zu erzählen, was mich berührte. Später geht man sowieso auf unterschiedliche Wege und der Zug ist nur eine Kreuzung. Dann fragte er mich, ob ich Francesco Milizia kenne? Sicher nicht. Er sagte mir, dass er ein Lieblingszitat von diesem Mann hat. Er hat dieses Zitat auf seinem Schreibtisch.

„Wer die Natur nachahmt, rigoros und realitätsgetreu, so wie sie ist, ist – gewissermassen – nicht mehr als Historiker, aber wer sie komponiert, übersteigert, umändert und verschönert, ist ihr Poet.“

Er sagte, dass der Grüntee, der Sencha, den er seit Kindheit ohne Beachtung trinkt, ist ein Historiker von einer treuen Seele. Der Oolong, von dem er heute zum ersten Mal hörte, müsste ein Poet für das Leben sein! Plötzlich war der Wagen nicht mehr der Wagen von SBB. Ich seufzte. Wie poetisch, dieser Vergleich! Dieser Mensch müsste selbst ein Poet sein. Inner kurze Zeit begriff er, das Wesen des Tees und druckte es so aus, aus der Natur eines Poeten. Ich wünsche, ich hätte mein Japanisch schon längst verbessert!

Zum Schluss bekam ich wieder eine Visitenkarte. Nach dieser Kreuzung gehen die Wege wieder auseinander. Die Unbeständigkeit ist die einzige Beständigkeit. Ich erwiderte dieser Visitenkarte mit einer japanischen Sayonara Verbeugung. Sayonara, mein lieber Poet!

Vor einem konkreten Projekt

Es ist anscheinend immer so, wenn man sich nicht richtig entscheiden kann, wird man von Überraschung überrumpelt. Wenn man das Angebot nicht wahrnimmt, weil man sich nicht klar ist, verpasst etwas, vielleicht für immer. Vielleicht gerät man tatsächlich das Leben lange in Reue und Jammern. Oder auch nicht (ich bestimmt nicht).

Eigentlich geht es mir viel zu gut, um an mein ursprüngliches Projekt zu denken, ein Teehaus in Zürich zu eröffnen. Warum soll ich denn an irgendetwas binden, wenn es mir so gut geht. Im Moment genieße ich meine Freiheit, meine Zeit und meine Tätigkeit, wenige Verpflichtung, wenige Druck, ein bisschen zu viel Chaos, was ich immer brauche. Warum sollte ich in einer Struktur leben, die mir vorschreibt, dass ich von morgens und abends irgendwo präsent sein muss? Ein strukturelles Leben kannte ich nur in der Schule. Und nun soll ich mir überhaupt so etwas antun?

Ein Laden in einer Traumlage wird frei. Es ist wie ein Zauber, eine Bestellung an Kosmos könnte wahr werden. Eine Lage, von der ich immer träumte, immer liebäugelte, wird nun möglich. Dieser Nachricht ist an einem lieben Freund zu danken, der eigentlich an meinem potentiellen Laden nichts profitieren kann, sondern eher geschädigt. Aber er tat es aus seiner Großzügigkeit, die mir helfen wollte, meinen Träum wahr werden zu lassen. Dankbarkeit ist nur ein Wort, das viel zu trivial ist, eigentlich. Wahre Freundschaft und wahre Liebe ist so großzügig und ohne Kalkül! Das erlebt man wohl auch nicht oft im Leben. Ich umarmte ihn und wusste, dass ich ein wertvolles Geschenk erhielt. Ein Geschenk für die Hoffnung, weiter den eigenen Weg zu gehen.

Ich erzählte Monika und dann plötzlich wissen fast alle Freunde. Mich riefen sie an und schrieben mir Mails mit voller Begeisterung. Sie meinten, ich wäre ja richtig blöd, wenn ich es nicht tun würde. Manche boten mir sofort Hilfe an, mich zu ersetzen, wenn ich auf Reise bin. Manche wollte mir finanzielle Hilfe anbieten. Manche bieten Präsenz und manche für Handwerk… Unglaublich. Ich war diejenige, die Zweifel hatte. Zweifel, weil es mir heute gut geht und warum sollte ich mein Leben radikal verändern? Und vor allen die Horror-Vorstellung, sich an einem Ort zu binden… an Zürich… Muss ich hier alt werden? Wie schrecklich, an das Ende des Lebens zu denken!

Ich schwieg, während andere laut diskutieren. Doris sagte mir, „Menglin, Du brauchst doch immer Herausforderungen. In einem Jahr wirst Du jammern und schimpfen, wenn Du es nicht probiert hast! Das weiß ich jetzt schon.“ „Du musst einmal im Leben machen, ansonsten traust Du immer nach. Du hast nicht gerne ein leichtes Leben.“ sagte die andere. Aber ich weiß, dass die Herausforderung nicht an das Geld liegt, nicht an den Laden, nicht an die Arbeit, sondern an meiner Angst, sich richtig dafür zu entscheiden und zu binden. Was für ein Horror! „Komisch.“ meinten alle, „wir sind doch immer da. Wofür sollst Du Angst haben?“ „Was mache ich denn ohne Euch?“ ich weine fast zwischen meinen Freundinnen. Doris sagte wieder, „Weiß Du, wie wir Dich ertragen müssen!“

Nun warte ich noch ab, bis meine innere Stimme klarer wird. Mein Onkel schickte mir ein Ticket nach Australien auf seine Insel, vielleicht wäre es eine gute Idee, abzuhauen?

Trip t0 Asia, Teetrip to Asien

Liebe Meng-Lin

Heute durfte ich an der Première des Filmes von Thomas Gruber, „Trip 
to Asia“
im Arthouse „Le Paris“ teilnehmen.

Dieser Film über die Berliner Symphoniker und ihre Gastreise in sechs 
verschiedene
Städte in Asian, unter anderem auch Taipeh, berührte mich sehr.

Der Film erscheint ab dem 21. August in Zürich im regulären 
Filmprogramm.
Du musst ihn ansehen. Einen Vorgeschmack kriegst du auf der Homepage: 
www.triptoasia.de

Herzliche Grüsse

Joseph, vom Teeclub

Vielen Dank für den guten Tipp von Joseph. Ich hoffe, unsere Teefreunde in Zürich die Gelegenheit wahrnehmen kann, eine virtuelle Reise nach Asien im Sessel zu geniessen.

Lieber Joseph, der Filmtrailer ist spannend genug. Und der Ruf aus dem Publikum in Taipei ist wirklich sehr taiwanesisch – voller Power, Freude und Spontanität! Eine Spur von Heimweh besuchte mich heimlich… 

Menglin

ps. Im Frühjahr Jahr 2009 wird Teeclub ein Tee-Trip to Asia organisieren. Wer sich tatsächlich für Hardcore-Trip interessiert, könnte sich beim Teeclub Schweiz anfragen. Muskel, Geduld und Geld muss man mitbringen. Man plfückt tatsächlich Teeblätter unter der heissem Sonne Taiwans, rollt Tee aus, hütet ihn und lernt ihn durch seinen Duft und Veränderung in der Fermabtation kennen. Ich bin der Übersetzer, Organisator und „Zuschauer“, wie andere arbeitet…

Musashi Abumi – der Brief aus Musashi

Oli war der erste, der mich zum Geburtstag gratulierte, sogar bevor der Tag richtig eintraf. In der Mailbox sagte er, damit der Tag zwischen den Terminen nicht unterging, rief er lieber mich sofort an. Eine Woche später kam ich erst dazu, ihn anzurufen, um zu fragen, ob er eine Lücke zwischen den Gerichtsterminen fand. Ich wollte am Wasser sein. Abgeholt wurde ich am Fischmarkt. Ohne viel zu sagen fuhr er mich direkt an den Rhein. Die Zeit verging, seit einem Jahr meldete ich mich nicht bei ihm. Wenn ich an ihn denke, fällt mir immer die Gedichte zwischen Rikyu und Oribe. Damals war Oribe in Schlachtfeld Musashi.

„Krieg in Musashi – Oribe 古田重然 (1544-1615)
Musashi abumi
Sasuga ni michino
Takene ba
Towanu mo yukashi
Tou mo ureshishi.
Der Weg von Dir zu Musashi ist wirklich weit.
Wenn Du nicht schreibt,
Ich denke an Dich,
Wenn Du es tust, Ich bin überglücklich.

Go Onshin
Todae Todaezu
Musashi Abumi
Sasuga ni toki
Michi zo to omeba.
Ich bin sehr glücklich, von Dir zu hören.
Auf diesen Brief habe ich schon lange gewartet.
Der Weg nach Musashi, ist wirklich ein weiter Weg. – Rikyu.“

Oribe war einer von den sieben bekanntesten Teeschüler Rikyus. Sein Name ist bekannt nicht nur wegen seinem Ruhm als Teemeister, sondern als eine Bezeichnung des bekannten Oribe-Keramik-Stils. Anders als Rikyu liebt Oribe den asymmetrische Form der Teeschale und eingereicht mit glänzenden leuchtenden grünen Glasur. Diese freie gestalterische Darstellung z. B. einen kurvigen Bergweg am Rande einer Teeschale hinterzulassen bezeichnet sein ästhetisches Verständnis. Als Freiheit liebender Mensch wurde er nicht zufällig ein Teemensch. Freiheit kostet. Oft kostet die Freiheit nicht nur Schmerzen oder Geld, manchmal auch das Leben. Rikyu starb als ein unbeirrter Teemensch, der sich nicht scheut vor seinem Herrn zu stehen und seine Meinung einfach vertrat. Er starb nicht aufgrund seines Freiheitsliebe oder seinem unabhängigen Geist, sondern wegen der Demonstration der Macht Hideyoshis. Nach Rikyus Tod wurde Oribe der Teemeister in seiner Zeit. Jahren später starb Oribe wegen demselben Grund unter der neuen Herrschaft, die seine Macht zur Schau stellte.
Der Stil von Oribe ist nicht zu verkennen. Sein freier Geist ist in seiner Ästhetik nicht zu verstecken. Die Freiheit in einer Freundschaft, die zwei Menschen verbindet, jedoch frei sein lässt, ist in diesem Briefwechsel ebenfall nicht zu übersehen.
Am Rhein schauten wir einfach das Wasser an. Es gäbe eigentlich viel zu erzählen. Es regnete ganz heftig in Konstanz. Das Wasser tropfte heftig ins Wasser. Irgendwann rief seine Freundin zum dritten Mal an. Ich stand auf. „Was hast Du noch vor?“ „Dich nach Hause schicken.“ Eigentlich musste ich mich beraten lassen, ob ich das Angebot tatsächlich wahrnehmen sollte, ein Laden zu übernehmen, den ich schon lange liebäugle. Vielleicht nächste Woche, sagte ich. Mich fuhr er nach Weinfelden, wo ich einen direkten Anschluss hatte.
„Hoffentlich bis bald.“ „Rufe an, wenn Du wieder ans Wasser gehen willst.“ Er gab mir Abschiedskuss, „wenn Du nicht anrufst, weiß ich, dass es Dir gut geht.“ Ich spürte das Wasser in meinem Gesicht. Es schmeckte salzig. Das Wasser im Rhein war matt, matt grün. Anders als die Glasur von Oribe, grünlich schimmernd und verlangend, verlangen nach Raum, nach Bewunderung – wie der Mensch Oribe.

Oribe Teeschale
 
Viele Kunstkritiker bezeichnen seinen Stil als natürlich und unbefangen. Für mich verbirgt hinter der vermeintlichen Freiheit einem ungestillten Hunger nach Leben, nach Vollendung und nach Wahrheit. Oribe starb unter dem Befehl von Shongun. All sein männliches Nachkommen starben unter dem gleichen Befehl an dem gleichen Tag, Oribes wegen.
In dem Film Prinzesin Goh fing der Kult- Regisseur Teshigahara (der Regisseur von „Der Tod des Teemeisters“. Er ist selber ein Tee- und Ikebana-Meister.) mit der Szene an, Oribe fragte verlangend dem Hideyoshi, weshalb er dem Tod Rikyus verlangte. Hideyoshi verneinte all die Vermutungen Oribes, aber gab keinen Preis über seinen Grund. Oribe gab es nicht nach und brachte Hideyoshi zum Schweigen. Im tiefen Schweigen des Herrschers erkannte Oribe, dass der Tod keinen tatsächlichen Grund brauchte, die Freiheit in tatsächlichen Leben keinen tatsächlichen Grund besass. Es unterliegt alles unter der Willkür eines Herrschers. Nur im Tee und in seiner künstlerischen Wirklichkeit lebt er in seiner Freiheit, die keinen Grund bräuchte.

Herr Staufenbiel hat eine ausführliche und informative Seite über Oribe Keramik geschrieben. Eine Einladung aufs Land Oribes Hier.