Archiv für den Tag 16/10/2026

„White Water“ von Lin Hwaimin und Huangjingui

«So weht mein Leben flüchtig durch die Zeit,

ist bald vertönt und mündet doch geheim

ins Reich der Sehnsucht und der Ewigkeit» Herman Hesse

Um die Flüchtigkeit des Lebens zu begegnen, trinke ich eine Tasse Huangjingui aus der Vergangenheit.

Er ist ein traditionsreicher Oolong Cultivar aus Fujian. Er gewinnt an Popularität durch seine früh spriessende Eigenschaft im Frühling, während alle anderen Teepflanzen noch im Winterschlaf versinken. Er eignet sich für fermentierte Teesorten, Anfang der 90er Jahre wurde der Tee nach Taiwan gebracht, und seitdem wächst dieser bekannte Oolong auf der Insel.

In Hochland Lishan wuchst ein Huangjingui Garten, der heute leider nicht mehr existiert. Ich hatte Glück 2015 eine kleine Partie von meinem Lehrer Chen Huantangs Schatzkammer zu erwerben.

Der Tee wurde schonend gepflückt, an einem sonnigen Tag produziert. Langsames Welken, Wenden und fermentieren. Ausreichende Fermentation in sehr kalten Nacht gewinnt dieser Tee aussergewöhnliche Eleganz und Körper!

Später wurde er leicht von Atong geröstet und sorgfältig gelagert.

Honigsüsser Duft, auf dem Gaumen schmeckt der Tee nach reifen Guaven und Osamanthus Blüten. Wohltuend und entspannend. In verschlossenen Augen hätte man das Gefühl den Morgennebel in Lishan zu sehen, die streifenden Wolken ziehen durch die Berggipfel. Die Fantasie schwebt wie die Schritte des Tänzers, gleitend durch die unsichtbaren Wege zwischen den Hügeln, Wasser und Himmeln…

Taiwaner Choreograph Lin Hwai-Min entwarf 2014 ein aussergewöhnliches Stück «White Water», um die vergehende Zeit zu symbolisieren. Das Leben ist wie Wasser. Die Schönheit des Lebens liegt im Fliessen, doch es entschwindet unausweichlich. Was der Mensch unternehmen kann, ist um Vergehen still zu empfinden, sich zu erinnern und den Körper wieder mit dem Sein und Natur zu verbinden.