Archiv für den Tag 01/03/2013

Palimpsest II

Jeder Tee ist ein Palimpsest. In jedem Blatt verbirgt ein Mensch, ein Ort, eine Tradition und ein Zugeständnis zum Tee.
Durch Tee kam ich in die Schweiz. Als ich nach einem Bleibe suchte, schaute ich verschiedene Wohnungen an. Manchmal war ich so erstaunt über die einwandfreie Badewanne eines alten Hauses! Ich dachte immer, was machen die Frauen in dieser Gesellschaft? Haben sie nichts anders zu tun als zu putzen? Oder vielleicht sind es die Männer, die putzen?
Mit der Zeit verstehe ich, dass diese Phänomenen gewisse Mentalität und Merkmale bestimmten Millieu aussagen.
Meine Kunde in Shui Tang verehren gerne glatte glänzende Porzellan und sind immer beeindruckt von der dünnen Schale vom Meister Hsu. Oft schmälen sie die dicke Steinzeug. Es sei zu grob. Wenn ich solche Kommentare höre, fühle ich mich plötzlich so nah zu meinem Grossvater, der hässliche Orchideen und hässliche Steine gesammelt hat. Er sagte gerne, „Nur gewöhnliche Menschen haben gerne einwandfreie Schönheit…“ Wenn alle die perfekte Edelsteine haben wollen, dann – dachte er wohl – sammelt er eben hässliche Steine. Er sammelte nicht nur solche komische hässliche Sache, die mein älteste Onkel erbt, sondern auch Kalligraphie. Die Kalligraphie in unserer Familie verkörpert keine Kunst und gar keine künstlerische Fähigkeit, sie ist – wage ich es zu sagen, eine Lebenshaltung, wie man zu sich, zu Kosmos und zu allen anderen steht.
Ich mag die Kalligraphie von Su Dongpo, vor allem das Stück Han Shi Tie, als er aus dem Gefängnis entlassen wurde und im Süden aus seinem Amt herabgesetzt wurde. In einer traurigen depressiven Stimmung versuchte er sein Leben nicht zu verschönern, ohne es zu jammern, gab einfach die Tatsache wieder, wie er sich fühlte. Jedesmal wenn ich es lese, versetzt die Schrift mich in einer anderen Zeit und in einer anderen Lebenslage. Jeder von uns bekommt Möglichkeiten von Leben die Höhe und die Tiefe zu erleben. Alles was geschieht hinterlassen Spuren in uns. Da wir eben nur gewöhnliche Menschen sind, wollen wir in unser Palimpsest nur das Schöne und Fröhnliche aufbewahren, während die Schmerzen und Enttäuschung wie Müll irgendwie weg radiert werden soll. Die Kalligraphie von Su und wie der Lishan Hochland Holzkohle wirken wie Schlüssel zu meiner Palimpsest, es ist die Zeit, es mit dem Finger durch das Blatt zu spüren, was alles überlappert wurde…
Auf dem Exemplar von Han Shi Tie kann man tatsächlich die Spuren dieses geschätzten Stück suchen. Mit jedem Siegel erfahren wir seine Liebhaber, die ihm zeitlang aufbewahrten. Mit jedem Strich kommunizierte der Autor mit uns, wie er sein Leben als schwer und ohnmächtig beschrieb und wie er in der scheinbaren Ausganglosigkeit immer noch zu sich selbst stand. Es ist keine schöne Kalligraphie, indem sie uns mit Schönheit entzückt und die Wörter von Su verschönern nicht das realen Leben. Es ist „die“ Kalligrahpie in der chinesischen Kultur, die uns vermittelt, was Wahrhaftigkeit und Selbst-Sein schön ist. Es ist schön, weil es Palimpsest ist – in jeder Kratzer oder Schmerzen vielschichtiger wird.
Zhuangzi, der taoistische Philosoph erzählte gerne eine Geschichte von Menschen, die gerne etwas aufbewahren wollten. Jemand wollte sein Schiff gut vor Diebstahl aufbewahren. Er versteckte sein Schiff sorgfältig in einem Tal und glaubte es sehr klug gehandelt zu haben. In der Nacht regnete es zu stark und es wurde überall überflutet. Das Schiff wurde in dem Flut mitgerissen und verschwand noch bevor der Man es retten konnte!
Das Schiff ist wie die Zeit, die ihren eigenen Lauf hat. Das Schiff ist wie unsere Vorstellung, die scheinbar wertvolle Dinge so aufbewahren will, was in der Wirklichkeit keine Substanz hat! Meine Finger streichelen über das Teeblatt, als ob ich ein Palimpsest streicheln würde. Nichts ist aufzuhalten. Nichts ist zu verbergen.

Palimpsest I

Palimpsest I

In unserem alten dunklen Haus sah man nicht, ob etwas neuwertig war oder altmodisch. Alles verschwanden in der Schattierung im Dunkel. Aus diesem Millieu aufgewachsen wusste ich nicht, dass man Dinge so pflegen sollte, um immer neu aussehen zu können. Dinge putzen und pflegen waren nie unsere Stärke.
Das war mein Kulturschock, als ich den „germanischen“ Alltag in die Berührung kam. Ich staunte wie „germanische“ Frauen ihre Töpfe putzen und ihr Haus frisch halten. Ich kannte es nicht und kann es nicht. Ich kaufe nie eine Hülle für mein IPhone, schaue nie, dass mein alter Lacktisch keine Spuren bekommt und mache oft extra Kratzer auf dem glatten Oberfläche, als ob ich dieses Stück schon lange kennen würde. „Was soll´st? Die Dinge sind doch fürs Benutzen da, nicht wahr?“ Umgekehrt liebe ich alte Dinge. Alte hässliche gekratzte Dinge, die eine Geschichte erzählen können.
Mein Lehrer und ich verstehen gut im Tee. Ansonst vielleicht nur noch die Politik, sonst nichts. Er mag Pu Er nicht. Ich liebe Pu Er. Er mag Literatur nicht. Ich empfinde eine Leidenschaft für Literatur. Er mag Musik nur selten. Ich habe Musik als meine Lebensquelle. Er fragt sich oft, warum ich bis heute immer noch gerne unterwegs bin und warum kein Sicherheitshafen buchen wollte. Er versteht nicht, dass es in manchem Lebensentwurf nicht um die Sicherheit und haben geht, sondern um den Prozess. Aber wir lieben Tee.
Wenn es draussen ganz kalt ist, röstet Atong gerne seinen privaten Tee, darunter oft Lishan Hochland. Auf 2600 Meter hohen Bergen Lishans wachsen immer noch Qingxin Oolongbusch. Die kalte Luft und Luftdruck macht die Pflanzen dichfleischige Blätter, die ein wesentliches Merkmal ist, wenn man den Tee sonst nicht auf Anhieb erkennen kann. Als ich noch jung im Tee war, war der Lishan Hochland ein unglaublich langweiliger Tee – ich scherzte gerne – wie die Schweizer… Damals tanzte ich gerne und liebe Latino-Musik. Der Alishan Hochland war für mich viel spannender – eben wie die Latino.
Nachdem Spuren des Lebens auch in mir hinterlassen haben und ich bekam Zugang zu der Vielschichtigkeit des Seins, verstand ich auf einmal die Zurückhaltung dieses eleganten Tees, der nicht laut schreit und gerne subtil bleibt. Zart, blumig und in sich ruhigend – in einer Überzeugung, dass die Dinge für sich selbst sprechen; in der Überzeugung, dass man den richtigen trifft.
Aus einem Blatt Tee lese ich Spuren, was der Boden und der Menschen ihn geprägt hat – ist er stark gedünnt, ist der von Zikafen befallen oder wurde er über Holzglut geröstet. Aus dem Aufguss des Blattes spricht der Tee zu uns, was für einen Prozess er durchleben muss, um hier zu sein. Als ich bei dem verschneiten Tag vor meinem Fenster diesen Lishan Holzkohle trank, überwältigte mich das Bild von Palimsest! Ein Blatt Papier, das immer wieder gekratzt, geschrieben und geschabt wurde, wurde immer vielschichtiger in jeder Wiederholung von Kratzen und schreiben!
Der schöne Lishan kommt nicht nur aus sehr edeler Herkunft – eben Hochland, wurde nicht nur getrocknet, er wurde sogar über 130 Grad Holzkohle-Glut geröstet. Diese Röstaroma erschwert den Zugang von meisten Liebhaber zu ihm, ziehen andererseits besondere Liebhaber, die genau die leicht herbe ungefällige Note, die einen Tee besonders macht. Hinter dem herben Mantel verbirgt eine Schönheit, die durch Gluten facettenreicher und eigenartiger wird. Das Palimpsest ist dieser von Holzkohle geröstete Lishan Hochland! Einmal sagte Atong zu mir, dass der Lishan Holzkohle geneu ich sein kann. Auch ich und jeder von uns ist ein Blatt Palimpsest!