Der hässliche Tee

Wer will denn schon hässlich sein? Und was bedeutet überhaupt die Hässlichkeit?
Die Vorbilder der chinesischen Kalligraphie habe ich einmal erwähnt, dass sie eigentlich nicht perfekte Exemplare sind, sondern Notizen. Notizen, die im Rausch von Sake oder in höchster Emotion geschrieben wurde, sind voller mit Tinten korrigierten Sätze und asymetrischen Strichen. Wie kann man so etwas überhaupt verehren? Sie sind – mit den perfekten Augen – eigentlich hässlich!

Vor paar Jahren, es ist noch nicht so lange her. Es war 2005, als Atong, mein Teelehrer mit seinen Shuixian Dancong aus dem eigenen Garten mit Stolz zeigte. Ich, als Schülerin, wollte ihn nicht enttäuschen, sparte meine Kommentare und kaufte diesen Tee. Als Jürg mir dann sehr ehrlich zu diesem Tee äusserte: „was für einen Tee mit Elefantenohren!“, war ich nicht überrascht. Ja, er ist schon hässlich, nicht wahr?

Wie kann man Notizen als Vorbild nehmen? Wir wollen doch alle das Beste tun! Wir wollen doch perfekt SEIN – vor allen in Anwesenheit des Anderen.
Su, Dongpo, 蘇東坡 (1037-1101), ein hervorragender Persönlichkeit mit künstlerischen Fähigkeiten, hinterliess uns nicht nur ein Vorbild der Kalligrahpie und zahlreichen Gedichten. Er vermittelt uns auch eine Lebenshaltung. Er verehrte hässliche Steinen. Er sammelte gerne hässliche Steinen, denn sie etwas besonders aufweisen. Für ihn liegt diese Besonderheit eines hässlichen Stein an seine Offenbarung – die Wahrheit des Lebens und die Wirklichkeit des Daseins – Zufall, Transformation und das einfache Sein. Während alle nach Schönheit begehren, ist die Pflege der hässlichen Dinge eine ungewöhnte Lebenshaltung.
Wir verehren Notizen, weil man in einer Notiz einen natürlichen Menschen sehen kann!
Dann ist es doch zu fragen, warum haben wir Mühe die unperfekte Seite von uns preiszugeben? Warum haben wir Mühe mit der Hässlichkeit wie Schmerzen und Druck von Aussen?
Hässlichkeit ist manchmal die Möglichkeit einer einfachen Existenz. Wer will aber überhaupt nur EINFACH-SEIN?
Der Elefanten-Ohren- Shuixian verwandelte sich zu einer unglaublichen Schönheit. Nach paar Jahren, nach der Reifung des Tee und von mir, ist dieser Tee nicht mehr einfach hässlich, sondern auch wirklich einzigartig: reife Früchte und karamelisierten Süsse versetzen mich in einer unbekannten Landschaft. Mein Körper ist nicht mehr begrenzt von dem Raum, sondern er ist beflügelt in der Nacht.
Plötzlich verstand ich, dass das perfekte Sein nichts gemeinsam mit dem perfekten Tun hat. Mein Dasein ist seit meinem Geburt einfach und zugleich perfekt.

4 Gedanken zu „Der hässliche Tee

  1. GTaag

    So wird die Schülerin zur Lehrerin. Im Grunde sollte es ja auch immer so sein, denn alles andere würde Stillstand bedeuten.
    Ehre ist es, wenn man den Lehrer so läßt, wie er ist und später zu ihm zurückkommt. Dann hat man sich als wahre Schülerin erwiesen. Vorausgesetzt, dem Lehrer ist es wert.

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  2. Menglin

    Ein Lehrer braucht keine Schüler, um Lehrer zu sein.
    ein Schüler braucht aber einen Lehrer um Lehrer zu WERDEN.
    Für den wahren Lehrer ist es alles egal. Für einen Möchten-Lehrer aber nicht.
    Mein Lehrer war nicht scharf mein Lehrer zu sein. Ich habe ihm zu meinem gemacht.
    Ich habe grosses Respekt vor ihm, aber auch grosses Respekt vor mir selbst. Deswegen sprechen wir uns gegenseitig unangenehme Dinge an! So wächst eine Meister-Schüler-Beziehung!
    Und wenn Du mich als die Lehrerin meinst, möchte ich hier klar machen: auf eine Lehrer zu sein bin ich wirklich nicht scharf.

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  3. Petra

    Ein Beitrag, der mir gerade heute wichtig ist, danke dafür!
    Auch die Sicht, wann man Lehrer ist und ob überhaupt, finde ich sehr gut.
    Aus westlicher Sicht ist ein Lehrer nämlich kein Lehrer, wenn er keine Schüler hat, wie man auch niemals irgendetwas sein kann, wenn es nicht von außen bestätigt wird, obwohl man doch innen ganz anders fühlt…

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  4. Menglin

    Ich werde meine Gedanke einen anderen Beitrag über das Thema schreiben.
    Das nackte Leben ist weder schön noch unschön, es ist mit Glück und Schmerzen gefüllt. Man braucht Mut, selbst zu erkennen, dass man einen Lehrer braucht, dass man einen Lehrer gefunden hat und dass man Lehrer wird. Man braucht Mut.
    Lehrer werden ist eine Anerkennung um eine Verantwortung für die anderen mitzutragen – das karma des Anderen mittragen.
    Was man bereits kann, braucht die Bestätigung von Aussen nicht. Wenn man sich auf die eigene Dinge konzentriert, wenn die Zeit reif ist, kommt die Anerkennung von sich alleine – das ist meine Auffassung, keine Wahrheit.

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