Archiv für den Tag 18/11/2010

Auf Seide gemalt

Ra ni Kakite
Auf Seide gemalt,
kaki-enu ran no
die Orchidee – nicht malen
nioi kana
kann man ihren Duft

Rocho

Über Tee kann man Stunde lang reden. Was man dabei nicht kann, ist über den Duft zu sprechen! Dies kann man nur, wenn man Tee selbst trinkt und in der Lage ist, es zu beobachten, was Tee mit einem macht.

Shui Tang hat heute tatsächlich einen schwierigen Fall. Ein Teekanner und -liebhaber kam aus Genf zu besuch. Er kam tanzend wie ein König zu Shui Tang und grüsste uns mit Chinesisch. Er lebe zwischen Genf und Beijing. Ein Teekenner, der Oolong zwischen dem so genannten grünen und brauenen unterscheidet und nach Raritäten sucht. Denn er hat zu viel Anxi und zu viel Dancong.

Ich zeigte ihm den Alishan 2004, eine echte Rarität. Er sagte, nein. Er will grünen Oolong. Ich zeigte ihm Alishan 2010. Dieser Tee sei nicht gut, denn er sucht nach ganz grünem. Ich sollte ihm doch Lishan zeigen. Der Lishan ist doch noch zu sehr geröstet, aber auch zu teuer. Dann sollte ich ihm Dancong zeigen. Er wollte dies und jenes. Er ging zu Troilette und vergass den Raum zu schliessen und das Licht auszuschalten. Sein Geist hüftete hier und dort. Er nahm einfach meine Aufgusskanne vor meinem Gesicht und bediente selbst, obwohl er ein Gast war! Das ging mir zu weit! Ich stoppte ihm und wies ihm darauf hin, dass seine Rolle ein Gast war! Dies verstand er leider nicht. „Was heisst ein Gast zu sein?“
Dieser Mensch ist verlaufen in einen Ort, wo er orientierungslos wurde. Denn er verlor seinen Sinn für Grenze. Alles was er meinte als „normal“ zu sein, scheint in Shui Tang anders zu funktionieren. Inwieweit darf man gehen als ein Gast? Inwieweit ist man noch willkommend?
Kannst Du in einem Geschäft alles machen, was Du willst? Nur weil Du das Geld eventuell ausgeben willst?
Diese Frage muss jeder für sich selbst beantworten. Dann kommt entsprechende Behandlung, ob man als ein willkommender Gast behandelt wird, oder ein Gast, von dem man einfach das Geld sieht! Ach, das Geld! Das Geld ist für manche doch nicht das Heiligtum, nicht wahr?

Ich kann diesem Gast nicht den Duft des „gut gemachten“ Oolong zeigen. Denn er sucht nach etwas anders und er sollte das bekommen, was er will. Er war an einem falschen Ort.

Für mich wurde es klar, dass ich nicht allen Menschen recht machen kann und will. Shui Tang kann nicht alle Teeliebhaber beglücken. In Shui Tang gibt es eine klare Linie, was die Ästhetik des Tees betrifft. Ich kann auch nur Tee anbieten, was ich gut vertragen kann. Vielleicht kann mein Ego einfach akzeptieren, dass nicht alle Menschen hier das finden, was sie wollen. Und ich möchte auf meinen Weg gehen, wie jeder seinen.

Der Orchidee, der man auf Seide malen kann, ist in der chinesischen Kultur oft in Verbindung zu edelen Charakter. Orchidee ist schön, aber nicht dominant und reizvoll. So wie ein schöner „gut gemachter“ für mich, leise und elegant! Ein Tee, der gegen die Zeit nur gewinnt!