Zwei Menschen, ein Herz

„Waka singen, Gedichte rezitieren, Ball spielen
gemeinsam in den Feldern –
Zwei Menschen, ein Herz.
Ryokan,1 1758 – 1831

Pu Er Fan bin ich ehrlich gesagt keiner. Meine Beziehung zu diesem Tee kann man nicht mit der Konvention begreifen, noch weniger mit dem Wort „mögen“! Und was bedeutet das Wort „Fan“ heute? Zum Glück gibt es das Pu Er Facebook nicht!

Ich weiß, wenn bestimmte Menschen zu mir kommen, greife ich sofort diesen Tee – ohne nachzudenken. Heute war eine junge Frau mit ihrem neuen Familieglück da. Sie wollte Jasmin. Ich stand ihr gegenüber und gab ihr ein Stück Pu Er Grenztee. Ihr Gesicht ist durchsichtig, die Haut ist blass. Ich wollte nicht, dass sie das Gefühl bekam, einen Tee gedrückt zu bekommen. Aber dieser Tee würde ihr sehr gut tun. Ich gabe ihr es und bat ihr zu beobachten, wie der Tee in ihr macht. Ihre Überraschung war nicht zu übersehen. Ihre Augen wurden weich und die Augenbraun wurden kurvig.

Wenn Balthasar kommt, bekommt er immer seinen Tee – meistens gelagerten Pu Er. Er kann diesen Tee wunderbar beschreiben und kann die Anwesenden am Tisch auch recht gut einleiten. Er sagte, dass der erste Aufguss ihm meistens nicht so schmeckt. Denn der erste Aufguss meistens „das Alte“ beziehungsweise die Alterung aufzeigt, während ab dem zweite Aufguss der feine Körper, das Nektar der Blätter und die Wurzel des vitalen Baumes uns langsam offenbaren. Es ist wunderschön, einen Tee zu erleben, wie er sich verändert, wenn man die Konvention, einen freundlichen blumigen Tee zu wollen überwunden hat!

Was kann man denn all die Formen der menschlichen Beziehungen verstehen und aufzeichnen? In dem chinesischen Ideal existieren viele Beziehungen zwischen Menschen, die Alters-, Kultur- und Geschlechtsgrenzen überschreiten. Menschen, die sich verbunden fühlen , müssen nicht lange kennen, gut verstehen oder „lieben“. Das Wort Liebe ist bereits so verbraucht und „tot“ definiert…

Wenn jemand zu Shui Tang kommt, nehme ich diesen Menschen so wahr, wie er ist. Und viele Dinge kann man nicht erzwingen. Manchmal fühle ich mich verbunden mit jemandem, auch wenn die Welten dazwischen liegen. H. war einer meinen ersten Gäste. Ein seltener Gast, der immer extra eingereist nach Zürich kommt und mich extra besucht. Seine Eloquenz geniesse ich und vergesse nicht. Als er letztes Mal da war, war der Besuch kurz. Wir redeten über Dinge, die mich richtig betrifft. Aber so abstrakt und sachlich. Obwohl es so sachlich und fast unpersönlich war, spürte ich eine tiefe Melancholie, die mich nicht los liess. Als ich ihm wieder Matcha schickte, schrieb ich ihm eine Karte. Ich schrieb ihm auch, wie ich mich bei seinem Besuch fühlte. Ich wünsche ihm alles Gute. Unsere zarte Verbindung bedeute mir viel und er sei immer willkommend.

Tage vergangen. Ich begann es zu vergessen. Wochen vergehen, ich vergesse es.
Ich bin keine Person, die regelmässig eine menschliche Beziehung mit Wille pflegt. Auch der Geburtstag meiner Mutter vergass ich am letzten Samstag! Ich vergesse oder ich will es vergessen?

Heute bekam ich ein Email. Großer Überraschnung folgte wieder das Gefühl der Melancholie.

Liebe Meng-Lin,

Herzlichen Dank für Ihre einfühlsamen Zeilen. Zu Ihrer Empfindsamkeit menschlichen Stimmungen gegenüber kann ich Sie nur bewundern; denn obwohl ich mir Mühe gegeben habe, zu erscheinen wie gewohnt, ist Ihnen meine tiefe Herabstimmung nicht verborgen geblieben. Ich stand während meines Besuches bei Ihnen unmittelbar vor einer schweren Krebsoperation.

„…“
Ich habe mich sehr gefreut, zu hören, daß Ihnen an unserer Verbindung gelegen ist. Ihrer chinesischen Sentimentalität setze ich

meine hoffnungslos verheulte teutonische Romantizität entgegen.

Viele liebe Grüsse und hoffentlich bis bald,

Ich fühle mich verbunden mit dieser Person, auch wenn wir uns nicht gut und lang genug kennen. Nicht nur mit ihm, auch mit vielen Menschen auf dieser Erde. Manchmal kann man eben nicht definieren und mit Konvention begreifen, was da ist. Man muss einmal viele moralische Vorstellungen und Erziehungsfassade überwinden. Dann kommt man an dem Kern der Menschen ran. Dort liegt das Schatz der Herzen.

Ja manchmal ist es genau so Pu Er zu verstehen und zu beschreiben. Pu Er ist ein Tee, der einem abschreckt, denn er riecht nach „Alter“ oder „das Alte“. Das Alte wird häufig assoziiert mit dem Negativen. Wenn man das Alte einmal überwindet, denn öffnet sich eine Welt von Eleganz, Üppigkeit und Vielfalt. Manchmal kommt er aus einem feinen kultivierten Garten, manchmal kommt er aus einem herrlichen dichten Wald!

2 Gedanken zu „Zwei Menschen, ein Herz

  1. Joseph F. Achermann

    Liebe Menglin

    Ich bin am Anfang den Pu Er zu „erfahren“. Als ich ihn zum ersten Mal an einem Teeseminar bei dir trank, schmeckte er für mich nicht. Es roch für mich nach Medizin, und ich konnte ihn nicht geniessen. Zufällig stiess ich im Shui Tang auf Balthasar. Du ludst uns alle spontan und grosszügig wie du bist, zu einer Pu Er Degustation ein. Nun verstand ich beim Gespräch mit dir und Balthasar den Pu Er besser.
    Ich trinke ihn nun jeweils am Morgen. Mein liebster Aufguss, den ich am besten geniesse, ist der Dritte. In der Tat verändert sich bei jedem Aufguss der Geschmack und wird sozusagen bekömmlicher.

    Drück dich

    Joseph

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