Notizen von einer Teeliebhaberin

G. hinterlässt nach seinem Tod zwei seinen berühmten Sprüche, die seinen Freunde immer wieder an ihn erinnern. „Für wen sollte es ein Problem sein? Meins oder Deins? Meinst ist es sicher nicht.“ Der andere Spruch war: „Warum soll ich um mein Geplapper von gestern kümmern?“

Wir nehmen uns Gesplapper sehr wichtig. Vor allem wir nehmen uns für sehr sehr wichtig.

Was mache ich mit meinem Geplapper von gestern?

Martin Frischknecht ist mutig. Er fand mein Geplapper von gestern so sinnvoll, um die Worte tatsächlich zu materialisieren. Gerne würde er ein Gebinde daraus machen. Die Notitzen über die Teeblätter könnten dadurch nicht nur in einem visuellen Ort sichtbar sein, sondern konkret fassbar werden.
Wenn ich nicht dadurch viel Arbeit habe, warum nicht?

Als ein Kind in einem traditionellen konservativen Familie in Taipei aufgewachsen wurden wir nicht viel extra Raum gewährleistete. Für das Lernen waren wir selbst verantwortlich. Wir lernten auf dem Tisch im Wohnzimmer vor dem Ahnentafel. So bekomme ich eine Gewöhnheit in einem bewegenden Umgebung zu lernen, lernen für meine Prüfung, meine Seminarbeit. Gerne lerne ich im Cafe oder Kneipe. Ich fühle mich geborgen unter Menschen, ünter Lärm und unter Chaos. Als Martin mir die korrigierten Texten zum Gegenlesen gab, fand ich keine Ruhe in meiner Wohnung zu lesen. So ging ich zum Cafe. Und in diesem Cafe lass ich meine alte Texte, meine vergessene Sprüche und Eindrücke und mein vergangenes Ich. Meine Tränen flossen, meine Gedanke schwebte und das Ich verlor plötzlich seine Grenze. Das Objekt und das Subjekt haben die gleiche Identität.

Neulich plagte mich eine Sache. Immer wieder beobachte ich wie ich „falsche“ Dinge aus mir rausgeplappert wurden. Da ich durch den Laden Shui Tang ein bisschen in der Öffentlichkeit stehe, fühle ich mich verantwortlich für das, was ich sage. Aber falsche Worte zu falschem Zeitpunkt und falscher Situation ist einfach – peinlich! Diese Peinlichkeit plagte mich und hörte nicht auf. Meine innere Zeigefinger schonte mich nicht. Es plagte. Ich suchte Hilfe, ich musste mit jemandem sprechen. Ich erzählte Erika. Sie gab mir eine einfache Antwort: „Hast Du vergessen, was G. uns immer sagte? Liebe Menglin, nehme Dich einfach nicht zu ernst!“

Nehme mich einfach nicht zu ernst! Das kann eine Befreiung sein. Ich muss mich selbst nicht mehr ernst nehmen, so dass ich über mich selbst lachen kann. Vielleicht entsteht in mir ein Mitgefühl für mich selbst. Das kann der Konflikt zwischen mir und meinem Ego entspannen. Ich will mich selbst nicht mehr verurteilen…

Als ich Texte lass, wußte ich, dass ich mit großem Ernst die Frage des Anderen beantwortete und ich selbst sehr ernst meinte. Ich begegne mein einstigen Ich mit einem großen Ernst, muss ihn allerdings nicht mehr verurteilen. Ja, das war so und das war ich. Kann ich noch dazu stehen, was ich einmal schrieb? Wenn ja, dann ist es in Ordnung, heute es so drücken zu lassen. Ich bin in Entwicklung, mein Blogleser auch. Und Tee ist stets im Wandel.

Ich sage und schreibe oft, dass die Sache mit Tee ein Spiel ist. Wenn wir Tee spielen, spielen mit einem großen Ernst. Weil es ein Spiel ist, ist es nicht ganz ernst zu nehmen. Das Leben ist leicht und der Tee ist nicht schwer. Dies im Alltag wahrhaft umzusetzen kann ich jedoch nicht wirklich. Nun bin ich an dem Punkt gekommen, mich selbst nicht mehr ernst nehmen zu wollen. Und eine große Hoffnung habe ich, dass die Menschen mich auch nicht so ernst nehmen. All was ich schreibe und behaupte hat keine allegemeine Gültigkeit. Es sind bloss Begegnungen mit Teeblätter des Teewegs und von Notizen von einer Teeliebhaberin.

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