Archiv für den Tag 05/02/2008

Felsentee Da Hongpao

Felsentee Da Hongpao

美色无高下

Die Schönheit der Blüte ist nicht an einander zu messen,

花枝自短长

Der Unterschied zwischen den Blüten liegt an ihre unterschiedlich entwickelte Länge

青山俊董 Aoyama (Ikebana-Meisterin)

Als ich began, mit Tee zu beschäftigen, sahe in der Literatur die Orientierung. Später durch bittere Erfahrungen wurde es desillusioniert, dass der Tee eigentlich die Orientierung ist und die Literatur nur eine Orientierung anbietet. Dann bewundere ich zuerst nur die schönen blenden Blüte in der Teelandschaft, ohne es klar zu sehen, dass sie nicht die Welt des Tees allein bilden. Manche Teesorte brauchen mehr Zeit, um verstanden zu werden. Manche Teesorten sind von einfacher Produktion, könnten uns mit seiner Einfachheit beglücken. Berühmte traditionreiche Teesorten schleppen oft eine schwere Erbe mit sich herum. Je mehr Ruhm eine Teesorte geniesst, desto mehr Schwierigkeit bekommen wir ein wirkliches Verständnis zu erlangen. Die spärliche Menge erschwert unseren Zugang zu dem Originalen. Das Spiel auf dem Markt mit Schein und Sein kann weder Händler noch Laien durchblicken. Für mich gehören der Longjing aus Shifeng und der Felsentee (der älteste Oolong) aus Fujian zu solchen Kategorien. Da Hongpao ist wohl das bekannteste Exemplar unter den Felsentee.

Da Hongpao geniesst seine Stellung in der chinesischen Teewelt seit 35o Jahren. Die Legende, die Chinese so gerne pflegen, reichen von Affentee bis zum Göttertee. Aber das, was diesen Tee so unvergesslich macht, sei „Felsen Knochen (Geschmack) und blumiger Duft“.

Was ist dann das „Felsen Knochen und blumiger Duft 岩骨花香“? Wie kann so ein stark gerösteter Tee noch einen blumigen Duft aufweisen? Ich fragte meinen Lehrer in Taiwan paar Male danach und erhielt nie eine wirkliche Antwort. Vor einem Jahr gab er mir eine Tüte Da Hongpao beim Abschied. Er meinte, dass ich es VIELLEICHT irgendwann verstehe. „Das mit dem Blumenduft,“ lachte er herzig, “ ist ja die Sache der Poeten.“

Seit letztem Herbst meldet sich immer wieder ein junger Chinese, der über Tee promoviert und sich selbstständig machen wollte. Er suchte Anschluß nach dem Westen, das Tee nun anderes entdeckt. Zufällig oder unzufällig fand er mich im Internet und wollte jedenfalls, mit mir in Verbindung bleiben. Ich bat ihm nach klassischen originalen Teesorten zu „spionieren“. Eines Tages erhielt ich eine Sack voller kleinen goldenen Tütchen – 30 ausgewählten Felsentee! Das göttliche Geschenk brachte mich fast zu knien. Da dachte ich, dass ich dieses Geschenk mit anderen Menschen teile. Als erster war der Sohn von Miriam und Roger. Das kleine kannte es nicht, was für Schatz vor ihm stand. Aber seine Hand folgt seinem Unterbewußtsein, das doch von einer Außergewöhnlichkeit ahnte (siehe Foto).

Der Da Hongpao von diesem jungen Mann ist schön, solide und aromatisch. Malzig, fast schokoladig. Dazu ist der Preis wirklich angemessen. Ich entschied mich welchen zu kaufen. Paar Tage später gosse ich diesen mit dem anderen von meinem Lehrern zusammen. Der Vergleich markierte einen wahnsinnigen Unterschied. Der Da Hongpao war immer noch fürstlich, sauber und solide. Aber der andere stach mich mit einem Blitz, das durch meinen ganzen Körper strömte. Auf meiner Zunge lag das Felsen Knochen. Schwer, unverkennbar, felsig. Fast zu weinen, hob ich die Tasse eine Woche lange in der Küche auf, ohne zu wissen, wozu.

Später rief ich den jungen Mann an und fragte ihn ganz direkt, wo sein Tee angebaut wurde. Ist er ein halb Felsentee (nur am Rand von Felsen-Gebiet), oder ein Umgebungstee (stammt aus Umgebung, aber noch in Wuyi). Meine naive Direktheit brachte ihn zu kochen. Seine Wut liess mich durch die Telefonleitung spüren. Ich sahe meinen groben Umgangsfehler ein und versuchte ihn zu besänftigen. Die Originalität ist bei einem herrvorragenden Tee nicht entscheidend. Es ist nur entscheidend, wenn es darum geht. Ein gut hergestellter Tee muss nicht original sein. Ein originaler Tee kann nicht immer der beste sein. Aber als ein Teehändler sollte man wissen, woher und wie der Tee stammt.

Jenes Moment auf der Zunge war bis jetzt immer noch präsent. Ein majestätisches Power und eine unverkennbare Härte erfordern uns eine Reife, sich an ihn anzunähern. Der Aufstieg auf die Felsen war keineswegs leicht. Keineswegs lieblich, keineswegs blendend glorreich. Nur ein kurzes vergängliches und zugleich verewigtes Moment, wie ein Felsen zu sein. 

Ps. In Globus gibt es im Moment noch Da Hongpao von Mingcha zu kaufen. Jahrgang 2004. Da mein Geschmacksinn mich seit paar Tagen verliess, kann ich jetzt keinen wirklichen  Kommentar abgegen. Der Aufguss sah gut aus und wirkte spritzig auf der Zunge. 55g für nur 29 Sfr. Wirklich kulant.