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Das Ästhetische ist melancholisch – für Sad Boys

Bu Lang Shan Gushu (http://tee.kaywa.com/p1353.html) war etwas für einen Sad Boy. Als wir zum ersten Mal zusammen diesen Pu Er tranken, zeigte Tim mir unmittelbar das Bild von Sad Boy.
Ich nickte damals meinen Kopf, weil ich den tröstenden und erhellenden Effekt dieses Tees spürte und unglaublich faszinierend fand, wie Tim es mir direkt wiedergibt.
Das Boy inzwischen bald 18 und hat Ferien, kommt zu Shui Tang, weil er helfen will.
Wir hatten einmal ein Gespräch über das Helfen in Shui Tang.
„Deine Arbeit in Shui Tang wird nicht entgelt, während Du bezahlt wirst, wenn Du für anderen Menschen arbeitest.“
„Ja. Ich helfe Shui Tang, weil ich dort sehr viel lerne. Ich will auch etwas zurück geben.“
ich staunte über die simple Spiritualität eines Schweizer Boy. Er sieht das, was er erhält und ohne mit Geld zu vergleichen.
Aber wenn dieses Boy nur so simple ist, dann täuscht man sich. Dieser Boy is sehr materialistisch.
Er kam am Donnerstag mit Nike oben und Adidas unten.
Er trug Zeichen.
Ich dachte, das sei einfache Sportmode. Und wir tranken einen gelagerten Tee. Wir wurden immer entspannter bei den erdigen Geschmack. Fast zu entspannt – Patrick und ich wurden schläfrig. Der junge Patrick mit dem verletzten Fuss bekam wieder Erde unter seinen Füssen. Die beiden fingen an über Sad Boy zu sprechen.
Ein schöner Tee sei etwas für Sad Boy, sagten sie.
Das kitschiges Bild auf dem Paochung-Verpackung aus Taiwan sei auch für Sad Boy.
Die blühende Rose in Shui Tang sei auch für Sad Boy.
Und eben Nike und Adidas gehören zu dem Muss eines Sad Boy.
„Was ist denn eigentlich ein Sad Boy?“
„Eben solche, die solche Zeichen trägt.“
„Was bedeutet solche Zeichen?“
„Sie sind ästhetisch.“
„Warum macht das Ästhetische Sad Boy?“
„Das Ästhetische ist traurig.“
„Das Ästhetische ist traurig?“
„Ja, nur durch das Traurige werden wir wieder glücklich.“
„Also! Das Traurige macht Euch wieder zum Glücklichen.“ ich war sprachlos, „Okay, warum Sad Boy?“
„Sad Boy ist der Boy aus den reichen Industrieländer der Welt.“ Tim lächelte und giesst den aus dem eisenhaltigen Erde stammenden Manzhuan Gushu in meine Tasse, „Nur solche Boys können Sad Boys werden. Wir haben alles, aber wir sind nicht glücklich!“

Oh! Ich wurde auf einmal wach! Der Manzhuan schlägt seinen eisenen Hand und mein Geist war präsent.
Das Glück hat einfach nichts mit dem Haben oder nicht Haben zu tun.
Das Ästhetisch hat den traurigen Zug und das macht eine Transformation möglich.
So simple.
Und der Sad Boy liebt das Asiatische.
„Kann ein indischer Boy ein Sad Boy sein?“
Er schüttelte seinen Kopf, „Nein, er ist zu arm.“

Hm… Ich bin bis heute immer noch nachdenklich.
Nachmittags waren viele Teefreunde am Teetisch. Fabio und andere lachten über die Sad Boy Weisheit. Diese sind eben weit über das Alter eines Boys hinaus.
Aber der Marco… „Also, ich bin auch ein Sad Boy!“ er sagte, „Ich verstehe jetzt endlich, warum ich unglücklich bin. Weil ich alles habe.“
Ich schaute zu ihm.
„Und — “ er wurde leise, „immer noch suche.“
Ja, er bekam den Bu Lang Shan Gushu als Empfehlung als er zum ersten Mal in Shui Tang kam. Vielleicht wurde er damals schon als Sad Boy erkannt.

Die geistige Grösse

Atong war in letztem Oktober in Guangdong. Ohne mich. Er brachte aber einen wunderbaren Oolong aus dem Phönix Berg. Er sagte, dass es tatsächlich noch viele alten Teebäume dort stehen. Solche alte Bäume geben tatsächlich noch Tee.
Wir tranken gemeinsam paar Tasse von diesen xuapian Huang Zhi xiang. So schön blumig und frisch! So einer jung wirkender Tee stammt aus einem paar Hunderten Jahre alte Baum!
Er nickte seinen Kopf. Das sei die Tatsache, dass ältere Menschen am Ende wieder wie Kinder werden – merkte er an.

Blumig wie Maiglöckchen. Frisch wie der Frühlingswind. Fruchtig wie die reifenden Lychees!
Es war der Schneeflocken (xuepian) Shuixian aus Wudong-Gipfel.
Noam sagte, ich sei eigentlich nur unter 15.
Er meinte meine geistige Grösse sei älter, aber mein Charakter sei viel jünger. Vielleicht nur 5. Weil mein Lächeln ihm so erzählt.
Die beiden 12järigen Jungen sind häufige Gäste in Shui Tang. Wenn Du die beiden fragst, warum sie gerne kommen. Serafino würde vielleicht sagen, weil es dort Tee gibt.
Noam sagte mir heute aber, weil er auch gerne mit mir spricht. Weil wir ähnlich alt sind.
Manche sind so alt wie sie aussehen.
Manche sind so junge wie sie lachen.
Wie sollte ein Tee aus einem alten Baum schmecken?
Ich sage, wie der Maiglöckchen in jedem Frühling!
Wie schmeckt ein alter Tee zum Beispiel wie der Maoxie 1993?
Der noch 17jährige Tim sagte, er schmeckt wie der Liebesbrief an den vergangenen Sommer!

Das Schwarze Loch

Serafino sagte, der Teetisch in Shui Tang sei ein schwarzer Loch.
Jedes Mal wenn er dort ist, vergeht die Zeit wie ein Pfeil. Warum ist die Zeit wieder gekommen, zu gehen?
Ein Schwarzer Loch kann er nicht beobachten, wenn man mitten drin stehe, sagte er. Man muss aus dem Loch heraus, anhand der Beobachtung von den Folgen des Hineinfallens der Materie.
Shui Tang ist nun mitten im sechsten Jahr. Für mich ist es nicht nur eine Zahl. Es ist eine Verdichtung. Verdichtung von Zeit und Energie. Dieser Ort hat viele Dinge aus dieser Periode herauskristallisiert durch die Interaktion mit Menschen, die in diesem Loch hineinfallen.
Es sind viele Geschichte entstanden.
Geschichte, die berühren.
In dieser Stadt, an diesem Ort gibt es so einen Stamm. Oder besser gesagt ein Stamm von Menschen aus irgendwo, die auf dieses Loch reagieren.
Diese Menschen fühlen sich natürlich angezogen. Sie entscheiden sich freiwillig an diesem Tisch zu kommen und erzählen mir manchmal mit Wörtern, manchmal mit Augen, oft bloss mit ihrem Dasein ihre eigene Geschichten.
Sie wählen den Ort, suchen die Menschen aus, um Geschichte auszutauschen oder geschehen zu lassen.
Unsere Zivilisation gleicht ebenfalls wie einen schwarzen Loch.
Viele Materie fallen hinein und verschwanden.
Ich muss ganz weit zwischen verschiedenen schwarzen Löcher stehen, damit ich noch draußen bleiben.
Viele viele Dinge verschwinden. Selbst wenn alles verschwindet, wäre ein Versuch wert, etwas zu bewahren. Zum Beispiel Tee. Und bestimmt noch damit verbundene Dinge.

Was hat Tee für mich eine Bedeutung.
Keine.
Ich verstehe viele Dinge auch noch nicht.
Wozu mache ich so ein Geschäft? Keine Ahnung, warum.
Früher konnte ich schön argumentieren. Heute finde ich besser zu schweigen. Ich antworte oft, „Geld verdienen.“ Was sonst? Besser als gewöhnlich von Menschen kommentiert zu werden, als verherrlicht.
Ich verstehe nicht warum. Aber ich habe Vertrauen.
Jedes Neujahr, jeder neuer Anfang, bedeutet oft eine neue Antwort für das Leben zu erfinden.
Manchmal schafft man es, oft ohne Lösung.
Abschied von Vertrauten oder Vergangenen braucht man Mut.

Etwas Neues ANzuFANGEN, will ich unbedingt GLAUBEN!
Ich glaube, es klappt.
Du auch.

Existiert, aber unsichtbar

Existiert, aber unsichtbar

Serafino hat mir eine spannende Frage gestellt.
Was ist zwischen Yin und Yang?
Komisch, warum interessiert ihn nicht der Gegensatz, sondern dazwischen?
„Serafino, das sind viele Möglichkeiten.“ ich male ihm ein Yin und Yang Zeichen.
„Zwischen Yin und Yang sind viele Yin und Yang. Sie sind nicht trennbar.“
„Das Zeichen kenne ich!“ sagte er. „Ich male mir immer das Zeichen wenn ich Prüfungen habe. Mit diesem Zeichen verbinde ich mit meiner Seele und dem, was dazwischen ist.“
Ich staunte über seine Aussage!
Was für einen direkten Weg zwischen seinem Verstand und seinem Herzen!
Meine Träne hängen am meinen Augen.
Mit einfachen Worten – „Serafino, weiss Du, das ist schön, dass Du Dich jetzt für Tee interessierst. Aber Du wirst noch viele interessante Dinge entdecken. Und es ist gut, wenn Du Shui Tang vergisst und auch mich. Du muss Dich nicht schlecht fühlen, wenn Du nicht kommst. Verstehst Du?“
Er schaute mich an – vielleicht mit ein bisschen Melancholie.
„Ich weiss, dass ich vergesslich bin. Deswegen habe ich Tatami gekauft und ein Tisch eingerichtet. Diese Dinge werden mich immer erinnern, dass Tee mir viel Freude macht!“
Als dieser kleine Mensch die Tür von Shui Tang verliess – klingelten seine Sätze noch an meinem Ohr.
„Warum streiten Erwachsene immer über Unterschiede? Wenn man einander gerne hat, kann der Unterschied doch nichts behindern.“
Warum nicht?
Die Liebe überwinden die Unterschiede.
Ein Engel sucht nach dem Dazwischen anstatt den Gegensätze…
Dazwischen existiert, aber unsichtbar.
Er nahm die Notiz mit.

Der Bus mit Umsteigen

Serafino fragte mich, ob Japaner nie Nein sagen können.
„ich weiss es nicht.“
„Eine Kollegin von meiner Eltern hat erzählt, was sie in Japan erlebte.“ Diese deutsche Damen fragte eine Japanerin nach dem Weg, ob der kommende Bus auch direkt zu ihrem Ziel fährt. Die fremde Japanerin antwortete, „Ja, aber man muss zwei male umsteigen.“
Serafino sagte, warum kann man in Japan nicht direkt sagen, dass der Bus nicht dorthin fährt.
Ich versuchte es ihm zu erklären.
Du fährst mit dem Tram 4 bis zum Hauptbahnhof und steige dort um mit dem Tram 11. Mit Tram 11 fährst Du bis zum Paradeplatz und dann steige dort mit dem Tram 9 bis zum Kunsthaus. Also Du wirst in Kunsthaus ankommen, aber nicht direkt mit Tram 4. Beziehungsweise der Tram 4 fährt auch zum Kunsthaus, aber nicht direkt.
Im Europa beurteilt man die Dinge mit der ersten Strecke.
In Asien beurteilt man die Dinge mit den gesamten Strecken.
„Lerne doch etwas von Asien, versuche die Dinge als Ganzes zu betrachten.
Umwege sind kein Irrweg.
Irrwege sind einer der Wege.“ sagte ich zu ihm.
Sein Schlusswort war: „Also, wenn man mich fragt, dann würde ich sagen. Mit Tram 4 kann man auch nach Kunsthaus, aber nicht direkt. Der Bus fährt direkt zu ihrem Ziel, aber der andere mit Umwege.“

Was ist zwischen Ja und Nein?

Serafino kam mit einigen Fragen.
Er sagte, dass er mit seiner Mutter vor paar Tagen über Leben und Tod sprach und danach viele Frage stellte. Seine Mutter sagte ihm, „Gehe zu Menglin.“
Zu Menglin. Habe ich paar Antworte darauf?
Was ist zwischen Ja und Nein?
Ich sagte ihm, JAIN.
Ja plus Nein.
Seine Augen drehten und bewegten sich ganz schnell.
Manchmal ist es ja. Manchmal ist es nein.
Was früher ja war, kann heute nein sein.
Was ist denn dazwischen?
Alles möglichen.
Ich erzählte ihm von einer Geschichte, was Michel mir früher gerne erzählte.
Ein Mönch sah eine junge Frau vor seinen Augen in einer Richtung rannte. Dann kamen Räuber die nach der jungen Frau fragte. Der Mönch antwortete mit einer Lüge. Somit wurde das Leben einer jungen Frau gerettet.
Ist diese Lüge ein Ja oder ein Nein?
Ist diese Lüge richtig oder falsch?
Serafino antwortet, das ist wie das zwischen Erde und Luft. Es sind zwei Welten, zwischen denen etwas dazwischen liegt, aber unsichtbar und nur so existiert.
Ja.
Für die Erwachsenen sind Gegensätze nicht zu vereinbaren.
Aber für den 12järigen ist es scheinbar kein Problem.
Etwas existiert scheinbar nicht, aber doch da.
Was ist zwischen Ja und Nein?
Es sind viele Möglichkeiten.
Und Ja und Nein sind nicht wirklich getrennt.

Der Zukunftstag

Der Zukunftstag

Das war sein Zukunftstag.
Serafino sagte, dass er sein Obento selbst mitbringen würde für den Mittagsessen.
Ich sagte ihm, dass ich für ihn etwas kochen würde.
Er fragte, „was können Sie?“
Ich staunte und antwortete, „oh, ich kann chinesisch kochen.“
Hm, sehe ich so aus, als ob ich nicht kochen kann?
Als ich für Yu eine Mahlzeit mit Gerichten und Suppe auftischte, sagte er zu seiner Frau; „Stelle Dir vor, selbst Menglin kann uns eine Mahlzeit auftischen.“
Ich habe Hong Shao Niu Rou (Rindfleisch geschmort gekocht) und Omelette mit Koriander und Zwiebellauch. Ganz einfach. Er sass mit Stäbchen ganz geschickt. Alles war weg. Ein Schwarzloch existiere in seinem Magen.
Als der Kaffeetrinker-Vater unerwartet kam, bedankte ich mich bei ihm, „Ihr Sohn bereichert mein Leben. Ich fühle mich so reich!“
Er nickte seinen Kopf, „Meins auch.“
Es war nicht bloss der Zukunftstag von Serafino.
Es war auch meine Zukunft.
Ich rieche die Funken aus der Zukunft! Süss, zart und unverfälscht!

Der kultivierte Franz Carl Weber Laden

Serafino antwortete auf die Frage seines Vaters wo er war, er sagte, dass er in einem kultivierten Franz Carl Weber Laden war.
In diesem Laden hat er seinen Zukunftstag verbracht.
Er kam mit Arbeitswut. Er wollte arbeiten. Kartonschachtel richten, Tee wiegen und abpacken.
Wenn Teeinteressierte kamen, bereitete er ganz fleissig den Tee zu.
Sein Vater kam unerwartet.
Auch der Vater musste wissen, in einem Spielzeugladen sein Junge gelandet ist.
Alexander scherzte zu Serafino, ob er nicht wusste, dass der Spielzeugladen eigentlich ein Hexenladen ist.
Oh, ich erinnere mich an die Märchens! Die Grete, der Wolf oder Lebkuchenhaus!
Serafin hat wenig Angst. Er lief in Shui Tang mit einem Selbstverständlichkeit. Ich muss mir keine Gedanke machen, ob meine Töne schön oder vielleicht falsch liegen, ob er meinen Keller nicht chaotisch findet, ob er meine Sprache entziffert. Er machte es einfach. Unkompliziert und gelassen.
Woher hat dieser Junge diese Einfachheit und Gelassenheit? Ich schaute ihn an und dachte an seine Eltern, die ihm als Kind einen Raum schenkt.
Er sass vor Kravattenträger, sass vor erwachsenen Teefreaks und auch vor hübschen Blondine. Er sagte zu ihr, dass unser kultivierte Franz Carl Weber Laden eigentlich nur Herren besuchen.
„Woher weiss Du es?“ fragte ich ihm.
„Ich habe es so beobachtet.“ antwortete er mit einer Klarheit.
Und diese Herren respektieren den 12jährigen Serafino. Sie diskutieren mit ihm über Ninja, über Samurai oder über Architektur.
Es war bereits spät. Fünf Herren sassen am Tisch. Serafino machte Tee.
Ich bediente gerade einen anderen vor dem Regal.
Serafino gab einen neu dazu kommenden Herren eine Tasse – eigentlich nur für Riechen gedachtte. War es ein Fehler? Ich beobachte, reagierte aber nicht.
Ich sah, wie der eine „falsche“ Tasse bekommende Herr schweigend angenommen hat und so seinen Tee aus einer sehr hohen Tasse trank. Alle sagten nichts und tranken gemeinsam den Tee von Serafino.

Ich spüre die Träne im Auge. Alles wurde im Tee aufgehoben. Erwachsene oder Kinder. Richtig oder falsch. Gast oder Gastgeber. Die erwachsenen Herren haben Serafino liebvoll akzeptiert und seine Autorität am Teetisch respektiert. Ich war sehr berührt.

Irgendwann sagte, er habe genug von Tee. Er hörte einfach auf zu trinken, will mir unbedingt bei der Kasse helfen.
Irgendwann ist der letzte Gast aus der Tür.

„Serafino, nun ist die Zeit für den Heimweg. Deine Mutter wartet auf Dich.“
„Das stimmt nicht.“
„Doch. “ ich will nicht, dass seine Mutter auf ihn warten musste.
„Schade, dass wir in nächsten Jahr keinen Zukunftstag mehr.“
„Wir haben immer Zukunft.“
„Ich komme am Dienstag nach der Schule!“
Ich nickte meinen Kopf.

Die Wärme der Erde trinken

Dank Joseph kann ich hier mit Euch den wunderbaren Artikel über den Besuch von Yu in Zürich teilen.

IN ZÜRICH GETROFFEN
Die Wärme der Erde trinken
Der taiwanische Teemeister Jinsong Yu lüftet das Geheimnis des Pu-Erh-Tees
Pu Erh gilt im Westen als Heilmittel oder Schlankmacher. Was es mit dem traditionellen Tee aus Yunnan auf sich hat und warum er in China und Taiwan geschätzt wird wie bei uns Jahrgangsweine, erklärt bei einem Treffen in Zürich der Meister Jinsong Yu.

Philipp Meier

Jingsong Yu ist kein Mann der vielen Worte. Er ist, was man in China einen «Cha Ren» nennt: ein richtiger und aufrichtiger Teemensch. Am liebsten lässt er den Tee für sich sprechen. Zur Einstimmung für unser Gespräch im Teeladen Shui Tang an der Zürcher Spiegelgasse bereitet er einen Pu-Erh-Tee zu, der aus einem Dorf in den Bergen der Provinz Yunnan stammt, das nur über einen vierstündigen Fussmarsch vom Nachbarort aus erreichbar ist. Die Teeblätter stammen von Bäumen, die gut 400 bis 500 Jahre alt sind. Der Duft ist belebend, der Geschmack hat eine etwas ungewohnte Note, die an feuchte Erde erinnert. Wir trinken nun Tee in einer Art, wie sie in China schon im 11. Jahrhundert gepflegt wurde. Die Tradition des Pu Erh ist uralt.

Zürcher Wasser
Wie sich der kostbare Tee mit dem Zürcher Wasser vertrage, möchten wir als Erstes wissen. Der Mittvierziger meint dazu, es sei etwas mineralhaltiger als jenes in seiner Heimat in Taiwan, was den Tee gehaltvoller mache. Ob es denn nicht zu hart sei für einen so edlen Tee, haken wir nach, und Meister Yu bestätigt, dass weiches Wasser das Geschmacksspektrum am besten unterstütze, das Zürcher Wasser aber keinesfalls zu hart sei dafür.

Seit Anfang der neunziger Jahre erforscht Yu den Pu-Erh-Tee an seinem Ursprungsort in Yunnan, wohin er jedes Jahr zur Ernte und Verarbeitung jener Tees anreist, die er selber in Taiwan weitervermittelt. In den Bann des Tees geschlagen wurde der Quereinsteiger, der klassische chinesische Künste wie Kalligrafie und Malerei studiert hat, als er zum ersten Mal ein altes Teekännchen aus den berühmten Werkstätten von Yixing in die Hände bekommen hatte. Auf seiner Reise an den Entstehungsort dieser feinen chinesischen Teekeramik hatte er während eines Zwischenhalts in Hongkong ein zweites Schlüsselerlebnis, als ihm eine Tasse sechzig Jahre alten Pu-Erh-Tees gereicht wurde. Er war, wie er sich erinnert, berauscht von diesem Tee und reiste bald auch nach Yunnan.

Staatlich definierter Tee
Yu ist heute nicht nur ein Kenner der Teezubereitung und der dafür verwendeten Utensilien, sondern er weiss dem Laien auch genauestens zu erläutern, was es mit dem Kult um den Pu-Erh-Tee auf sich hat. Genauer gesagt: Er lässt es den «Novizen» selber ein Stück weit erfahren – Schluck für Schluck. Während er in kleinen Keramikgefässen immer wieder Tee aufgiesst, hält er ein paar Fakten fest. Pu Erh ist heute so populär geworden, dass eine staatliche Verordnung dessen Definition festlegte: Erstens muss er aus der Provinz Yunnan und zweitens von der grossblättrigen Varietät des Teebaums stammen.

Für Yu kommen indes noch drei weitere Kriterien hinzu, die einen guten Pu Erh ausmachen. Der meiste Pu Erh auf dem Markt, den man als Tourist von einer Chinareise als «Heilmittel» oder «Schlankmacher» nach Hause bringt, kommt von Plantagen (Taidi). Ob in traditionell gepresster oder in loser Form, für Yu muss ein guter Pu Erh aber von alten Bäumen in einer noch intakten Biosphäre stammen (Gushu). Hinzu kommt traditionelles Handwerk, das auf all die heute verbreiteten Prozesse der Ertragssteigerung und Beschleunigung der Verarbeitung verzichtet. Und ein guter Pu Erh muss, sofern er gelagert wird, einer langsamen Trockenlagerung unterzogen werden und nicht dem schnelleren feuchten Verfahren.

Trinkbare Antiquität
Denn Pu-Erh-Tee kann gut gelagert werden, zum Teil über Jahrzehnte. Das ist das Besondere an diesem Tee. Und hier beginnen die Halbwahrheiten und Missverständnisse, die Spekulationen, die auch Jahrgangs-Pu-Erh längst zum Spekulationsobjekt gemacht haben. Warum man diesen Tee altern lasse, ist die Schlüsselfrage. Und die Antwort kommt von Herrn Yu direkt und unverblümt: Geld und Profit – ein Pu Erh wird mit dem Alter wertvoller.

Ob er durch die Lagerung aber auch besser werde, wollen wir wissen, während wir nun einen 80 Jahre alten Tee zu trinken bekommen, der dunkel ist wie Cognac und einen kräftigen Geschmack nach Erde hat. Besser nur insofern, erklärt Yu, als die Chinesen dies mögen. In China hegt man nun einmal eine Vorliebe für alte Dinge. Ein junger Tee mit seiner floralen Note sei zwar reizvoll. Trete die Frische aber in den Hintergrund durch den Alterungsprozess, erhalte der Tee eine Geschmacksrichtung, die von Chinesen wie ein nachhaltiges Echo auf ferne Zeiten empfunden werde. Bei einem alten Pu Erh handelt es sich gewissermassen um eine trinkbare Antiquität, um einen Tee mit Patina gleichsam, führt Yu aus und sieht darin durchaus Parallelen zum Jahrgangwein, um welchen ja ebenfalls ein regelrechter Kult betrieben werde.

Beim Trinken eines alten Pu Erh schmecke man den Zerfall des Tees, schildert nun Yu fast schon schwärmerisch. Der Zerfall werde in China zelebriert wie das Leben selber, das ja im Grunde nichts anderes sei. Fühle er sich im Innern unruhig und instabil, verlange ihn nach einem gereiften Pu Erh. Der Geruch von Erde gebe ihm Halt und trage ihn, tröste ihn, sagt Yu. Es sei dieser irgendwie medizinische Geruch, der ihm Heilung bringe.

Daher also all die Missverständnisse im Westen, wonach Pu Erh wie Medizin wirken soll. Gesundheitsinstitute konnten dafür zwar keinen wissenschaftlichen Nachweis erbringen. Wir verstehen nun aber, während das Trinken eine zunehmend beruhigende und zugleich anregende Wirkung auf uns ausübt: Die Wahrheit des Pu Erh liegt auf einer symbolischen Ebene. Der Tee erdet einen, denken wir. Zum Schluss erläutert uns Yu den Namen seines Teegeschäfts in Taiwan: «Klause unter Kiefern und Wolken» – dort bedürfe es bei einer Tasse Tee keiner Worte mehr. Wir erwidern dieses schöne Bild mit einem aus der abendländischen Kultur: Aus Erde sind wir genommen, zu Erde sollen wir wieder werden. Yu gefällt dieses Sinnbild, und er gibt uns das Gefühl, durchaus etwas von der wahren Essenz des Pu Erh erfasst zu haben.

Tee Anrichte

Tee Anrichte

Ein Bild mit Notiz von Dani,

“ Liebe Menglin,
Da hat sich über die Jahre schon was angesammelt …… :-)“

Egal wie alt bist Du, woher kommst Du oder was bist Du! Die Anziehungskraft des Tees ist unglaublich.
Am vergangenen Samstag kam der 12 jährige Serafino. Er sagte mir, dass sein Lieblingstee der Dongpian – der Tee, der nicht weiss, was Frühling ist. Und er kann sich gar nicht mehr vorstellen, ohne Tee und seine Teekanne zu Leben!
Was für wahre Wörter!
Ohne Tee und meine Teekanne? Mein Leben wird einiges farbloser!
Ein Spielzeugladen, eine Spielzeugsammlung um Tee zu zelebrieren – ist ein Weg ohne Zurück.