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Das Schwarze Loch

Serafino sagte, der Teetisch in Shui Tang sei ein schwarzer Loch.
Jedes Mal wenn er dort ist, vergeht die Zeit wie ein Pfeil. Warum ist die Zeit wieder gekommen, zu gehen?
Ein Schwarzer Loch kann er nicht beobachten, wenn man mitten drin stehe, sagte er. Man muss aus dem Loch heraus, anhand der Beobachtung von den Folgen des Hineinfallens der Materie.
Shui Tang ist nun mitten im sechsten Jahr. Für mich ist es nicht nur eine Zahl. Es ist eine Verdichtung. Verdichtung von Zeit und Energie. Dieser Ort hat viele Dinge aus dieser Periode herauskristallisiert durch die Interaktion mit Menschen, die in diesem Loch hineinfallen.
Es sind viele Geschichte entstanden.
Geschichte, die berühren.
In dieser Stadt, an diesem Ort gibt es so einen Stamm. Oder besser gesagt ein Stamm von Menschen aus irgendwo, die auf dieses Loch reagieren.
Diese Menschen fühlen sich natürlich angezogen. Sie entscheiden sich freiwillig an diesem Tisch zu kommen und erzählen mir manchmal mit Wörtern, manchmal mit Augen, oft bloss mit ihrem Dasein ihre eigene Geschichten.
Sie wählen den Ort, suchen die Menschen aus, um Geschichte auszutauschen oder geschehen zu lassen.
Unsere Zivilisation gleicht ebenfalls wie einen schwarzen Loch.
Viele Materie fallen hinein und verschwanden.
Ich muss ganz weit zwischen verschiedenen schwarzen Löcher stehen, damit ich noch draußen bleiben.
Viele viele Dinge verschwinden. Selbst wenn alles verschwindet, wäre ein Versuch wert, etwas zu bewahren. Zum Beispiel Tee. Und bestimmt noch damit verbundene Dinge.

Was hat Tee für mich eine Bedeutung.
Keine.
Ich verstehe viele Dinge auch noch nicht.
Wozu mache ich so ein Geschäft? Keine Ahnung, warum.
Früher konnte ich schön argumentieren. Heute finde ich besser zu schweigen. Ich antworte oft, „Geld verdienen.“ Was sonst? Besser als gewöhnlich von Menschen kommentiert zu werden, als verherrlicht.
Ich verstehe nicht warum. Aber ich habe Vertrauen.
Jedes Neujahr, jeder neuer Anfang, bedeutet oft eine neue Antwort für das Leben zu erfinden.
Manchmal schafft man es, oft ohne Lösung.
Abschied von Vertrauten oder Vergangenen braucht man Mut.

Etwas Neues ANzuFANGEN, will ich unbedingt GLAUBEN!
Ich glaube, es klappt.
Du auch.

Existiert, aber unsichtbar

Existiert, aber unsichtbar

Serafino hat mir eine spannende Frage gestellt.
Was ist zwischen Yin und Yang?
Komisch, warum interessiert ihn nicht der Gegensatz, sondern dazwischen?
„Serafino, das sind viele Möglichkeiten.“ ich male ihm ein Yin und Yang Zeichen.
„Zwischen Yin und Yang sind viele Yin und Yang. Sie sind nicht trennbar.“
„Das Zeichen kenne ich!“ sagte er. „Ich male mir immer das Zeichen wenn ich Prüfungen habe. Mit diesem Zeichen verbinde ich mit meiner Seele und dem, was dazwischen ist.“
Ich staunte über seine Aussage!
Was für einen direkten Weg zwischen seinem Verstand und seinem Herzen!
Meine Träne hängen am meinen Augen.
Mit einfachen Worten – „Serafino, weiss Du, das ist schön, dass Du Dich jetzt für Tee interessierst. Aber Du wirst noch viele interessante Dinge entdecken. Und es ist gut, wenn Du Shui Tang vergisst und auch mich. Du muss Dich nicht schlecht fühlen, wenn Du nicht kommst. Verstehst Du?“
Er schaute mich an – vielleicht mit ein bisschen Melancholie.
„Ich weiss, dass ich vergesslich bin. Deswegen habe ich Tatami gekauft und ein Tisch eingerichtet. Diese Dinge werden mich immer erinnern, dass Tee mir viel Freude macht!“
Als dieser kleine Mensch die Tür von Shui Tang verliess – klingelten seine Sätze noch an meinem Ohr.
„Warum streiten Erwachsene immer über Unterschiede? Wenn man einander gerne hat, kann der Unterschied doch nichts behindern.“
Warum nicht?
Die Liebe überwinden die Unterschiede.
Ein Engel sucht nach dem Dazwischen anstatt den Gegensätze…
Dazwischen existiert, aber unsichtbar.
Er nahm die Notiz mit.

Der Bus mit Umsteigen

Serafino fragte mich, ob Japaner nie Nein sagen können.
„ich weiss es nicht.“
„Eine Kollegin von meiner Eltern hat erzählt, was sie in Japan erlebte.“ Diese deutsche Damen fragte eine Japanerin nach dem Weg, ob der kommende Bus auch direkt zu ihrem Ziel fährt. Die fremde Japanerin antwortete, „Ja, aber man muss zwei male umsteigen.“
Serafino sagte, warum kann man in Japan nicht direkt sagen, dass der Bus nicht dorthin fährt.
Ich versuchte es ihm zu erklären.
Du fährst mit dem Tram 4 bis zum Hauptbahnhof und steige dort um mit dem Tram 11. Mit Tram 11 fährst Du bis zum Paradeplatz und dann steige dort mit dem Tram 9 bis zum Kunsthaus. Also Du wirst in Kunsthaus ankommen, aber nicht direkt mit Tram 4. Beziehungsweise der Tram 4 fährt auch zum Kunsthaus, aber nicht direkt.
Im Europa beurteilt man die Dinge mit der ersten Strecke.
In Asien beurteilt man die Dinge mit den gesamten Strecken.
„Lerne doch etwas von Asien, versuche die Dinge als Ganzes zu betrachten.
Umwege sind kein Irrweg.
Irrwege sind einer der Wege.“ sagte ich zu ihm.
Sein Schlusswort war: „Also, wenn man mich fragt, dann würde ich sagen. Mit Tram 4 kann man auch nach Kunsthaus, aber nicht direkt. Der Bus fährt direkt zu ihrem Ziel, aber der andere mit Umwege.“

Was ist zwischen Ja und Nein?

Serafino kam mit einigen Fragen.
Er sagte, dass er mit seiner Mutter vor paar Tagen über Leben und Tod sprach und danach viele Frage stellte. Seine Mutter sagte ihm, „Gehe zu Menglin.“
Zu Menglin. Habe ich paar Antworte darauf?
Was ist zwischen Ja und Nein?
Ich sagte ihm, JAIN.
Ja plus Nein.
Seine Augen drehten und bewegten sich ganz schnell.
Manchmal ist es ja. Manchmal ist es nein.
Was früher ja war, kann heute nein sein.
Was ist denn dazwischen?
Alles möglichen.
Ich erzählte ihm von einer Geschichte, was Michel mir früher gerne erzählte.
Ein Mönch sah eine junge Frau vor seinen Augen in einer Richtung rannte. Dann kamen Räuber die nach der jungen Frau fragte. Der Mönch antwortete mit einer Lüge. Somit wurde das Leben einer jungen Frau gerettet.
Ist diese Lüge ein Ja oder ein Nein?
Ist diese Lüge richtig oder falsch?
Serafino antwortet, das ist wie das zwischen Erde und Luft. Es sind zwei Welten, zwischen denen etwas dazwischen liegt, aber unsichtbar und nur so existiert.
Ja.
Für die Erwachsenen sind Gegensätze nicht zu vereinbaren.
Aber für den 12järigen ist es scheinbar kein Problem.
Etwas existiert scheinbar nicht, aber doch da.
Was ist zwischen Ja und Nein?
Es sind viele Möglichkeiten.
Und Ja und Nein sind nicht wirklich getrennt.

Der Zukunftstag

Der Zukunftstag

Das war sein Zukunftstag.
Serafino sagte, dass er sein Obento selbst mitbringen würde für den Mittagsessen.
Ich sagte ihm, dass ich für ihn etwas kochen würde.
Er fragte, „was können Sie?“
Ich staunte und antwortete, „oh, ich kann chinesisch kochen.“
Hm, sehe ich so aus, als ob ich nicht kochen kann?
Als ich für Yu eine Mahlzeit mit Gerichten und Suppe auftischte, sagte er zu seiner Frau; „Stelle Dir vor, selbst Menglin kann uns eine Mahlzeit auftischen.“
Ich habe Hong Shao Niu Rou (Rindfleisch geschmort gekocht) und Omelette mit Koriander und Zwiebellauch. Ganz einfach. Er sass mit Stäbchen ganz geschickt. Alles war weg. Ein Schwarzloch existiere in seinem Magen.
Als der Kaffeetrinker-Vater unerwartet kam, bedankte ich mich bei ihm, „Ihr Sohn bereichert mein Leben. Ich fühle mich so reich!“
Er nickte seinen Kopf, „Meins auch.“
Es war nicht bloss der Zukunftstag von Serafino.
Es war auch meine Zukunft.
Ich rieche die Funken aus der Zukunft! Süss, zart und unverfälscht!

Der kultivierte Franz Carl Weber Laden

Serafino antwortete auf die Frage seines Vaters wo er war, er sagte, dass er in einem kultivierten Franz Carl Weber Laden war.
In diesem Laden hat er seinen Zukunftstag verbracht.
Er kam mit Arbeitswut. Er wollte arbeiten. Kartonschachtel richten, Tee wiegen und abpacken.
Wenn Teeinteressierte kamen, bereitete er ganz fleissig den Tee zu.
Sein Vater kam unerwartet.
Auch der Vater musste wissen, in einem Spielzeugladen sein Junge gelandet ist.
Alexander scherzte zu Serafino, ob er nicht wusste, dass der Spielzeugladen eigentlich ein Hexenladen ist.
Oh, ich erinnere mich an die Märchens! Die Grete, der Wolf oder Lebkuchenhaus!
Serafin hat wenig Angst. Er lief in Shui Tang mit einem Selbstverständlichkeit. Ich muss mir keine Gedanke machen, ob meine Töne schön oder vielleicht falsch liegen, ob er meinen Keller nicht chaotisch findet, ob er meine Sprache entziffert. Er machte es einfach. Unkompliziert und gelassen.
Woher hat dieser Junge diese Einfachheit und Gelassenheit? Ich schaute ihn an und dachte an seine Eltern, die ihm als Kind einen Raum schenkt.
Er sass vor Kravattenträger, sass vor erwachsenen Teefreaks und auch vor hübschen Blondine. Er sagte zu ihr, dass unser kultivierte Franz Carl Weber Laden eigentlich nur Herren besuchen.
„Woher weiss Du es?“ fragte ich ihm.
„Ich habe es so beobachtet.“ antwortete er mit einer Klarheit.
Und diese Herren respektieren den 12jährigen Serafino. Sie diskutieren mit ihm über Ninja, über Samurai oder über Architektur.
Es war bereits spät. Fünf Herren sassen am Tisch. Serafino machte Tee.
Ich bediente gerade einen anderen vor dem Regal.
Serafino gab einen neu dazu kommenden Herren eine Tasse – eigentlich nur für Riechen gedachtte. War es ein Fehler? Ich beobachte, reagierte aber nicht.
Ich sah, wie der eine „falsche“ Tasse bekommende Herr schweigend angenommen hat und so seinen Tee aus einer sehr hohen Tasse trank. Alle sagten nichts und tranken gemeinsam den Tee von Serafino.

Ich spüre die Träne im Auge. Alles wurde im Tee aufgehoben. Erwachsene oder Kinder. Richtig oder falsch. Gast oder Gastgeber. Die erwachsenen Herren haben Serafino liebvoll akzeptiert und seine Autorität am Teetisch respektiert. Ich war sehr berührt.

Irgendwann sagte, er habe genug von Tee. Er hörte einfach auf zu trinken, will mir unbedingt bei der Kasse helfen.
Irgendwann ist der letzte Gast aus der Tür.

„Serafino, nun ist die Zeit für den Heimweg. Deine Mutter wartet auf Dich.“
„Das stimmt nicht.“
„Doch. “ ich will nicht, dass seine Mutter auf ihn warten musste.
„Schade, dass wir in nächsten Jahr keinen Zukunftstag mehr.“
„Wir haben immer Zukunft.“
„Ich komme am Dienstag nach der Schule!“
Ich nickte meinen Kopf.

Die Wärme der Erde trinken

Dank Joseph kann ich hier mit Euch den wunderbaren Artikel über den Besuch von Yu in Zürich teilen.

IN ZÜRICH GETROFFEN
Die Wärme der Erde trinken
Der taiwanische Teemeister Jinsong Yu lüftet das Geheimnis des Pu-Erh-Tees
Pu Erh gilt im Westen als Heilmittel oder Schlankmacher. Was es mit dem traditionellen Tee aus Yunnan auf sich hat und warum er in China und Taiwan geschätzt wird wie bei uns Jahrgangsweine, erklärt bei einem Treffen in Zürich der Meister Jinsong Yu.

Philipp Meier

Jingsong Yu ist kein Mann der vielen Worte. Er ist, was man in China einen «Cha Ren» nennt: ein richtiger und aufrichtiger Teemensch. Am liebsten lässt er den Tee für sich sprechen. Zur Einstimmung für unser Gespräch im Teeladen Shui Tang an der Zürcher Spiegelgasse bereitet er einen Pu-Erh-Tee zu, der aus einem Dorf in den Bergen der Provinz Yunnan stammt, das nur über einen vierstündigen Fussmarsch vom Nachbarort aus erreichbar ist. Die Teeblätter stammen von Bäumen, die gut 400 bis 500 Jahre alt sind. Der Duft ist belebend, der Geschmack hat eine etwas ungewohnte Note, die an feuchte Erde erinnert. Wir trinken nun Tee in einer Art, wie sie in China schon im 11. Jahrhundert gepflegt wurde. Die Tradition des Pu Erh ist uralt.

Zürcher Wasser
Wie sich der kostbare Tee mit dem Zürcher Wasser vertrage, möchten wir als Erstes wissen. Der Mittvierziger meint dazu, es sei etwas mineralhaltiger als jenes in seiner Heimat in Taiwan, was den Tee gehaltvoller mache. Ob es denn nicht zu hart sei für einen so edlen Tee, haken wir nach, und Meister Yu bestätigt, dass weiches Wasser das Geschmacksspektrum am besten unterstütze, das Zürcher Wasser aber keinesfalls zu hart sei dafür.

Seit Anfang der neunziger Jahre erforscht Yu den Pu-Erh-Tee an seinem Ursprungsort in Yunnan, wohin er jedes Jahr zur Ernte und Verarbeitung jener Tees anreist, die er selber in Taiwan weitervermittelt. In den Bann des Tees geschlagen wurde der Quereinsteiger, der klassische chinesische Künste wie Kalligrafie und Malerei studiert hat, als er zum ersten Mal ein altes Teekännchen aus den berühmten Werkstätten von Yixing in die Hände bekommen hatte. Auf seiner Reise an den Entstehungsort dieser feinen chinesischen Teekeramik hatte er während eines Zwischenhalts in Hongkong ein zweites Schlüsselerlebnis, als ihm eine Tasse sechzig Jahre alten Pu-Erh-Tees gereicht wurde. Er war, wie er sich erinnert, berauscht von diesem Tee und reiste bald auch nach Yunnan.

Staatlich definierter Tee
Yu ist heute nicht nur ein Kenner der Teezubereitung und der dafür verwendeten Utensilien, sondern er weiss dem Laien auch genauestens zu erläutern, was es mit dem Kult um den Pu-Erh-Tee auf sich hat. Genauer gesagt: Er lässt es den «Novizen» selber ein Stück weit erfahren – Schluck für Schluck. Während er in kleinen Keramikgefässen immer wieder Tee aufgiesst, hält er ein paar Fakten fest. Pu Erh ist heute so populär geworden, dass eine staatliche Verordnung dessen Definition festlegte: Erstens muss er aus der Provinz Yunnan und zweitens von der grossblättrigen Varietät des Teebaums stammen.

Für Yu kommen indes noch drei weitere Kriterien hinzu, die einen guten Pu Erh ausmachen. Der meiste Pu Erh auf dem Markt, den man als Tourist von einer Chinareise als «Heilmittel» oder «Schlankmacher» nach Hause bringt, kommt von Plantagen (Taidi). Ob in traditionell gepresster oder in loser Form, für Yu muss ein guter Pu Erh aber von alten Bäumen in einer noch intakten Biosphäre stammen (Gushu). Hinzu kommt traditionelles Handwerk, das auf all die heute verbreiteten Prozesse der Ertragssteigerung und Beschleunigung der Verarbeitung verzichtet. Und ein guter Pu Erh muss, sofern er gelagert wird, einer langsamen Trockenlagerung unterzogen werden und nicht dem schnelleren feuchten Verfahren.

Trinkbare Antiquität
Denn Pu-Erh-Tee kann gut gelagert werden, zum Teil über Jahrzehnte. Das ist das Besondere an diesem Tee. Und hier beginnen die Halbwahrheiten und Missverständnisse, die Spekulationen, die auch Jahrgangs-Pu-Erh längst zum Spekulationsobjekt gemacht haben. Warum man diesen Tee altern lasse, ist die Schlüsselfrage. Und die Antwort kommt von Herrn Yu direkt und unverblümt: Geld und Profit – ein Pu Erh wird mit dem Alter wertvoller.

Ob er durch die Lagerung aber auch besser werde, wollen wir wissen, während wir nun einen 80 Jahre alten Tee zu trinken bekommen, der dunkel ist wie Cognac und einen kräftigen Geschmack nach Erde hat. Besser nur insofern, erklärt Yu, als die Chinesen dies mögen. In China hegt man nun einmal eine Vorliebe für alte Dinge. Ein junger Tee mit seiner floralen Note sei zwar reizvoll. Trete die Frische aber in den Hintergrund durch den Alterungsprozess, erhalte der Tee eine Geschmacksrichtung, die von Chinesen wie ein nachhaltiges Echo auf ferne Zeiten empfunden werde. Bei einem alten Pu Erh handelt es sich gewissermassen um eine trinkbare Antiquität, um einen Tee mit Patina gleichsam, führt Yu aus und sieht darin durchaus Parallelen zum Jahrgangwein, um welchen ja ebenfalls ein regelrechter Kult betrieben werde.

Beim Trinken eines alten Pu Erh schmecke man den Zerfall des Tees, schildert nun Yu fast schon schwärmerisch. Der Zerfall werde in China zelebriert wie das Leben selber, das ja im Grunde nichts anderes sei. Fühle er sich im Innern unruhig und instabil, verlange ihn nach einem gereiften Pu Erh. Der Geruch von Erde gebe ihm Halt und trage ihn, tröste ihn, sagt Yu. Es sei dieser irgendwie medizinische Geruch, der ihm Heilung bringe.

Daher also all die Missverständnisse im Westen, wonach Pu Erh wie Medizin wirken soll. Gesundheitsinstitute konnten dafür zwar keinen wissenschaftlichen Nachweis erbringen. Wir verstehen nun aber, während das Trinken eine zunehmend beruhigende und zugleich anregende Wirkung auf uns ausübt: Die Wahrheit des Pu Erh liegt auf einer symbolischen Ebene. Der Tee erdet einen, denken wir. Zum Schluss erläutert uns Yu den Namen seines Teegeschäfts in Taiwan: «Klause unter Kiefern und Wolken» – dort bedürfe es bei einer Tasse Tee keiner Worte mehr. Wir erwidern dieses schöne Bild mit einem aus der abendländischen Kultur: Aus Erde sind wir genommen, zu Erde sollen wir wieder werden. Yu gefällt dieses Sinnbild, und er gibt uns das Gefühl, durchaus etwas von der wahren Essenz des Pu Erh erfasst zu haben.

Tee Anrichte

Tee Anrichte

Ein Bild mit Notiz von Dani,

“ Liebe Menglin,
Da hat sich über die Jahre schon was angesammelt …… :-)“

Egal wie alt bist Du, woher kommst Du oder was bist Du! Die Anziehungskraft des Tees ist unglaublich.
Am vergangenen Samstag kam der 12 jährige Serafino. Er sagte mir, dass sein Lieblingstee der Dongpian – der Tee, der nicht weiss, was Frühling ist. Und er kann sich gar nicht mehr vorstellen, ohne Tee und seine Teekanne zu Leben!
Was für wahre Wörter!
Ohne Tee und meine Teekanne? Mein Leben wird einiges farbloser!
Ein Spielzeugladen, eine Spielzeugsammlung um Tee zu zelebrieren – ist ein Weg ohne Zurück.

Der innere Mond

Die Kasse von Shui Tang wurde gestern geklaut.
War es eine Katastrophe oder eine Strafe? Eine Strafe für wen?

Meine Mutter hatte vor zwei Jahren einen schlimmen Schlafanfall. Sie erholte sich zwar von der Krankheit, aber ist nicht mehr dieselbe.
Als sie im kranken Bett lag und viele Besucher zu ihr eilten, hörte ich immer dieselben Kommentare: „Wie kann so etwas bei so einem guten Menschen passieren!“ oder „Du hast immer so gesund gelebt, wie kann so etwas bei Dir passieren!“
Ich wurde oft wütend und sagte sehr direkt zu den Leute, die meistens in unserer Tradition mehr zu sagen haben als ich, dass meine Mutter als eine Kranke auch ein guter Mensch bleibt.
Auch ihr Schicksal verändert meine Meinung über Ihr Leben nicht.
Das, was mich verändert, ist meine Kategorie über Gesundheit und das, was sauber und schmutzig ist.

Alle reden heute über die sogenannte Unabhängigkeit und Freiheit.
Selten wissen die Leute, dass diese Dinge nicht gratis ist.
Für Unabhängigkeit und Freiheit der Gesellschaft muss man regelmäßig zur Wahl gehen, muss man ab und zu auf die Strasse gehen oder muss man wenn es brennt, klare Meinung öffentlich bekennen.
Aber in der Schweiz scheint die Demokratie gratis zu sein.
Und die Unabhängigkeit ist ein intellektuelles Gedankespiel.

Ich war krank und wurde angerufen wegen dem in Shui Tang verlorenen Geld.
Ich sagte, dass es in dieser Welt – im Grunde genommen – nichts verloren geht.
Das Geld bleibt als Materie unverändert, aber in unserer Vorstellung wurde etwas von uns weg genommen.
Wenn das Geld es will, geht es dort hin, wo es will.
Wenn jemand es viel nötiger als ich das Geld brauche, dann ist es so wie es ist – zu akzeptieren – was hätte man anders machen sollen als das, was bereits geschah anzunehmen?
Aber das heisst nicht, dass ich mir nicht etwas einfallen lassen, mit diesem Phänomen konkret umzugehen.

Aber, der Dieb kann wieder kommen.
Ich lachte über das Gedanke.
Ob der Herr Dieb wieder kommen möchte, ist seine Sache.
Ich verschwende keine Energie und keine Zeit mit der Energie von Herrn Dieb zu verbinden.
Lieber frage ich mich, was ich denke.
Alles anderen überlasse ich dem Kosmos.

Ich denke – ganz klar – dass was der Dieb genommen hat, irgendwann zu mir wieder zurückkehrt.
Es gibt eine andere Kasse als die Kasse in einem Geschäft.
Und der klare Mond, der in meinem Herzen scheint, den meine Mutter mir seit meiner Kindheit vermittelt, ist nicht zu klauen!
Ich glaube weiter an Menschen – sei es gut oder schlecht, gerne glaube ich an mein Tun, lieber glaube ich an das, was auf mich zukommt, sich zum Guten wendet.
Das ist die sogenannte Unabhängigkeit, die man manchmal über einen Dieb bezahlen muss, um zu wissen, was für Werte man lebt und dass der innere Mond viel wichtiger ist als das, was scheinbar mit jemanden gegangen ist.
Ryokan, der von einem Dieb alles geklaute Mönch schrieb vor zwei Hundertjahren eine ähnliche aber noch dramatische Situation in einem Haiku:
Der Dieb hat den Mond
im Fenster
vergessen
!

Ich habe eine Teeschale, die den Mond einfangen kann.

Das Leben wie im Schaufenster in einem Geschaeft

Das Leben in Shui Tang ist manchmal wie auf einen Podest. Man ist ausgeliefert, wie auf einer Insel ohne Fluchtweg. Das einzige, was bleibt ist dort bleiben, nicht fliehen und lerne damit umzugehen.

Am einen Abend kam ein arbeitsmüder Herr in den Laden und fragte immer wieder nach dem Preis der Keramik. Irgendwann fragte er mich, “ Wieso so teuer?“
Ich war leicht überrascht und dann musste fast lachen. „wieso nicht?“ Fragte ich ihm zurück.
Ich merkte, dass er mir stets Frage stellte, aber immer meine Vorschlägen verneint. Wahrscheinlich hat er viel Zeit und noch viel Energie – keine Kommentare zu der Form seiner Energie. Aber ich habe keine Zeit, um von anderen Menschen als Zeitvertreib verwendet zu werden.
Ich sagte ihm höflich und klar, dass sehr wahrscheinlich – der Migrosmarkt der richtige Ort sei fuer seine Teefilter…

Am vergangenen Samstag kam eine junge Frau mit einer bestimmenden Stimme und ihrer Mutter, kaufte ein Geschenk fuer jemanden.
Gekauft wurde eine Teekanne aus Yingge von Manufaktur Tsai Mei Zhu. Der Preis ist 60 CHF, sie sagte mir allerdings, dass sie letztes Mal nur 50 CHF bezahlt hat.
Das kann sein, weil ich wohl gut darauf war….
Mit einem leichten Lächeln sagte ich ihr, “ Sie hatten Glück!“
Sie erwiderte, dass ich meine Preise besser schreiben sollte.
Klar, das muss ich wirklich tun.
Irgendwann gingen sie endlich aus dem Laden und ich atmete aus. Sofort ginge ich zu dem Regal und wollte sehen, ob die Schilder richtig stehen. Immer wieder werden die Schilder durcheinander platziert, vor allem nach der Reinigung. Aber auf dem Regal standen Teeschiff 50 CHF und gongfu Teekanne Tsai Meizhu 60 CHF.
Also, man sollte besser checken, was man sagte, bevor man sagt.
Es ist allerdings menschlich, dass wir gerne Probleme anderen Menschen zuschreiben anstatt als eigene Fehler zu betrachten. Ich bin auch nicht anders.

Eigentlich würde man nicht unbedingt Freunde besuchen, wenn die Freunde in normalen Buero arbeiten.
Vor allem besucht man Freunde nicht in seinem Buero so wie man es will.
Dadurch dass ich einen Laden habe, besuchen und wollen Freunde mir helfen, so wie sie es gerne wollen. Die Arbeit in Shui Tang ist durchsichtig zu sein – ich meine, immer zulassen, dass die anderen Menschen rein und raus geht. Das ist mein Beruf.
Als Kunde kann jeder so kommen und gehen wie er es will.

Aber hinter in diesem kleinen Ecke, wo ich Dinge bearbeite und meinen Keller gehören mir! Und meine Zeit, wo ich privat verbringen will ich auch selbst bestimmen! Das Wissen zwar die jungen Leute, die Shui Tang helfen, dass sie sich zuerst anmelden müssen, wenn sie hinten mit mir zu tun haben wollen – natuerlich als Kunde ist jeder frei zu kommen und zu gehen. Das wird aber leider nicht von FREUNDEN so respektiert, weil alles so durchlässig und durchsichtig erscheint, dass man bei Menglin in Laden kommen kann, wann und wie man will.

Ich fühle mich manchmal sehr verletzt. In mir gibt es auch eine sehr kleine Seele, die verletzlich ist. Nur durchlässig sein kann man nicht, man muss lernen Abgrenzen und sich schützen.
Wie kann man anderen Menschen es klar machen, ohne sie zu verletzen, dass sie meine private Sphäre verletzen? Auch wenn sie wohlwollend meinen?
Gongfu Cha hilft mir es zu ueben, Grenze zu vitalisieren und dann auch umzusetzen.

Durch diese Erfahrung wie in einem Glaskammer zu LEBEN, lerne ich andere Menschen zu respektieren. Alle von uns haben eine Seite, die man durchlässig lässt, aber andere Seite, die man gerne nur fuer sich selbst behält. Ich lerne meine zu respektieren und zu Leben.
Das Leben ist wie ein Spiel, manchmal überwindet man etwas wie ein Fußballer, manchmal eben nicht. So ist wie mit dem Besucher im Laden und auch mit mir selbst.