Archiv der Kategorie: Gongfu Cha (Kungfu Cha) 工夫茶

Was lernen wir in Gong Fu Cha?

Ich war jemand, wie jeder von uns, der nicht gut zuhören kann. Nicht zuhören, was andere Menschen sagen. Das Schlimmer noch, ich konnte nicht zuhören, wofür mein Herz Schlägt.

Mit dem Tee bin ich ein bisschen weiter gekommen – mit mir selbst. Das habe ich Cha No Yu und Gongfu cha zu verdanken.

Viele Leute fragen mich, was lernt man beim Gong Fu Cha?

Meine Antwort wäre: man lernt sich besser zu verorten. Das heisst, man über der eigenen Identität bewusst wird.

Auf einem Teetisch wird alles klar, wo Ich bin und wo du bist, wo ich ihn plazieren will und wo ich mich hervorhebe oder zurücknehme. Es ist so deutlich, wie unser innerer Navigation funktioniert. Die erste Schwierigkeit für die meisten Menschen ist, wie soll ich mit dem gestalten von einem Teetisch anfangen? Wo soll ich mich platzieren?

Wo bin ich? Das können meiste Menschen nicht beantworten! Die meisten Lernenden fangen immer mit den Tassen an – das Symbol von Aussen. Wo man die anderen verortet hat, weiss man erst, wo ich bin! Ist es der Grund, warum wir immer Feinbilder brauchen? 

Nachdem der Lernende verstanden hat, zuerst ICH zu verorten weiss, geschieht die Sache recht einfach. Man findet den Ort wo man die Tassen für die Gäste platzieren soll, wo man die Hilfkanne – Aufgusskanne stehen lassen kann. Dann kommen die nächsten Schwierigkeiten, wo man den Teelöffeln, die Wasserschale (Abwasser) und Tuch etc platzieren soll. Genau diese Schwierigkeiten helfen uns die Prioritäten zu begreifen! Was ist das Wichtigst für MICH im Tee? Die Schale für Abwasser? Die Teedose? Der Teelöffel? Wo sollte das Tuch stehen, wenn man stets das Tuch greifen muss?

Zeit für Zeit lernt man durch Fehler Schritt für Schritt ins eigenen Inneren. Der Teetisch ist ein klarer Spiegel von unserem inneren Garten!

Im Unterschied zu Cha No Yu wird Gongfu Cha nach meiner Vorstellung nicht in einem fest gelegten Ablauf unterrichtet. Es ist nicht immer einfach. Denn meiste Menschen mögen eine klare Regelung. Für Menschen, die klare Regelung braucht ist der Gongfu Cha in Shui Tang nicht zu empfehlen. Hingegen für Menschen, die selbst kennen lernen möchten, die Innen- und Aussenraum in uns beobachten, gestalten und bewusst werden wollen, ist es ein aufschlussreicher Versuch auf die Reise mit dem Teeschiff in den Fluss des Tees einzulassen!

   
    
   

松濤, 聽濤 Die Meeresbrandung zuhören

Fortsetzung von dem Beitrag „Spielzeugkasten“
Das Geräusch vom kochenden Wasser in Kessel oder in Pot bezeichnen wir in Chinesisch Song Tao – Die Brandung durch den Kiefernadel.
Das gemeinsame Warten am Teetisch auf das Wasser, das zu Siedepunkt gebracht wird, ist das Zuhören der Brandung aus dem Meer.
Weshalb holte man das Sinnbild der Meeresbrandung auf den Teetisch?
Beziehungsweise was hat die Meeresbrandung mit dem Kiefernadel gemeinsam und was überhaupt mit unserem eigenen Rhythmus zu tun?
Nach dem Geburt lernen wir als Menschen das erste in der Welt ist aufzustehen um zu laufen.
Sobald wir laufen können, werden unsere Schritte kommentiert – zu schnell zu langsam oder zu schräg. Wir nehmen den Rhythmus unser Eltern und den unserer Gesellschaft. Langsam glauben wir den Rhythmus, den wir leben ist unserer.
Sobald man sich mit Cha No Yu beschäftigt, lernt man auf Tatami zu laufen. Ulrich sagte mir, das Laufen auf Tatami ist wie die Meeresbrandung. Meeresbrandung, die aus meinem Herzen kommt.
Ebenfalls wie in Gongfu Cha, man lernt als das Erste ist all das, was man zum Tee zubereiten braucht in einem Tablett zu tragen und zu laufen. Wie ist Dein Rücken – stehst Du gerade zu dem, was Du machst, wie trägst Du das, was brauchst auf den Teeweg, wie sind Deine Schritte.
Wir lernen unsere eigene Brandung in unserem Körper zu spüren, wahrzunehmen und zu leben.
Auf diesen Teetisch räumen wir einen Platz für unser Gegenüber ein.
Wenn wir unserem Gegenüber gefallen wollen, würden wir uns an ihren Rhythmus anpassen, anstatt an unseren zu leben. Hier treffen wir eine Entscheidung, nach Aussen oder nach Innen zu orientieren.
Viele Menschen haben Probleme mit dem so genannten Ego. Ego sei etwas, was uns und anderen plagt.
Kann man ohne ein gesundes solides Ego das innere Feuer leben und den eigenen Rhythmus folgen, ohne im Storm der Gesellschaft mit zu treiben?
Während alle anderen nach noch mehr und noch Grössen schreien, kann man noch glücklich sein mit einem kleinen Geschäft an einer Seitengasse?
Das Ego zu bekämpfen oder zu verneinen ist nicht das Problem für uns, sondern gut mit unserem Ego zu befreunden, Frieden schliessen und kommunizieren – das ist unsere Aufgabe, Frieden in uns zu leben.
Auf diesem Teetisch, wenn wir mit unserem Ego den anderen erzwingen wollen, würden Konflikte und kämpferische Atmosphäre entstehen – natürlich kann man es auch so machen, wenn man es unbedingt will. Das wäre eine Entscheidung, die nach Aussen zu orientieren.
Wenn ich mich entscheide, in meinen eigenen Rhythmus zu leben, dann konzentriere ich mich auf meine Atmung. So zu atmen, wie mein Körper es tut.
Wenn es sich ergibt – das kann man nicht erzwingen, antwortet mein Gegenüber auf meinen Atmungszug.
Unsere Rhythmen werden auf dem Teetisch treffen, wird zu einer gemeinsamen Brandung verschmolzen – das geschieht von sich alleine auf diesen Teetisch wie in einer Alchemie.In jedem Moment antwortet unserer gemeinsamer Rhythmus auf den kosmischen, der aus dem tiefen Grund des Meeres hervorkommt.
Wir werden einheitlich mit dem, was uns umgibt!

Ein Spielzeugkasten

Ein Spielzeugkasten

Das Wasserkocher für den Teetisch in Shui Tang suchte ich bewusst ein langsam kochendes aus. Nicht weil ich oder mein Gegenüber mehr Zeit hätten. Sondern wegen dem Meeresbrandung durch den Kiefernadel, Song Tao 松濤.
Das Geräusch von dem Wasserkochen bezeichnen wir im Tee als Meeresbrandung durch den Kiefernadel. Stelle Dir einmal vor, dass der Wind weht durch den Kieferbäumen. Die Nadel zwitschern im Wind. Die Welle aus dem tiefen Grund der Erde ist nicht außerhalb unserer Lebenswelt. Die alten chinesischen Teeliebhaber hören die Meeresbrandung ganz nahe auf dem Teetisch, wenn das Wasser zum Siedepunkt gebracht wird.

Alles was wir erleben, ist wie eine Brandung. Die Welle kommen und gehen. Was bleibt?
Ich erlebe auf diesen Teetisch viele Begeisterungen und Berührungen mit Menschen, die in jenem Moment fast in der Lage wäre ihr Leben neu zu orientieren. Aber nach der Brandung, wenn diese Welle vorbei rollt, was bleibt?

Es war eine Begegnung mit einem zehnjährigen Junge, der seine Mutter begleitete. Er war so berührt und begeistert von Tee. Er richtet ein Spielzeugkasten in seinem Zimmer, auf diesen Kasten befinden sich paar Gegenstände, oder Symbole, vielleicht sogar Schlüssel zu einer anderen Welt.
Ich schenkte ihm eine Celadon-Tasse in Song-Stil, die bereits in Shui Tang eingeweiht wurde. Etwas was bereits eine Geschichte zu erzählen hat, kann ihm auf seinen weiteren Teeweg begleiten.
Ob er sich jemals wieder daran erinnert?
Ob er sich nach dieser Welle vielleicht zu einer anderen Welle angezogen wird?
Ob er sich möglicherweise weiter vertieft?
Alles ist offen.
Das ist sein Plan, nicht meins.
Der Teeweg ist wie eine Brandung, die zwischen Kommen und Gehen in unserem Leben etwas bewegt. Manchmal verläuft der Weg unterirdisch, weil wir uns von etwas anderen ablenken lassen oder weil unser Zeitplan eben so bestimmt ist. An einem bestimmten Ort oder an einem richtigen Zeitpunkt läuft der Weg plötzlich wieder offensichtlich und ohne Irrtum.
Wenn alles ruhiger wird und nur das Wasser kocht, hören wir die Brandung aus dem tiefen Grund des Meer. Gehst Du mit? oder bleibst Du hier? Was ist Dein eigener Rhythmus?

Teeschale, ein Gefaess voller Zeichen

Teeschale, ein Gefaess voller Zeichen

Natascha studiert chinesische Kunstgeschichte in Zürich und lernt Gingfu Cha in Shui Tang.
An einem herrlichen Tag wie heute suchte sie ursprünglich eine kleine Teedose für ihre Übung Gongfu Cha.
Plötzlich sprang eine Teeschale in ihre Augen. Sie fragte mich, woher kommt diese Teeschale?
Aus Taiwan.
„Warum gefallen mir immer die Dinge aus Taiwan?“
Ich zuckte meinen Schulter.
„Weiss du! An was diese Schale mich erinnert?“
Sie schaute mich erwartungsvoll.
Ich rezitierte ein Gedicht.
江雪 jiang xue
千山鳥飛絕
Qiao Shan Nico fei jue
萬徑人踪滅
wan jung Ren Zong mie
孤舟蓑笠翁
gu Zhou suo li wong
獨釣寒江雪
du Diao Han Jiang xue
All was ich sehe, zwischen den Bergen fliegt kein Vögel mehr
Allen Pfade und Spuren sind bedeckt von Schnee
Allein in einem Boot sass ein einsamer Fischer
Er fischt allein die ganze Schnee Landschaft.

Ein Gedicht von Liu Zong Yuan der Tang Zeit.

Wie kann ein einsamer Mann die Kälte der Schneelandschaft aushalten und das tut was er wollte – fischen?
„Sein inneren musste voller Feuer sprudeln!“
Ja, nur das innere Feuer kann uns helfen den eigenen Weg zu gehen.
Wie finden wir das Feuer?
Wie findest du zu deiner Teeschale?
Wir lächelnden uns in die Augen.
Jeder von uns ist wie ein Matroschka- Puppe. In uns steckt viele viele Erinnerungen von unserem Vorfahren, von unserer Familie und von uns.
In einem magischen Moment sprang etwas in unser Augen und fängt an mit uns zu kommunizieren. Eben so wie das Gedicht von Hang Yu, der mich zunächst mit dieser Schale in Verbindung bracht und nun mit ihr.
Etwas in ihr wurde berühmt und ebenfalls von dieser Schale mit diesem Gedicht verbunden.
Wie kommunizieren wir später mit unserem Nachkommen? Mit Gedichte und ebenfalls mit einer Teeschale.
Ich hat ihr morgen diese Teeschale mitzubringen. Wenn die Zeit erlaubt, würde ich gerne einen Tee mit dieser Schale zubereiten in alten Stil – direkt Teeblätter hinein und dann verteilen.
So einer Teeschale in solchen sonnigen Tagen vermittelt uns Ruhe und Einkehr ins inneren. Eine Art der Kommunikation zwischen Gastgeber und den Gästen. Eine Teeschale ist voller Zeichen. Wie ein Buch, was einen begleitet.
Wie findest du zu deinem Feuer?
Der Fischer im Boot wusste es und erzählte uns durch das Gedicht, Folge deine Stimme. Fischen auch wenn es schneit.

Gongfu Cha als eine symbolhafte Kommunikation

Claudia wollte die Unterrichtsstunde aufnehmen und dann aufschreiben. Für sie war die Stunde eine wahrhaftige geistige Nahrung.
Sie kam letzte Woche früher zum Unterricht. Dann ging sie kurz in der Stadt flanieren.
So schön fließend und wohl auch so geschmeidig lief sie nach dem Tee auf der Bahnhofstrasse. Promt wurde sie vom fremden Mann angesprochen, ob er sie kennen lernen darf!
So etwas in Zürich!
Sie sei ganz sicher, das kann nur wegen dem Tee sein!
Ihre Idee gab mir gute Inspiration!
Ich werde hier langsam über das, was ich verstanden habe von Gongfu Cha und von der chinesischen Kultur schreiben. Das ist ein gutes Projekt dachte ich.
Das erste, was ich von Gongfu Cha verstehe ist als eine symbolhafte Kommunikation.
Eine symbolhafte Kommunikation zwischen heute und gestern, zwischen Dir und mir und zwischen Hier und Dort. Kultur-, Zeit- und Raum überschreitend.

Herbst im Leben

Mein Leben ist nun im Herbst angekommen.
Gestern wurde eine meiner besten Freundinnen verabschiedet. Kurz bevor ich den Nachricht von Polizei erhielt, kam sie in meinen Traum und erzählte von ihrer Heimreise. Ich sagte ihr, dass ich keine Zeit habe um ihre Wohnung aufzupassen. Sie lächelte im Traum und bat mir doch mindesten einen Blick in ihrer Wohnung zu werfen. Sie gab mir den Schlüssel. Ich kam aus meinem Traum, wach oder nicht ganz wach. Das Telefon klingelte halbe Stunde später und die Polizistin berichtete mir von ihrem Tod.
Wie wäre es wenn sie noch leben würde, heute kreiste das Gedanke ganzer Zeit in meinen Kopf. Würde ich sie sofort besuchen? Sofort anrufen? Sofort sagen, wie sehr ich sie liebe?
Nein, das wird alles bei dem gleichen bleiben.
Ihr Leben war ein harter Kampf um Anerkennung und Ueberleben. Als sie lebte war das Leben hart und zäh.
Ihr Tod war hingegen schmerzlos, plötzlich und blitzschnell.
Ich freue mich für sie.
Ich scherzte gestern: M wird beauftragt und sollte allen Freunde zur Kronenhalle einladen als meine Trauerfeier. Die Zahlen auf mein Konto sollte noch reichen. Danach sollten alle in meine Wohnung gehen, das mitzunehmen, was ihnen gefällt.
D sagte, dass ich damit noch Streiterei stifte.
Jawohl!

Was nun…
Was mache ich in diesseits weiter?
Lange habe ich mich dagegen gewährt, Gongfu Cha zu unterrichten.
Ich will keine Gruppe, keine Schule und keine Institution aufbauen. Ich will keine Spuren hinterlassen.
Heute fragte mich Nico, was heißt keine Spuren hinterlassen? Was ist, wenn man Erinnerungen für die anderen hinterlässt?
Auch wenn wir an dem gleichen Geschehen teilnehmen, wir werden verschiedene Erinnerungen pflegen. Weil wir eben verschieden sind.
Letzte Woche erzählte mir der Musiker beim Besuch, dass er an das Unsichtbare glaubt. Er sagte, auch wenn wir sterben, auch wenn unser Körper schwinden, werden unser geistiges Reichtum in der Atmosphäre bleiben Die jungen Musiker werden in dem richtigen Moment die Verbindung erhalten, das Reichtum der vergangenen Musiker empfangen. Sie werden die Erbe von der großartigen Menschen. Ich nichte meinen Kopf, weil ich es aus der taoistischen Tradition kenne.
Keine Spuren hinterzulassen ist eine geistige Einstellung und Uebung, um Demut und Loslassen zu leben. Loszulassen, damit etwas anders sich erneuen und neu entstehen kann.
Das ist das erste was die Leute beim Gongfu Cha lernen. Alle Spielzeuge in einem Tablett zu tragen, in den Raum einzutreten und wieder so alles aus dem Teetisch weg zu tragen. Der Geist bleibt auf und über den Teetisch, aber die Dingen verschwinden, weil sie vergänglich sind.
Auf diesen Teetisch erlebt man verschiedene Teemenschen, die dort Tee praktizierten und praktizieren. Kommen und Gehen. Keine Spuren hinterlassen, damit etwas Neues von sich alleine entstehen kann. Der gute Geist kehrt von sich alleine zurück.

Mein Leben ist im Herbst angekommen, während das Leben von Nico und Tim noch im Frühling verweilen.
Am Teetisch sitzend bei einer Schale alten Tuocha realisierte ich was ich zu tun habe, bevor der plötzliche Tod mich abholen wird. Das, was in meinem Leben gedeiht und gediehen ist, in immateriellen Form zu verwandeln. Damit es von sich alleine in die Welt zurückkehrt, wenn jemand bereit ist, es zu empfangen.