Archiv für den Tag 02/11/2026

Gongfucha Stunde gestern

Die Teestunde gestern Nachmittag hat in mir ein Gefühl geweckt, das ich lange nicht mehr gespürt hatte.
Ich bin in einer traditionellen taiwanischen Familie aufgewachsen und bin tief von den Archetypen der traditionellen taiwanisch-hokkienischen Frau geprägt. Da ist die „Khiàng-tsa-bóo“, die starke, resolute Frau. Da ist die „Sam-pat A-hua“, die alberne, quirlige Närrin, und die gutmütige, naive „grosse Schwester“. Da ist das „Rapssamenkorn“, das dort Wurzeln schlagen muss, wohin der Wind es trägt, und Oshin, die stille Dulderin. Nach 1949 kam noch die „Qingyi“ der Peking-Oper dazu: sanft, gütig, ehrerbietig, genügsam und nachgiebig. In meinem Inneren verweben sie sich unaufhörlich, geraten in Konflikt und versöhnen sich wieder. Wohl deshalb müssen die Kriegerin und die Magierin in meinem Wesen diese Frauen, die sich in mir verbergen, immer wieder hervorbitten und mit ihnen sprechen. Sonst finde ich keine Ruhe. Die Kriegerin entspricht der starken Frau „Khiàng-tsa-bóo“. Ihre Kehrseite ist oft die naive grosse Schwester, die sich ständig selbst etwas vormacht: Dies ist gut, und jenes ist auch gut. Mein forsches, kämpferisches Ich hält das Zerbrechliche und Weiche in mir oft kaum aus.


Im Juni kam ein guter Freund mit seiner Familie in die Schweiz, um Shuitang tatkräftig zu unterstützen. Gemeinsam zogen wir in die „Schlacht“, und gemeinsam machten wir Ausflüge. Alle mochten den Jungen, und das Teewissen meines Freundes beeindruckte alle. Am meisten berührt hat mich aber die Gegenwart seiner Frau. Während wir „die Klingen wetzten“, waren wir mal ganz in die Arbeit vertieft und mussten mal unerwartete Probleme lösen. Sie war immer im Hintergrund, hielt still die Stellung, kümmerte sich um das Kind und gab mir Halt. Ihre Grosszügigkeit und Wärme haben das Weichste und Tiefste in mir berührt. Vielleicht ist das eine andere Möglichkeit der Kriegerin: die ganz selbstlose Unterstützung, die beste Verbündete im Hintergrund.
Am Teetisch muss Schüler beim Anordnen der Teeschalen viel Mut mitbringen. Er/sie muss ihr innerstes Herz offenlegen und mit den Menschen im Augenblick und mit sich selbst ins Gespräch kommen. Diesmal lagen Teeschalen, Ausgiesskanne und Teeschaufel verstreut auf dem Tisch. Die lernende Charen legt Ihr Herz offen auf den Tisch. Ich sah Durcheinander, Anspannung und Unklarheit. Eigentlich muss man nicht ständig fragen „Wie geht es dir?“, wenn Mensch auf Mensch trifft. Wer mitfühlen kann, fühlt ohnehin mit. Ich verstand, was sie in diesem Moment erlebte. Doch wie konnte ich ihr helfen, jeden Schritt zu klären?
Das Herz eines Teemenschen ist weich. Ich konnte ihr Fragen stellen, sie führen und etwas in ihr anstossen. Das Licht in ihren Augen wurde immer heller. Ihr Teetisch bekam immer mehr inneren Zusammenhang und wurde immer interessanter. Die Beziehungen zwischen den Teeschalen und den übrigen Utensilien wurden immer deutlicher. Die Menschen am Teetisch waren keine vereinzelten Atome mehr, und auch die Teegeräte standen nicht mehr isoliert nebeneinander. Die Menschen teilten den Augenblick, es entstand Verbindung, und der Teetisch bekam einen Sinn.
Die Kriegerin soll zur Magierin werden, die Blei in Gold verwandelt. Die Welt des Tees ist schön und zauberhaft. Man wahrt das rechte Mass und ist innerlich doch frei. Man hütet die Grenzen und lässt trotzdem Spielraum. Ich hoffe, dass ich mich eines Tages nicht mehr in Streitigkeiten zwischen Menschen rechtfertigen muss. Dann kann ich mich ganz der Welt des Tees widmen und darin frei spielen und Neues entdecken.