Die Bezogenheit

Vielleicht ist es wegen dem abnehmenden Licht spüre ich mehr Bedürfnis ins Inneren. Auch wegen dem kommenden betriebsamen Monat muss ich nach der anstrengenden Arbeit viel Zeit nehmen fürs Nachdenken und Loslassen. Oft trinke ich gerne Tianmenshan. Dieser Tee schenkt mir oft das Gefühl, wie ein Giraffe, der seinem Rücken strecken kann, über meinen Tellerrand hinaus andere Teile von Himmel zu sehen!

Gestern erinnerte mich wieder ein Ereignis in einer kleinen norditalienischen Pension, als ich einen kurzen Ausflug unternahm. Beim Eintreten von Frühstücksraum sassen vier Menschen, also zwei Paare im grossen Raum, redeten laut auf Schweizerdeutsch. Sie waren sehr laut. Ich wollte eigentlich einen Kulissenwechseln von diesem Alpenland.

Sie waren so laut, dass ich etwas dazu äussern musste, „Sie sprechen sehr laut.“ Der sprechende weisse Schweizer Mann sprach weiter so laut, dass er mich „ignorierte“. Dann sagte ich auf Hochdeutsch mit einer Klarheit, „Sie müssen leise reden!“. Er sprach einfach weiter und die anderen ebenfalls. Und seine Partnerin erwiderte mir sogar spöttisch, „Gehen Sie zurück zu Ihrem Zimmer, wenn Sie uns zu laut finden.“

In dieser Situation wurde ich nicht lauter, aber noch bestimmter, ich sagte, „In diesem Raum gibt es nicht nur Schweizer! Ist es Euch klar?“

Auf einmal war Ruhe und Schweigen. Nach paar Sekunde war es nur noch leise Flüstern.

So einfach geht es? Was für eine Magie liegt in meinem Mantra? Ich weiss nicht. Aber die Antwort von dieser Frau beschäftigte mich bis heute. Warum war ihre Bezogenheit nur auf ihre Gruppe? Und weshalb sollte die anderen den Raum frei geben, damit sie ihre Gewohnheit weiterführen? Ausser ihrer unhöflichen Art sah sie nicht, dass sie im Unrecht stand?

Ja, ich habe im Europa zunehmend beobachtet, dass viele Menschen ihre Bezogenheit nur auf sich selbst oder ihre kleinste Familie fixieren. Und diese Un-bezogenheit auf die anderen und die Allgemeinheit ist sehr egoistisch. Es gäbe keine anderen, ausser „uns“. Ich leide sehr oft unter dieser Un-bezogenheit, auch wenn ich glaubte, dass ich durch meine Arbeit mit Tee einen Denkanstoss für anderen Menschen geben könnte.

Neulich hörte ich von einer Freundin, warum sie im Dezember in die Ferien fahren wollte. Sie fahren gerne dann und dann, wenn andere nicht in die Ferien fahren. Weil man damit viel Geld sparen kann. Wenn ich sie nicht gut kennen würde, würde ich danke, dass sie eine smarte Frau ist und gut rechnen kann, oder sie hat es notwendig so zu handeln. Ihre Bezogenheit ist auf ihre kleine Familie gerichtet und auf ihre Gewohnheit, Geld zu sparen. Ich weiss, dass ihre Arbeitskollegin in sehr stressigen Zeit allein schaffen muss und „Geld sparen müssen“ bietet uns ein Muster, das unser Denken vielleicht einengt. Und innere Werte zu leben hat mit Geld sparen oft nichts zu tun. (Wenn man über die Wirtschaftspolitik kritisiert, weil das so genannte Westen mit China unbedingt Geschäft machen will, muss man selbst ebenfalls reflektieren, ob das Geld doch in unsrem Leben unbewusst immer eine zentrale Rolle spielt.)

Neulich kam eine Teefreundin zu Besuch. Sie nimmt seit Jahren Shuitangs Abo. Als sie es wieder erneuerte, dass sie mir, dass das Abo etwas in ihrem Leben bewegte. Sie war damals sparsam und bescheiden. Ich sagte aber so frech zu ihr, „Frauen gönnen sich selten etwas, auch wenn sie sich etwas für ihre Entwicklung leisten können.“ In jenem Moment entschied sie sich, ein Abo zu nehmen. „Weiss Du, Menglin, ich habe gemerkt, dass ich nicht weniger Geld habe!“ Umgekehrt, sie freut sich alle drei Monaten über neue Tees, die sie nicht kennen gelernt hätte!

Ich bewundere Ihre Wandelbarkeit! Ich vertraue die Wandelbarkeit des Menschen! Sich verwandeln gehört zu einem tiefen Bedürfnis unseres Lebens, sei es zu einem Star, sei es zu einem Prinzessin oder zu einer Berühmtheit. Wir haben den Wunsch, unser Leben zu gestalten. Irgendwann fällt einem auf, dass eine Berühmtheit oder eine Kanzlerin zu werden nicht möglich oder nicht interessant ist. Was die Aufgabe für ein Leben sein kann, ist zu fragen, „lebe ich das, was ich bin?“ Dann ist das Zuhören plötzlich eine wichtige Fähigkeit um auf diesen Weg zu gehen. Höre zu, wer da spricht – in unserem Herzen und im Aussen, wenn ein Denkanstoss kommt!

Das Leben funktioniert mit komplementären Prinzipien. Yin und Yang. Stetige Wandlung. Über den Tellerrand hinaus, sehe ich ein anderes Horizont. Ich höre gerne in Italien zu, wie die Menschen sprechen, leben und essen. Auch ohne die Sprache kann man mit Menschen dort kommunizieren. Man lacht einem ins Auge. Man nickte einen auf der Strasse, wenn die Augen sich treffen. Aber ich weiss, dass dieses Land sehr viel Sorgen hat und viele dunkle Seite hat. Viele von ihnen würden gerne in der Schweiz arbeiten. Wenn ich dort bin, lerne ich das, was ich nicht kenne, weiss aber sehr zu schätzen, was ich in Zürich habe. Ich habe viele liebe Menschen um mich, die ich ins Herzen geschlossen habe. Sie sind Teil meiner Familie. Aber mein Bezogen-sein geht noch viel weiter. Tee verbindet mich mit der Erde. Jeder von uns ist ein Teil von dieser Muttererde! Und jetzt muss ich zur Arbeit gehen.

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