Klare Schönheit

Es fing plötzlich an in Zürich Nord zu regnen.
Als ich zu Fuss zu Stadelhofen lief, war es trocken, als ob die Altstadt Zürich emotional total vertrocknet wäre.
Und der Regen schlägt natürlich dort nieder, wo Leben da ist – eben bei Balkan-Getto Zürichs.

Viele Mitreisende haben You, in seiner sympathischen Art und natürlichen Erscheinung kennen gelernt. Ehrlich gesagt, ich kann mit ihm nicht sehr gut umgehen, weil er nicht viel von sich preisgibt. Wenn ich solche Menschen treffe, werde ich provokativ. Es ist reizvoll, jemanden aus dem Haus zu jaggen. Trotzdem kommt er scheinbar mit mir klar und beglückt mich immer wieder mit Ueberraschungen. Letze Woche bekam ich ein Paket und sah viele viele schöne Pu Er Muster. Ich wusste wieder nicht, wie ich damit anfangen soll. Er sagte, er möchte mir einen Ueberblick verhelfen, die Teelandschaft in Yunnen näher zu bringen – „Hoffentlich kommst Du einmal mit.“ Und die halbe Fladen von Bangwei 邦崴 – sie ist mir sofort aufgefallen. „Was ist das?“ „Eine seltene Fladen aus dem 2. ältesten Tee-Baum in Bangwei.“ „Wie alt ist er?“ „Angeblich über Tausendjahre alt.“
Bangwei, ein Dorf nähe zu Burma, ist heiss bekannt durch den Teebaum-König, der nun von einer alten Dame besitzt und 24 Stunde bewacht wird. Diese alten Teebäume aus Bangwei sollte Beweis liefern für den Wandlungsprozess der wilden Teebäume zum kultivierten Baum.
You schrieb mir, dass dieser Tee klar auffallend duftet – Qing Yang. „Klar auffallend?“ Ich widersprach ihm, „Er ist eine klare Schönheit! So dezent und subtil. In seiner leise Präsenz spüre ich die Qualität eines alten Baumes!“ In dem ersten Aufguss fällt mir das leichte metalische und fast nach Meer schmeckende Aroma auf. Ich bevorzuge weitere Aufgüsse. Das späte Echo, das langsam aus dem Kehle in den Mund verbreitende Süsse und Parfüm fesselten meine Wahrnehmung. Ich hätte doch wissen sollen, dass sich Tee aus einem alten Baum anders offenbart als die gewöhnlichen Garten-Pu Er Tee, der vielleicht in ungeübten Gaumen sogar besser stärker auffällt!
Dass diese leise Präsenz missverstanden werden kann, widerspiegelt unsere Gesellschaft. Wer kann sich heute nur noch auf das Wesentlich konzentrieren, ohne manchmal verwirrt von dem Geschrei aus der Gasse?
Doch! Gute Dinge sprechen für sich selbst.
Ich kenne Romeo seit einer geraumten Zeit. Er ist ein leiser Unterstützer von Shui Tang. Er besucht mich immer wieder und bringt die Tees überall hin. Er bezeichnet sich als Teekurier. Hinter seiner cowboy-Erscheinung verbirgt ein grosses Herz für Tee! Aber Romeo hat sehr Mühe sich ruhig zu halten. Er muss sich ständig bewegen. Als wir am vergangenen Dienstag diesen Banwei 2011 tranken, war er auf einmal ruhig. Richtig ruhig.
Bei dieser klaren Schönheit, in diesem selten klaren schönen Moment werden Worte überflüssig.
Das ist der Tee, den ich bei einem Regentag wie in heutigen Abend allein trinken würde. Das All-ein-Sein würdigt diesen Tee, so dass er in seinem ganzen Wesen verstanden und berauscht werden kann.
Romeo und ich sassen ganz ruhig in Shui Tang. Es war ein wunderschönes Moment, dass zwei Teefreunde das Zwischen-den-Tee wortlos austauschen können.

Später erzählte mir You, dass es nur 4 Fladen in diesem Jahr gab. Er bekam eins. Mir gab er die Hälfte.
Ich werde ihn hier im Europa weiter verteilen.

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