Leermond

Ich hatte Kopfschmerzen. Sandro sagte, „klar, es ist Leermond.“ Der Mond zeigte uns eine unbeleuchtete Seite. Dunkel.
Pina Pausch fragte ihren Tänzer, „Wie ist denn Dein Gefühl zu Vollmond?“ Er erwiderte, „Freude.“
Im Teeseminar am Sonntag wollte ich unbedingt die gelagerten Tees zusammen degustiert werden. Ich möchte, dass wir einmal erleben, wie es ist, wenn der Tee alt wird. Oolong 1969 und Pu Er 1060 wurden vor uns präsentiert. Viele waren voll begeistert von den gelagerten Oolongs. Und ich? Mir spricht die alten Pu Ers sehr gut an. Vor allem der alte Pu Er aus Yiwu.
In seinen fast zersetzten Blätter spürte ich die Spuren der Vergangenheit. Sie waren alt und lederig. Sie sind heute alt und zerbrechlich. Aber ihr Geruch ist voller Sonne und ihre Aromen sind Spuren der Erden. Ich tauchte ganz tief in die Tassen und dachte, ich sei der Baum.

Seit ich dieses Geschäft Shui Tang führe, habe ich häufig das Gefühl, es gäbe mich nicht mehr. Ich habe keinen Raum.
Werner schlug mir vor, einfach Mittagspause einzulegen. Andere meinten, einen Tag mehr schliessen. Aber wenn ich diesen Raum verlasse, heisst, dass ich mehr Raum für mich gewinne?
Wie schaffe ich mehr Raum für mich selbst? Manche Leute verändern ihr Leben, indem sie äußere Umstände verändern. Z. B. Sich scheiden lassen oder einfach einen anderen Partner wechseln.
Manche Leute glauben ihr Leben zu verändern, indem sie Rahmen verschieben. Z. B. Arbeit reduzieren, mehr Freizeit bzw. Freiheit zu gelangen.
Ich habe in meinen jungen jahren diese zwei Versuche unternommen. Aber der wahre Frieden ist nicht in mir angekommen. Sobald ich frei spüre, suche ich Beschäftigungen. Mit den zunehmenden Alter ahnte ich im Dunkel, dass die absolute Freiheit in meinem Herzen liegt.
Der alte Pu Er wirkte und wirkt. Hubert sagte, wenn ich tief ein und ausatmest, dann entspannt sich der Körper. „Dann wird der Raum in mir größer?“
Mit jedem Ausatmungszug drang der Tee noch tiefer in mich hinein. Ich bekam Wurzel. Meine Hände rochen nach Laub. Meine Augen wurden rot. Ich bewegte mich nicht mehr. Ich bin der Baum. Ich hörte meine Vorfahren mich rufen. „Es ist dunkel… Bei dem leeren Mond kannst Du einen neuen Anfang wagen…“

Eigentlich ist es alles ganz einfach. Ich ging nach dem Geschäftschluss ins Kino. Die Tür wurde geschlossen. Computer wurde nicht mehr eingeschaltet und das Handy einfach irgendwo liegen lassen. Der Film „Pina“ von Wim Wenders versetzte mich in einem anderen Raum. Sprachlos, fasziniert und bewegt sass ich im Kinosessel. Was für einen Raum der Körper schaffen und bewegen kann und was für Geschichte Bewegungen erzählen kann, hat mich und meine Unbeweglichkeit zutiefst berührt und getroffen. Irgendwann fing ich an zu weinen. Es war so , als ob jedes Tropfen eine kleine leere Stelle im Herzen geschaffen hätte.
Bei der leeren Mondnacht war ich so glücklich. Der unbeschienende Mond war in mir und er schien. Entlang Limat spazierte ich nach Hause. Es war leicht kühl und spät. Plötzlich roch ich ein Hauch von süssem schwebenden Duft? Akazien? Ich staunte in den Himmel. Tatsächlich unweit von mir standen zwei blühenden Akazien. Und auf einmal war ich glücklich in einer fremden Stadt, die inzwischen mein Heimat wurde und ich erinnerte mich an dem alten Pu Er Tee, der inzwischen einen Baum in mir reingepflanzt hat.

Ein Gedanke zu „Leermond

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