Archiv für den Tag 28/02/2011

Die Freude bleibt zurück

liebe meng-lin
vielen dank für die tolle buchvernissage.
berührend dein vorlesen; ich verstehe deine texte jetzt viel besser. der gesang mit einer wundervollen stimme war die perfekte ergänzung dazu.
anschliessend natürlich feiner tee und die interessanten gespräche: was will man mehr?
ich wünsche dir weiterhin viel erfolg
p.

Es war ein sehr reicher warmer Abend.
Reinhard sagte mir heute im Telefon: „Du warst so echt.“
Echt sein kann man nicht wollen. Echt sein, ist eine Lebenseinstellung.

Natürlich war ich unglaublich nervös. Teresa wollte mich beruhigen und kam bereits um 16.30. Sie übte ein wenig und fing an mit mir zusammen nervös zu werden. Für mich ist es klar. Ich brauche Rampenfieger. Ich brauche die selbstquälerische Nervösität.
Es war auch ein Abend voller Abenteuer. Martin Frischknecht, der die Moderation machte, verwechselte die Uhrzeit. Die Gäste warteten und der Geburtsvater und die „schiebende“ Hand hinter dem Buch kam nicht. Wir wurden noch nervöser!
Irgendwann war alles vorbei. Ich fing an zu lesen. Diesmal traute ich meinem schweizer Publikum einem Experiment. Ich lass teilweise die Texte in Chinesisch. Wie war es dann? Die Schweizer blieben am Platz und staunten. Es ist gelungen! Meine taiwanesische Freunde freuten sich sehr und liess sich mitreissen. Ich weinte bei dem zweiten Text „Liebe und Pflicht – Zheng Dongding Wulong Cha“. Wie konnte ich mich denn zurückhalten, wenn ich ehrlich sein darf. Dieser Text ist meine Liebeserklärung für meinen Vater, für meinen Lehrer, für den Zheng Dongding Wulong Cha und für die Insel an Pazifik! Alex gab mir ein schönes Handtuch – stilecht aus Japan. Und ich dufte meine Tränen richtig tropfen lassen. Man sagte mir später, dass meine Landesleute mit geweint haben…
Teresa sang drei rührenden Lieder. Ich möchte sehr gerne hier im Blog posten. Ich warte noch auf die Daten, die bei mir ankommen sollten. Natürlich die Fotos! Ich hoffe, ich bekomme welche!
Sie sagte öffentlich, dass Menglin so gerne weinte. Jeder, der mich besser kennt, weiss, dass ich aus Wasser gemacht wurde. Ich weine so gerne. Sie sang ein Lied für mich, unserer Freundschaft zu widmen! Ich war sehr berührt und wußte nicht, was zu sagen. Nur weiter weinen.
Zum Schluss sagte Martin, dass er eigentlich Problem damit hat, mich anstatt als eine Teemeisterin als Titel zu benennen, sondern als eine Teeliebhaberin. Es war mir tatsächlich ein wenig peinlich. Für mich bedeutet ein Titel wirklich nicht viel. Wenn Ihr wollt, bin ich das, was Ihr auf mich projiziert. Aber ich weiss, was ich bin. Ich bin MENGLIN und nicht mehr. Ich möchte nicht in irgendeiner Schublade gesteckt werden. Ich möchte so sein, wie ich es will. Jetzt beschäftige ich mich mit Tee. Vielleicht in drei oder fünf Jahre auch. Aber wer sollte wissen, wo und wie ich später lande? Das Leben ist voller Überraschungen. Ich liebe Herausforderung!
Ja, ich liebe und will Herausforderungen.
Wenn wir die Jahreszeiten beobachten, wissen wir, dass der Frühling immer dem Winter folgt. Es ist alles so perfekt! Das Kosmos, was wir als Chinesisch als Tao bezeichnen, geschieht ohne unsere Wille. Deswegen sprichen Taoisten von Wuwei (Nichts tun – kein Nutz) und Buddhisten von Wu-Xin (Nicht Geist – kein Ziel, keine Melancholie). Es ist alles so perfekt. Aber wir als menschliches Wesen eben an das Vergängliche haftet, werden wir melancholisch. Das Melancholische macht eben das Menschliche aus. Ich hänge auch immer an das Vergängliche. Das Nutzlose, was kein Nutz und kein Ziel hat, ist für mich der Geist des Tees. Und das ist gerade das, was Tee ausmacht!

Eines möchte ich mich bei all den Teefreunden entschuldigen, die nicht dazu eingeladen waren und abgesagt werden müssen. Es war einfach sehr voll!!! Shui Tang ist „zu“ klein… Wir waren mehr als 50 Peronen. Fast 20 Leute mussten stehen und konnten nicht einmal zuschauen und nur hören! Es tut mir sehr leid!
Ich hoffe, dass ich Euch woanders noch so begegnen können – zwischen Texten und Klängen!

頻相顧
餘歡未盡
欲去且留連
秦觀
Ich sollte gehen, blicke aber zurück.
Die Freude sollte schon längst vergangen sein, bleibt aber zurück.
Ich sollte gehen.
Meine Schritte schreiten nicht.
Qin Guan (1049-1100), Song Dynastie China