Am Scheidepunkt

Wie ein reisender Fluss
auf Felsen prallt, sich teilt
und wieder vereint
so werden auch wir am Ende
wieder zusammenfinden

Se o hayami / iwa ni sekururu / takiwa no / warete mo sue ni / awamu to zo omou
Sutoku Tenno, 1123-1141 Japan

Bin ich ein Traditionlist? Konservativ und sturr wie Felsen? Warum kann ich mit vielen so genannten Innovationen nicht anfreunden?

„The best tea cultivar for longjing tea is cultivar No.43.“ in: http://www.viconyteas.com/directory/…/longjing-tea.html

„No. 43. Dies ist eine Teepflanzenzüchtung, welche die Geschmacksmerkmale eines Long Jing sehr schön herausbringt. Klar, rein, grossartig. in : http://www.laenggasstee.ch/themes/kategorie/index.php?kategorieid=8&languageid=2

Ungerne denke ich kategorisch. Ungerne möchte ich zur einen Schublade gesteckt werden. Auch wenn das Felden fest und stark ist, kann das Wasser und seinen Fluss nicht wirklich verhindern. Die Flüsse des Wassers trennen sich kurzweilig und finden irgendwann wieder zu einander. Meine Mutter warnte mir im Lauf meines Erwachsenwerdens: „Sei nicht wie ein Felsen, sondern wie das Wasser.“

Reinhard wollte den „wirklichen“ Geschmack eines „wirklichen“ Longjing erleben. Ich fragte ihn, was sollte das Wirkliche gemein sein? Ein Geschmack, ein Puzzle, das einmal gelebt wurde und vielleicht bis heute praktiziert wird. Für Nadia war es klar, dass er die traditionelle Machart aus dem traditionellen Teebaum meinte.

Wie ist Longjing heute geworden? Eine Art von Manufaktum. Bloss eine Methode, um einen bestimmten Grüntee herzustellen. Wie viele andere bekannte Teesorte wurde der Begriff Longjing revolutioniert. Longjing ist lediglich eine Machart geworden, ohne Kontext und ohne Geschichte. Auch wenn wir alle dachten, „Ach, der Drachenbrunnentee!“ Nadia und ich teilen den gleichen Ansicht. Der alten Geschmack, den Longjing schon immer hat, kommt nicht von der Modernisierung, nicht nur von der Herstellungsmethode. Er hat ein Gesicht, eine Geschichte und lebt in einem Kontext: an einem Ort, von bestimmten Menschen, die sich damit auseinandersetzen und von einer bestimmten Baumsorte, die Generationen überlebt…

Sie sagte nicht viel. Das ist ihre Art und ihr Zugang zum Tee. Anders als Atong, anders als ich. Sie sagte bloss zu ihm, dass er den typischen Longjing Geschmack speichern muss. Aber was sollte es daran typisch sein? Reinhards Stirn zeigten viele Winkel. Gäbe es eine gemeinsame Teesprache, die Menschen zueinander vermitteln können? Ist Tee so esotherisch, dass man nicht verwörltichen kann?

Ich bin eine Schülerin von Atong. Ich stellte mir immer so vor, wenn ich einen Tee degustiere. Atong wäre immer dabei, er würde mir stets warnen, „Klar bleiben, nicht von Emotion gefangen. Ein gut gemachter Tee wird zu dir sprechen: er sei so und so…“ Ich würde den Longjing so beschreiben, den wir getrunken haben. „Unglaublich präsent, klar. Typisch leicht blumig, typische Note von frischen (nicht gebackene Kastanien!) Kastania. Sanfter geschmediger Aufguss voller Charakter!“ Er ist sanft, denn er ist edel, er muss niemanden etwas beweisen. Er hat voller Charakter, denn er Dir nicht gefallen will und nicht gefallen muss. Er hat eine leichte Herbe, diese Note beflügelt seinen Körper zu schweben. Er entfaltet sich langsam, deutlich und eigenartig!

Wie ist denn mit dem neuen Klonen von Longjing No. 43?
Nadia schüttelte ihren Kopf. Selbstverständlich hat sie ihn auch in den Geschäften. Aber ihre Abneigung war nicht zu übersehen. „Ein gefälliger Geschmack.“ Ein easy Geschmack, der viel Geld kostet. Ich schwieg. Nun sind wir an dem Punkt der Aestethik des Tees gelandet. Das Thema werde ich mit Balthasar in unserer Vorlesung behandeln.
Ist Schönheit tatsächlich eine Geschmackssache?
Wenn es so wäre, wäre es super! Everything goes! Jeder ist heute bereits ein Sytlist, nicht wahr? Darum bloggen wir!

Dann lästerten wir über die grossen Autoritäten im Internet – ich bin sicherlich keine. Die so genannten Meister und Kenner oder Experten. Es scheint schwierig zwischen dem Schein und Sein zu unterscheiden. „Doch, ich bin überzeugt, “ sagte ich, „die Dingen sind überprüfbar!“ Auch wenn es eine so genannte Szene gäbe, auch wenn es Stars gäbe, sind wir möglicherweise kurzweilig geblendet, aber die getrennten Wasserflüsse finden wieder zueinander!

Denn Menschen leben nicht von Trend und Scheinwerferlicht, sondern auf den Boden.

Sie seufzte, wie schwer es ist, diese Arbeit im Europa fortzusetzen. Wir sind am Scheidepunkt eines Wandels. Wenn wir nicht klar sehen, woher wir kommen und wohin wir gehen, wissen wir bald nicht mehr, was wir haben und wer wir sind. Tee ist ein Spiegel unserer Gesellschaft. Wo geht der Tee hin… Ach! Was ist das, was die Zeit überdauert? „Wir sind erst gerade am Anfang.“ sagte ich im vollen Licht. Sie will ihr Leben nur für Tee und Buddhismus opfern. Um zu leben muss man viele Kompromisse eingehen. Dort liegt die Kunst des Einzelnen, Klarheit über seine eigene Identität und seinen Zustand zu erhalten. Aber wer hat denn keine Widersprüche?
Ich habe eine ganze Menge! Ich lerne Mitgefühl für mich selbst und für die anderen zu entwickeln. Auch ich werde es können…

„Dem Wesen nach ist er (Tee) eine Verehrung des Unvollkommenen, denn er ist ein zwarter Versuch, etwas Mögliches zu vollenden in diesem Unmöglichen, das wir Leben nennen.“
Okakura 1913

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