Archiv für den Tag 08/04/2010

Ein toter Tee

(Anluss an dem vorherigen Beitrag)

Er sagte mir, dass Herzen von meisten Menschen in diesem Bergland total versteinert sind. Sie können nicht mehr weinen.

Ich antwortete, weil die Tränen salzig sind. Wir vertragen es nicht, wenn wir etwas an uns selbst schmecken können… Wenn wir nicht einmal riechen dürfen!

Salzig ist auch unser Blut. Wenn unser Blut mit Sauerstoff in Berührung kommt, wird es rot.

Mich berühren immer Männer (und Menschen), die weinen können. Mein Bruder weint vor uns, wenn es ihm schlecht geht. Mein Vater weint, als sein geliebte Partie die Wahl verlor. Und er weint, wenn ich das Flugzeug nach Europa einsteige. Auch wenn ich wußte, dass seine Welt und meine Welt nicht immer die gleiche ist – das Herz meines Vaters war so nah.

Was ist dann, wenn man nicht mehr weinen kann? Wie muss man denn kontrollieren, dass die Tränen nicht runterfallen und das Herz nicht berührt wird? Wie muss man denn das eigene und das andere Leben kontrollieren, so dass alles genau so wie planmässig läuft, ohne Panne?

Die Schweiz ist ein perfektes Uhrwerk. In dem harten Leben im Gebirge musste man einst alles richtig organisieren und kontrollieren, damit man den harten langen Winter überlebte. So vergisst man nicht das Leben zu organisieren auch in der urbanen Moderne. In diesem perfekt funktionierenden Uhrwerk stört das Gefühl – das Leben! Das Gefühl ist wie Sand… Sand im Uhrwerk ist ein schlimmes Störfaktor!

Wie ist das, wenn das Leben durch und durch organisiert ist? Wie ist das, wenn die Gesellschaft durch und durch organisiert ist? Ein sehr alter Mann, ein früherer NZZ-Journalist kommt ab und zu zu Shui Tang. Einmal unterhielten wir darüber. Er sagte, das System macht die Menschen hier dumm. Und es muss auch so sein, damit sie leicht zu regieren sind.

Menschen können leichter manipuliert werden, wenn sie nach Erfolge, Ruhm und Prestige jaggen – überhaupt wenn sie Dinge nach Aussen verlangen. Haben anstatt Sein. In einem perfekten Uhrwerk lebt das Leben irgendwann nicht mehr, sondern nur funktioniert.

Was ist, wenn die Produktion des Tees einfach nur funktionieren muss?

Ich bekame zunehmend Tees zur verkosten, die tot riechen.

Dieser tote Geschmack schmeckt in ungeübter Nase häufig euphorisch als schokoladig gefeiert. Diese scheinbare schokoladige Note ist so penetrant und dominant, dass er sofort auffällt und unharmonisch sticht. Als ich zum ersten so einen Tee zum verkosten bekam, verdächtigte ich ihn als verkohlt. Ihn schickte ich zu Atong und bat um Kommentare. Mein Lehrer Atong gab mir zu wissen, dass dieser Tee Sauerstoff-Mangel erlitt – er wurde erstickt. Die Blatter waren zu zart. Der Teemaker hatte zu wenig Erfahrungen. Das Ganze sollte so effizient produziert werden, so dass die Zeit einfach fehlte! Die ausreichende Zeit und Geduld wäre die Rettung gewesen!

Schwarztee ist wie Oolong, brauchen reife Pflückgut. Wenn man allerdings dem modernen Trend nach jaggt, zarten Pflückgut zu ernten, braucht man Zeit, Erfahrungen und Mut, gewisse Prozedure ausriechende Zeit und Aufmerksamkeit zu schenken, damit die Feuchtigkeit aus dem Pflückgut richtig ausgeschieden werden kann und die Fermentation richtig im Gang gesetzt werden kann. Wenn man allerdings nicht nach dem Leben sondern nach dem Konzept arbeitet, dann passt man nicht an den Gegebenheit an. Man macht einfach so nach dem Muster! (Was für ein Muster hast Du?) Alles so schnell wie möglich, so effizient wie möglich. Weil es zu wenig Zeit da war, spart man den Fermentationsprozess. Um aber diesen zu kompensieren, lässt man diesen Tee gestapelt ruhen. Damit es schneller geht, stapelt man die Schicht der Teeblätter so dick (!) – dass sie ersticken! Wenn Teeblätter nicht mehr atmen können, werden sie tot…

Und wir, fördern den Tod des Tees, wenn wir den toten Geschmack als „exotisch“ feiern. Wir fördern den Tod des Tees, wenn wir die Produktion des Tees einfach als „Funktion“ verstehen!

Wenn der Mensch in der Gesellschaft bloss ein Kostenfaktor ist! Wie können wir denn erwarten, dass der Tee noch genügend Sauerstoff bekommt, nicht tot riecht und schmeckt? Alles muss doch einfach nur funktionieren! Nach-Denken stört.

Suche nach Zhengshan Xiaozhong 正山小種

Zhengshan Xiaozhong heisst im Westen Lapsang Souchung. Er ist eigentlich ein stink normaler Tee. Zu normal, dass man einfach mit Schwarzwälderschinken verwechselt. Gerade, so ein normaler Tee zerbricht meinen Kopf, um einen richtigen Zhengshan Xiaozhong zu finden!

Er ist rauchig, stark und dunkel. Mehr weiß man nicht von ihm.

In der chinesischen Literatur steht: er duftet nach Dattel, wird von Hand verarbeitet und stammt aus einem Pass Tongmuguan in Wuyishan. Er ist der älteste Schwarztee in der Weltgeschichte und der einzige Schwarztee, der erhitzt wird, um den Fermentationsprozess zu vollenden. Weil es im Mai noch recht kalt war in Tongmuguan, wurde der Raum mit Kieferholz erhitzt und der Tee mit der Wärme vom Kieferholz verarbeitet. Durch diese klimatische Gegebenheit ist der weltberühmte Rauchtee entstanden.

Heute findet man überall Rauchtee im Westen. Kieferholz gibt es nicht mehr sehr viel. Um diese starke Nachfrage für den Export gerecht zu werden, gibt es natürlich künstliche Methode nachzuhelfen. Die Konsumenten orientieren sich meistens immer nur an das sofort wieder Erkennbare (!): Rauch und schwarz.

Ich will Dattel und honigsüße Note, die von der Leichtigkeit des Rauches beflügelt werden kann!

Heute in China ist man Teilnehmer von dem globalen Reichtum geworden und man hat immer mehr Anspruch auf den Genuss des Tees. Heute in China ist man beeindruckt von der Zartheit und Jungfräulichkeit der Dinge. Oolong hat in dem modernen Trend two-Leaves and one Bud – Fehlbedingung für einen guten Oolong. Schwarztee sollte immer zarter sein – am besten nur aus Tipps. Ich bekomme fünf Muster von Top – Zhengshan Xiaozhong. Jeder kostet mindestens im Grosshandel bereits ab 120 Euros – wer kauft heute so etwas? Selten Rauchnote – das kommt in China nicht gut an, sagte mein Tee-Spion. Sehr zart, zu zart! Ich beschwerte mich im Telefon, während sie in der anderen Seite von Telefonleitung staunten.

Ich sagte meinen lieben Spionen, diese Tees, die ich zur Probieren bekam, seien bereits tot. Sie waren zu zart, so zart, dass man ihn einfach falsch behandelt! Warum lässt man ihn nicht am Baum reifer werden, richtig behandeln, Zeit aufwenden, ihn richtig zu Ende fermentieren lassen anstatt mit Kalkül am Ende ihn ermorden lassen?

Möchtest Du wissen, wie ein toter Tee schmeckt?