Ein Oolong der Unberechenbarkeit

Als H. wieder kam, sagte er mir, dass er nun in seiner Umwelt als unberechenbar zugeschrieben wurde, seit er in Shui Tang war. Seine zwei wunderschöne Steinkanne und die zurückhaltenden Celadon-Tassen verhalfen einerseits seiner Tee-Kunst Beifall zu ernten, andererseits fand offensichtlich eine Verinnerlichung statt, dass er anders wurde.

Unberechenbarkeit ist stets das, was uns an der Sicherheit bindet und die Zen-Lehre uns zum Leben lehrt. Unberechbarkeit des Lebens fordert einen auf, Situationen situativ wahrzunehmen und situativ zu agieren anstatt mit Konzepten. In der Unberechenbarkeit des Geistes steckt eine unendliche Freiheit. Aber… mit der Zeit wird man selbst unberechenbar für die anderen, die das Leben nach einem anderen Vorbild leben…

Wie lange sollte ich diesen Tee ziehen? Jeden Tag muss ich diese Frage bewantworten. Ich frage stets zurück: was für einen Tee trinken Sie? Was für eine Teekanne haben Sie? Mit wem oder für wen ist dieser Tee gemacht?

Warum merkst Du nicht, dass dieser Tee anders ist als der andere? Und diese Person anders als die anderen, die Du angeblich gut erforscht hast?

Oft fahre ich mit Tram 3 oder Bus 31 bis zum Löwenplatz und wechsele dort den anderen Tram. Am den teueren Löwenplatz gibt es ein sehr bekanntes Haar-Styling-Club in Zürich. Während der Wartezeit schaute ich manchmal die Schaufenster an und staunte immer, was für bunten glizerten Taschen und Kleider dort gehängt werden. Was für einen Geschmack? – ich frage mich oft. Werde ich nicht ein buntes Vögel, wenn ich mit diesen glänzenden Muscheln und Tiermuster schmücken würde? Was will ich mit diesen Aufmerksamkeit erregenden Taschen und Stoffe um mich über mich aussagen lassen? Und, wen will ich denn überhaupt anziehen??!!

Offensichtlich versteht mein Lehrer Atong Frauen durch den Tee. Wir haben in diesem Sommer zwei verschiedenen Fancy Oolong 番庄烏龍茶 erzeugen lassen. Als ich die zwei vrschiedenen Partie von Fancy degustierte, wurde ich mir klar, was vulgär und was einfache Schönheit bedeutet. Ich rief meinen Lehrer an und wollte seine Unterweisung. Er bestätigte meine Notizen und sagte mir, „Weiß Du, der Sijichun ist wie die Frauen von Schikimicki-Szene 三八阿花. Das ist ein Hollywood-Tee. Und der Wuyi wie eine Dame 大家閨秀…“

Die Partie aus Sijichun verzauberte mich mit seinen wechselhaften Düften und lebendigen Farben. Er duftet wie eine Blume, die nicht einfach zufrieden ist mit einer stillen Bewunderung eines reinen Herzen, sondern mehr. Wie eine Blume, die Bienen, Flieger und Farfalla anziehen will – unbedingt. „Schaue, ich bin so schön!“ Die andere Partie aus tradtionellem Wuyi-Baum, verschmäht von den neuen Teetrinker-Generation, weil er „langweilig und zu eigenwillig“ sei. Langweilig, weil er nicht so duftet wie Sijichun, eigenwillig, weil dieser Baum seinen speziellen Duftcharakter hat. Für Teemaker auf dem Mainstream-Markt ist es doch viel erleichternd, wenn sie berechenbaren Geschmack erzeugen können und berechenbar kalkulieren. Sich stellen vor dem Unberechenbaren ist eine Herausforderung, die selten jedermanns Sache ist! Ausser Atong.

Zufällig fand Aming 阿明 einen ungepflegten Garten von Wuyi 武夷, der so unbeliebt auf dem Markrt ist. Bevor die Wuyi-Bäume abgerissen werden und der Boden zum Ananas-Felder (jeder, der einmal in Mingjian war, weiß die Macht der Ananas in der Landwirtschaft) umverwandelt werden, „entdeckte“ der Insider Aming den Teegarten. Auch nur die Zusammenarbeit zwischen Atong und Aming ermöglicht diese besonderbare Kreation – ein Formosa Oolong wie vor 100 Jahren… 

Ein Tee, der der Unberechenbarkeit ausgeliefert ist. Ein Tee aus einem Teegarten, der selten gepflegt wurde, von Insekten heimgesucht und gefressen. Die Blätter, die von dem Kampf gegen die unberechenbare Natur übrig geblieben waren, wurden gepflückt. Mühsam aussortierte Blätter zwischen fast unbrauchbaren und noch brauchbaren Pflückgut wurden nach der Tradition im Zimmertemperatur verarbeitet. Unberechenbar war die Menge, die brauchbar war. Unberechbar blieb es, wie das Wetter sich verhielt. Regnete es oder bleibt es feucht und heiss? Der gewöhnte Zimmertemperatur beschleunigt und ermöglicht die höhe Fermentationsgrade. Die menschlichen Trieben alles in der Hand zu kontrollieren, den Oolong nicht mehr wie Oolong erscheinen zu lassen, sondern wie ein Grüntee, konnten sich erst durchsetzen mit der Errungenschaft der Klimaanlage! Das künstliche Kühle erzeugt das scheinhaften Frische des so genannten „grünen“ Oolong. Das extreme Beispiel ist die Entstehung des grünen Tie Guanyin aus Anxi!

Der heutige begehrte grünen Anxi Tie Guanyin ist ein Tee der Berechenbarkeit!

Der Fancy Nostalgie bezeichnet sich als ein Gegenbeispiel der Berechenbarkeit.

Der Wuyi-Fancy duftet leise, sehr präsent, wie die Musik Beethovens. Auch wenn Beethoven seit Jahrhunterten tot ist, ist er immer noch lebendig. Die Teife und Klarheit seiner Klänge berühren Menschen zwischen den Grenzen und der Kulturen! Die Schönheit der einfachen Dinge, nicht laut, nicht kompliziert und nicht aufdringlich. Ein Tee wie ein Teemensch, der Demuth übt. Demuth vor der Unberechenbarkeit des Lebens.

Der Wuyi-Fancy hat einen feinen honigsüssen Aufguss und sein Duft wie das frische einfache Jasmin im frühen Frühling. Wie die frische Blüte, die einfach blüht, ohne Wille. Wenn die Sonne scheint, wird die Blüte noch mehr duften, aber nur so stark, dass derjenige, der angezogen fühlte, riechen sollte…

„Wir, die dem Teeweg folgen, müssen mit dieser Einfachheit fortfahren… Doch dürfen wir nicht vergessen, dass der Weg, diese Einfachheit zu erreichen, lang ist.“

Soshitsu Sen, ehemaliger Grossmeister von Urasenke-Teeschule

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s