Archiv für den Tag 12/06/2008

Ein einfacher und guter Tee

Der Frühling bringt die neue Ernte und ebenfalls viel Arbeit. Die Qualität des Tees schwankt immer mit der Laune des Frühlings. Dagegen könnte man leider nur beten und nichts tun. Ich hatte immer die Ambition den besten Tee herauszufinden und die Leute zu präsentieren. Der besten, den ich finden könnte und selbst dazu stehen kann. Wer wäre denn schon gerne mit der zweiten Wahl zufrieden? Lieber keinen als einen schlechteren – diese Lehre vermittelt mir mein Teelehrer in Taipei. Er sagte mir, das vereinfacht das Leben. Manchmal ist diese krankhafte Einstellung so schlimm, dass es einfach keinen Tee da ist, z. B. einen Longjing, einen Dancong Phönix Milanxiang! Solche Teesorte auszusuchen gehören tatsächlich den schwierigsten Hausaufgaben. Es scheint so, dass ich in diesem Jahr mit einem einfachen Longjing zufrieden sein muss. Ein einfacher Longjing muss nicht schlecht sein, aber solide. Einen einfachen aber guten Tee herzustellen haben Teebauer an der beiden Seite von den Taiwanstrassen schon längst vergessen. Alle wollen die Trendsorte produzieren und vergessen, dass sie es nicht jedem Kunsthandwerk des Tees eingeweiht sind. Einen Qimen findet man heute in jeder Provinz. Er könnte einfach sein, aber einen einfachen guten kann man heute nicht mehr einfach finden.

Einfacher guter Tee ist rar, so rar wie Wörter, die dem Herzen berühren, einfach aber unvergänglich.

Gestern sollte ich für den kranken Lehrer Michel kochen. Er jammerte vor Schmerzen, vor Schlafstörungen und vor seiner Hinfälligkeit. Er war ein eiteler Mann. Ich hatte ihn an diesen dusteren Tag nichts zu geben und wusste nicht, was ich ihm hätten sagen sollen. Zu Waschbecken drehte ich mich um und hoffte, dass er meine mitleidenden Augen nicht sah. Plötzlich rief er mich und fragte, „Menglin, Dir geht es nicht gut, warum?“ Wörter könnten auch so einfach sein. Das Herz kann so einfach berührt werden. Er sah in seinem Schmerzen noch meine Schmerzen, in seiner Verzweifelung noch meine. Ich weinte. „Du verstehst nicht das Vergänglichkeitsgesetz, deswegen weinst Du.“ Die Liebe dieses alternden hinfälligen Mannes wird mein Leben lang begleiten. Sein Geist ohne Kalkül, seine Wörter ohne Taktik.

Zwischen den Regen möchte er noch spazieren gehen. Ich verabschiedete mich von ihm vor Triemli, denn ich noch Teestunde hatte. Er sagte nichts, aber ich spürte seinen leisen Wünsch. Er ließ mich gehen, weil er möchte, dass ich seinen Wünsch nicht erfüllen muss, weil ich so leben sollte, wie ich möchte. In meinem Ohr klang der Text Da Yu Sha Jia, den ich in meinem ersten Pekingoper-Unterricht lernte. Eine Szene, in der Vater und Tochter zwischen Leben und Tod standen. Ein Abschied am Wasser, Vater in Verzweifelung und Flucht, Tochter in Schmerzen und Angst. Ich drehte mich noch einmal um und sah, wie er allein auf dem Heimweg mühsam fort lief. Ich lief beeilt Richtung Tee, so eilig, dass der Wind meine Tränen trockenen könnte vor meinem Ziel.

问春何苦勿勿,带风伴雨如驰骤。 Ach, Frühling, warum warst Du in der Eile, so schnell wie der Blitz, begleitet mit Wind und Regen.

Nun ist der Frühling vorbei. Ein schöner Longjing hatte ich letztes Jahr gehabt. Die leise Note der Kastanien mit einem Hauch duftenden Blumenmeer. Aus falscher Kalkulation kaufte ich zu wenig ein und die zweite Lieferung war eine Enttäuschung. Dieses Jahr finde ich nur einen Longjing, der solide, sauber verarbeitet ist. Die Kastanien-Note ist zurückhalten und das Frische kommt zur Geltung. Aber der Duft des Blumenmeers bleibt nur in der Erinnerung zu wünschen. Es hieß, der Teebauer erhöhte den Preis, weil die Qualität durch viele klimatische Ereignisse und Bedingungen generell schlechter wurde. Ich wusste nicht, wie ich den Teebauer im Telefon erklären sollte, dass sein Argument mich nicht interessiert. Klimatische Veränderung gibt es immer, aber ihr Handwerk dient einfach dazu, einen einfachen und guten Tee herstellen zu können. Die Schwierigkeit, wieder die gute Einfachheit wieder zu finden scheint nicht nur beim Tee zu sein. Tiefe Liebe ohne viel Wörter und nur Verständnis kann schwer verstanden werden im Geschwirr der medialen Emotionen. Die Welt des Tees ist eine kleine Abbildung unserer Zeit. Aber wohin gehen wir denn, wenn wir es so weiter machen?