Archiv für den Monat April 2019

Der schwere Körper und dessen Flügel II

An Sonntag fragte mich Tim, was macht man, wenn man „gefangen“ ist? Er meint mit der Situation mit Prüfungen und Prüfungen. Meine Antwort war, Aushalten. Aushalten bis die Zukunft uns Funken schickt.

Aushalten und Ausharren. Wenn die Fenster von Turm von sich öffnen, werden wir ausfliegen. Warum glaubt man, dass die Fenster von sich allein öffnen? Die Fenster da draußen sind korreliert auf den Fenster meines Innern. Wenn mein Herz wie klares Wasser gepflegt wird, wird das innere Sehen klar und scharf – denn das Sehen auch riechen, hören und tasten bedeuten kann. Wenn die Seele leichter wird, wird man auch fliegen können, weil man träumen kann – wie Chagall. Der Mann, der zwei Träume ins Exil mitnahm: ein Traum von seiner geliebten Frau und ein Traum von seinem geliebten Heimat. So kann er zu seiner Frau an seinem Geburtstag und über sein Heimatsdorf fliegen. Was machen wir, wenn die Fenster eines Turms eines Tages geöffnet werden und wir immer noch nicht bereit sind, zu fliegen?

Der Körper ist schwer, aber er kann meine Seele nicht einengen. Was kann ich gegen die Unzulänglichkeit des Lebens tun? So schreien wie Picasso? Oder weiter träumen wie Chagall?

In vielen alten chinesischen Malerei wurden Menschen unauffällig und klein dargestellt. Als junges Mädchen war es für mich ein Beweis genug, sich von dieser Kultur abwenden zu müssen. Das Individuum wird nicht beachtet – dachte ich. Hingegen strahlt und glänzt die griechische Darstellung des Körpers in dem Bilderbuch, stark und anziehend.

Nun bin ich nicht mehr ein junges Mädchen und realisiere, dass die Statue von Aphrodite und Apollon zwischen 18 bis zum 21 Jahre alt geblieben sind. Was und welches Vorbild kann für eine alternde Frau sein? Was bleibt, wenn alles vorbei ist?

Was bliebt, wenn alles vergangen wird? Es bleibt nur der Geschmack. Gestern regnete es fast ununterbrochen in Zürich. Ich lief genervt und wurde auf einmal klar. Es riecht hier anders, anders als Taipei. Es ist oft sehr heiß dort. Und wenn es richtig heiß wird, regnet es mit Donner und Blitz. Danach scheint es wieder die Sonne und der Geruch in der Luft ist erdig, grasig und oft gemischt mit irgendeinem Essstand. Oder im Pflaumen-Regen-Periode, so heißt es bei uns im April, regnet es ununterbrochen. Die Luft ist immer feucht, so feucht wie eine feuchte unbeachtete Teekanne bei meinem Großvater neben dem Schaukelstuhl.

Als der Großvater starb, als sein Sarg ins Feuer geschoben wurde, wurde ich aufgefordert laut zu rufen, „Gehe schnell, beeile Dich! Beeile Dich!“ Beeile Dich, Großvater, es geht uns gut. Gehe bitte. Sein Körper ist tot, aber wir glauben, dass seine Seele an die Familie haftet. Wenn er die Klarheit nicht bekommt, an die Liebe haftet, kehrt er zurück und bekommt wieder einen Körper. Somit kehrt er wieder zurück in die leidvolle Welt der Phänomenen. Wenn er sich einmal von seinem Körper befreit, wird er weg fliegen wollen? Oder vermisst er den Geschmack seines Tie Guanyins? Nur wegen dem Duft des wunderbaren Oolongs aus Taipei nimmt er wieder einen schweren Körper auf sich, um zurückzukehren?

Ich schaue gerne den Himmel aus einer engen Gasse, zum Beispiel aus der Spiegelgasse. Ich weiß, dass der Himmel breit und weit ist. Aber der Himmel aus der Spiegelgasse ist ein Ausschnitt. Es hat einen Anfang und ein Ende. Ich kann ihn stundenlang anschauen in verschiedenen Jahreszeiten und Witterungen. Er ist so begrenzt wie ich. Es hat einen Anfang und ein Ende.

 

Der schwere Körper und dessen Flügel I

Fortsetzung zu „chawangshu-und-die-unsichtbaren-fluegel“.

In meinem Leben – bis jetzt, nehme ich stets die Reibungen und Zusammenstösse mit dem Leben des anderen wahr. Diese Zusammenstösse gaben mir häufig Mut, um den Fluss meines Lebens zu ändern. Manchmal mit einer großen Anstrengung. Oft schmerzt es besonders, wenn das Gefangen-sein präsent ist. Gefangen in einem Turm, kein Ausweg. Nur die Flügel können die einzige Lösung sein. Flügel auszustrecken ist schmerzhaft, weil man gefangen ist. Weil die Seele sich gefangen gehalten fühlt. Wenn diese Schmerzen kommen, versuche ich mir zu sagen, schaue sie genau hin – es schmerzt nur so viel, nicht mehr.

Ich will fliegen, aber mein Körper ist zu schwer. Kurz vor meiner Reise, vor allem solche mit vielen Menschen auf einer Teereise, nehme ich das Gefangen-Sein besonders stark wahr. Es gibt kein Zurück. Du muss geradeaus.

Das Gefangen-Sein im Turm ist begleitet mit Zweifeln. Wieso mache ich so etwas? Warum will ich nicht vermeiden, mir selbst solche Last aufzuladen? Warum sollte das Leben leiden?

Es gibt viele Dinge, die nicht verstanden werden, zum Beispiel das Ans-Messer-Laufen wollen. Krisen bringen Menschen näher. Der schwere Körper kommt zu einem anderen und sucht Kraft – als ob das Näher-Rücken Kraft anzünden könnte. Krisen sind oft äußerlich verstanden, aber ihre schreckende Wirkung offenbart sich auf der seelischen Ebene und manifestiert durch den Körper. Weshalb suche ich solche ausweglose Situation anstatt es zu vermeiden?

Irgendwie sind Momente in einer Krise richtig aufregend und in Vorahnung vor einem richtigen Ausbruch sind Menschen besonders kreativ und voller Energie. Das Potential des einzelnen will sich entfalten und ich fühle mich sehr nah an der Schöpfung. Das Leben ist so voll „energetisiert“ und die Flügel sind besonders spürbar. An das Unmögliche glauben, weil die Form des Denkens uns fangen – eine der Leit-Essenz von Diamant-Sutra, kann hilfreich sein. Der Körper und der Geist kommen zusammen. Sie bereiten sich für einen großen Abenteuer vor. Um gegen das Scheitern bekommt ein entschlossener Mensch beflügelnde Kraft. Was passiert wenn die Flügel brechen und der Körper zu schwer wiegt? Ist es ein Leiden ohne Preis?

Im Fallen der Flügel – im Fall des Leidens und Scheitern bekommt einer eine Chance über die Möglichkeit des Seins nachzudenken. Wenn ich vielleicht nächstest Mal anders fliege, mich anders bewege, vielleicht – vielleicht wird es klappen?

Es gibt viele Dinge, die nicht wirklich verstanden werden. Zum Beispiel der Noah von Michelangelo in Sixtinischen Kapelle. Ist der Noah ein frommer fleißiger Bauer, der ackert? Oder ist er ein nackter betrunkener belächelter alter Mann, der von seinen Enkeln belächelt wurde?

Die zwei Seiten von Noah und der Noah in jedem von uns sind nach dem konventionellen Denken nicht zu verstehen und zu vereinbaren. Diese Dilemma ist gefangen im Denken. Der Körper ist schwer, der uns auf dem Boden hält. Die Flügel sind leicht und beflügelt uns dorthin, wo wir uns nicht einmal vorstellen können!

(Werbung für Tee: Wenn Du Deine Flügel nicht spürst, dann ist der Tee noch nicht genug getrunken… und bei solchen Momente empfehle ich gerne den Qilai Dongpian!)