Auf dem Hügel von jungen Kiefern 短松崗

In meiner Erinnerung nahmen meine Eltern uns ab und zu in den Hügeln die „Vier Tiere Berge (四獸山 Si Shou Shan)“ heissen. Wir gingen dort wandern und liefen oft bei einem kleinen dunklen Tempel vorbei. Vater blieb oft gerne dort, zündete ein Räucherstäbchen und unterhielt mit dem alten Priester. Ich sass dann mit Schwester auf dem Bank, schauten die Bäumen an und zählten die Ameisen, die sich herum irrten. Der Bruder klebte an meine Mutter und sie waren irgendwo auf dem Hügel.

Mein Vater ist ein Sohn eines Geschäftsmannes. Er kann gut rechnen und kalkulieren. Als Kind wollte er jedoch ein Gongfu Meister werden. Meine Grossmutter erzählte uns, dass der Vater eines Tages verschwand und irgendwann auf einem Hügel mit einem kleinen Stofftasche entdeckt wurde. Er war hungrig, aber entschlossen. So ging es paar Male mit dem Abhauen und Meistersuche.

In jedem Frühling nahm der Vater uns mit zu den Familiengräber. Meine Mutter blieb oft zu Hause. Zu den Gräber muss man auf verschiedene Etiketten achten. Ansonsten bringt es Unheil. Die Gräser wachsen immer über die Gräber, so musste man jedesmal suchen, wo unsere Vorfahren liegen. Zu diesen Tagen suchten tausende Taipeher nach ihren Familiegräber auf den Hügeln um Taipei. So war es überall etwas los und überall gab es Gefahr, Unheil anzustiften. Unheil ist es, wenn man über den Grabmahl tritt, wenn man unbewusst herumschaut, wenn man bei den Gräber pinkelt oder spuckt. Respektvoll muss man sich verhalten. Respektvoll vor den Toten.

Mir gefiel als Kind mit Vater und Onkel zu den Gräber zu gehen. Insbesonderes gefiel mir das Klatsch, was mir von unserer Vergangenheit vermittelte. Für mich war es ein Ausflug, auch wenn der Grossvater oft traurig wurde. Er wurde traurig, weil er auch von seinem Tod ahnte? Oder weil er alles verlor, was er von diesen Toten erhielt? Ich weiss es nicht, aber es war klar, wohin ich gehöre.

So wie ich als Kind in jedem Frühling zu einem grossen Clan eingeweiht bekam, gingen die Kinder und Bauer in Yunnan in jedem Frühling in den Wald, wo die alten Teebäumen wachsen. Die Geister der Bäume werden per Gesang und Rituale zurückgerufen. Die Ernte beginnt danach. Geschichte werden erzählt, die Kinder lernen sie durch ihre Präsenz. Die Wurzel des Clans und die Wurzel der Bäumen wachsen unterirdisch zueinander. Sie sind tief, verwurzelt und verbreitet. Man weiß nicht woher der Geschmack kommt! Ist es von dem Baum, ist es von dem Boden, oder von den Menschen!?

Als wir endlich den 易武正山 Yiwu 2008 degustierten, zeigte dieser Tee zuerst seine Schüchternheit. Er war nicht gesprächig. Nicht zu viel süß, nicht sehr breit. Ich nahm meine Jadekanne und goß ihn mit gutem heißen Zürich Wasser. Eine Portion Geduld mit einer Prise Respekt. Immer mehr öffnete er sich. Eine rote Faden von Kandiszucker, befeuchtet mit Tau (oder war es Schneewasser?), führte mich dem blauen Himmel entlang dorthin. Direkt auf den Hügeln. Als ob ich meinen Vater sehen könnte!

Meine Kindheit ist für immer vorbei. Die Erinnerungen trüben wie der dunkle Tempel. Viele Dinge im Leben habe ich schlecht gemeistert. Oft konnte ich meinen Fehler nicht gestehen. Ist es das Gefühl von Verloren-Sein, als mein Grossvater oft mit roten Augen neben den Gräber sass? Das Leben hat ein Ende. Die Zeit scheint deswegen sinnvoll zu sein. Es gibt paar Dinge, die von mir selbst erledigt werden sollen.

Der Mond leuchtet über den Hügel. Die Kiefer werfen Schatten. Mit einer Schale von diesem Yiwu schien der Mond direkt ins Herz. Tauwasser oder Elixier von Götter? Ein Lächeln scheint. Die Finger bewegen sich. Es wird sich zum Guten wenden.

Die Schatten bilden auf den Boden eine klare Kontur.

料得年年腸斷處,明月夜,短松崗。(Dort, wo der Tod uns scheidet, ist der Ort, wo der Mond über die jungen Kiefer leuchtet.) Gedicht von Su Dongpo (1137-1101), Song Dynastie.

 

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