Zwischen Licht und Schatten

In Bodman streitetn Detlef und Ingrid oft wegen Licht oder Schatten. Einer bevorzugt einen schattigen Teeraum, der andere wünscht gut sehen zu können.
„So sieht man ja gar nichts!“
„Was muss man denn da sehen?“
Ich hielt mich immer voll daraus. Licht und Schatten existieren ja immer gleichzeitig. Eine Ambivalenz der Menschen.
In unserem alten Haus waren Zimmer immer ganz dunkel. Nur manchmal schien die Sonne ins Zimmer und ich beobachtete als Kind die tanzenden Staub im Lichstrahl. Ein sehr altes Haus hat sehr viel Schatten. Auch die Beleuchtungen konnten nur die Schattierung noch klarer leuchten.
Heute morgen erzählte mir Ulrich beim Frühstück, wie der Aufenthalt in Japan ihn verändert. Er hat dort gelernt, Schatten in der Helligkeit zu intergrieren. Eine schöne perfekte Schale muss man mit Spot sehen und will mit viel Bewunderung gesehen werden. So ist unser modernes Leben und ästhetisches Konzept konzepiert. Aber eine handgekenetete Raku-Schale, eine dunkle Tenmuku Chawan verlieren im Schatten vollkommen ihre Farbe. Unsere Augen treten in der Dämmerung in den Hintergrund. In Schattierung der Dunkelheit fassen wir die Teeschale an und berühren die schmalen Teelöffel. Nur der Geschmack des Tees ist vielleicht noch fassbar für den Intellekt. Was für die Wahrnehmung bleibt, ist der Kontakt zwischen Hände und Objekte. Eine Rakuschale gewinnt an Lebendigkeit und füllt die Leere zwischen den Finger…
Es war ein sehr schöner Sonntag mit Heiterkeit und Wissensgier. Der Teeraum war voll gefüllt. Die Stimmung war so high, dass ich unbedingt ein Steak essen wollte. Nur weil ich ein Steak nach so viel Geschwätz über Tee unbedingt essen wollte, gingen wir allen mit ins Steakhaus. Die Jünger aus Aarau waren sehr sympatisch und fit. Peter war so in Fahrt, dass er uns alle eingeladen hat! Ich kenne Peter seit 1999, genau so lang wie den Chanoyu. Selten sehe ich ihn, aber es spielt überhaupt gar keine Rolle. Das Wesentliche ist nie mit Augen zu sehen. Beim Abschied umarmte er mich und sagte zu mir: „Menglin, versprichst Du mir, dass Du immer so lustig bleibst!“ Ich weinte fast und war sprachlos. Was ist denn das, was hinter der Fröhlichkeit steckt? Aber ich halte diese Ambivalenz schon aus, mit aller Kräften. Ich nickte meinen Kopf.
Nach dem Abschied mit Ulrich flanierte ich alleine in Freiburg, eine Stadt voller Erinnerungen. Ich wusste, dass ich zu Markhalle gehen muss und zu Cafe Kolanda. Ich muss schauen, ob alles noch in Ordnung bleibt. Es existiert keine Zeit, nur Veränderungen. Ich habe Angst vor Veränderungen. Ich fand einen Platz visavis von einer sympatischen Dame. Wir teilten den kleinen Bistro-Tisch. Eine Leere füllt den Raum zwischen uns. Wir assen zusammen, ohne füreinander zu interessieren. Wir ahnen das Dasein voneinander, ohne gegenseitig anzuerkennen. Eine sehr angenehme Unverbindlichkeit. Ich atmete auf und genoss diese Leere. Nachher werde ich in den ICE einsteigen und zu einem Ort fahren, wo inzwischen mein Zuhause wurde. Eine Ambivalenz von Vertrautheit und Gebundensein. Ich kann es aushalten, sagte ich zu mir.
Am Frühstücktisch unterhielten wir uns noch über das Sterben. Ich sagte, dass der Tod das einzige ist im Leben, worauf wir gar keinen Einfluss haben – auf die Art, wie es stattfindet – ausser dem Freitod. Und es ist gut so. Ulrich sagte, die Asiaten haben einen anderen Umgang mit dem Sterben. Ich dachte an meine Mutter und dann an mich selbst.
Nach Markthalle trank ich eine Tasse bei Kolanda und dann ging ich unbewusst noch ein Stückchen weiter. Als ich an die Confiserie Rafael Mutter vorbei lief, wurde es mir klar, warum mir plötzlich das Früstückgespräch einfiel. Ich stand vor der Confiserie und sah ein Bild von Ulla. Das war unser letzter gemeinsamer Rundgang vor ihrem Tod. Ulla und ich sass im Oktoberwetter noch draussen und teilten ein Stück Kuchen. Sie muss inzwischen die Ambivalenz nicht mehr aushalten. Aber ich tue es – freiwllig. Ich schob entschlossen die Tür auf und fing an zu schoppen.

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