Archiv für den Tag 30/04/2012

Alte Teeschalen, alte Meister

Alte Teeschalen, alte Meister

In einem Landgasthof haben wir gut gegessen. Dann im Schrank dieses Hotels sah ich etwas, was mich anzieht. Bei Ulrich erzählte ich von dieser schönen Schale. Er sagte mir, dass wir doch einmal gemeinsam zu der Töpferin im Markgräflerland hinfahren können. Er sagte, er kannte Herrn Kerstan sehr gut, eine unglaublich spannende und speziele Persönlichkeit, die er nach seinem plötzlichen Tod sehr vermisst.
Wir fuhren heute gemeinsam zu ihr. Als ich die schönen Seladon in verschiedenen Farbtöne sah, wusste ich, dass diese Schalen sehr vielen Teemenschen in Shui Tang ermöglichen an Schönheit des Lebens teilzunehmen! Anmutige und zugleich elegante Form beflügelt mit lebendigem Glasur schmeichelt an meinen Finger! Es ist wie Regenbögen, der uns zu einem anderen Ufer führen kann!
Eigentlich sehen meine Finger viel zu versnobt aus, zu fein und weiss. Diese Finger könnte nie eine Kyoto-Schale (gold bemalt und aus Porzellan) gut halten – viel zu fragil. Diese Schale von Beatrix Kerstan-Sturm gibt meinen Hände einen Boden und neben der Eleganz gleichzeitig eine Ausstrahlung von Aufrichtigkeit. Für manche starken Finger verleihen solche Schalen eine weiche friedliche Linie.
Eine Teeschale sollte Hände unterstützen, die Persönlichkeit zur Sparche zu bringen oder einen Ausgleich zu vermitteln. Teeschale lebt nicht von der Schönheit des Scheins, sondern von der Beziehung zwischen den Händen und ihr. „Was macht eine Teeschale mit mir?“
Dann wurden wir zu der alten Teeschalen-Sammlung von alten Herrn Kerstan geführt. In jenen Momente dachte ich viele alte Meister zu begegnen! Ulrich erzählte von einem Misusashi (Wassergefäss), dass er dieses Gefäss Stunden lang aus verschiedenen Perspektiven anschauen konnte. Ich nickte meinen Kopf – ich könnte hier gleich Zazen machen vor diesen Teeschalen und ihnen zuhören, was sie mir erzählen! Sie werden mich wohl fragen: „Mädchen, wie bist Du denn hier her gekommen?“ Ich werde wohl weinend antworten, „Wegen Euch. Ihr habt mich gerufen.“ Ich folge immer eine unsichtbare Faden im Leben, die mich dort hin führt, wo ich sein sollte. Diese alten Teeschalen, leicht verstaubt, an ihre Schönheit unverändert, egal wie unsere Welt dadraussend sich verändert, erzählen mir das, was bleibt!

Der Kieferbaum bleibt Tausendjahren bei derselben Farbe, 松樹千年翠
Egal ob die Zeitgenossen diese Farbe mögen! 不入時人意

Glücklich stieg ich ins Auto ein und weiss, dass ich wieder kommen werde.

Alte Teeschalen erzählen Geschichte

Alte Teeschalen erzählen Geschichte

Kai kam eigentlich sehr ungünstig. Da sassen bereits eine Gruppe von Damen, die Tee erleben wollten. Ich liess ihm allein auf dem Opiumbett sitzen. Sein Gesicht war nachdenklich.
Nachdem die Damen gingen, sass ich zu ihm. Er sagte, dass er nicht wusste, weshalb er zu Shui Tang lief. Ich nickte meinen Kopf, als ob ich es verstehen würde. Er zeigte die Teedose von Holzofen – unglasiert, nackt und in sich geruht – „ich könnte hier Stunde lang hinsetzen und sie anschauen – ich werde nie langweilig!“ „Spricht die Teedose zu Dir, nicht wahr…“
Vielen Menschen kommen zu Shui Tang und dachte, sie können hier etwas kaufen – mit Geld. Sie dachten, ich wollte ihnen etwas verkaufen – für das Geld. Manchmal wird es scheinbar zu einem vermeintlichen Machtkampf, es gäbe einen Gewinner und einen Verlierer, wenn etwas verkauft oder nicht gekauft wird. Für mich bleibt diese Sache irrelevant. Ich habe auch schon für Kunde kostbare Dinge besorgt, die sie aber nicht mitnehmen – aus irgendeinem Grund. Niemand ist allerdings niemandem Rechenschaft schuldig. Immer war es mir klar, dass es dem Interesse des Anderen sein sollen, dass sie gute Tees trinken und schöne Dinge bei sich haben wollen. Ich beobachte das Kommen und Gehen und stelle mir immer wieder die Frage „Sind wir als Menschen bewusst, dass wir Dinge kaufen? Oder läuft es eigentlich eher umgekehrt – dass wir ausgesucht werden…?“

„Wir betrachten Gold, Silber und Edelstein als wertvoll, während die Japaner alte Töpfe, kaputte Keramik und Steingut als Schätze aufbewahren.“
Der portugiesischer Jesuit Luis Frois (1562) schrieb diese Beobachtung in seinen Notizen über die Fremdheit Japans. Dasselbe beobachte ich tagtäglich in Shui Tang. Für manche ist diese Schale eine bezaubernde Schönheit, für andere ist es kaputte Schaben! Warum fallen mir etwas auf, warum den anderen gar nicht! Warum sehen ich in dieser Person eine Chance, warum die anderen nicht? So sammele ich bereits Schalen von einem Star, bevor er ein Star wurde!
Menschen glauben, sie seien es, die Dinge aussuchen – für mich ist es umgekehrt – die Dinge suchen Liebhaber aus und entscheiden sich, ob sie mit gehen.
Es war genau so, wie ich zu der Schalen von Beatrix Kerstan-Sturm kam. Diese Seladon-Schale führte mich zu einer Tür, die mir Schönheit eröffnet.